LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

von Oliver Sukrow (21/4)

„Die Schulhäuser nur für die Schüler!“ – so lautet ein wesentliches Credo des modernen Schulbaus, für das sich Pädagog:innen, Lehrer:innen, Politiker:innen und Architekt:innen seit dem späten 19. Jahrhundert einsetzten. Die Moderne trat mit dem Anspruch auf Verbesserung der Schulhygiene, der Lehr- und Lernbedingungen auf, Licht, Luft und Sonne sollten noch jede so kleine Landschule erreichen, eine räumliche Trennung von Lehrenden und Lernenden zum beiderseitigen Vorteil erreicht werden. Von den Reformansätzen Johann Heinrich Pestalozzis in der Schweiz um 1800 über die Freiluftschulen der klassischen Moderne bis zu den multifunktionalen Schulzentren der 1970er Jahre lassen sich vielfältige architektonische Innovationen studieren, die jeweils spezifische Lern- und Lehrumwelten ausbildeten.

Seeheim-Jugenheim, chuldorf Bergstraße, Blick von der Aula auf die überdachten Verbindungsgänge zwischen den Schulgebäuden, 1952–1954 (Bild: © Oliver Sukrow, 2021)

Seeheim-Jugenheim, Schuldorf Bergstraße, Blick von der Aula auf die überdachten Verbindungsgänge zwischen den Schulgebäuden, 1952–1954 (Bild: © Oliver Sukrow, 2021)

Die Öffnung des Klassenraums

Dass der uns umgebende Raum bildet und Bildung durch Raum möglich ist, war schon in der Antike bekannt. Vielfältig sind die Erscheinungsformen von Bildungs-Räumen, an ihnen lassen sich gesellschaftliche, politische und edukative Konzepte erkennen. Die Moderne formulierte nicht nur die Lerninhalte neu, sondern wollte auch die Lernumwelt verändern: Weg von der Repräsentanz, der Statik (fest installierte Bänke!) und der Schwere wilhelminischer Schulpaläste, hin zu Naturnähe, Funktionalität und Ungebundenheit (tragbare Hocker!), etwa von Ernst Mays Hallgartenschule in Frankfurt am Main (1929–1930). Damit war auch ein positiv konnotiertes gesellschaftspolitisches Programm formuliert, an das nach dem Nationalsozialismus inhaltlich wie baulich angeknüpft werden konnte.

Wesentlich in der Wiederaneignung des modernen Schulbaus nach 1945 in Ost und West waren transnationale Kontakte und Wissenstransfer durch Architekt:innenreisen, die zum Beispiel der Stuttgarter Architekt und UIA-Schulbaukommissionsmitglied Günter Wilhelm (1908–2004) 1949 in die USA unternahm. Im Auftrag der US-amerikanischen Militärregierung begab sich Wilhelm auf eine Grand Tour, um auf der anderen Seite des Atlantiks unter anderem das Konzept der open-air-schools zu studieren und auf Anwendbarkeit in der US-amerikanischen Besatzungszone zu prüfen. Die Öffnung des ebenerdigen Klassenraums zum Garten sollte die Demokratisierung und re-education der Kinder und Jugendlichen unterstützen.

Überhaupt war die Rolle der Alliierten und ihrer jeweiligen Vorstellungen von Bildung ein ausschlaggebender Rahmenfaktor beim Neubau von Schulen. Gerade in den 1950er Jahren sind programmatische Entscheidungen zwischen ‚westlichen‘ Modellen (Seeheim-Jugenheim, Schuldorf Bergstraße, 1952–1954) und stalinistischen Monumentalbauten (Berlin-Friedrichshain, Max-Kreuziger-Schule, 1953–1954) gefallen. Und zuletzt gilt es die Architekturzeitschriften der Nachkriegszeit zu nennen: Insbesondere in den schweizerischen Journalen konnten sich Architekt:innen und Politiker:innen über die neuesten Trends des modernen Schulbaus informieren und transnationalen Austausch praktizieren.

Berlin-Friedrichshain, Max-Kreuziger-Schule (Hans Schmidt, 1953–1954) (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-64682-0001, CC BY SA 3.0, 1959)

Berlin-Friedrichshain, Max-Kreuziger-Schule (Hans Schmidt, 1953–1954) (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-64682-0001, CC BY SA 3.0, 1959)

Bildung nach dem „Sputnikschock“

Von „Bildungskatastrophe“ und „Sputnikschock“ – also von krisenhaften Erscheinungen der Schulsysteme der Nachkriegszeit und den Reaktionen unter den Bedingungen des Kalten Krieges – erzählte unlängst eine umfassende, von Tom Holert kuratierte Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Eine zentrale Antwort auf die Herausforderungen des sich ab den 1960er Jahren anbahnenden Fachkräftemangels im beginnenden Dienstleistungszeitalter lag – sowohl in Ost als auch in West – im massiven Ausbau des primären, sekundären und tertiären Bildungssektors. Das schlug sich im Boom der Schulneubauten ab den 1960er Jahren nieder. Im Sonderheft nehmen uns Peter Liptau und Maximilian Kraemer mit auf eine bunte visuelle Zeitreise in die Welt der modernen Baumaterialien und Stoffe, aus denen neue Bildungsträume wahr werden sollten. Arne Herbote berichtet im Artikel zu „PJS“ über ein exemplarisches Büro dieser Zeit, das sich auf den Bildungsbau spezialisiert hatte, mit einladend gestalteten Schulhäusern zwischen Braunschweig, Berlin und Hamburg reüssierte und Generationen von Schüler:innen architektonisch prägte.

Zeitgleich mit den Aufbrüchen in der Bundesrepublik reformierte sich in der DDR ab den 1970er Jahren der Bildungsbereich und damit auch der Schulbau. Angeregt von typologischen Auseinandersetzungen mit der klassischen Moderne und zeitgenössischen Bildungsarchitekturen in der Schweiz, Frankreich, England, Skandinavien und den USA, aber auch mit sowjetischen Beispielen, legte UIA-Mitglied Helmut Trauzettel in Dresden neuartige Typenentwürfe für Polytechnische Oberschulen (POS) vor, die eine geschickte Verbindung von bautechnischen Anforderungen und bildungspolitischen Zielen aufzeigen. Wie Dina Dorothea Falbe in ihrem Aufsatz schreibt, stellten die Schulbauten in der DDR gebaute Repräsentationen von politisch-geleiteten Fortschrittsvorstellungen dar, wobei Trauzettels Experimente ebenso für eine geistige Öffnung standen.

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Festsaal, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-Fassade (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Alexandra Vinzenz porträtiert in ihrem Beitrag den Waldorf-Schulbau (Motiv: Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Festsaal, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-Fassade, Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Multivariabel und reformorientiert

In den Jahren des Booms änderten sich nicht nur die Baumaterialien, sondern auch die Ansprüche an den Schulbau: Wie Maximilian Kraemer anhand der Mittelschule von Bad Friedrichshall (Roland Ostertag, 1962–1967) zeigen kann, suchte die aufstrebende, aber doch noch recht neue Industriestadt am Neckar nicht nur ein neues Schulgebäude, sondern gleich ein neues Stadtzentrum, was Ostertag dann auch lieferte. Dieser Zug zur flexiblen, multivariablen Nutzung ist sowohl in West als auch in Ost ab den 1970er Jahren nachvollziehbar. Auch hier kann eine transnationale Verbindungslinie zum englischen und US-amerikanischen Schulbau der Nachkriegszeit gezogen werden, wo die soziale Rolle des Schulbaus in einem dörflichen oder städtischen Gemeinschaftsgefüge bereits seit den 1950er Jahren diskutiert und umgesetzt worden war.

Dass der Schulbau seit der Aufklärung, besonders aber durch die Sozial- und Bildungsreformer:innen im 19. Jahrhundert, zu einem Feld der intensiven Auseinandersetzung um das Konzept von ‚Kindheit‘ und den Wert der Bildung für die Gesellschaft avancierte, ja dass die Schule und ihre Architektur zu einem ideologischen Diskursthema wurde, zeigt Alexandra Vinzenz in ihrem Aufsatz über die bislang unterbeleuchteten deutschen Waldorfschulen: Wie wurde das reformpädagogische Konzept der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und danach baulich weiterentwickelt? Gibt es so etwas wie eine spezielle Waldorfästhetik? Wie verhalten sich generell Bildungs- und architektonische Konzepte zueinander?

Wörth, Europa-Gymnasium (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Gregor Zoyzoyla berichtet im Interview über das Europa-Gymnasium in Wörth (Bild: Gregor Zoyzoyla)

Inklusiv und sozial gerecht

Ob und mit welchen Maßnahmen die Schulgebäude der Nachkriegszeit – sei es in Bad Friedrichshall oder in Eisenhüttenstadt – energetisch, funktional, technologisch und gestalterisch an die Bedingungen des Post-Covid-Zeitalters angepasst werden können und welche Möglichkeiten in den Schulbauten der Moderne (noch) stecken, das zeigen die Beiträge in diesem Sonderheft, nicht zuletzt auch die beeindruckenden Aufnahmen des Europa-Gymnasiums in Wörth am Rhein (Egon Seidel, 1968–1975), das als einer der wenigen Nachkriegsschulbauten in Rheinland-Pfalz Denkmalschutz genießt. Der Fotograf Gregor Zoyzoyla zeigt uns seinen Blick auf die Qualitäten des spätmodernen Baus, der sich in kontinuierlicher Nutzung befindet.

Wie man auch immer zum Schulbau der Moderne steht: Sicher ist in jedem Fall, dass die baulichen Zeugnisse dieser Epoche eine zentrale Rolle in städtebaulichen Überlegungen, Nachhaltigkeitsdiskussionen und denkmalpflegerischen Fragestellungen einnehmen sollten. Die architektonische Hülle der Bildungsbauten muss als wesentlicher Faktor einer heute zu Recht eingeforderten inklusiven und sozial gerechten Schule stetig neu ausgehandelt werden. Die hier präsentierten Lösungen laden zum historischen Studium und zum gegenwartsbezogenen Nachdenken über diese und andere Fragen ein.

Literatur

Roth, Alfred, Bemerkungen zum modernen Schulbau in den Vereinigten Staaten, in: Werk 37, 1950, S. 294–298.

Schulbau heute. Vorträge und Entschliessungen bei der Schulbautagung in Stuttgart vom 7. bis 9. März 1950, hg. von der Landesanstalt für Erziehung und Unterricht, Stuttgart 1950.

Kroner, Walter, Schule im Wandel. Wandel im Schulbau, Stuttgart 1975.

Butter, Andreas, Waldidyll und Fensterband. Die Moderne im Schulbau der SBZ/DDR von 1945–1951, in: Barth, Holger (Hg.), Projekt sozialistische Stadt. Beiträge zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR, Berlin 1998, S. 183–191.

Schmucker, Alfred Bruno, Schulbau in Bayern 1945–1975. Von der Zwergschule zum Schulzentrum, vom Pavillon zur Großstruktur, Frankfurt am Main 2021.

Renz, Kerstin, Testfall der Moderne. Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre, Tübingen/Berlin 2016.

Darian-Smith, Kate/Willis, Julie (Hg.), Designing Schools. Space, Place, and Pedagogy, London 2016.

Droit, Emmanuel, Wie Schulräume politisiert wurden. Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur in den frühen 1950er Jahren, in: Deutschland Archiv, 22. Juni 2016.

Spycher, Ernst, Bauten für die Bildung. Die Entwicklung der Basler Schulhausbauten im nationalen und internationalen Kontext, Basel 2019.

Hess, Regine, Nationaler Traditionsbau oder Freiluftpavillons? Schulen der Nachkriegszeit – auf Demokratie gebaut, in: Kunstchronik 2019, 9/10, S. 508–513.

Holert, Tom (Hg.), Bildungsschock. Lernen, Politik und Architektur in den 1960er und 1970er Jahren, hg. vom Haus der Kulturen der Welt, Berlin/Boston 2020.

Dieser Artikel basiert (zum Teil) auf Forschung, die im Rahmen des Projekts „Transnationaler Schulbau“ durchgeführt und vom Austrian Science Fund (FWF), Projektnummer P 33248-G, finanziert wurden.

Titelmotiv: Los Angeles, Corona Avenue School (Richard Neutra, 1953), Klassenzimmer im Freien (Foto: Julius Shulman, 1953, Bild: © J. Paul Getty Trust. Getty Research Institute, Los Angeles (2004.R.10))

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Inhalt

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

von Alexandra Vinzenz (21/4)

Es gibt sie weltweit, und sie erfreuen sich zunehmend eines größeren Zulaufs – Waldorfschulen. Sie finden Platz in bestehender Architektur und eigens gebauter. Deutlich zu verzeichnen ist ein Bauboom in den 1970er und 1980er Jahren sowie erneut seit den 2000er Jahren. Zwar fallen die 252 Waldorfschulen in Deutschland (Stand Mai 2020) bei der großen Anzahl von staatlichen Schulen vermeintlich kaum ins Gewicht, doch sind sie umso stärker in unserem Gedächtnis verankert: Bei ihnen denken wir sofort an Eurhythmie, antiautoritäre Erziehung und Gartenpflege, genauso aber auch an fehlende rechte Winkel und organische Formen – es gibt also ein ziemlich fest umrissenes, klischeebeladenes Bild dieser Schulen sowohl hinsichtlich des pädagogischen Ansatzes als auch der Architektur.

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Erster Schulbau 1921/22 (1921/22) und 1952 (Johannes Schöpfer/Ludwig Kresse), Hauptfassade, Ansicht von Nord-West (Foto: © Klaus Gablenberger, 2019)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Erster Schulbau 1921/22 (Emil Weippert) und 1952 (Johannes Schöpfer/Ludwig Kresse), Hauptfassade, Ansicht von Nord-West (Foto: © Klaus Gablenberger, 2019)

Der Staat und die Waldorfschulen

Staatliche Schulen und Waldorfschulen stehen sich, so scheint es, in gewisser Weise diametral gegenüber: Bildung ist Ländersache, das haben wir spätestens im ‚Coronajahr‘ alle gelernt. Die deutschen Waldorfschulen sind vereint unter dem Dachverband ‚Bund der Freien Waldorfschulen‘, werden dann nochmals auf Länderebene und vor allem durch die Schulen selbst verwaltet. Zugleich ergab die Recherche über die verschiedenen Landesdenkmalbehörden wieder ein anderes Bild: Staatliche Schulbauten sind teilweise denkmalgeschützt, sehr gering ist dabei die Zahl der Waldorfschulen. Dies verwundert, da doch die Begründung einer Unterschutzstellung unter wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Aspekten erfolgt.

Dieses diametrale Bild zeigt sich auch in der Literaturlage: Zum allgemeinen Schulbau gibt es neben der Publikation von Kerstin Renz „Testfall der Moderne“ von 2016 wenig Überblicksliteratur, hingegen verschiedene Einzelstudien, die der Bauaufgabe meist mit Blick auf den jeweiligen Architekten oder das Objekt nachgehen. Während in diesen Veröffentlichungen keine Waldorfschule vorkommt, wenden sich den anthroposophischen Bauten vor allem anthroposophisch orientierte Autor:innen zu. Allerdings fällt hierbei die deutliche Konzentration auf die Goetheanums-Bauten (also dem Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach bei Basel) auf, einzige Ausnahme ist die Monografie „Die Waldorfschule baut“ des anthroposophischen Architekten Rex Raab von 1982.

Stuttgart Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Stuttgart, Saalbau, 1975–77 (BPR), Ansicht der Nord-West-Fassade Foto: (© Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Stuttgart, Saalbau, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-West-Fassade (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart

Die erste Waldorfschule weltweit entstand 1919 in Stuttgart und zwar nicht als logische Konsequenz der Anthroposophischen Gesellschaft, sondern gewissermaßen als Arbeiterschule, initiiert von Emil Molt, dem Großindustriellen der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Molt kam bereits 1902 mit der Theosophischen Gesellschaft in Verbindung, aus der sich 1913 die deutsche Sektion abspaltete und sich unter Führung Rudolf Steiners die Anthroposophische Gesellschaft gründete. Dieser ideellen Ausrichtung des Schulprojekts stand die rechtlich-wirtschaftliche Seite gegenüber, denn die Schule war Teil der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik. Sie sollte der Bildung der Arbeiterkinder dienen, von denen 191 die Schule bei Übernahme des Schulgeldes durch die Fabrik besuchen konnten, wohingegen die 65 Schüler:innen aus bessergestellten, anthroposophischen Familien das Schulgeld selbst zahlen mussten.

Das Schulgelände auf der Uhlandshöhe erwarb Molt 1919 und 1920 und es ist noch heute in dieser Größe die Schulfläche. Es entstand 1921/22 der erste Schulbau, der 1952 nach Kriegszerstörungen unter der Leitung von Johannes Schöpfer und Ludwig Kresse neu aufgebaut wurde. Hier zeigen sich bereits Stilelemente, die für die frühe Phase anthroposophischer, aber auch allgemeiner für expressionistische und organische Architektur typisch sind: Beispielsweise wird die für die Anthroposophie wichtige Dreigliederung in der Zusammenfassung von drei Fenstern in einer Großform visualisiert oder auch kristalline Brechungen besonders im Stützensystem des Erdgeschosses vorgeführt.

1969 erstellte die Architektengemeinschaft Johannes Billing, Jens Peters und Nikolaus Ruff aus Stuttgart (kurz BPR) einen Gesamtbebauungsplan. Aus dieser Planung ergibt sich die zentrale Position des Saalbaus, der von 1975 bis 1977 von BPR (beratend unterstützt durch Rolf Gutbrod und hinsichtlich der Farbgestaltung durch Fritz Fuchs) errichtet wurde. Der mehrfach ausgezeichnete Bau zeigt eine andere Formensprache: Sichtbeton wird hier virtuos in diversen kristallinen Brechungen mit Holz und Glas zu einer großen Bauplastik kombiniert. Es sind keine Symmetrien oder Hauptansichten auszumachen, vielmehr lebt der Baukörper von seiner Vielansichtigkeit, die einen freien Umgang mit Geschossen bereits am Äußeren ablesen lässt.

Weitere Gebäude vervollständigen das Bauensemble: BPR steuerten einen Seminaranbau von 1965 bis 1967/1971 bis 1973 und das Mittagshaus von 1987 bis 1990 bei, das Stuttgarter Architekturbüro Aldinger die Neubauten des Hort- und Mensagebäudes von 2005 bis 2007. Noch in Fertigstellung befinden sich das Schulgebäude und der Verwaltungsbau vom Stuttgarter Architekturbüro Behnisch. Seit 2016 stehen der Schulbau, der Kindergarten und der Saalbau unter Denkmalschutz (gemäß § 2 DSchG).

Bremen, Freie Waldorfschule Touler Straße, 1972–1974 (Werner Seyfert), Ansicht der Eingangsseite (© Foto: Andreas Ardler, Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße, 2015)

Bremen, Freie Waldorfschule Touler Straße, 1972–1974 (Werner Seyfert), Bühne im Festsaal (© Foto: Andreas Ardler, Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße)

Bremen

Wie sich bereits am Mikrokosmos der Stuttgarter Waldorfschule ablesen lässt, zeigt sich in den 1970er und 1980er Jahren ein Bauboom. Während bis 1929, begleitet vom Kollegium der Stuttgarter-Uhlandshöhe, fünf weitere Waldorfschulen in deutschen Großstädten gegründet wurden, waren es im Zeitraum von 1945 bis 1985 etliche mehr, von denen mindestens 45 einen Neubau erhielten.

Zu dieser Gruppe zählt auch die 1949 gegründete Freie Waldorfschule Bremen, die von 1972 bis 1974 ihren Bau in der Touler Straße 3 erhält. Das Architekturbüro Werner Seyfert aus Filderstadt realisierte hier gewissermaßen im Kleinen, was die ‚Mutterschule‘ im Großen bereits zeigte: Unter einem Dach sind mit dem großen Saal im Zentrum die unterschiedlich polygonal gebrochenen Klassenzimmer sowie Räume für Eurythmie und naturkundliche Fächer. Im Innern erfolgt die Gestaltung mit schalungsrauem Sichtbeton sowie Holz- und Klinkerverkleidungen, die häufig (vor allem im Deckenbereich) scharfkantig gebrochene Formen bilden; so ergeben sich auch Fenstergewände, die je individuell zugeschnitten sind und die Mauermasse vorführen. Im Äußeren drücken sich die unterschiedlichen Funktionsräume in differenten Höhen aus: Während die Erschließungswege niedrig gehalten sind, beherbergen die höheren Einheiten die Klassen- und Funktionsräume (wie Musiksaal, Eurythmiesäle, Chemie- und Physiksaal sowie Lehrer:innenzimmer). Zur Großskulptur werden die Baueinheiten durch die Dachlandschaft zusammengefasst, die diese wie eine pilzartige Haube in verschiedenen Brechungen und Verwindungen, unter Beibehalten der unterschiedlichen Höhen, zu einem großen Körper vereint.

Die Bremer Waldorfschule steht seit 1996 unter Denkmalschutz. Die Begründung dafür lautet: „Es ist eine (nach)expressionistische Architektur und eine Architektur, die einen philosophisch-religiösen Anspruch erfüllen will.“ Betont wird also zum einen, dass es in Bremen wenig Bauten in vergleichbaren Stilrichtungen gibt (es wird einzig auf Bernhard Hoetgers Böttcherstraße verwiesen) und zum anderen, dass die Formensprache einerseits für sich und damit zeittypisch steht und andererseits eine Funktionsbindung entsprechend der geistig-philosophischen Vorstellungen aufweist.

Frankfurt am Main, Freie Waldorfschule, Altbau, 1958–67 (Walter Beck), Ansicht Nord-West (Foto: N. N.)

Frankfurt am Main, Freie Waldorfschule, Altbau, 1958–1967 (Walter Beck), Ansicht Nord-West (Foto: unbekannt)

Und sonst?

Die Freien Waldorfschulen in Stuttgart und in Bremen scheinen die einzigen beiden Bauprojekte zwischen 1919 bis heute zu sein, die unter Denkmalschutz gestellt wurden. Nicht berücksichtigt wurden Bauten, die unter Schutz stehen, weil sie zu einem vollkommen anderen Zweck errichtet wurden und in die später eine Waldorfschule einzog – wie beispielsweise in Soest das ehemalige Offiziersheim aus den 1930er Jahren, oder in Borchen Schloss Hamborn aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die mindestens 45 Neubauten der 1960er bis 1980er Jahre sind eindeutig als Waldorfschulen erkennbar. So lässt sich trotz der beschworenen Individualität eine Uniformiertheit und Serienproduktion ausmachen: Besonders Ausstattungsformen wie Türgriffe, Möbel und Leuchtkörper sind vielerorts das gleiche Produkt. Außerdem deuten mindestens Details, zum Beispiel Fensterformen und -laibungen unmissverständlich auf eine Waldorfschule hin. Vor allem aber sind es die großzügig angelegten Dächer, die mal als Walmdach mit diversen Brechungen (ähnlich dem 1920 in Dornach errichteten Eurythmie-Haus), mal als pilzartige Haube (ähnlich dem 1915 ebenfalls in Dornach errichteten Haus Duldeck) zu finden sind, sowie die Schulgärten, die das äußere Erscheinungsbild prägen.

Überlingen, Waldorfschule, 1977–1981 (Wilfried Ogilvie von der Alanus Bauhütte/Architekturbüro Gundolf Bockemühl & Partner), Treppenhaus im Eingangsbereich (Foto: Steffi Graf, © Waldorfschule Überlingen, 2015)

Überlingen, Waldorfschule, 1977–1981 (Wilfried Ogilvie von der Alanus Bauhütte/Architekturbüro Gundolf Bockemühl & Partner), Treppenhaus im Eingangsbereich (Foto: Steffi Graf, © Waldorfschule Überlingen, 2015)

Versuch einer Kategorisierung

Die genannten Einzelaspekte alleine rechtfertigen natürlich nicht eine Unterschutzstellung, doch sind mehrere Kriterien erfüllt, wäre dies sinnvoll – hier ein erster Versuch: Die pädagogischen Anforderungen drücken sich in (polygonal geschnittenen) Räumen mit Ausrichtung (des gesamten Bauensembles) auf einen Festsaal aus. Zudem wird die Architektur als Großplastik aufgefasst, die häufig in den (Einzel)formen kristalline Brechungen und/oder ausgeprägte Dachlandschaften aufweisen. Diese Formfindung – sowohl mit Blick auf den Grundriss als auch Klein- und Großform der Architektur – sowie die Materialwahl lassen sich maßgeblich aus der anthroposophischen Geisteshaltung heraus erklären.

Beispiele aus den 1960er bis 1980er Jahren, die diese Kriterien vereinen und noch weitgehend originale Substanz aufweisen, sind: Die Freie Waldorfschule in Frankfurt, 1951 gegründet, von 1958 bis 1959 entstand die Gesamtplanung von Walter Beck für eine einzügige Schule, die von 1966 bis 1967 zu einer zweizügigen erweitert wurde. Sie ist ein Paradebeispiel für eine auf begrenztem Grundstück errichtete Anlage, die auf den Festsaal ausgerichtet ist und die charakteristisch verschachtelte Bauweise mit aufgebrochenen Walmdächern aufweist; zugleich aber auch das Wachstum innerhalb von nicht einmal zehn Jahren auch auf architektonischer Ebene durch einen Erweiterungsbau zeigt.

Die Freie Waldorfschule Überlingen, 1972 gegründet, wurde direkt mit einer Gesamtplanung durch Wilfried Ogilvie von der Alanus Bauhütte in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Gundolf Bockemühl und Partner begonnen. In vier Bauabschnitten entstand zwischen 1977 und 1981 ein Ensemble, das deutliche regionale Bezüge erkennen lässt. Entsprechend der Bauernhäuser am Bodensee sitzt auf einfach verputztem Mauerwerk Fachwerk auf und die Dächer sind mit Biberschwanzziegeln gedeckt. Zugleich wird besonders das heimische Material Holz virtuos eingesetzt. Detailformen, aber auch das große, tief gezogene, geschwungene Dach verweist vor allem auf organische Formen von Waldorfschulen.

Mit der Rudolf-Steiner-Schule Witten entsteht nach der Gründung 1977 das erste (und letzte?) anthroposophische Schuldorf, basierend auf dem Entwurf von Werner Seyfert. Entsprechend der Funktion (Naturwissenschaft, Kunsthandwerk und Küche, Turnhalle sowie Festsaal mit Eurythmie- und Musiksaal) und der Entwicklungsstufe (Unter-, Mittel- und Oberstufe) gruppieren sich sternförmige Gebäude um einen Hof mit Ausrichtung auf den Festsaal. Auch hier finden sich wieder Detailformen wie in Stuttgart (zum Beispiel in Türgriffen) sowie die Dominanz der gebrochenen Dachhauben. Ein nochmals anderes Bild zeichnet die Rudolf-Steiner-Schule Düsseldorf, welche 1979 gegründet, ihren ersten Bau 1981/82 von Erik Asmussen erhält. Mit angelegtem Teich im Zentrum bedient sich die Architektur deutlich schwedischer Anleihen in Kombination mit anthroposophischen Stilelementen.

Die hier genannten Beispiele sind über Deutschland verteilt gewählt, da hieraus ersichtlich wird, dass regionale Einflüsse bei der architektonischen Gestaltung eine wesentliche Rolle spielen. Zudem wird damit deutlich, dass die Gründung von Waldorfschulen nicht auf die Zentren Stuttgart (als Gründungsort), Berlin (als Ort esoterischer Bestrebungen seit der Lebensreform) und das Ruhrgebiet (als Sitz diverser anthroposophischer Ausbildungszentren sowie der GLS-Bank) beschränkt ist. Genauer analysiert werden müssten die Gründungshintergründe: Viele Waldorfschulen werden auf Initiative von Eltern, ausgehend von einer anderen Waldorfschule, gegründet (beispielsweise wurde die Kieler Schule ausgehend von der Rendsburger gegründet). Demnach wäre es interessant und Aufgabe einer umfassenden Studie, mögliche Zusammenhänge in der Architektur zu beleuchten, ebenso wie die vielfältigen architektonischen Ausdrucksformen, von denen hier nur ein erster Eindruck gegeben werden konnte.

Witten, Rudolf-Steiner-Schule, 1977 (Werner Seyfert), Lageplan (Planzeichnung: Kerstin Söhngen)

Witten, Rudolf-Steiner-Schule, 1977 (Werner Seyfert), Lageplan (Planzeichnung: Kerstin Söhngen)

Aus dem Raster?

Waldorschulen scheinen unmittelbarer mit einem pädagogischen Konzept verbunden, als etwa eine Pavillon- oder Hallenschule. Die esoterisch anmutende Anthroposophie überdeckt dabei wohl vollkommen, dass bei einer Waldorfschule ebenso von einem architektonischen Konzept beziehungsweise einem Bautypus die Rede sein könnte. Die Grundrissgestaltung und Formensprache folgen dabei den Bedürfnissen der entsprechenden Pädagogik, genauso verhält es sich auch bei anderen Schultypen und deren pädagogischen Konzepten. Die „eine“ anthroposophische Architektur gibt es nicht, wohl aber den Bautypus hinsichtlich seiner Funktion. So stellt sich die Frage, weshalb die Waldorfschule als Schultyp sowohl bei wissenschaftlichen Untersuchungen als auch bei denkmalfachlichen Beurteilungen immer wieder aus dem Raster fällt.

Rundgang

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Lageplan (Planzeichnung: Verena Stein, 2019)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Lageplan (Planzeichnung: Verena Stein, 2019)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Saalbau, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-Fassade (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Saalbau, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-Fassade (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Saalbau, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-Fassade (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Saalbau, 1975–1977 (BPR), Ansicht der Nord-Fassade (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Erster Schulbau, 1921/22 (Emil Weippert) und 1952 (Johannes Schöpfer und Ludwig Kresse), Treppenhaus (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Erster Schulbau, 1921/22 (Emil Weippert) und 1952 (Johannes Schöpfer/Ludwig Kresse), Treppenhaus (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Saalbau, 1975–77 (BPR), Eingangstür (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Saalbau, 1975–1977 (BPR), Eingangstür (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020)

Bremen, Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße, 1972–74 (Werner Seyfert), Grundriss (Bildquelle: Festschrift „Zur Einweihung des neuen Schulgebäudes“ Februar 1975, © Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße)

Bremen, Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße, 1972–1974 (Werner Seyfert), Grundriss (Bildquelle: Festschrift „Zur Einweihung des neuen Schulgebäudes“ Februar 1975, © Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße)

Bremen, Freie Waldorfschule Touler Straße, 1972–74 (Werner Seyfert), Ansicht der Eingangsseite (Foto: N. N.)

Bremen, Freie Waldorfschule Touler Straße, 1972–1974 (Werner Seyfert), Ansicht der Eingangsseite (© Foto: Andreas Ardler, Freie Waldorfschule Bremen Touler Straße, 2019)

Frankfurt am Main, Freie Waldorfschule, 1958–67 (Walter Beck), Lageplan (Bild: N. N.)

Frankfurt am Main, Freie Waldorfschule, 1958–1967 (Walter Beck), Geländeplan (Planzeichnung: Claudia Valentin-Willecke)

Frankfurt am Main, Freie Waldorfschule zweiter Altbau, 1958–67 (Walter Beck), Saalgebäude (Foto: N. N.

Frankfurt am Main, Freie Waldorfschule zweiter Altbau, 1958–1967 (Walter Beck), Saalgebäude (Foto: unbekannt)

Überlingen, Waldorfschule, 1977–1981 (Wilfried Ogilvie von der Alanus Bauhütte/Architekturbüro Gundolf Bockemühl & Partner), Luftansicht (Foto: N. N.)

Überlingen, Waldorfschule, 1977–1981 (Wilfried Ogilvie von der Alanus Bauhütte/Architekturbüro Gundolf Bockemühl & Partner), Luftansicht (Foto: Gerhard Plessing, © Waldorfschule Überlingen)

Überlingen, Waldorfschule Überlingen, 1977–1981 (Wilfried Ogilvie von der Alanus Bauhütte/Architekturbüro Gundolf Bockemühl & Partner), Außenansicht (Foto: Steffi Graf, © Waldorfschule Überlingen, 2015)

Überlingen, Waldorfschule Überlingen, 1977–1981 (Wilfried Ogilvie von der Alanus Bauhütte/Architekturbüro Gundolf Bockemühl & Partner), Außenansicht (Foto: Steffi Graf, © Waldorfschule Überlingen, 2015)

Witten, Rudolf-Steiner-Schule, 1977 (Werner Seyfert), Festsaal (Foto: Kerstin Söhngen)

Düsseldorf, Rudolf-Steiner-Schule, 1981/82 (Erik Asmussen), Lageplan (Bild: N. N.)

Düsseldorf, Rudolf-Steiner-Schule, 1981/82 (Erik Asmussen), Luftbild (Foto: © Hans Blossey, 2016)

Literatur

Erziehungskunst. Monatsschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners, hg. vom Bund der Freien Waldorfschulen e. V., Stuttgart, besondere Ausgabe: Juli/August 1996 (Thema: Schulbau).

Ohlenschläger, Sonja, Rudolf Steiner (1861–1925). Das architektonische Werk (Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte 4), Petersberg 1999.

Raab, Rex, Die Waldorfschule baut. Sechzig Jahre Architektur der Waldorfschulen. Schule als Entwicklungsraum menschengemäßer Baugestaltung, Bildredaktion von Arne Klingborg, Stuttgart 1982.

Renz, Kerstin, Testfall der Moderne. Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre, Tübingen/Berlin 2016.

Vinzenz, Alexandra, Waldorfschule Stuttgart-Uhlandshöhe – Typisch anthroposophisch?, in: Kleiner, Marlene/Lagemann, Charlotte/Syrer, Christa (Hg.), Planwechsel. Festschrift für Matthias Untermann, Heidelberg 2021, [15 S.] (im Druck).

Titelmotiv: Stuttgart, Freie Waldorfschule Uhlandshöhe, Stuttgart, Stühle und Lampen im ersten Schulbau (Foto: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, 2020))

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Inhalt

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

von Dina Dorothea Falbe (21/4)

„Wie ein Schloss“, erzählt der Bibliothekswissenschaftler und DDR-Philokartist Ben Kaden, habe die Schule II in Eisenhüttenstadt auf ihn gewirkt, wenn ihn seine Mutter, die dort Lehrerin war, in der Ferienaufsicht mitnahm. “Die Gänge schienen endlos, aber nicht dunkel, sondern waren mit leuchtenden Aquarien flankiert und unter den Treppen gab es geheimnisvolle, märchenhafte Nischen. Die Kunst am Bau sollte Geschichten erzählen. Und sie schuf damit erstaunlich effektiv ganz individuelle Stories.” 

Eisenhüttenstadt, Schule II (Bild: Dina Dorthea Falbe)

Eisenhüttenstadt, Schule II (Bild: Dina Dorothea Falbe)

Zwischen Richtlinie und Haltung

Die vielen Stufen waren vom Architekten ursprünglich nicht beabsichtigt. Vielmehr hatte er sich sogar ausdrücklich einen niedrigschwelligen Zugang im wörtlichen Sinne, eine kindgerechte Gestaltung gewünscht. Doch die ab 1951 von der Zentralen Schulbaukommission herausgegebenen „Richtlinien über die Projektierung und den Bau von Grund- und Zehnklassenschulen“ gaben die große städtebauliche Geste vor, forderten die repräsentative Baugestaltung im Sinne des Sozialistischen Klassizismus. Für das Raumprogramm folgten daraus eine repräsentative Eingangssituation, ebenso repräsentative und künstlerisch ausgestaltete Gemeinschaftsräume wie Aula, Pionierzimmer sowie auch ästhetisch wirkungsvolle Treppenhäuser. Die städtebauliche Präsentation sollte die Bedeutung der Schule für die Gesellschaft zeigen: Hier steht ein Bildungsort und Treffpunkt nicht nur für Kinder, sondern für die Bandbreite der gesellschaftlichen Organisationen, die am Aufbau des Sozialismus mitwirkten. In länglichen Klassenzimmern sollte nach stalinistischem Vorbild vorwiegend Frontalunterricht stattfinden, was auch bis zum Ende der DDR weitgehend beibehalten wurde.

Im Ergebnis erwies sich Deiters Entwurf für die Schule II als Kompromiss zwischen diesen gesellschafts- und bildungspolitischen Richtlinien und seiner Haltung als Architekt. Sich dem Neuen Bauen verbunden fühlend, brachte er so viel Licht in die Räume, wie dies bei den am Gang aufgereihten Klassenzimmern nur möglich war. Die großzügig belichteten Treppenhäuser der Schule II sind mit Tiermotiven auf Fliesen geschmückt. In Wänden eingebaute Terrarien ermöglichen auch die praktische Auseinandersetzung mit der Tier- und Pflanzenwelt. Die prunkvoll ausgestattete Aula mit angeschlossenem Pionierzimmer im obersten Geschoss besitzt eine eigene Dachterrasse mit Aussicht auf den Schulhof.

Die Deutsche Bauakademie als zentrale wissenschaftliche Einrichtung für Architektur und Bauwesen in der DDR prüfte Ludwig Deiters‘ Entwurf auf Einhaltung der Schulbaurichtlinien und der Architekt musste nacharbeiten. So jedenfalls berichtet Deiters in einem Gutachten, das er selbst als Denkmalpfleger 1995 für die Unterschutzstellung seines eigenen Werkes verfasst hat. Neben der Schule II für Eisenhüttenstadt hatte Deiters an weiteren bedeutenden Forschungsarbeiten und Bauprojekten wie der Schule in Saßnitz mitgewirkt, bis er sich 1955 aus dem Schulbau zurückzog und der Denkmalpflege zuwandte. Den Übergang zur Typenbauweise im Schulwesen machte er nicht mehr mit.

Typen-Schulbau der DDR, Typ Trauzettel-Schule, Modell (BIld: Dina Dorothea Falbe)

Typen-Schulbau der DDR, Typ Trauzettelschule, Modell (Modell: Dina Dorothea Falbe, Bild: Christopher Falbe)

Typenentwürfe

Schon seit Anfang der 1950er Jahre hatte die Deutsche Bauakademie sogenannte Typenentwürfe für Schulen zur republikweiten Anwendung herausgegeben, die Deiters als zu starr und „unter der Zwangsvorstellung der kleinsten Kubatur entwickelt“ kritisierte. Der politisch gewünschte und zentral verbindliche Typenentwurf für den Schulbau sollte nicht nur gestalterische und funktionelle Standards in der DDR sicherstellen, sondern insbesondere auch Kostenersparnisse gegenüber den teils opulenten Einzelentwürfen bieten.

Im Jahr 1955 wurde auf der ersten Baukonferenz der DDR die Orientierung zur industriellen Bauweise beschlossen, um in Zukunft „besser, schneller und billiger“ bauen zu können, wie es Walter Ulbricht damals formulierte. Ebenfalls im Jahr 1955 promovierte Helmut Trauzettel an der TU Dresden zur „Entwicklung zweckmässiger Typenentwürfe für Kindergärten“. Mit seiner Habilitation bot Trauzettel wenige Jahre später neben Kinderkombination (Krippe und Kindergarten) und Jugendclub auch einen Typenvorschlag für eine Schule an. Die erste dieser sogenannten Trauzettelschulen wurde 1963 in Bitterfeld gebaut. In dieser Zeit hatten sich völlig neue Anforderungen an der DDR-Schulbau ergeben: 1959 wurde mit dem Gesetz über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens die Polytechnische Oberschule eingeführt, ab 1960 die ganztägige Kinderbetreuung ausgebaut.

Typen-Schulbau der DDR, Typ Dresden, Modell (Bild: Dina Dorothea Falbe)

Typen-Schulbau der DDR, Typ Dresden, Modell (Modell: Dina Dorothea Falbe, Bild: Christopher Falbe)

Von Deiters zu Trauzettel

Für Deiters Schulentwurf waren die „Führende Rolle des Lehrers“, Gemeinschaftsräume zur Bildung eines Schulkollektivs, sowie eine repräsentative Wirkung der Schule im Stadtraum prägend gewesen. Trauzettels Schule sollte nun das kostengünstige industrielle Bauen mit vorgefertigten Betonelementen möglich machen und dabei dem pädagogischen Konzept der Polytechnischen Bildung sowie den ganztägigen Aktivitäten der Tagesschule Raum geben. Naturwissenschaften und Technik traten in den Fokus, theoretischer Unterricht sollte mit praktischer Anwendung verbunden werden und die Ganztagserziehung sollte der ideologischen Erziehung dienen und zugleich Mütter in die Berufstätigkeit bringen. Für Experimente, Mediennutzung und Aktivitäten jenseits des Unterrichts wurden flexibel nutzbare Klassenzimmer benötigt. Die Erschließung nach dem sogenannten Schuster-Prinzip ermöglichte in den fast quadratischen Klassenzimmern des Typs Trauzettelschule zudem Fenster an beiden Seiten zur optimalen Belichtung und Durchlüftung.

Die Aufteilung in drei Gebäuderiegel mit Verbindungsgängen und Splitlevels wurde hin und wieder als unübersichtlich kritisiert, was in gewissem Umfang nachvollziehbar ist. Hinter dieser weitläufigen Erschließung stand jedoch eine aus Sicht der Gesundheitsfürsorge ambitionierte Idee. Sie sollte die Ansammlung vieler Kinder auf den Fluren zu vermeiden und somit Infektionen vorbeugen; das wäre auch heute wieder aktuell. Offenbar zeigte der Ansatz Wirkung, denn die Krankentage sollen an der ersten Trauzettelschule nur halb so hoch gewesen sein wie an anderen Schulen. Um Material und Kosten zu sparen, bezog Trauzettel mit Turnhalle und Aula auch zwei Hallen in die Konstruktion der Schule ein. Der Architekt vernetzte so adäquate Räume für alle benötigten Funktionen der Schule in einer komplexen Baustruktur. Besonderes Augenmerk lag dabei auf den funktionalen Beziehungen der Räume, um den „pädagogisch-hygienisch optimalen Tagesablauf“ zu ermöglichen, wie das Buch „Schulbau in der DDR“ von 1968 die damalige Entwurfshaltung zusammenfasst.

Dresden, 49. Grundschule "Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Dresden, 49. Grundschule „Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Ein neuer Begriff vom Fortschritt

In den beiden Schulentwürfen von Deiters und Trauzettel lässt sich also auch ein Wandel des Fortschrittsbegriffs in der DDR ablesen. Der Schulbau in der zunächst mit Stalinstadt benannten sozialistischen Modellstadt vermittelt den Fortschrittspathos der frühen Jahre: Der gesellschaftliche Fortschritt des Sozialismus erwächst aus dem gemeinsamen Aufbruch. Der städtebaulich sehr prominente Schulbau in Eisenhüttenstadt manifestiert die Bedeutung der Bildung für die Gesellschaft. In repräsentativen Gemeinschaftsräumen kommen Menschen unterschiedlichen Alters in gesellschaftlichen Organisationen zusammen, um den gemeinschaftlichen Fortschritt durch Bildung zu ermöglichen.

In den 1960er Jahren setzt sich dagegen die Vorstellung eines planbaren Fortschritts durch. Trauzettel selbst formulierte in einer Rede: „Der auf lange Zeiträume wirksame Effekt gebauter räumlicher Umwelt muss bewusst auf die Formung der sozialistischen Persönlichkeit ausgelegt werden. Entsprechende räumliche Voraussetzungen für die sozialen Grundbedürfnisse einer sich entwickelnden sozialistischen Menschengemeinschaft in ihrem komplexen wechselseitigen Zusammenwirken fördern sozialistische Lebensformen.“ Die Schulen dieser Zeit bestehen aus Räumen, die entsprechend ihre funktionalen Beziehungen zueinander angeordnet sind. Dabei bleibt die Schule selbst Teil des gesellschaftlichen Zentrums im Wohngebiet, wird aber stärker eingegliedert. Trat sie in Stalinstadt fast schon dominant, in jedem Fall zeichenhaft in den Stadtraum, wird sie nun Baustein eines städtebaulichen Ensembles, zu dem entsprechend Kaufhallen, Polikliniken, Großgaststätten, Sekundärrohstoffannahmestellen und weitere Dienstleistungsbauten gehören, zwischen denen sich ein durchgeplanter gesellschaftlicher Alltag zumindest in der Theorie optimal vollzieht.

Dresden, 49. Grundschule "Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Dresden, 49. Grundschule „Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Die Schulbaureihe 66

Helmut Trauzettel hoffte, seinen Entwurf als zentralen Schultypen für die Anwendung in der gesamten DDR etablieren zu können und bemühte sich, dessen Wirtschaftlichkeit und Funktionalität wissenschaftlich nachzuweisen. Eine generelle Notwendigkeit von Aula und Turnhalle wurde jedoch angezweifelt. Tatsächlich kam die Trauzettelschule letztlich nur in den Bezirken Halle und Magdeburg zur Anwendung. Erst 1966 stellte die Bauakademie mit der vom VEB Hochbauprojektierung Erfurt entwickelten Schulbaureihe 66 eine zentral verbindliche Typenserie vor. Hier fehlt die Aula, eine Turnhalle musste separat errichtet werden. Auch für die Schulbaureihe 66 ist die von Deiters kritisierte „Zwangsvorstellung der kleinsten Kubatur“ charakteristisch. Schnell zeigte sich, dass die Schulbaureihe sich nicht in allen Bezirken durchsetzen würde. Viele Betriebe hatten unter Anwendung der im Bezirk produzierten Bauelemente eigene Typenschulen entworfen, sodass eine Umstellung auf die zentralen Typen unwirtschaftlich erschien.

Dresden, 49. Grundschule "Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Dresden, 49. Grundschule „Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

Das Beispiel Dresden

Im Bezirk Dresden entwickelten Walter Polzer und Sibylle Kriesche im VEB Hochbauprojektierung Dresden sogar die Trauzettelsche Entwurfsidee zu einem kompakteren Baukörper mit zwei Gebäuderiegeln weiter. Dieser Schultyp Dresden besitzt jedoch weder eine Aula noch einen Gemeinschaftsraum zur Bildung eines Schulkollektivs. Da in der Nutzung oft Speiseräume fehlten, wurde der Schultyp bei späteren Ausführungen um eine entsprechende funktionale Unterkellerung ergänzt. Die zum Schultyp gehörige Turnhalle wurde von Leonie Rothbarth entworfen.

Dank der unterstützenden Recherche eines interessierten Laien (Daniel Fischer) konnte mit dem Schulbau in der Bernhardstraße ein Vertreter des Typ Dresden unter Denkmalschutz gestellt und denkmalgerecht saniert werden. Das konkrete Beispiel zeigt, dass auch die Schultypenbauten der 1960er Jahre reizvolle Details und gestalterische Vorzüge aufweisen können. Viel Luft und Licht in flexiblen Klassenzimmern sowie eine durchdachte Grundrissorganisation, die sich mitunter wohltuend von den starren spiegelsymmetrischen Beispielen aus den 1950er Jahren abhebt, machen die unterschiedlichen bezirklichen Eigenentwicklungen durchaus vielseitig und angenehm in der Nutzung.

Eisenhüttenstadt, Schule II (Bild: Dina Dorthea Falbe)

Eisenhüttenstadt, Schule II (Bild: Dina Dorothea Falbe)

Trauzettelschule als Denkmal?

Der Typ Trauzettelschule hebt sich von späteren Lösungen dadurch ab, dass er die neuen Anforderungen an den Schulbau mit den Vorzügen der alten Richtlinien verbindet. Im Entwurf ist die Idee einer künstlerisch betonten Eingangssituation angelegt, die in der Anwendung im jeweiligen städtebaulichen Kontext jedoch häufig nicht genutzt wird. Vielerorts städtebaulich gut eingebunden, bietet die integrierte Aula einen durchaus feierlichen Versammlungsraum mit Öffnung zur Stadt. Der Ort zur Bildung eines Schulkollektivs ist in der Trauzettelschule somit noch vorhanden. In späteren bezirklichen Typenentwicklungen entfällt er meist aufgrund der zentral vorgegebenen „Funktionsparameter“ und „ökonomischen Kennziffern“.

Auch wenn sich die Trauzettelschule nicht in der gesamten DDR durchgesetzt hat, konnte der Architekt seine Schulbau-Expertise weiterhin in Forschungsaufträgen und Lehrtätigkeiten sowie auf wissenschaftlichen Tagungen und in Architekturwettbewerben beweisen. So beeinflusste er maßgeblich die Entwicklung des Baukastensystems der späteren Schulbaureihe 80. Ab 1964 war Trauzettel in die Arbeitsgruppe Schul- und Kulturbauten der Union Internationale des Architectes (UIA) aktiv. Trotz der besonderen Bedeutung der Trauzettelschule für die Schulbauentwicklung in der DDR wurde bisher leider kein Exemplar denkmalgerecht saniert. Dies sollte jedoch bald passieren, denn es sind nicht mehr viele übrig.

Rundgang

Postkartenmotive mit Trauzettelschulen aus der Sammlung von Ben Kaden

Halle-Neustadt (erster Wohnkomplex), Erste Polytechnische Oberschule, Ort der Grundsteinlegung 1964 (Bild: unter Mitarbeit von Kühn. Köthen, VEB Ansichtskartenverlag Köthen (P 1/73 IV-14-45 06 0833 078), 1973)

Merseburg-Nord, Polytechnische Oberschule (Bild: unter Mitarbeit von Kühn (Leipzig). Reichenbach (Vogtl): VEB Bild und Heimat Reichenbach i. V. (III/18/98 A 1/B 113/74 01 08 11 070), 1974)

Merseburg-Nord, Polytechnische Oberschule (Bild: unter Mitarbeit von Kühn (Leipzig). Reichenbach (Vogtl): VEB Bild und Heimat Reichenbach i. V. (III/18/98 A 1/B 113/74 01 08 11 070), 1974)

Wolfen-Nord (Kreis Bitterfeld), Polytechnische Oberschule (Bild: unter Mitarbeit von Kühn (Leipzig). Reichenbach (Vogtl): VEB Bild und Heimat Reichenbach i. V. (III/18/203 A 1/B 401/71 8/4337), 1971)

Zeitz-Ost, Lenin-Schule (Bild: DDR 49, Leipzig: H.C. Schmiedecke (VOB), Kunstverlag, 701 Leipzig (L 23/76 IV-14-483 HS 1939), 1976)

Zielitz, Neue Schule (Bild: Magdeburg, konsum fotocolor magdeburg (A 5939 N 3/68 IV-14-45 G 8108), 1968)

Bitterfeld. Anhalt-Siedlung, oben: Polytechnische Oberschule „Otto Grothewohl“, Mitte: Kindergarten, unten: HO-Kaufhalle (Bild: unter Mitarbeit von Melzer. Reichenbach (Vogtl): Bild und Heimat Reichenbach (Vogtl) (A 1/B 135/85 IV-14-483 06 08 04 220), 1985)

Halle/Saale, Wohnstadt Nord, Hanns-Eisler-Schule (Bild: unter Mitarbeit von Kühn (Leipzig). Reichenbach (Vogtl): VEB Bild und Heimat Reichenbach i. V. (V 11 50 A 1/B 907/68 8/4305), 1968)

Halle-West, Großbaustelle der Jugend Chemiearbeiterstadt 409, FDJ-Modell des ersten Wohnkomplexes Chemiearbeiterstadt Halle-West, Großbaustelle der Jugend (Bild: unter Mitarbeit von Foto-Bark Bad Frankenhausen/Kyffh. Meiningen: Kunstanstalt Straub & Fischer Meiningen, Reg.-Nr. 23 (V 11 50 S 4/67), 1967)

Literatur

Falbe, Dina Dorothea, Lokale Besonderheiten. Varianten des DDR-Typenschulbaus, in Holert, Tom (Hg.), Bildungsschock. Lernen, Politik und Architektur in den globalen 1960er und 1970er Jahren, Publikation zur gleichnamigen Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2020.

Kaden, Ben, Karten zur Ostmoderne. DDR-Philokartie 1, Leipzig 2020.

Deiters, Ludwig, Dokumentation zum Baudenkmal Schule II in Eisenhüttenstadt, 1995 (im Bestand des IRS Erkner).

Trauzettel, Helmut, Experimentalbaureihe für Schulen in der 2-Mp-Wandbauweise (Deutsche Architektur 6), Berlin 1965, S. 332 – 339.

Autorenkollektiv (Leitung: Jürgen Grundmann), Schulbau in der DDR, hg. vom Ministerium für Volksbildung der DDR, Volk und Wissen, Berlin 1968.

Mattes, Monika, Ganztagserziehung in der DDR. „Tagesschule“ und Hort in den Politiken und Diskursen der 1950er- bis 1970er-Jahre, in: Stecher, Ludwig u. a. (Hg.), Ganztägige Bildung und Betreuung (Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft 54), Weinheim u. a. 2009, S. 230–246, hier S. 236.


Titelmotiv: Dresden, 49. Grundschule „Bernhard August von Lindenau“ in der Bernhardstraße (Bild: Martin Maleschka)

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LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

LEITARTIKEL: Bildungs(t)räume

Oliver Sukrow über die Moderne im Schulbau.

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

FACHBEITRAG: Waldorfschulen

Alexandra Vinzenz über das architektonische Konzept jenseits des Klischees.

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

FACHBEITRAG: Schulkollektiv und Polytechnik

Dina Dorothea Falbe über den DDR-Schulbau von Ludwig Deiters bis Helmut Trauzettel.

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

FACHBEITRAG: Farbenfrohe Schulhäuser von PJS

Arne Herbote über die Bildungsbauten des Büros Pysall, Jensen, Stahrenberg & Partner.

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

PORTRÄT: Ostertags Realschule in Bad Friedrichshall

Maximilian Kraemer über einen bemerkenswerten Schulbau des Architekten Roland Ostertag.

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

FOTOSTRECKE: Holzstuhl und Linoleumboden

Die bunte Welt der Lehrmittel im Spiegel der Werbebilder der Nachkriegszeit.

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

INTERVIEW: Gregor Zoyzoyla zum Europagymnasium Wörth

Der Architekturfotograf hat mit Schüler:innen einen modernen Bau erkundet.

Der Best-of-90s-Beitrag

Gewerbeschule Durlach – von Karin Berkemann

Karlsruhe, Gewerbeschule Durlach (Bild: Cordula Schulze, Mai 2021)