FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

von Maximilian Kraemer (20/3)

Was für Paris der Eiffelturm, das ist für Heidelberg die Schlossruine über der Altstadt. Vom Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs weitgehend verschont, lockt sie jedes Jahr zahllose Touristen aus aller Welt an den Neckar. Genau hier lag für viele Bewohner nach 1945 das Problem: Nur die wenigsten Häuser des 18. und 19. Jahrhunderts verfügten über zeitgemäße Sanitäranlagen. Wohnungen waren Mangelware – und wenn sie zur Verfügung standen, waren sie oft in desolatem Zustand. Doch gerade die unversehrten historischen Bauten zogen die Menschen nach Heidelberg. Einerseits kamen viele vom Krieg Gebeutelte – Ausgebombte, Geflüchtete, Heimkehrer oder Vertriebene. Andererseits nutzten die US-amerikanischen Streitkräfte beschlagnahmte Gebäude. Kurzum, es herrschte die viel zitierte Wohnungsnot.

Heidelberg-Boxberg, Einkaufszentrum (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Heidelberg-Boxberg, Einkaufszentrum (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Ein neues Zuhause

Obwohl in den 1950er Jahren mehrere neue Wohngebiete ausgewiesen wurden, überstieg die Nachfrage bei Weitem das Angebot. Deshalb entschloss man sich im Rathaus dazu, erstmals nach 1945 einen neuen Stadtteil zu errichten, der für rund 6.000 Menschen zu einem neuen Zuhause werden sollte. Als Standort wurde ein idyllisch gelegener Westhang am südlichen Stadtrand ausgewählt. Zwischen Weinreben und einem ausgedehnten Waldgebiet eröffnet sich an klaren Tagen ein Fernblick über die gesamte Rheinebene bis in die Pfälzer Berge.

Hier sahen die Planer das Potenzial, um ein gesundes und ansprechendes Wohnumfeld zu gestalten. Für den Entwurf der Siedlung zeichnete das Stadtplanungsamt Heidelberg unter Hans Assmann verantwortlich. Im Januar 1959 wurden dem Gemeinderat die Entwürfe für die sog. Waldparksiedlung Heidelberg-Boxberg vorgestellt: eine grüne, organische Stadtlandschaft mit Hochhäusern und Flachbauten. Von den geschwungenen Ringstraßen, die als Haupterschließung dienen, zweigen Sackgassen ab. Letztere werden durch Treppen und Wege für Fußgänger verbunden.

Heidelberg-Boxberg, Am Ebertsrott, Wohnhäuser von Jörg Herkommer (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Heidelberg-Boxberg, Am Ebertsrott, Wohnhäuser von Jörg Herkommer (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Wohnen im Wald

Der Name Waldparksiedlung ist Programm – er verweist auf die Bedeutung, die man Ausblick, Landschaft, Vegetation und Freiflächen beimaß. Prägend ist die Orientierung an der Topographie: Die Höhenentwicklung des Geländes spiegelt sich auch in der Anordnung der Gebäude. Die Waldgebiete sollten Hochhäuser und größere Zeilenbauten aufnehmen. Ketten- und Reihenhäuser sowie freistehende Wohnhäuser waren in den tiefergelegenen Weinbergen geplant. In einem bandartigen, zentralen Bereich wollte man die öffentlichen Einrichtungen (wie Schulen und ein Einkaufszentrum) gruppieren.

Ein zunächst geplantes Gewerbegebiet wurde nicht verwirklicht, weil es als Störfaktor galt. Die Hauptfunktion der Waldparksiedlung bildete schließlich das Wohnen. Dazu gehörten Balkone, Loggien und Terrassen, die bis auf wenige Ausnahmen jeder Einheit zugeordnet wurden. In naturnahem Umfeld sollten geplagte Altstadt-Bewohner eine gesunde und erholsame neue Heimat finden.

Heidelberg-Boxberg, Zur Forstquelle, Hochhaus von Jörg Herkommer (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Jörg Herkommer)

Rationelle Typen

Gemäß der Sozialpolitik der 1950er Jahre hatten die Verantwortlichen für die neue Siedlung insbesondere die Kleinfamilie im Blick. Nur Ehepaare mit Kindern durften sich ernsthafte Hoffnungen auf ein Grundstück oder eine Wohnung machen. Für die junge Zielgruppe mussten die Miet- und Kaufpreise so niedrig wie möglich ausfallen. Dafür setzte man auf Typenbauten, die eine kostengünstige, ansprechende und formal einheitliche Gestaltung sicherstellen sollten. Vor diesem Hintergrund wurden die meisten Grundstücke zu größeren Blöcken zusammengefasst und an genossenschaftliche Träger vergeben. Einige Flächen hingegen wies man für freistehende Wohnhäuser privater Bauherren aus.

Zunächst wurden Genossenschaften in Wettbewerbsverfahren aufgefordert, Entwürfe einzureichen. Hierbei konnte sich insbesondere die Stuttgarter Genossenschaft FLÜWO (Gemeinnützige Flüchtlingswohnungsgesellschaft) sowie die städtische Heidelberger GGH (Gemeinnützige Gesellschaft für Grund- und Hausbesitz) durchsetzen. Die FLÜWO beauftragte das Architekturbüro Jörg Herkommers, mit dem man bereits länger zusammenarbeitete. Schon unter der Führung von Jörgs Vater Hans Herkommer vergab die Genossenschaft Großaufträge an das Büro. Der Platzhirsch unter den Genossenschaften, die Neue Heimat, war dagegen zunächst nicht in größerem Umfang an der Siedlung beteiligt.

Heidelberg-Boxberg, Zur Forstquelle, Hochhaus von Jörg Herkommer (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Heidelberg-Boxberg, Zur Forstquelle, Hochhaus von Jörg Herkommer (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Baracke und Penthouse

Im Frühjahr 1960 begannen die Erschließungsarbeiten für die Straßen. Um den naturnahen Eindruck zu erhalten, beräumte man nur die zu überbauende Fläche einer Parzelle, während umliegende Bäume stehen blieben. In diesem gelichteten Wald ragten bald zwölfgeschossige Hochhäuser zwischen den Baumkronen hervor, während freistehende Wohnhäuser und Kettenbungalows die Weinberge rahmten. Für eine gute soziale Durchmischung verortet man auf den Hochhäusern – über den Geschosswohnungen für Familien – auch mondäne Penthouse-Wohnungen. Provisorien, wie eine Baracke für den Verkauf von Lebensmitteln, wurden wenig später durch dauerhafte Bauten ersetzt.

Weitere öffentliche Einrichtungen folgten. Dazu zählt auch das zwischen 1965 und 1972 in zwei Abschnitten errichtete römisch-katholische Gemeindezentrum St. Paul – als kompromisslos monolithische Sichtbeton-Architektur zweifellos eines der markantesten Gebäude der Waldparksiedlung. Bislang ist das Gemeindezentrum des Otto-Ernst-Schweizer-Schülers Lothar Götz hier das einzige Kulturdenkmal. Es besteht aus der Kirche sowie einem Kindergarten mit darüberliegendem Gemeindesaal.

Insbesondere die (vermeintlich) fensterlose Kirche wirkt eher wie eine Plastik denn wie ein Sakralbau: mit ihrer für Lothar Götz typischen trichterförmigen Attika aus Sichtbeton, hinter der sich Sheddächer für die Belichtung des Innenraums verbergen. In einigen Details wird der Einfluss von Egon Eiermann greifbar, dessen wissenschaftlicher Assistent Götz an der Technischen Hochschule Karlsruhe von 1953 bis 1961 war. So sind die Balkone und Loggien nicht mit Brüstungen ausgestattet, sondern mit einer minimalistischen Draht-Bespannung als Absturzsicherung.

Heidelberg-Boxberg, Gemeindezentrum St. Paul von Lothar Götz (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Heidelberg-Boxberg, Gemeindezentrum St. Paul von Lothar Götz (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Krönender Abschluss

In den 1960er Jahren veränderte sich die Zielsetzung der Stadtverwaltung. Bei zwei der letzten zu vergebenden Flächen ging es nicht mehr allein um die Wirtschaftlichkeit. Stattdessen wünschte man sich für die sog. Boxbergkuppe finanzkräftige Bewohner und eine progressive Architektur. Mit steigendem Einkommen wuchs auch die Erwartung der Interessenten an Haus und Wohnung. Infolge dessen lobte man 1967 erneut einen Wettbewerb aus. Die Entwürfe von Jörg Herkommer und diejenigen von Kammerer + Belz überzeugten die Stadtverwaltung und sollten schließlich umgesetzt werden.

Die Lage rechtfertige „komfortable“ Wohnhäuser, so war es in der Ausschreibung zu lesen. Ambitioniert gibt sich der Entwurf von Kammerer + Belz: Neben Terrassenhäusern, Reihenhäusern mit versetzten Ebenen und dreigeschossigen Zeilenbauten war auch ein zentrales Schwimmbad für die Bewohner vorgesehen. Unter dem Kostendruck verzichtete die Neue Heimat aber schlussendlich darauf.

Die Architekten entschieden sich für innovativen Leichtbeton, der innen gedämmt und verkleidet, aber außen sichtbar belassen wurde. Weiterhin wählte man Holzelemente für Terrassenüberdachung und Brüstungen. Die Fenster wurden hell gestrichen und mit Schiebeläden versehen. Die Reihenhäuser und Zeilenbauten erhielten teils Sichtbetonelemente, teils rauen Verputz. Als Alternativen zum klassischen, freistehenden Einfamilienhaus waren in der Waldparksiedlung alle Typen großzügig geschnitten und stets mit Balkonen bzw. Terrassen ausgestattet.

Heidelberg-Boxberg, Berghalde, Terrassenhäuser von Kammerer + Belz, Straßenseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Kammerer + Belz, Foto: Thomas Wittich)

Mit viel Grün

Erneut ließ sich die FLÜWO von einem Entwurf Jörg Herkommers überzeugen. Dieser gestaltete fünf drei- bis viergeschossige Terrassenhäuser mit Flachdach. Bei den Fassaden verzichtete Herkommer auf Putzflächen. Die äußere Textur wird vielmehr durch die – mal vertikal, mal horizontal verlaufende – Schalung des Betons geprägt. Durch die kräftig ausgebildete Attika und zahlreiche Pflanztröge, die als Brüstung dienen, wird die Horizontale betont. Inzwischen ist der ursprüngliche Eindruck jedoch durch nachträgliche Schutzanstriche beeinträchtigt.

Da das Areal stark abfällt, zeigen die Bauten zur Straßenseite nur ein Geschoss, zur Talseite dagegen bis zu drei Geschosse. Die Straßenfronten sind betont nüchtern gehalten, von PKW-Abstellplätzen und Garagen geprägt. Zur Talseite schließt sich je Terrassenhaus ein großzügiges Studio mit vorgelagertem Freisitz an die Garagen an. Beide sind durch eine innere Wendeltreppe mit den obersten Wohnungen verbunden und damit nur für diese zugänglich.

Heidelberg-Boxberg, Berghalde, Terrassenhäuser von Jörg Herkommer (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Jörg Herkommer)

Der Unterschied liegt draußen

Die insgesamt 34 von der FLÜWO errichteten Einheiten weisen verschiedene Grundrisstypen auf. Die kleinste Einzimmerwohnung verfügt über eine Wohnfläche von unter 40 Quadratmetern. Die größte Wohnung hingegen erstreckt sich über rund 215 Quadratmeter. Durch die verschiedenen Geschosse und die Grundrissvarianten in Kammform oder Winkelform gleicht kaum ein Terrassenhaus dem anderen.

Die Unterschiede zeigen sich vor allem im Außenbereich. Beim kammförmigen Grundrisstyp unterteilt der Wohnbereich die Terrasse in zwei geschützte Freisitze. Beim winkelförmigen Grundriss entsteht eine einheitliche Terrassenfläche, die von allen Wohn- und Schlafräumen zugänglich ist. In beiden Fällen sind die Terrassen teilweise überdacht und verfügen über einen kleinen Abstellraum für Geräte. Die innere Aufteilung ähnelt sich bei allen Typen: Zur Hangseite ordnete Herkommer die Küche, das Bad, das WC, einen Hauswirtschaftsraum sowie Abstellräume um einen Installationsschacht. Alle Schlafzimmer und der Wohnraum öffnen sich mit raumbreiten Fensterelementen zur Terrasse. Anders als bei Kammerer + Belz waren keine sozialen Gemeinschaftseinrichtungen geplant. Dafür ließ man die Betontröge auf den Terrassen von einem Landschaftsarchitekten bepflanzen.

Heidelberg-Boxberg, Boxbergkuppe (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Kammerer + Belz, Aquarell: Kammerer + Belz)

Was bleibt?

Mit den Terrassenhäusern löste die verdichtete Bebauung das ursprüngliche Ideal einer aufgelockerten Bauweise in weitläufigen Grünflächen ab. Dieser Wandel verweist bereits auf das nächste Großprojekt in Heidelberg. Wenige Meter von der Waldparksiedlung entfernt, wurde in den 1970er Jahren eine weitaus umfangreichere Trabantenstadt aus der Taufe gehoben: Heidelberg-Emmertsgrund. Die Waldparksiedlung Boxberg zeigt eine besonders homogene Bebauung, die überwiegend von namhaften Architekten der Stuttgarter Schule gestaltet wurde. Neben der Wahl des Standorts und den variantenreichen Typengrundrissen ist es vor allem das Wohnen in und mit der Natur, das die Waldparksiedlung bis heute zu etwas Besonderem macht.

Heidelberg-Boxberg, Terrassenhäuser von Jörg Herkommer (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Heidelberg-Boxberg, Berghalde, Terrassenhäuser von Jörg Herkommer (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Heidelberg-Boxberg, Boxbergring 1-5a, Geschossbauten von Jörg Herkommer (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Jörg Herkommer, Foto: Otto Benner)

Heidelberg-Boxberg, Ginsterweg, Reihenhäuser von Jörg Herkommer (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Jörg Herkommer)

Heidelberg-Boxberg, Boxbergkuppe, Modell von Jörg Herkommer und Kammerer + Belz (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Jörg Herkommer/Kammerer + Belz, Foto: Peter Walser)

Heidelberg-Boxberg, Zeilenbauten von Kammerer + Belz (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Heidelberg-Boxberg, Am Götzenberg, Zeilenbauten von Kammerer + Belz (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Heidelberg-Boxberg, Berghalde, Terrassenhäuser von Kammerer + Belz, Gartenseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Kammerer + Belz, Foto: Thomas Wittich)

Heidelberg-Boxberg, Boxbergring, Reihenhäuser von Kammerer + Belz, Straßenseite (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Kammerer + Belz, Foto: Thomas Wittich)

Heidelberg-Boxberg, Gemeindezentrum St. Paul von Lothar Götz (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Lothar Götz, Foto: Frank Huster)

Heidelberg-Boxberg, Gemeindezentrum St. Paul von Lothar Götz (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Lothar Götz, Foto: Frank Huster)

Heidelberg-Boxberg, Gemeindezentrum St. Paul von Lothar Götz (Bild: saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Werkarchiv Lothar Götz, Foto: Frank Huster)

Titelmotiv: Heidelberg-Boxberg, Reihenhäuser von Jörg Herkommer (Bild: Maximilian Kraemer, 2020)

Literatur

Kraemer, Maximilian, Die Waldparksiedlung Heidelberg Boxberg. Von der Baracke zum Penthouse (unveröffentlichte Masterarbeit an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 2019).

Krauss, Karl, 25 Jahre Heidelberg-Boxberg. Eines der schönsten im Wald gelegenen Wohngebiete Deutschlands wird 25 Jahre. Festtage vom 11. bis 14. September 1987, Heidelberg 1987.

Werkbericht, hg. von Kammerer+Belz, Kucher und Partner, Stuttgart 1985.

Häuser bauen. Eine Freude. 25 Jahre FLÜWO, hg. von der Gemeinnützige Flüchtlingswohnungsgesellschaft (FLÜWO), Stuttgart 1973.

Katholisches Gemeindezentrum St. Paul in Heidelberg-Boxberg. Festschrift zur Eröffnung, Heidelberg 1972.

Wohnbauten in der Waldparksiedlung Heidelberg-Boxberg, in: Deutsche Bauzeitschrift 1969, 1, S. 71‒74.

ganzes Heft als pdf

Sommer 2020: Draußen wohnen

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

Alexandra Apfelbaum über die Öffnung der Architektur zur Natur.

FACHBEITRAG: "Wie wohnen?" 1901–27

FACHBEITRAG: “Wie wohnen?” 1901–27

Alexandra Vinzenz über die großen Wohnbau-Ausstellungen der 1920er Jahre.

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

Laura Rehme über Bilder des Wohnens im dokumentarischen Film.

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

Maximilian Kraemer über Heidelbergs eigentliche Sehenswürdigkeit.

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

Oliver Sukrow über die visionären Großwohneinheiten von Josef Kaiser.

PORTRÄT: Dachgärten für alle

PORTRÄT: Dachgärten für alle

Alexander Kleinschrodt über das Hügelhaus in Erftstadt-Liblar.

INTERVIEW: "Fotogen sind diese Gebäude definitiv"

INTERVIEW: “Fotogen sind diese Gebäude definitiv”

Karin Derichs-Kunstmann im Gespräch mit Daniel Bartetzko über die Wohnhügel von Marl.

FOTOSTRECKE: Balkone in Heidelberg

FOTOSTRECKE: Balkone in Heidelberg

Steffen Fuchs porträtiert die luftige Seite Heidelbergs.

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

von Oliver Sukrow (20/3)

“Radikal modern” lautete 2015 der Titel einer Ausstellung zur Baukunst der 1960er Jahre in West- und Ostberlin. Den Besuchern zeigte sich ein beeindruckendes Panorama von Wunschvorstellungen, mit denen die gebaute Umwelt der geteilten ‘Frontstadt des Kalten Krieges’ umfassend verändert werden sollte. Architekten und Planer dachten ihre komplexe Umwelt neu und überstiegen (ganz im Sinne der revolutionären Stimmung) die Grenzen einer Metropole, die ab 1961 durch Mauer und Todesstreifen konkret physisch aufgeteilt wurde.

Dieter Urbach: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, Fotocollage (Bild: © Berlinische Galerie)

Dieter Urbach: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, Fotocollage, 1971 (Bild: © Michael Kaiser, Dieter Urbach, Berlinische Galerie, 2015 Teil der dortigen Ausstellung “Radikal modern”)

“Jetset im Sozialismus”

Dass gerade die 1960er Jahre unserer Gegenwart nahe scheinen, liegt nicht nur daran, dass so viele Dinge aus diesem Jahrzehnt wieder auf der politischen, sozialen oder künstlerischen Agenda stehen: vom Technologieoptimismus bis zu den Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegungen. Dieses Jahrzehnt wurde zudem geprägt durch eine gewisse Coolness und Leichtigkeit, mit der Gesellschaften damals in die Zukunft schauten. Heute sind uns die 1960er Jahre vertraut und gleichzeitig historisch-distanziert. Mit dieser geschichtlichen Dialektik spielte auch die oben genannte Ausstellung in der Berlinischen Galerie: Im ‘Blick zurück nach vorn’ wurde nicht nur das Bauen und Planen in Ost und West vermessen, sondern ebenso ein Wunsch an die Gegenwart herangetragen – mal wieder “radikal modern” zu sein.

2015 setzte die überregionale PR-Arbeit der besagten Ausstellung auf ‘ikonische’ Bilder aus den 1960er Jahren. Deren Spannung bestand ja gerade darin, eben nicht ‘typische’ Ansichten zu zeigen, sondern den Vorschein einer neuen Epoche: das Berlin einer vergangenen Zukunft, von Engelbert Kremsers organischem Europa-Center über Manfred Jäkels und Lothar Kwasnitzas Entwurf einer Wohnbebauung am Leninplatz und den Rollenden Gehsteigen am Kurfürstendamm von Georg Kohlmaier und Barna von Sartory (der Londoner Fun Palace lässt grüßen!) bis zu Dieter Urbachs visuellen Manifestationen der modernen sozialistischen Hauptstadt der DDR. Der Architekt (und heute würde man sagen Renderer) Urbach kreierte spektakuläre Ost-Berliner Zukunftsvisionen, die als Fotomontagen besonders ‘realistisch’ wirken: Alexanderplatz, Außenministerium am Lustgarten, Marx-Engels-Forum – und mehrere Ansichten eines Komplexes aus Großhügelhäusern, entworfen von Josef Kaiser, zwischen denen sich Grünflächen mit Schwimmbecken ausdehnen. Manch einer sprach dabei sogar von “Jetset im Sozialismus”.

Dieter Urbach: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, Fotocollage, 1971 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Dieter Urbach: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, Fotocollage, 1971 (Bild: © Dieter Urbach, Berlinische Galerie, 2015 Teil der dortigen Ausstellung “Radikal modern”)

Fotomontagen

Eine 1971 entstandene Urbach-Collage mit Kaisers Entwurf soll den Ausgangspunkt für einen Streifzug durch eine der interessantesten Wohnutopien der 1960er Jahre im deutsch-deutschen Kontext bilden – in deren Zentrum auch die Frage stand, wie ein “draußen Wohnen” im Sozialismus der 1960er Jahre aussehen könnte. Sieben Frauen haben sich unter einem stahlblauen Sommerhimmel am Pool zum Sonnenbad versammelt. Unter farbigen Schirmen wird entspannt. Besonders markant ist die Frau im Bildvordergrund, die sich dynamisch-diagonal von rechts unten nach links oben ins Blickfeld schiebt. Sie dient als Bildeintritt und macht sogleich klar, um was es bei der Darstellung geht: um eine sonnenbeschienene sozialistische Wohnzukunft, die sich draußen abspielt, im Grünen, unter Sonnenschirmen und Bäumen.

Farblich und kompositorisch harmoniert die Frau im Vordergrund mit den monumentalen, abgeschrägten Seitenfassaden zweier Großwohneinheiten, die sich links und rechts des Parks aufspannen und in den Tiefenraum führen. Im Unterschied zu den Fotografien der Frauen am Pool, die aus den Lifestyle-Magazinen der Zeit entsprungen sein dürften, bringt Urbach die Fassaden der Megastrukturen nur abstrahierend. Bei den dunklen Feldern handelt es sich um die jeder Wohnung vorgeschalteten, tief in die Fassade eingeschnittenen Loggien, die ein “draußen Wohnen” garantieren sollten. Urbach ging es dabei nicht so sehr um die akkurate Wiedergabe der architektonischen Lösung, sondern vielmehr um die ‘Aufenthaltsqualitäten’: Die Megastruktur im Park meinte eine neue Stufe des sozialistischen Wohnens, in und mit der die Trennung von Wohnen, Arbeit und Freizeit aufgehoben würde. Durch diese räumliche Konzentration wollte Kaiser den Städtern sinnvoll nutzbare Zeit schenken, ohne auf die Annehmlichkeiten einer zentrumsnahen Lage und eines vielseitigen Umlands verzichten zu müssen.

Josef Kaiser, Entwurfsskizze für eine Großwohneinheit in Pyramidenform, 17.6.1966 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Josef Kaiser: Entwurfsskizze für eine Großwohneinheit in Pyramidenform, 17. Juni 1966 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Wie wohnt man in der Zukunft?

Die ersten Kaiser-Skizzen zur Großwohneinheit, die sich im Nachlass des Architekten finden, sind auf den Sommer 1966 datierbar. Hier erkennt man bereits die charakteristische Bauform: ein riesiger Block, dessen Seiten pyramidenartig abgeschrägt sind und dessen Querschnitt ein Dreieck mit abgeschnittener Spitze zeigt. Kaiser dachte von Anfang an auch städtebaulich und positionierte mehrere Einheiten um ein multifunktionales Zentrum. Einige wenige Megastrukturen sollten die ausufernden Neubaugebiete in Plattenbauweise ersetzen – für Leben, Arbeiten und Freizeit.

An den Außenseiten eines jeden Blocks (je mit einer Länge von 1.000 Metern, einer Höhe von 100 Metern und einer Breite von 150 Metern) wollte Kaiser Wohnung für 20.000 bis 24.000 Menschen unterbringen. Mindestens drei Blöcke würden zusammen eine Siedlung bilden, die mit ca. 60.000 Einwohnern die Größe einer kleineren DDR-Bezirkshauptstadt erreichte. Im Inneren sollten Produktions-, Arbeits- und Verkehrsflächen auf mehreren Ebenen die – ansonsten über die Stadt verteilten – Funktionen bündeln. Der dadurch entstehende Freiraum würde genutzt für Gärten, Spielplätze, Obst- und Gemüseplantagen, Festwiesen und sogar einen Stadtwald.

Josef Kaiser: Ideenskizze „Sozialistische Stadt“, Maßstab 1:20.000, 1968 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Josef Kaiser: Ideenskizze „Sozialistische Stadt“, Maßstab 1:20.000, 1968 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Ein “zusätzliches grünes Zimmer”

Durch die maximale funktionale Konzentration wollte Kaiser zugleich die Umgebung mit Freizeit- und Erholungseinrichtungen aufwerten – so wie es Urbach auf seinen Collagen dann auch zeigte. Während sich rund um die Megastrukturen eine durchgrünte, vielseitig benutzbare Stadtlandschaft ausbreitete, wurden die Großwohneinheiten effizient horizontal geschichtet: Unterirdisch waren Gleisstränge für Güter- und Personenverkehr vorgesehen. Ebenerdig wurde die Anlage für PKW und Fußgänger erschlossen. An den Außenseiten des Erdgeschosses sollten Wohneinheit und Randbebauung bzw. Grünfläche durch Fußgängerzonen miteinander verbunden werden.

Andere, zeitlich und typologisch vergleichbare Großwohneinheiten wie z. B. Harry Glücks Wohnpark Alt-Erlaa in Wien (1973–85) wurden erschlossen durch Aufzüge aus der Tiefgarage hinauf in die Etagen mit Korridorsystem. In Kaisers Entwurf hingegen sollten die Wohnungen direkt “vom Aufzugspaar her” betreten werden. Durch den offenen Grundriss und die großzügige Loggia – von Kaiser als „zusätzliches grünes Zimmer“ bezeichnet – entsprachen die Wohneinheiten dem damaligen internationalen Geschmack. Auch diese, zumindest für die DDR, besondere Qualität erhielt durch Urbachs Visualisierungen narrative Qualität. Sie demonstriert eine neue Einstellung zum „draußen Wohnen“, das sich in den 1960er Jahren bei Kaiser sowohl im Innen- als auch im Außenraum niederschlug.

Josef Kaiser: Querschnitt durch ein Großhügelhaus, 1967 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Ein Papiertiger

Urbachs Architekturcollage von 1971 stand am Ende einer Entwicklung, die für Kaiser Mitte der 1960er Jahre mit einem Auftrag des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB) begann. Seit 1955 war er Abteilungsleiter bei VEB Berlin-Projekt, einer dem Ostberliner Magistrat unterstellten Behörde. In dieser Funktion wirkte er an einigen wesentlichen Bauvorhaben mit: am zweiten Abschnitt der Karl-Marx-Allee mit den Filmtheatern Kosmos (1959–62) und International (1960–64), am Hotel Berolina (1961–63), am Café Moskau (1960–64), am DDR-Außenministerium am Lustgarten (1964–68) oder am Centrum Warenhaus am Alexanderplatz (1967–70). Ab 1969 lehrte Kaiser an der Hochschule für Architektur und Bauwesen (HAAB) Weimar, wo er sich ebenfalls für seine Utopie einer sozialistischen Megastruktur stark machte. Ende der 1960er Jahre wurde er als Mitarbeiter in die Forschungsabteilung von VEB Berlin-Projekt delegiert, was wohl auch sein Interesse an einem solch theoretischen Vorschlag begründete.

1967 wurde Kaisers Gedankenspiel für eine sozialistische Großwohneinheit konkret: mit dem Auftrag des FDGB, im Rahmen des Forschungsschwerpunktes zu den “perspektivischen wohnungspolitischen Aufgaben 1971–1980” an einer Studie über die “Herausbildung sozialistischer Wohnverhältnisse” teilzunehmen. So entstanden im Sommer und Herbst 1967 zahlreiche Entwürfe, die 1968 in der Zeitschrift “Deutsche Architektur” erschienen unter dem Titel “Sozialistische Stadt als Modellfall – Ein Vorschlag zur Erneuerung des Städtebaus”. Doch weder dieser Artikel noch die zahlreichen Vorträge als Professor an der HAAB Weimar konnten die SED-Entscheidungsträger von Kaisers Konzept überzeugen. Es blieb ein Papiertiger.

Dieter Urbach: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, um 1970 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Dieter Urbach: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, um 1970 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

“Wunschräume und Wunschzeiten”

Neben Kaisers ambitioniertem “Vorschlag zur Erneuerung des Städtebaus” – so im Projektexposé von 1967 – erhoffte er nicht weniger, als die “Monotonie” im sozialistischen Wohnungsbau zu überwinden. Weder war er damit in der DDR allein, noch war er der Erste mit solchen Gedankengängen, hatten sich doch u. a. auch Bruno Flierl oder Silvio Macetti mit Großwohneinheiten auseinandergesetzt. Was Kaisers Utopie jedoch auszeichnet, ist (neben Urbachs Bildern) der theoretische Rahmen. Gerade städtebauliche Projekte wie eine imaginierte Großwohneinheit bildeten damals für Architekten und Planer politische, soziale, technologische und baukünstlerische Projektionsflächen. Kaisers Frage “Wie Wohnen?” geriet wahrscheinlich schon in den 1930er Jahren in sein praktisches wie theoretisches Blickfeld. Und nach dem Ende des Kalten Kriegs hat sich sein Entwurf (und Urbachs Visualisierung) nicht in Luft aufgelöst, im Gegenteil: In unseren epidemischen Zeiten mit ihrem Ruf nach einem hygienischen Städtebau lohnt ein (und sei es nur ästhetischer) Blick zurück nach vorn auf die Megastruktur im lichtdurchfluteten Park.

Dieter Urbach, Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, um 1970 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Dieter Urbach: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, um 1970 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)


Literatur

Banham, Reyner, Megastructure. Urban Futures of the Recent Past, London 1976.

Doren, Alfred, Wunschräume und Wunschzeiten, in: Fritz Saxl (Hg.), Vorträge der Bibliothek Warburg 1924–1925, Leipzig 1927, S. 158–205.

Düesberg, Christoph, Megastrukturen. Architekturutopien zwischen 1955 und 1975, Berlin 2013.

Köhler, Thomas, Müller, Ursula (Hg.), Radikal modern. Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre, Ausstellungskatalog, 29. Mai 2015 bis 26. Oktober 2015, Berlinische Galerie, Berlin-Tübingen 2015.

Macetti, Silvio, Großwohneinheiten, Berlin 1968.

Sukrow, Oliver, Arbeit. Wohnen. Computer. Zur Utopie in der bildenden Kunst und Architektur der DDR in den 1960er Jahren, Heidelberg 2018.

Titelmotiv: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, Fotocollage, 1971 (Bild: © Dieter Urbach, Berlinische Galerie, 2015 Teil der dortigen Ausstellung “Radikal modern”)

ganzes Heft als pdf

Sommer 2020: Draußen wohnen

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

Alexandra Apfelbaum über die Öffnung der Architektur zur Natur.

FACHBEITRAG: "Wie wohnen?" 1901–27

FACHBEITRAG: “Wie wohnen?” 1901–27

Alexandra Vinzenz über die großen Wohnbau-Ausstellungen der 1920er Jahre.

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

Laura Rehme über Bilder des Wohnens im dokumentarischen Film.

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

Maximilian Kraemer über Heidelbergs eigentliche Sehenswürdigkeit.

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

Oliver Sukrow über die visionären Großwohneinheiten von Josef Kaiser.

PORTRÄT: Dachgärten für alle

PORTRÄT: Dachgärten für alle

Alexander Kleinschrodt über das Hügelhaus in Erftstadt-Liblar.

INTERVIEW: "Fotogen sind diese Gebäude definitiv"

INTERVIEW: “Fotogen sind diese Gebäude definitiv”

Karin Derichs-Kunstmann im Gespräch mit Daniel Bartetzko über die Wohnhügel von Marl.

FOTOSTRECKE: Balkone in Heidelberg

FOTOSTRECKE: Balkone in Heidelberg

Steffen Fuchs porträtiert die luftige Seite Heidelbergs.

PORTRÄT: Dachgärten für alle

von Alexander Kleinschrodt (20/3)

Als einzige der Mittelstädte westlich von Köln hat Erftstadt so etwas wie eine Skyline. Sie verdankt sich der Zeit um 1970, als der Stadtteil Liblar mit einem neuen Wohnpark erheblich ausgebaut wurde. Neben niedrigen Zeilenbauten und Reihenhäusern entstanden fünf Wohnhochhäuser auf rechteckigem Grundriss, die bis weit in die angrenzende Bördelandschaft der Voreifel sichtbar sind. Das Hochhaus Zum Renngraben 8 war im Herbst 1977 für einige Wochen in den Schlagzeilen: Hier hatte die RAF den Wirtschaftsfunktionär Hanns Martin Schleyer gefangen gehalten. Und einige Kommentatoren, die einen direkten Zusammenhang zwischen Verbrechen und sog. anonymen Schlafstädten sehen wollten, fühlten sich wieder einmal bestätigt.

"Skyline" von Erftstadt-Liblar, nicht im Bild das Hügelhaus (Bild: A. Kleinschrodt)

“Skyline” von Erftstadt-Liblar, nicht im Bild das Hügelhaus, 2010 (Bild: Alexander Kleinschrodt)

Konsequent sinnfällig

Einen Steinwurf entfernt wurde in Liblar zwischen 1972 und 1975 jedoch ein andersartiges Projekt realisiert. Sein Erbauer musste hier sowohl den realen Defiziten des damaligen Wohnungsbaus als auch dem schlechten Image von Hochhäusern entgegentreten. Mit nur acht Geschossen steht das als Hügelhaus bekannte Wohngebäude an der zentralen Theodor-Heuss-Straße im Schatten seiner Nachbarbauten. Architektonisch ist es jedoch herausragend.

Das pyramidenartige Hügelhaus wurde von Hans Oberemm (1932–2015) entworfen, der für die Ausarbeitung der Pläne den Kölner Kollegen Jupp Inden hinzuzog. Als Architekt in Liblar ansässig, war Oberemm kein Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA), demnach also eher ein Außenseiter. Immerhin aber hatte man sein Mehrfamilienhaus in Köln-Mülheim bereits 1967 mit dem Kölner Architekturpreis ausgezeichnet. Ebenfalls Preisträger waren damals Egon Eiermann, Oswald Mathias Ungers, Gottfried Böhm, Joachim Schürmann – und Fritz Schaller. Bei Letzterem hatte Oberemm bis Anfang der 1960er Jahre gearbeitet.

Der “Kölner Stadt-Anzeiger” beschrieb Oberemm als einen Architekten, der “baut, was und wie er will”. Seine Entwürfe trügen stets “den Stempel des Ungewöhnlichen”. Heute erscheint Oberemms Stufenpyramide noch immer verblüffend konsequent und sinnfällig. Das Haus enthält 76 Wohnungen unterschiedlicher Größe, da der Architekt und der Bauherr (eine vor Ort ansässige Wohnbaugenossenschaft) großen Wert auf eine gemischte Bewohnerschaft legten. Als Grundmiete waren, man mag es kaum glauben, 3,80 Mark pro Quadratmeter angestrebt, was später leicht nach oben korrigiert wurde.

Erftstadt-Liblar, Hügelhaus, um 1978 (Bild: Archiv der Stadt Erftstadt, Best. E 01, Bildarchiv Liblar)

Wohnpark Liblar-Süd mit Hügelhaus (1972–75) und Donatus-Grundschule (1972/73), um 1978 (Bild: Archiv der Stadt Erftstadt, Best. E 01, Bildarchiv Liblar)

Grüner Hügel

Von unten nach oben verringert sich im Hügelhaus schrittweise die Anzahl der Wohnungen pro Geschoss. Daraus ergibt sich wie von selbst die markante, aber keineswegs bemüht extravagante Form. Die Fassaden des so modellierten Baukörpers verbinden unverputztes Mauerwerk mit Fensterstürzen und Balustraden aus Sichtbeton. Insgesamt darf man von einem Beispiel des Brutalismus sprechen. Der Architekt und der Bauherr hätten diesen Stilbegriff damals wahrscheinlich nicht akzeptiert. Heute steht diese Einordnung bekanntlich zunehmend positiv für eine anspruchsvolle Gestaltung und Verarbeitung.

Der Clou des Wohnhügels liegt aber in den Freiflächen (mehr Terrassen als Balkone), die an alle Wohnungen angeschlossenen sind. Sie waren als privates, für die Nachbarn uneinsehbares ‘Naherholungsgebiet’ gedacht. Bei allen Wohneinheiten, ob Einraum-Apartment oder Vierzimmerwohnung, beträgt ihre Größe jeweils 18 Quadratmeter. Die Sichtbeton-Balustraden der Terrassen wurden als breite Pflanzkübel ausgeführt: nicht nur für Geranien, sondern auch für üppigeres Grün. Verwundert kommentierte damals der “Kölner Stadt-Anzeiger”, hier könne man sich noch im obersten Stockwerk “Sträucher vor dem Fenster” halten. Die Freiflächen wurden so zu Dachgärten, das Hügelhaus bald zum grünen Hügel.

Erftstadt-Liblar, Hügelhaus, links: um 1978, rechts: um 1980 (Bilder: links: Archiv H. Oberemm, rechts: Archiv der Stadt Erftstadt, Best. E 01, Bildarchiv Liblar)

Baustellenbesuch

Vermarktet wurden die Wohnungen als “Einfamilienhäuser auf der Etage”. Oberemm sah (etwas philosophischer) ein Ideal des zeitgemäßen, “humanen” Wohnens erfüllt. Das Projekt im Wohnpark, der längst zum selbstverständlichen Teil Liblars geworden ist, lag Oberemm auch später am Herzen. Noch 2010 erinnerte er sich lebhaft an einen unerwarteten Besuch auf der Baustelle. Sein ehemaliger Chef Fritz Schaller sei am entstehenden Hügelhaus aufgetaucht und habe das Projekt gelobt mit dem saloppen Satz: “Hast Du ja doch was gelernt bei mir.” Heute befindet sich das bald 50-jährige Hügelhaus in gutem Zustand. Dass es nach wie vor dem gemeinwohlorientierten Bauherren gehört, hat sicher dazu beigetragen. Während an viel zu vielen Bauten der 1970er und 1980er Jahre Pflanzkübel und Rankgerüste kahl bleiben, werden die Hügelhaus-Terrassen von den Bewohnern weiterhin als Dachgärten gestaltet und genutzt. Von der Südseite fällt der Blick direkt auf ein weiteres Bauwerk von Hans Oberemm, bei dem Freiflächen ebenfalls prägend sind: die 1973 fertiggestellte Donatus-Grundschule mit ihrem weitläufigen, als Spiellandschaft angelegten Schulhof.

Erftstadt-Liblar, Hügelhaus (Bild: dapiv80, via mapio.net)

Erftstadt-Liblar, Hügelhaus (Bild: dapiv80, via mapio.net)

Titelmotiv: Erftstadt-Liblar, Hügelhaus, 2010 (Bild: A. Kleinschrodt)

ganzes Heft als pdf

Sommer 2020: Draußen wohnen

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

Alexandra Apfelbaum über die Öffnung der Architektur zur Natur.

FACHBEITRAG: "Wie wohnen?" 1901–27

FACHBEITRAG: “Wie wohnen?” 1901–27

Alexandra Vinzenz über die großen Wohnbau-Ausstellungen der 1920er Jahre.

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

Laura Rehme über Bilder des Wohnens im dokumentarischen Film.

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

Maximilian Kraemer über Heidelbergs eigentliche Sehenswürdigkeit.

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

Oliver Sukrow über die visionären Großwohneinheiten von Josef Kaiser.

PORTRÄT: Dachgärten für alle

PORTRÄT: Dachgärten für alle

Alexander Kleinschrodt über das Hügelhaus in Erftstadt-Liblar.

INTERVIEW: "Fotogen sind diese Gebäude definitiv"

INTERVIEW: “Fotogen sind diese Gebäude definitiv”

Karin Derichs-Kunstmann im Gespräch mit Daniel Bartetzko über die Wohnhügel von Marl.

FOTOSTRECKE: Balkone in Heidelberg

FOTOSTRECKE: Balkone in Heidelberg

Steffen Fuchs porträtiert die luftige Seite Heidelbergs.