Erftstadt-Liblar, Hügelhaus, 2010 (Bild: A. Kleinschrodt)

PORTRÄT: Dachgärten für alle

von Alexander Kleinschrodt (20/3)

Als einzige der Mittelstädte westlich von Köln hat Erftstadt so etwas wie eine Skyline. Sie verdankt sich der Zeit um 1970, als der Stadtteil Liblar mit einem neuen Wohnpark erheblich ausgebaut wurde. Neben niedrigen Zeilenbauten und Reihenhäusern entstanden fünf Wohnhochhäuser auf rechteckigem Grundriss, die bis weit in die angrenzende Bördelandschaft der Voreifel sichtbar sind. Das Hochhaus Zum Renngraben 8 war im Herbst 1977 für einige Wochen in den Schlagzeilen: Hier hatte die RAF den Wirtschaftsfunktionär Hanns Martin Schleyer gefangen gehalten. Und einige Kommentatoren, die einen direkten Zusammenhang zwischen Verbrechen und sog. anonymen Schlafstädten sehen wollten, fühlten sich wieder einmal bestätigt.

"Skyline" von Erftstadt-Liblar, nicht im Bild das Hügelhaus (Bild: A. Kleinschrodt)

„Skyline“ von Erftstadt-Liblar, nicht im Bild das Hügelhaus, 2010 (Bild: Alexander Kleinschrodt)

Konsequent sinnfällig

Einen Steinwurf entfernt wurde in Liblar zwischen 1972 und 1975 jedoch ein andersartiges Projekt realisiert. Sein Erbauer musste hier sowohl den realen Defiziten des damaligen Wohnungsbaus als auch dem schlechten Image von Hochhäusern entgegentreten. Mit nur acht Geschossen steht das als Hügelhaus bekannte Wohngebäude an der zentralen Theodor-Heuss-Straße im Schatten seiner Nachbarbauten. Architektonisch ist es jedoch herausragend.

Das pyramidenartige Hügelhaus wurde von Hans Oberemm (1932–2015) entworfen, der für die Ausarbeitung der Pläne den Kölner Kollegen Jupp Inden hinzuzog. Als Architekt in Liblar ansässig, war Oberemm kein Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA), demnach also eher ein Außenseiter. Immerhin aber hatte man sein Mehrfamilienhaus in Köln-Mülheim bereits 1967 mit dem Kölner Architekturpreis ausgezeichnet. Ebenfalls Preisträger waren damals Egon Eiermann, Oswald Mathias Ungers, Gottfried Böhm, Joachim Schürmann – und Fritz Schaller. Bei Letzterem hatte Oberemm bis Anfang der 1960er Jahre gearbeitet.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ beschrieb Oberemm als einen Architekten, der „baut, was und wie er will“. Seine Entwürfe trügen stets „den Stempel des Ungewöhnlichen“. Heute erscheint Oberemms Stufenpyramide noch immer verblüffend konsequent und sinnfällig. Das Haus enthält 76 Wohnungen unterschiedlicher Größe, da der Architekt und der Bauherr (eine vor Ort ansässige Wohnbaugenossenschaft) großen Wert auf eine gemischte Bewohnerschaft legten. Als Grundmiete waren, man mag es kaum glauben, 3,80 Mark pro Quadratmeter angestrebt, was später leicht nach oben korrigiert wurde.

Erftstadt-Liblar, Hügelhaus, um 1978 (Bild: Archiv der Stadt Erftstadt, Best. E 01, Bildarchiv Liblar)

Wohnpark Liblar-Süd mit Hügelhaus (1972–75) und Donatus-Grundschule (1972/73), um 1978 (Bild: Archiv der Stadt Erftstadt, Best. E 01, Bildarchiv Liblar)

Grüner Hügel

Von unten nach oben verringert sich im Hügelhaus schrittweise die Anzahl der Wohnungen pro Geschoss. Daraus ergibt sich wie von selbst die markante, aber keineswegs bemüht extravagante Form. Die Fassaden des so modellierten Baukörpers verbinden unverputztes Mauerwerk mit Fensterstürzen und Balustraden aus Sichtbeton. Insgesamt darf man von einem Beispiel des Brutalismus sprechen. Der Architekt und der Bauherr hätten diesen Stilbegriff damals wahrscheinlich nicht akzeptiert. Heute steht diese Einordnung bekanntlich zunehmend positiv für eine anspruchsvolle Gestaltung und Verarbeitung.

Der Clou des Wohnhügels liegt aber in den Freiflächen (mehr Terrassen als Balkone), die an alle Wohnungen angeschlossenen sind. Sie waren als privates, für die Nachbarn uneinsehbares ‚Naherholungsgebiet‘ gedacht. Bei allen Wohneinheiten, ob Einraum-Apartment oder Vierzimmerwohnung, beträgt ihre Größe jeweils 18 Quadratmeter. Die Sichtbeton-Balustraden der Terrassen wurden als breite Pflanzkübel ausgeführt: nicht nur für Geranien, sondern auch für üppigeres Grün. Verwundert kommentierte damals der „Kölner Stadt-Anzeiger“, hier könne man sich noch im obersten Stockwerk „Sträucher vor dem Fenster“ halten. Die Freiflächen wurden so zu Dachgärten, das Hügelhaus bald zum grünen Hügel.

Erftstadt-Liblar, Hügelhaus, links: um 1978, rechts: um 1980 (Bilder: links: Archiv H. Oberemm, rechts: Archiv der Stadt Erftstadt, Best. E 01, Bildarchiv Liblar)

Baustellenbesuch

Vermarktet wurden die Wohnungen als „Einfamilienhäuser auf der Etage“. Oberemm sah (etwas philosophischer) ein Ideal des zeitgemäßen, „humanen“ Wohnens erfüllt. Das Projekt im Wohnpark, der längst zum selbstverständlichen Teil Liblars geworden ist, lag Oberemm auch später am Herzen. Noch 2010 erinnerte er sich lebhaft an einen unerwarteten Besuch auf der Baustelle. Sein ehemaliger Chef Fritz Schaller sei am entstehenden Hügelhaus aufgetaucht und habe das Projekt gelobt mit dem saloppen Satz: „Hast Du ja doch was gelernt bei mir.“ Heute befindet sich das bald 50-jährige Hügelhaus in gutem Zustand. Dass es nach wie vor dem gemeinwohlorientierten Bauherren gehört, hat sicher dazu beigetragen. Während an viel zu vielen Bauten der 1970er und 1980er Jahre Pflanzkübel und Rankgerüste kahl bleiben, werden die Hügelhaus-Terrassen von den Bewohnern weiterhin als Dachgärten gestaltet und genutzt. Von der Südseite fällt der Blick direkt auf ein weiteres Bauwerk von Hans Oberemm, bei dem Freiflächen ebenfalls prägend sind: die 1973 fertiggestellte Donatus-Grundschule mit ihrem weitläufigen, als Spiellandschaft angelegten Schulhof.

Erftstadt-Liblar, Hügelhaus (Bild: dapiv80, via mapio.net)

Erftstadt-Liblar, Hügelhaus (Bild: dapiv80, via mapio.net)

Titelmotiv: Erftstadt-Liblar, Hügelhaus, 2010 (Bild: A. Kleinschrodt)

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