Frankfurt-Römerstadt (Bild: Hans Jan Dürr)

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

von Alexandra Apfelbaum (20/3)

Der Traum vom eigenen Heim im Grünen, vom Häuschen am Stadtrand, vom romantischen Landleben – all dies scheint den modernen Wohnungsbau ebenso stark geprägt zu haben wie die Frage nach Wirtschaftlichkeit, sozialen Strukturen oder Landbesitz. Diese „Befreiung des Wohnens“, die Öffnung der Architektur zur Natur, wandte sich kraftvoll gegen überholte Bautraditionen. Offene Grundrisse, großzügige Verglasungen und nutzbare Außenräume sollten ein befreites Wohnen in ‚Luft, Licht und Sonne‘ ermöglichen und neue „Freiräume“ schaffen.

Richard Döcker: Haus in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, Bruckmannweg 10, Gartenterrasse, 1927 (Bild: historische Fotografie, © Bildarchiv Foto Marburg)

Alexandra Vinzenz beschreibt in ihrem Beitrag die Wohnbau-Ausstellungen der 1920er Jahre (Richard Döcker, Haus in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart, Bruckmannweg 10, Gartenterrasse, 1927, Bild: historische Fotografie, Bildquelle: © Bildarchiv Foto Marburg)

Gegen die Missstände

Die Wohnungsnot des 19. Jahrhunderts, die elenden Lebensbedingungen in fünfstöckigen Mietshäusern mit dicht bebauten Hinterhöfen, ließen schließlich den sozialen Wohnungsbau entstehen. Erste Erneuerungsprozesse vollzogen sich mit der Gartenstadtbewegung. 1902 benannte der britische Kulturpolitiker Ebenezer Howard mit seinem Traktat „Garden Cities of Tomorrow“ bereits die zentralen Themen: Wirtschaftlichkeit, Bodenreform – und die Rückkehr zur Natur, ihre Verbindung mit der Architektur. In einer ebenfalls 1902 veröffentlichten Flugschrift der Deutschen Gartenstadtbewegung heißt es: Der Mensch bedarf „der dauernden Berührung (…) mit der Natur, eines Lebens in reiner Luft und hellem Licht, wenn er nicht verkümmern und hinsiechen soll“.

Indem man das Thema Wohnen vom Landbesitz trennte, erschien das Leben im Grünen nicht mehr als Privileg für höhere Schichten. Es wurde stattdessen zum erreichbaren Ideal für eine breitere städtische Bevölkerung. Rund um die Zentren entstanden Villenvororte, Einfamilienhausgebiete, Gartenstädte und durchgrünte Siedlungen. Der Begriff ‚Stadtlandschaft‘, hervorgegangen aus der Gartenstadtbewegung, wollte nun den historischen Gegensatz zwischen Stadt und Land aufheben. Bis in die 1950er und 1960er Jahre sollte dieses Leitbild die Entwicklung bestimmen. Auch der Deutsche Werkbund und das Bauhaus sowie zahlreiche Bauausstellungen lieferten wichtige Impulse, wie Alexandra Vinzenz in diesem Heft schildert. Allen voran die Stuttgarter Weißenhofsiedlung, die der Deutsche Werkbund 1927 unter dem Titel „Die Wohnung“ der Öffentlichkeit präsentierte. Hier wird bereits deutlich, wie sehr der Fokus sich vom Städtebau zum Einzelhaus verlagerte.

Rampe zum Dachgarten der Villa Savoye, Filmstill (Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

In ihrem Beitrag analysiert Laura Rehme u. a. den Film „Architectures d’aujourd’hui“, der 1930 die Konzepte Le Corbusiers vermitteln sollte (Rampe zum Dachgarten der Villa Savoye, Filmstill, Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Das Haus als Experimentierfeld

Im frühen 20. Jahrhundert wurde das freistehende Einfamilienhaus zum architektonischen Experimentierfeld. Es war Frank Lloyd Wright, der das bürgerliche Wohnhaus neu auf die Natur bezogen hat. Statt eines geschlossenen Grundrisses durchbrachen seine Räume die imaginäre Außenlinie und stießen in die Umgebung vor. Entscheidend war dabei der Baustoff Glas, wie es Laura Rehme in ihrem Beitrag aufzeigt: Anhand von Filmen, die Ideen von Walter Gropius und Le Corbusier vermitteln sollten, wird die Rolle des Fensters besonders deutlich. Während die Landschaft bei Wright durch großzügige Glasflächen eher indirekt als Bild inszeniert wurde, öffnete man das Haus in der Folge immer stärker zur Natur. Balkone, Terrassen und Loggien schufen nun eine direkte Verbindung zum Außenraum.

Hatte noch das Bauhaus seine weißen Kuben als Kontrapunkte in die Landschaft gesetzt, so legte Le Corbusier in seinem Fünf-Punkte-Programm bereits 1926 die Eigenschaften eines neuen Hauses fest. Nun schwebten die Bauten auf Stützen über dem Boden, entfalteten offene Grundrisse und verglaste Fassaden. Auf ihren flachen Dächern fanden sich Gärten oder Sonnenterrassen. Ein solcher „Ort des Durchgangs und Übergangs“ war der Deutsche Pavillon zur Weltausstellung in Barcelona (1928-29) von Ludwig Mies van der Rohe. Wie schon bei Wright und dann bei Le Corbusier, geht es in Barcelona um die Expansion eines winklig verschränkten Baukörpers in den umgebenden Raum. Sein offener Grundriss markiert den Beginn einer funktionalen Gliederung: Das gesamte umbaute Volumen versteht sich nun als ein zusammenhängendes Kontinuum, das den Außenraum einbindet. Licht, Sonne, Luft und Grün sind die Gebote der Stunde.

Dieter Urbach: Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, Fotocollage, 1971 (Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Maximilian Kraemer und Oliver Sukrow stellen zwei Großstrukturen in Ost und West vor (Dieter Urbach, Visualisierung von Josef Kaisers Großhügelhaus, Fotocollage, 1971, Bild: © mit freundlicher Genehmigung des Josef-Kaiser-Archivs Dresden)

Zaghafter Neubeginn

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren bestimmt vom Wiederaufbau der zerstörten Städte. Wohnungsnot, Mangel an Baumaterialien und Arbeitskräften schufen einfache und sparsame Lösungen. Den miserablen Wohnverhältnissen der Vorkriegsjahre begegnete man jetzt mit dem Leitbild der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“. Diese Vorstellung griff teilweise auf das frühe 20. Jahrhundert zurück, von den funktionalistischen Stadtvisionen eines Le Corbusier bis zur Gartenstadtidee. Dennoch beschränkte man sich oft auf geschlossene Zeilen, Reihen oder Würfel, die sich so von den Grünflächen und parkähnlichen Landschaften abgrenzten. Neue Vorbilder suchte man zunächst in Nachbarländern wie Skandinavien und der Schweiz: Lebendige Grundrisse öffneten sich stärker zum Außenraum. Loggien und Balkone sollten eine Fassade nicht nur schmücken und gliedern, sondern die Wohnfläche bereichern und ergänzen. Gegenüber dem sozialen und wirtschaftlichen Massenwohnungsbau der Vor- und Nachkriegsjahre bildete das Einfamilienhaus hier eine utopische Denkfigur. Solche Experimente beeinflussten schließlich auch den mehrgeschossigen Wohnungsbau.

In den 1960er Jahren entdeckten die Architekten neue Formen – und die Topografie. An die Stelle der schlichten Zeilen- und Reihenbauten traten in Höhe und Grundriss differenzierte, urbane Großstrukturen. Um einer Zersiedelung entgegenzuwirken, verdichtete man auch das Einfamilienhaus zu Ketten- oder Gruppenstrukturen. So entstand eine Alternative zum freistehenden Einfamilienhaus, aber auch zum starren Geschosswohnungsbau in Zeilenform. Spezielle Gebäudetypen kombinierten nun Terrassen-, Hügel-, Winkel- und Atriumhäuser sowie Bungalows. Die Artikel von Oliver Sukrow und Maximilian Kraemer stellen zwei solche Großstrukturen in Ost und West vor, welche die Individualität des Einfamilienhauses auf den Geschosswohnungsbau zu übertragen suchten. Diese neuen, eher privaten Freiräume wurden unmittelbar den Wohnflächen zugeordnet: als „Zimmer im Grünen“.

Marl, Hügelhaus I (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 2.0, 2017)

In ihren Beiträgen beschreiben Alexander Kleinschrodt und Daniel Bartetzko eine besondere Wohnform von durchgrünter Dichte (Marl, Hügelhaus I, 1965–1967, Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 2.0, via flickr.com, 2017)

Terrassen und Hügel

Die Idee eines hochwertigen privaten Außenraums wurde im verdichteten Wohnungsbau, in den Terrassen- und Hügelhäusern, am konsequentesten umgesetzt. Wo die örtliche Topografie nicht genutzt werden konnte, musste das Gebäude selbst einen Hügel erzeugen, wie Alexander Kleinschrodt in seinem Artikel über das Hügelhaus in Erftstadt-Liblar schildert. Ein weiteres prominentes Beispiel dieser außergewöhnlichen Wohnform bilden die Hügelhäuser in Marl von Roland Frey, Peter Faller und Hermann Schröder (1964/1966–82), die ebenfalls eine hohe Wohndichte mit den Vorteile eines Einfamilienhauses verknüpften: Die Erdgeschosswohnungen verfügten über Terrassen oder Gartenhöfe, die Obergeschosse über Balkone oder Terrassen, wobei die nach oben abnehmende Gebäudetiefe vor den Blicken neugieriger Nachbarn schützte. Daniel Bartetzko geht im Interview mit der Bewohnerin Karin Derichs-Kunstmann den Qualitäten dieser Wohnarchitektur nach.

„Das Haus war die Werkstatt, in der sich die Lebenskultur erneuern sollte“, so Wolfgang Pehnt über den Wohnungsbau des 20. Jahrhunderts. Und tatsächlich spielte in nahezu jeder modernen Reformbewegung das einzelne Wohnhaus eine entscheidende Rolle. Es wurde zum Experimentierfeld für neue Gestaltungsideen, Konstruktionsformen und Gesellschaftskonzepte. Noch heute zeigen die Terrassen, Höfe und Dachgärten der Nachkriegszeit, wie es der Fotograf Steffen Fuchs für dieses Heft eingefangen hat, dass sich Gemeinschaft und Individualität nicht ausschließen müssen. Was die Öffnung zur umgebenden Landschaft in jedem Fall auslöste, war eine höhere Identifikation mit dem jeweiligen Wohnort. Bis heute ist die raumbildende und raumgliedernde Integration von ‚Grün‘ unverzichtbar. Grüne Räume, die durch Gebäude erst gebildet werden, eröffnen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten für eine humanere Umwelt.

Heidelberg, Fritz-Frey-Straße 2 (Bild: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, Juni 2020)

Der Fotograf Steffen Fuchs porträtiert in Heidelberg die bleibend hohe Wohnqualität durch Balkone der Nachkriegsjahrzehnte (Heidelberg, Fritz-Frey-Straße 2, Bild: © Steffen Fuchs, Institut für Europäische Kunstgeschichte, Universität Heidelberg, Juni 2020)

Literatur

Pehnt, Wolfgang, Deutsche Architektur seit 1900, München 2005.

Meyer-Bohe, Walter, Neue Wohnformen. Hang-, Atrium- und Terrassenhäuser, Tübingen 1970.

Hölz, Christoph/Schubert, Gabriele, Freiräume – Häuser, die Geschichte machten 1920 bis 1940, München 1998.

Hopfner, Karin/Simon-Philipp, Christina/Wolf, Claus, größer höher dichter. Wohnen in Siedlungen der 1960er und 1970er Jahre in der Region Stuttgart, Stuttgart 2012.

Jungk, Robert/ Filmer, Werner (Hg.), Terrassenturm und Sonnenhügel. Internationale Experimente für die Stadt 2000 (3 Fernsehsendungen des WDR „Modelle für die Zukunft“), Düsseldorf 1970.

Titelmotiv: Frankfurt-Römerstadt (Bild: Hans Jan Dürr)

Sommer 2020: Draußen wohnen

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

LEITARTIKEL: Die Befreiung des Wohnens

Alexandra Apfelbaum über die Öffnung der Architektur zur Natur.

FACHBEITRAG: "Wie wohnen?" 1901–27

FACHBEITRAG: „Wie wohnen?“ 1901–27

Alexandra Vinzenz über die großen Wohnbau-Ausstellungen der 1920er Jahre.

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

FACHBEITRAG: Paradiese aus Glas?

Laura Rehme über Bilder des Wohnens im dokumentarischen Film.

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

FACHBEITRAG: Waldparksiedlung Boxberg

Maximilian Kraemer über Heidelbergs eigentliche Sehenswürdigkeit.

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

FACHBEITRAG: Megastruktur im Park

Oliver Sukrow über die visionären Großwohneinheiten von Josef Kaiser.

PORTRÄT: Dachgärten für alle

PORTRÄT: Dachgärten für alle

Alexander Kleinschrodt über das Hügelhaus in Erftstadt-Liblar.

INTERVIEW: "Fotogen sind diese Gebäude definitiv"

INTERVIEW: „Fotogen sind diese Gebäude definitiv“

Karin Derichs-Kunstmann im Gespräch mit Daniel Bartetzko über die Wohnhügel von Marl.

FOTOSTRECKE: Balkone in Heidelberg

FOTOSTRECKE: Balkone in Heidelberg

Steffen Fuchs porträtiert die luftige Seite Heidelbergs.

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