„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

von Hajo Eickhoff (17/4)

Schon Ende des vergangenen Jahrhunderts wirbt ein IT-Unternehmen: „In unserem Unternehmen herrscht Gehverbot.“ Die Software ist so gut, dass sich niemand vom Sitz erheben muss. Sitzen auf Stühlen ist die zweifache Abknickung des Körpers und das Ruhen auf einer unterschenkelhohen Ebene. Das Erheben ist mühevoll und die Unbeweglichkeit schwächt Kreislauf, Muskulatur und Atmung, stört Stoffwechsel und Bewegungsabläufe, weitet das Denken und blockiert das Fühlen. Erst diese Erkenntnis führt zu Maßnahmen, die Sitzende entlasten sollen. In Büros werden raffinierte Stühle, neue Halteformen und alternative Arbeitsplatzkonzepte erprobt: das Stehen am Pult, der Wechsel von Stehen und Sitzen sowie unterschiedliche Arten eines dynamischen Sitzens.

Nur einer darf auf den Thron

Neben dem Stuhl als Werkzeug, das organische, nervöse, orthopädische, emotionale und psychische Beeinträchtigungen mit sich bringt, schwingt in jedem Sitzenden unbewusst eine Kulturgeschichte mit. Diese ist geeignet, den Kern des Zivilisationsprozesses anschaulich zu machen: den Prozess der Demokratisierung. Archaische Gemeinschaften erwählen aus ihrer Mitte einen Mann, setzen ihn auf den Thron und nennen ihn König. Er ist der einzige, der diese Haltung einnehmen darf. Auf dem Thron gibt er der Gemeinschaft nun Wert, Mitte und Richtung. Er gilt als unantastbar, einheitsstiftend und mächtig. Er erhält Privilegien und herrscht über seine Untertanen, doch seine Haltung ist zugleich eine Haltung der Ohnmacht. Er muss seinen Bewegungsdrang und seine Emotionen unterdrücken und aufrecht sitzen. Seine bizarre Körperhaltung soll geistig-spirituelle Fähigkeiten ausbilden, um mit kosmischen Mächten zu verkehren und daraus Nutzen für die Gemeinschaft zu ziehen.

Im Alltag der Antike spielen Stühle keine Rolle. Die Ägypter hocken auf dem Boden, sind aber die Erfinder der Sitzstatue und prachtvoller Pharaonenthrone. Die Griechen zeigen auf ihren Vasen vier Stuhltypen: Klismos, Diphros, Tronos und Hedra. Allerdings gibt es für sie keine Belege, erhalten sind lediglich steinerne Theatersitze. Die Römer kennen den römischen Kaiserthron, die Sella curulis, und das zweisitzige Bisellium, auf dem verdiente Senatoren für eine Zeit allein sitzen dürfen.

Wer sitzt, hat Macht und Einfluss

Das heutige Sitzen auf Stühlen entsteht im Christentum. Neben dem Papstthron und Bischofssitzen, Abwandlungen der Sella curulis, haben Mönche im 11. Jahrhundert das geweihte Chorgestühl mit Klappsitz entwickelt, das Vorbild für Theater-, Kino- und Hörsaalgestühle. Erst danach sind die Bürger an der Reihe. Die Ratsherren haben sich im 14. Jahrhundert das Recht auf chorstuhlähnliche Sitze in der Kirche erkämpft – die ersten ungeweihten Stühle, denen aber das Entscheidende fehlt: der klappbare Sitz.

Das Sitzen auf Stühlen im Alltag ist eine Erfindung Europas. Seit dem 13. Jahrhundert hat das Bürgertum mit dem Aufschwung von Handel, Handwerk und Wissenschaft an politischem Einfluss gewonnen. In der Renaissance maßen sich Ratsherren und wohlhabende Kaufleute die Machtgeste thronender Könige an. Wer sitzt, hat Macht und Einfluss. Von hier ausgehend, dürfen immer mehr Bürgerschichten sitzen, bis in der Französischen Revolution jeder das Recht erhält, einen Stuhl zu besetzen. Das Ende der Demokratisierung: vom Thronen des einen zum Sitzen aller. Sitzen ist ein Bild der Macht und der Stuhl ein Werkzeug, das dem Sitzenden eine bürgerliche Form der Disziplin antrainieren soll. Da der Stuhl auch für das Berufsleben vorgesehen ist, nehmen die Bürger den Tisch zu Hilfe und machen die Dreiheit aus Tisch, Sitzendem und Stuhl zu einer mächtigen Produktivkraft.

Ein neuer Stuhl muss her

Die Schule übernimmt die Aufgabe, ins Sitzen einzuüben. Nach und nach wachsen die Schüler in den Stuhl hinein und werden sitzend diszipliniert. Sie lernen, diejenigen Sinnesreize auszublenden, die den Lernprozess stören, bis sie in der Lage sind, sich auf abstrakte Gedanken und logische Operationen zu konzentrieren. Dieser Fähigkeit stehen Handikaps gegenüber wie körperliche Unbeweglichkeit, kontrollierte Emotionen, ein schwaches Atemvermögen, atrophierte Muskeln und ein geringer Energiehaushalt. So findet im Sitzen eine Verlagerung vom Leib auf den Geist statt, die es zu einer Form der Sedierung macht. Nicht zufällig ist das Grundwort für „sitzen – sedere“ besänftigen.

Wenn auch mit der Französischen Revolution jeder sitzen darf – es gibt kaum Stühle. Sie sind Luxusobjekte, Imitationen meist antiker Throne, gefertigt in Handarbeit und aus edlen Materialien, teuer und schwerfällig. Daher wird ein neuer Stuhltyp gesucht: ein Bürgerstuhl, der massentauglich ist. Keine leichte Aufgabe, stellte doch noch Mies van der Rohe fest: „Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer.“

Dem Tischlermeister Michael Thonet aus Boppard am Rhein, der mit dem Biegen von Holz experimentiert, glückt mit seinem neuen Verfahren ein alternativer Stuhl: der Wiener Kaffeehaus-Stuhl. Dieser ist leicht, braucht wenig Holz, erinnert nicht an Throne und adlige Stühle und ist bezahlbar – ein echtes Massenprodukt. Doch woher stammt der Name? Die Familie Thonet erhält von Banken keine Kredite mehr. Deshalb springt der Kaiser Franz Joseph I. in Wien ein und fördert das Projekt bis zum fertigen Stuhl. Das Ergebnis ist eine weltweite Sensation. Zugleich leitet es von Wien aus die Kaffeehauskultur ein, die dem Bürgertum zur Bühne seines politischen Kampfes gegen Adel und Kaiserreich wird.

Einzelstück oder Massenprodukt

Mit der Etablierung des Sitzens wird rasch deutlich, dass der Mensch weder für eine solche Haltung noch für eine solche Unbeweglichkeit geeignet ist. Er braucht regelmäßiges Bewegen, weshalb seit Mitte des 19. Jahrhunderts Orthopäden an den unerwünschten Begleiterscheinungen arbeiten. Beim ersten Modell, dem Staffelstuhl von 1884, soll eine federnde Rückenlehne in jeder Position stützen, was fehlschlägt. Einige experimentieren mit der Rückenlehne, andere mit der Sitzebene. Seitdem wird der Stuhl in immer aufwändigeren Experimenten zum Hightech-Gerät mit Hebeln, Motoren und raffinierter Software. In der Arbeitswelt wird aus dem Vierbeiner bald ein Objekt auf fünf Rollen: der moderne Bürostuhl.

Nach dem Wiener Kaffeehaus-Stuhl leitet Ende des 20. Jahrhunderts ein Billigprodukt eine zweite Welteroberung durch den Stuhl ein: der Monobloc-Stuhl für Garten, Café und andere Bereiche. Obwohl die Thonets jährlich etwa eine Millionen Stühle produzierten, reichte es nicht zu einem Stuhl für jedermann. Dagegen wird der Monobloc jährlich milliardenfach produziert, wodurch der Mensch moderner Gesellschaften potenziell über etwa drei Dutzend Sitze verfügt.

Macht Euch locker!

Der Mensch, der immer und überall sitzen will und muss, ist zum Homo sedens geworden. Seine Abhängigkeit kann er überwinden oder zumindest bewältigen, wenn er sie, wie einst Könige, zum Ritual mit einem hohen ästhetischen, moralischen und spirituellen Wert macht. Nicht von ungefähr nimmt der geknickte Mensch eine melancholische Gefühls- und Körperhaltung ein. Er hat eine Richtung, aber er sitzt fest, er ist blockiert. Das scheinbar banale Sitzen, einst die Spiritualisierung des Königs, wirkt hemmend auf Intellekt und Geistesgegenwart. Konzepte für Stühle, moderne Büroarbeitsplätze und Homeplaces bleiben hilflose Versuche, wenn wir nicht unser Denken und Fühlen lockern, körperliche und geistige Haltungswechsel wagen und tätig in die Zukunft schreiten.

Titelmotiv: Monobloc-Stuhl (Bild: Frank Vincentz, CC BY SA 3.0)

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

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Sitzen im Bonner Loch

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Sitzen mit Wolfgang Voigt

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Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

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Sitting in Motion

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Sitzen im Fußballstadion

von Matthias Marschik (17/4)

Bis zum Ende der 1950er Jahre war die Welt im (Fußball-)Stadion zwar nicht in Ordnung, aber geordnet: Gestaffelte Eintrittspreise unterschieden zwischen guten und schlechten Plätzen, schufen eine alters-, klassen- und auch geschlechterspezifische Hierarchie. Die Trennung in Sitz- und Stehplätze wurde zum genauen gesellschaftlichen Gradmesser. Es gab teurere (auf der Längsseite) und billigere (hinter den Toren und in den Kurven) Stehplätze und noch mehr Kategorien bei den Sitzen. Wie im Theater konnte man sein ökonomisches und soziales Kapital zur Schau stellen und in symbolisches Kapital umwandeln. Den Höhepunkt bildete die gedeckte und regengeschützte Tribüne, – und dort ganz speziell die Ehrentribüne, auf der sich die Spitzen der verschiedenen Kapitalsorten auf speziellen Sitzgelegenheiten zusammenfanden.

Ungehobelte Hornbrillenträger

Dennoch, ähnlich wie in den großen Theater- oder Konzertsälen, bildete das gemischte Publikum eine große Einheit: Auf den Steh- wie Sitzplätzen unterstützte und bewunderte man das eigene Team bedingungslos. Vielfach wurde darüber geklagt, dass sich die noblen Gäste auf den teuren Rängen übler aufführten als das junge oder proletarische Publikum auf den billigen Plätzen. So waren in Wien „Stadtpelz“ und „Hornbrillenträger“ beliebte – und auch antisemitisch gefärbte – Bilder für den reichen oder intellektuellen Mob.

Hier wurde die gegnerische Mannschaft geschmäht, die eigene bejubelt oder verdammt, der Schiedsrichter beschimpft, aber auch untereinander gestritten oder sogar gerauft. Vor allem dann, wenn die Stadiongemeinschaft durch Eindringlinge in Gestalt von Auswärtsfans gestört wurde. Diese Begegnungen konnten ganz unterschiedlich ausfallen: Blieb man einmal ganz unter sich (welcher Arbeiter konnte es sich schon leisten, etwa den HSV nach München zu begleiten), konnte ein andermal die Auswärtsmannschaft sogar mehr Fans aktivieren als das Heimteam. Meinungsverschiedenheiten (meist verbal ausdiskutiert, manchmal handgreiflich ausgetragen) standen natürlich auf der Tagesordnung. Aber dennoch funktionierte das Stadiongefüge zumeist ohne größere Brüche. Saßen oder standen hier doch Menschen nebeneinander, die sich zwar nicht hinsichtlich des bevorzugten Vereins, dafür aber bezüglich ihres gesellschaftlichen Status ähnlich waren.

Träge Couchpotatoes

Bis in die 1960er Jahre bildete das Stadion ein funktionierendes, streng reglementiertes System. Es war männlich, es war „weiß“, und jeder wusste, wo er hingehört: Frauen gehörten nicht ins Stadion (oder bestenfalls auf die Ehrentribüne), Migranten und Minderheiten auf die Unterliga-Sportplätze ihrer jeweiligen Vereine, und die Mehrheitsmänner verteilten sich nach strengen Regeln im Stadion. Wurde man älter oder stieg sozial auf, wechselte man vom Steh- zum Sitzplatz, von den billigeren zu den teureren Rängen. Manche Vereinsanhänger haben so in ihrem Leben das ganze Stadionoval umrundet.

Doch in den frühen 1960er Jahren veränderte das Fernsehen nachhaltig die Sportwelt. War es anfangs der Reiz des Neuen, der die Stadien zugunsten der TV-Live-Übertragung leerte, war es bald die Bequemlichkeit, die viele zu Hause blieben ließ. Die heimische Couch schien komfortabler als der Sitz im Stadion, zumal wenn das Wetter schlecht, das Spielergebnis absehbar oder der Termin ungünstig war. Je professioneller das Fernsehen mit Farbe, Zeitlupen, Kamerawechseln, Wiederholungen, Interviews und einem informativen Rahmenprogramm wurde, desto deutlicher entwickelten sich das Erleben vor Ort und am Bildschirm auseinander: Suchten die einen noch immer die Authentizität des Stadions, bevorzugten die anderen das vielfältige Erleben des Fernsehens. Gemeinsam war ihnen – nicht erstaunlich in den konsumfreudigen „Wirtschaftswunderzeiten“ – lediglich die Bequemlichkeit. Lümmelte man zu Hause mit Bier, Chips und Zigarette auf dem Sofa, rüsteten auch die Stadien auf: Man erweiterte die Tribünen, schuf neue (ergonomische) Sitzplätze. Nun reichten die Sitzreihen fast an die Outlinien heran. Die Rangordnung blieb vorerst aber noch erhalten, wurde durch erste exklusive VIP-Tribünen sogar noch verstärkt.

Junge Wilde

Aufgebrochen wurde die Struktur erst in den 1970er Jahren, als sich der Vereinsanhänger zum fußballinteressierten Konsumenten entwickelte. Es ging nicht mehr um die bedingungslose Unterstützung des eigenen Klubs, sondern um ein attraktives Spiel. Während bei den bedeutenden Spielen das Stadion voll war, kamen zu den unwichtigeren immer weniger Zuschauer (und Zuschauerinnen). Weil die Menschen nun angelockt werden mussten, bauten Klubs und Stadionbetreiber immer bequemere Sitze für ein freilich immer passiveres Publikum. Im Gegensatz dazu galt Fußball immer mehr als Sport der Unter- und unteren Mittelschichten. Aber auch unter den verbliebenen Anhänger_innen eines bestimmten Klubs änderte sich deren Zusammensetzung: Die „besseren Kreise“ wanderten zu Sportarten wie etwa dem Tennis ab. Verstärkt wurde dies durch die Sportfeindlichkeit der 1968er, die gerade den Fußball als Teil einer entfremdeten Massenkultur ablehnten.

Am anderen Ende entstand jedoch eine neue aktive Gruppe, welche die Tradition der Anhängerschaft fortführte. Es bildeten sich jugendliche Fankulturen mit neuen Ansprüchen und einem anderen Erscheinungsbild: Kutten und Schals, Transparente und Fahnen vor allem auf den billigen Plätzen, den Stehsektoren hinter den Toren und eben in den „Kurven“. Dadurch wurde der ehemals einheitliche, nur durch Auswärtsfans gestörte Raum des Stadions aufgebrochen. Nicht zufällig sahen sich die jungen Fans nun als Sub- und Gegenkultur. Forderte die Sitzplatztribüne mehr Bequemlichkeit und bessere Unterhaltung, wollten sie vermehrte Authentizität und aktive Teilhabe. Die Klubs gerieten in die Zwickmühle: Brachte das Publikum auf den teuren Plätzen auch mehr Einnahmen, waren es doch gerade die Fans, die für Stimmung und Unterstützung sorgten.

Fans, Hooligans, Ultras

Der Konflikt eskalierte in den 1980er Jahren gleich auf drei Ebenen: Zum Ersten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen, die ihre Identifikation mit dem Klub offensiv auslegten. Zum Zweiten spaltete sich die Anhängerschaft in Fans, Hooligans und Ultras. Dies führte zu Gewalt auch innerhalb der Unterstützer_innenszene eines Vereins, besonders, als der Rechtsextremismus auf den Stehplätzen einzog. Und zum Dritten verschärften sich die Kämpfe im Stadion. Es ging nunmehr generell um die „richtige“ Art und Weise, Fußball zu leben. Der Konflikt zwischen Tribüne und Fankurve spaltete fast jeden Verein. Selbst die Entscheidung zwischen Stehen (aktiv) oder Sitzen (passiv) wurde zur Glaubensfrage. Das Stadion zeigte ein Neben-, oft sogar Gegeneinander unterschiedlicher Gruppierungen. Verein und Mannschaft reichten als Klammer nicht mehr aus.

Weil das etablierte Publikum auf den Sitzplatztribünen freilich seine Interessen durchzusetzen wusste, antworteten die Vereine baulich. Die stärkere Trennung der „Subkulturen“ führte so zu „Hochsicherheitsstadien“. Als „gewaltbereit“ und „gefährlich“ eingestufte Gruppen wurden in Käfige gesperrt, durch Zäune und Stacheldraht, durch Polizisten und deren Hunde abgeschottet, durch Ordner und Kameras überwacht. Vor allem aber schloss man Publikum und Spielfeld voneinander ab. Es war absehbar, dass diese Strategie kurzfristig funktionierte, die Eskalation längerfristig aber nur vor die Stadien verlagerte.

Hungrige Konsumenten

Kein Wunder also, dass der Fußball in den 1990er Jahren massiv kommerzialisiert wurde, dass die Auseinandersetzung um den Sport zum Kampf um Identitäten geriet. Nach schweren Unfällen – allen voran die Massenpanik von Hillsborough, als 1989 fast hundert Menschen starben und mehr als 700 verletzt wurden – strukturierte man das Publikum neu. Die Käfige wichen einer notfalls sogar zum Spielfeld offenen Organisierung. Die auf das Spiel gerichteten Fernsehkameras wurden durch auf das Publikum blickende Überwachungskameras ergänzt. Für eine solche permanente Beobachtung müssen die Stadionbesucher freilich ruhiggestellt werden: Das All-Seater-Stadion ist inzwischen in allen größeren Ligen üblich und bei internationalen Begegnungen verpflichtend. Die Fans wurden damit an die Sitzplatzkultur angepasst, aus aktiven sollten passive Konsument_innen werden.

Die 2000er Jahre veränderten die Fußballkultur und die Stadien massiv: Wenn die Vereine mit Merchandising und dem Verkauf von Fernsehrechten weit höhere Einnahmen erzielen als mit den Eintrittsgeldern, werden die Sportstätten äußerlich zwar zu architektonisch aufwändigen, nach innen aber aus- und verwechselbaren Konsumtempeln. Der Umbau zu reinen Sitzplatzstadien mit ausgedehnten VIP-Bereichen dient der Preissteigerung und der Vermarktung vor allem für Tourist_innen. Die Stimmung in den Stadien droht zu sinken, wenn vor allem junge Fans mit geringem Einkommen auf den eigenen Fernseher, auf Kaffeehäuser, Kneipen und Pubs ausweichen, während andere nur noch die unteren Ligen besuchen. Auch die Einführung personalisierter Tickets, die wochenlang vorher erworben werden müssen, lehnen viele Fans ab. Der Trend geht ganz klar in Richtung einer abgesicherten amerikanisierten Unterhaltungs- und Familienkultur. Die Zuschauer_innen jubeln kurz beim Torerfolg, konsumieren das Match ebenso wie das kulinarische Angebot und verhalten sich ansonsten wie ein Theaterpublikum mit gelegentlichem Szenenapplaus. Der Fußball selbst tritt immer mehr in den Hintergrund oder wird Mittel zum Zweck.

Künftige Stimmungs(be)sucher

Das Fußballspiel ist immer noch kein beliebiges Unterhaltungsangebot, dem wirken ganz unterschiedliche Kräfte entgegen: Zum Ersten baut das Fernsehen, besonders das Pay-TV, auf die besondere Stimmung in den Stadien. Zum Zweiten setzen immer mehr Vereine ganz bewusst auf Tradition und lautstarke Unterstützung. Und zum Dritten gibt es noch immer genügend Fangruppen, die aus dem Stadionbesuch einen Teil ihrer kollektiven Identität ziehen und damit auch um ihre Stehplätze kämpfen. Somit ist das letzte Kapitel des Themas Fußballstadion noch nicht geschrieben.

Titelmotiv: Santiago, Bernabéu Stadium (Bild: Little Savage, CC BY SA 4.0)

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

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FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

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Sitting in Motion

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FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.

Sitzen im Kino International

von Dietrich Worbs (17/4)

Die Besucher des Berliner Kinos International müssen sich eine ganze Weile durch das Gebäude bewegen, bevor sie sich im Zuschauerraum niederlassen können. Das liegt am Auftrag des Bauherrn, denn der Ost-Berliner Magistrat wollte ein gesellschaftliches Zentrum für den 2. Bauabschnitt der damaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee. Und dieses neue Kulturzentrum musste nicht nur ein Lichtspieltheater, sondern auch Stadtteilbibliothek und -klub aufnehmen. Künftig sollte das Kino DEFA-Premieren zeigen.

Stilwechsel an der Stalinallee

Mit großer Freude machte sich der Architekt Josef Kaiser (1910-1991), Leiter des Kollektivs Kaiser im VEB Hochbauprojektierung Berlin, an die Arbeit. Zusammen mit dem Stadtplaner Werner Dutschke (1919-1983) hatte er gegen sechs Konkurrenten 1958 den Wettbewerb um den 2. Abschnitt der Stalinallee gewonnen. Dutschke und Kaiser wichen erheblich von den städtebaulichen und gestalterischen Vorstellungen des 1. Bauabschnitts ab: Entstehen sollten entlang der Magistrale – im Gegensatz zu den neoklassizistischen Arbeiterwohnpalästen im 1. Bauabschnitt – moderne Hochhausscheiben.

Die Reihung der Hochhäuser wurde zwischen den Wohnbauten aufgelockert durch kleine Geschäftspavillons von Edmund Collein (1906-1992). Nördlich und südlich der Magistrale schufen Dutschke und Kaiser grüne Wohnhöfe mit Schulen und Kitas. Sie bildeten vor allem ein klares städtebauliches Zentrum an der Einmündung der Schillingstraße in die Stalinallee: mit dem Kino International, der Gaststätte Moskau und dem Hotel Berolina am U-Bahnhof Schillingstraße. Kurz gesagt, Dutschke und Kaiser führten die Moderne an der Stalinallee ein. Der 2. Bauabschnitt der Jahre 1959 bis 1965 stand in scharfen Kontrast zum 1. Bauabschnitt von 1952/53. Die SED-Parteiführung hatte Mitte der 1950er Jahre festgestellt, dass der Wiederaufbau Berlins an der Frankfurter Allee (wie die Straße ursprünglich hieß) mit traditionellen Vorstellungen nicht zu leisten sei. Nur durch die Vorfertigung und eine moderne (Städte-)Baukonzeption könne die Wohnungsnot überwunden werden.

„Raumplan“ für ein Kulturzentrum

Josef Kaiser entwarf nicht nur die zehngeschossigen Typenbauten für die Vorfertigung an der Stalinallee, sondern auch die drei Solitärbauten des Zentrums an der Einmündung der Schillingstraße: ein Ensemble aus Restaurant, Hotel und Kino. Überlegt ordnete er die drei Hauptfunktionen – Kino, Bibliothek, Klub – des International. Die Bibliothek sollte im Erdgeschoss liegen, von außen leicht zugänglich für Kinder und Erwachsene. Für das Kino war ein geräumiger Eingangsbereich mit Kassen, Garderoben und Vestibül vorzusehen, um über seitliche Treppen ins Obergeschoss zum Foyer und zum Zuschauerraum hinaufzusteigen.

Geplant war, den Zuschauerraum vom Foyer durch Schallschleusen zu betreten und im Saal durch zwei breite Gänge die Sitzreihen zu erschließen. Das Gefälle des Parketts von der obersten Sitzreihe zur untersten vor der Bühne war so zu bemessen, dass für jeden Besucher uneingeschränkte Sicht möglich sein würde. Über getrennte Treppen sollten die Besucher das Kino verlassen können. Es war vorgesehen, dass die Klubräume beiderseits des hohen Zuschauerraums über den Kino-Treppenhäusern liegen, erschlossen durch eigene Treppen, verbunden durch eine Brücke über den Schallschleusen und dem Projektionsraum des Kinos. Die ineinander verschränkten Raumbereiche von Kino und Klub sollten in einem geschlossenen, flachen, quaderförmigen Baukörper zusammengefügt werden, der auf einem Sockelgeschoss mit der Bibliothek ruht und mit dem Foyer über den Eingängen im Erdgeschoss ohne Stützen frei auskragt.

Kaiser stammte aus einer deutschböhmischen Baumeisterfamilie in der Nähe von Karlsbad. Von 1929 bis 1935 studierte er Architektur an der Deutschen TH in Prag. In diesen Jahren baute der Wiener Architekt Adolf Loos (1870-1933) hier seine letzten beiden berühmten Raumplan-Villen. Nach Kaisers eigenem Bekunden beeinflusste ihn Loos durch seine Schriften und Bauten. Dieser verschränkte Räume unterschiedlicher Höhe auf verschiedenen Niveaus, legte Wege durch diese Raumfolgen an und arbeitete mit Dunkelzonen und Lichtreizen, um die Menschen durch seine Bauten zu führen. Diese Konzeption nannte sein Schüler Heinrich Kulka den „Raumplan“. Und den nahm Kaiser offensichtlich in seiner Studienzeit auf und wandte ihn 25 Jahre später auf sein Berliner Kinogebäude an.

Der Aufstieg zum Kinosaal

Bis heute betritt der Besucher das Kino International zu ebener Erde unter dem auskragenden Foyer im Obergeschoss – ohne pompöse Freitreppe. Nach Windfang und Kassenhalle gelangt man in das niedrige Vestibül, in dessen Mitte eine Rundbank zum kurzen Verweilen einlädt. Darüber sind Hunderte von Glühlampen in eine Lichtdecke eingelassen. An den beiden Seiten sind die zwei Treppenaufgänge angeordnet, die nach einer Wendung um 90 Grad dem Licht entgegen zum oberen Foyer hinaufsteigen: Der Besucher tritt aus dem engen Schacht kommend in einen hellen, hohen, langgestreckten Raum, der sich mit einer Fensterfront zur Karl-Marx-Allee hin öffnet. Man atmet auf und sieht sich um.

Das Foyer besitzt eine Bar und eine lange Reihe von kleinen Tischen mit Stühlen an der Fensterwand. Man konnte hier schon immer vor dem Beginn einer Aufführung auf- und abwandeln oder an einem der Tischchen an der langen Fensterfront sitzen, einen Kaffee trinken, plaudern und sich auf den Film vorbereiten. Von der Karl-Marx-Allee gesehen, erscheinen die Besucher in der langen Fensterfront wie die Personen eines Films im Breitwandformat. Kurz vor der Aufführung öffnen sich dann beiderseits des Projektionsraums die Türen zum Zuschauerraum. Die vorigen Besucher haben den Saal durch eigene Treppenabgänge verlassen. Die engen und niedrigen Durchgänge in den Saal schützen vor Straßenlärm und bereiten auf etwas Neues vor: den hohen Zuschauerraum.

Der Zuschauerraum

Der Zuschauerraum fällt nach unten zur Bühne hin um zwei Meter ab, während die Decke im gleichen Maße ansteigt. Dadurch werden optimale Projektions- und Sichtverhältnisse geschaffen. Die Überraschung wird gesteigert durch die abgehängte Decke, den „fliegenden Teppich“ aus getöntem Stuck, der zur Leinwand hin in fünf Wellen ansteigt. Ein champagnerfarbener, mit Pailletten besetzter Vorhang verdeckt die Leinwand, der Fußboden zeigt einen blauen Teppichboden. Wie schon das Foyer sind auch die Seitenwände mit Stabholzleisten verkleidet, die eine gute Akustik gewährleisten.

Zwei breite Gänge führen von den Foyerschleusen zur Bühne hinunter, die nur um zwei Stufen gegenüber dem Parkett erhöht ist. 600 bequeme Sitze laden beiderseits der Gänge zum Entspannen ein. Der Zuschauerraum auf annähernd quadratischem Grundriss ist durch seine Keilform in der Horizontalen gerichtet – zur Bühne hin mit der Leinwand, auf die sich die Aufmerksamkeit der Zuschauer konzentrieren soll. Beiderseits der Bühne sind die Türen angeordnet, die sich zu den Treppenabgängen ins Freie öffnen.

Der Bau des Kinos hatte am 15. März 1961 begonnen. Am 15. November 1963 wurde das International in Anwesenheit höchster Repräsentanten von Staat und Partei mit dem sowjetischen Revolutionsfilm „Optimistische Tragödie“ feierlich eröffnet.

Die Filme im International

Zu DDR-Zeiten zeigte das Kino International je ein Drittel DEFA-Filme, Produktionen aus den übrigen sozialistischen Ländern und Streifen aus dem Westen – selbstverständlich nur ausgesuchte, wertvolle, fortschrittliche Filme, um die Werktätigen zu sozialistischen Bürgern zu erziehen. Die Besucher wussten dieses Angebot zu würdigen. Von den vielen DEFA-Premieren soll der Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer (1932-2006) erwähnt werden. Im Sommer 1966 wurde er nach einer beispiellosen Kampagne vom Kulturminister verboten, jedoch uraufgeführt und dann nach inszenierten Krawallen abgesetzt: Man sah „die Rolle der Partei und des Staates in gröbster Weise verunglimpft“, wie das SED-Politbüro parteiintern verlauten ließ. Der Film verschwand im Tresorraum der DEFA.

Nach zwei Jahrzehnten widerfuhr dem Film, dem Regisseur und seinen Schauspielern späte Gerechtigkeit: Am 23. November 1989, zwei Wochen nach der Öffnung der Mauer, wurde „Spur der Steine“ in angemessener Form im International wiederaufgeführt – im Beisein von Frank Beyer, Manfred Krug und anderen Mitspielern. Als sie nach der Vorstellung vom Künstlerzimmer aus die Bühne betraten, sprangen die Zuschauer spontan von ihren Sitzen auf und brachen in stürmische Ovationen aus. Andere DEFA-Filme – wie z. B. „Lotte in Weimar“ (Egon Günther, 1975), „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, 1979) oder „Coming out“ (Heiner Carow, 1989) – fielen nicht weniger kritisch aus als „Spur der Steine“, aber die SED wagte nicht noch einmal, ein Verbot so rüde durchzusetzen wie 1966.

Nach der Wende

Das International wurde zusammen mit dem Hotel Berolina und dem Restaurant Moskau als zentrales Ensemble des 2. Bauabschnittes der Stalinallee 1990 unter Denkmalschutz gestellt. Das hat – neben dem Kultstatus und der Qualität des Programms – sicher zur Erhaltung des Kinos beigetragen. Nach der Wiedervereinigung wurde es weiter bespielt, 1992 von der Yorck-Kino GmbH gepachtet und schließlich 1996 erworben. Seit 25 Jahren betreibt die GmbH das International als Programmkino und Veranstaltungsort für Tagungen und Feste, es ist seit 1990 Spielstätte der Berlinale. Im November 2013 feierte die Yorck-Kino GmbH das fünfzigjährige Bestehen des International gebührend mit einer Film-Retrospektive mit 500 geladenen Gästen.

Josef Kaiser hatte sein Kino – wie er 1963 äußerte – mit einem hohen Anspruch entworfen, der sich inzwischen über 50 Jahre bewährt hat: „Die architektonische Gestaltung von Filmtheatern soll heute darauf gerichtet sein, einen Ort festlicher Zusammenkunft für eine erlebnisbereite Gemeinschaft zu schaffen.“

Literatur

Worbs, Dietrich, Das Kino International in Berlin, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2015.

Titelmotiv: Kino International, Garderobenhalle, Vestibül (Bild: Eric Neuling, 2009)

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