Sitzen im Bonner Loch

von Martin Bredenbeck (17/4)

Wie sich die Bilder gleichen! Bonn, vor dem Hauptbahnhof, Mitte der 1970er Jahre eine große Baugrube, das fast schon legendäre Bonner Loch. Bonn, vor dem Hauptbahnhof, im Herbst 2017: Wo bis vor kurzem der Hotel- und Geschäftskomplex „Südüberbauung“ stand, tut sich erneut eine Baugrube auf. Nicht einmal 40 Jahre nach ihrer Fertigstellung 1978/79 ist die Gestaltung aus dem Hochbau und dem dazugehörigen abgesenkten Platz großteils abgerissen. Nach einer reichlichen Generation Abstand werden die Karten – und viel Beton – neu gemischt.

Der alte Bahnhof

Die Empfangsgebäude und Vorplätze von Bahnhöfen sind eine typische Figur des 19. Jahrhunderts. Mit dem Siegeszug der Eisenbahnen erhielten die Städte um 1850 neue Zugänge, die für den Individualverkehr immer wichtiger wurden. Diese Architekturen entwickelten sich zu einer wichtigen Repräsentationsform. Große, breitgelagerte, oft von der Schlossarchitektur abgeleitete Bahnhöfe wie in Frankfurt am Main, Mannheim und Bremen zeigen das bis heute. Auch die Ensembles um 1900 mit ihren oft malerisch asymmetrisch gruppierten Bauteilen – z. B. in Worms, Koblenz oder Hamburg – greifen herrschaftliche Stilformen auf. Immer wiederkehrend ist dabei das Motiv des Stadttors. Ein stimmiges Symbol, wurde doch die Eisenbahn zum tempogebenden Fortbewegungsmittel, das „Eingangstore“ brauchte. Den aufwendigen Bahnhöfen antworteten vielerorts Platzgestaltungen, deren Anrainer sich um eine ebenso aufwendige Architektur bemühten. Die Stadtplanung schuf die Voraussetzungen z. B. mit achsial und sternförmig auf die Bahnhöfe zulaufenden Straßen.

In Bonn verlief die Eisenbahnlinie in einem Altarm des Rheins, vorbei an der Altstadt mit ihren hochwasserfreien Erhebungen und dem prägenden Bonner Münster. Der erste Bahnhof von 1844 wurde 1884 – man bemerke die 40 Jahre – durch einen aufwendigen Neubau abgelöst, der beispielhaft die Bahnhofsarchitektur des 19. Jahrhunderts zusammenfasst. Barock- und Renaissance-Motive mischen sich mit der großen weiten Welt (ein Globus bekrönt den Mittelteil) und Lokalpatriotismus (Wappen, heute Namenszüge, der Bahnhofsstationen entlang der Strecke). Vielleicht nicht zufällig wurde dieser Bahnhof – durch die Hauptstadtrolle republikweit bekannt – als Vorbild für einen beliebten Faller-Modellbausatz ausgewählt. Die Bahnhofstraße (hier Poststraße heißend) führte zwar achsial auf den Rundbogeneingang zu, eine veritable Vorplatzgestaltung hat es im 19. Jahrhundert allerdings nicht gegeben. Obwohl vor dem Empfangsgebäude eine breite Straße entlangführte. Gegenüber dem Bahnhof entstanden zwei große Blockrandbebauungen, einzelne Häuser zeigten historistische Schmuckformen wie Eck-Erker und -Dachaufbauten, die Bürgersteige wurden von kastenförmig geschnittenen Baumreihen begleitet.

Ein Neuanfang

Anders als die historische Innenstadt blieb der Bahnhofsbereich im Zweiten Weltkrieg fast unbeschädigt. Kunstgeschichtler fanden dies bis in die 1960er Jahre durchaus bedauerlich, denn es handelte sich ja „nur“ um das 19. Jahrhunderts. Eine Neubewertung erfolgte parallel mit den großangelegten städtebaulichen Veränderungen der 1960er Jahren. Der in Wiederaufbau-, Wirtschaftswunder- und Wohlstandsjahren zunehmende Autoverkehr geriet in Konflikt mit den Straßenbahnen und Fußgängern. Der reichlich vorhandene Platz vor dem Bahnhof wurde entsprechend intensiv genutzt. Das moderne Ideal der entflochtenen Verkehrsströme geriet zum neuen Leitbild. Zwar sollte die Straßenbahn nicht aufgegeben, aber ersetzt werden durch eine sogenannte Unterpflasterbahn: ein Begriff, der offenbar in Bonn ersonnen wurde, um nicht U-Bahn zu sagen. Das 1975 in Betrieb genommene Stadtbahn-System, das heute natürlich als U-Bahn rangiert, gab und gibt der Stadt etwas Metropolenhaftes.

Neben verkehrstechnischen Notwendigkeiten darf wohl auch dieser Repräsentationswunsch als Vater der Bonner U-Bahnplanung gelten. Nach dem Mauerbau 1961 war zudem wohl die Zuversicht geschwunden, dass mit einer baldigen Wiedervereinigung auch die Hauptstadt nach Berlin verlegt werde. Und tatsächlich begann der Bund wieder mit eigenen Bauprojekten im entstehenden Bonner Parlaments- und Regierungsviertel. Verschiedene, auch neue Wohnsiedlungen rund um die Stadt mussten an die zahlreichen neuen Arbeitsplätze in der Stadt angebunden werden. Man konnte mit dem Fernverkehrszug am Hauptbahnhof ankommen, im Untergrund in die Stadtbahn steigen und im Regierungsviertel an die Oberfläche zurückkehren. Für die hauptstädtische Funktion wurde ein Bahnhofsvorplatz gar nicht (mehr) gebraucht. Und das berühmte rosa Barock-Rathaus erreichte man für die städtischen Empfänge natürlich mit dem PKW. Anders als heute erstellte man die U-Bahn damals im offenen Vortrieb, nicht mit einer Tunnelbohrung: In der Baugrube entstand die Tunnelröhre, dann schloss man die Grube wieder. Dass vor dem Bonner Hauptbahnhof neue Gebäude emporwuchsen, war für die damaligen Planer kein Problem, es traf ja „nur“ – siehe oben – das 19. Jahrhundert. Nachdem die Eigentumsverhältnisse geregelt waren, wurde hier also großzügig Platz gemacht.

Das Bonner Loch

Ohne die damaligen Planungen abstrichlos zu loben, ist ihnen doch manches zugute zu halten. Es entstand jetzt nämlich ein veritabler Bahnhofsvorplatz! Während rechts der Poststraße ein Hotelbau mit Büros und Praxen (außerdem Café, Wohnungen und weiterer Gastronomie) errichtet wurde, hielt man den linken Block großteils frei. Erst zur heutigen Thomas-Mann-Straße hin sollte abschließend noch ein Hochbau entstehen, zu dem es aber nicht mehr kam. Als der U-Bahnknotenpunkt „Hauptbahnhof“ 1979 (pünktlich zur Bundesgartenschau) fertiggestellt war, wurde die Baugrube in eine terrassierte Platzanlage umgestaltet. Sie verband die Innenstadt direkt mit der U-Bahn, zum anderen entstand der Charakter eines öffentlichen Platzes: abgetrennte, kleinmaßstäbliche Abschnitte für den Aufenthalt, eine aufwendige Brunnenanlage (die auch als Wasserspielplatz diente), großformatige Blumenkästen, Bäume, Zugang zu öffentlichen Toiletten und zu einer Tiefgarage etc. Ganz besonders hervorzuheben sind die großen Stufen zum Bahnhofsgebäude hin. Mit Holzbänken ermöglichten sie neben dem Sitzen – z. B. Warten auf Züge oder Verabredungen – auch eine Nutzung als Freiluft-Theater.

Deutlich sind freilich die Unterschiede zum 19. Jahrhundert. Besonders die Eintiefung und Asymmetrie waren den Seh- und Benutzungsgewohnheiten fremd. Die hier also positiv geschilderten Platz-Merkmale stießen damit auf viel Unverständnis. Zudem blieb der Name „Bonner Loch“ – ursprünglich für die Baugrube gemeint – an der Neugestaltung hängen. Viele hatte der Abriss der historistischen Bauten tief verletzt. Hier äußerte sich eine öffentliche Meinung, die symbolisch im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 ihren Ausdruck fand. „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ lautete das Motto, und diese Vergangenheit war nun eben auch das 19. Jahrhundert, wiederentdeckt von Kunstgeschichte und Denkmalpflege, von Hausbesetzern, Kulturbürgern, Kapitalismuskritikern und vielen anderen. Während vor dem Bahnhof ein moderner Stadteingang geformt wurde, warb die „Aktion Gemeinsinn“ mit ihrem berühmten Plakat: ein dramatisch schwarz ausgestrichener Altbau in einer intakten Häuserzeile. Das saß!

Ein Nachruf

Obwohl Bonn erst in den 1970er Jahren wirklich einen Bahnhofsplatz erhalten hatte, konnte dieser die breite Öffentlichkeit nicht überzeugen. Das Stimmungsbild wandelte sich noch während der Bauarbeiten, der Platz und die Südüberbauung waren im Grunde schon von der Zeit überholt. Heute sind wir immer noch stark vom Denkmalschutzjahr 1975 geprägt, sehen „Altbauten“ als positives Qualitätsmerkmal. Die Neubewertung der Altbauten der jüngeren Generation – und das sind jetzt die Anlagen der 1960er und 1970er Jahre! – ist im Gange, aber langsam. Mit der Zeit suchten sich die Menschen andere Habitate als den unattraktiv scheinenden Bahnhofsvorplatz der 1970er Jahre. Die freigewordene Nische wurde – da es ja gut nutzbar war! – von anderen Gruppen belegt, über die das gepflegte Bürgertum normalerweise hinwegsehen will: Obdachlose und die Drogenszene. Solche Anmutungen blieben ebenso hängen wie der unvorteilhafte Name. „Ein Platz kann kein Loch sein“ – schade, dass das Wort die gestalterische Qualität völlig überdeckte.

Die Geschichte der Veränderungen begann schon mit der Einweihung in den späten 1970er Jahre. Friedrich Spengelins Konzeption wurde schon gar nicht vollständig umgesetzt: Der Hochbau, der seitlich des Bonner Lochs hätte folgen sollen, wurde nicht mehr errichtet. Hier blieb nur ein – zugegebenermaßen überarbeitungswürdiger – Parkplatz. Viele Vorschläge für eine Neufassung des Platzes – darunter die berühmte Ungers-Halle, mit der Bonn einen attraktiven postmodernen Bau erhalten hätte – wurden in Ratssitzungen, Ausschüssen, Bürgerwerkstätten und Leserbriefen quasi ad nauseam diskutiert. Durchringen konnte man sich nicht. Die Pflege des Geländes wurde immer weiter zurückgeschraubt. Leider überdeckte das auch viele positive Erinnerungen, denn im Bonner Sommerkulturprogramm hatte es hier in den 1980er Jahren mehrere öffentliche Konzerte gegeben. Eine Tradition, an die die Stadt in den 2010er Jahren anknüpfte und das Gelände als „Klanggrund Bonn“ neu zu etablieren suchte.

In einem Vortrag auf dem Kunsthistorikertag Würzburg 2011 hatte der Verfasser dieser Zeilen daher noch eine Hoffnung ausgesprochen: dass sich ein Mangel an Geld und Entschlussfreudigkeit gemeinsam mit einer langsamen positiven Neubewertung dann doch als bester Denkmalschutz für die 1970er Jahre erweisen würden. Eine gründliche Reinigung hätte dem Gelände ebenso gut getan wie eine teilweise Überarbeitung. Doch der Bonner Stadtrat folgte letztlich dem Primat des Geldes und veräußerte das Areal zur Neugestaltung an einen Investor. Die über 30 Einzel-Eigentümer der Südüberbauung konnte ein zweiter Investor – wahrscheinlich in mühsamer Kleinarbeit und mit reichlich Geld – allesamt zum Verkauf bewegen. Ihr Abriss erfolgte bis Herbst 2017 – und da ist sie nun wieder, die eingangs erwähnte Baugrube. Vom Gebäude wurden immerhin Andenken geborgen, z. B. das Schild des ehemaligen Hotels Continental. Vom Platz wird voraussichtlich nichts erhalten bleiben. Er wird weitgehend überbaut.

Platz machen?

Plätze werden gemacht, gebaut, sie „entstehen“ aber auch, indem wir sie mit Sinn und Leben erfüllen. Was nun vor dem Bonner Bahnhof gebildet wird, schließt an die Blockbebauung des 19. Jahrhunderts an. Der Blick auf den Mittelteil des Bahnhofs wird vom der oberen Poststraße her wieder eingerahmt durch zwei Neubauten. Der Bildausschnitt gipfelt wieder im markanten Eingangsbereich mit dem großen Rundbogen. Das könnte durchaus interessant werden! Fraglich bleibt, ob die neuen Einkaufsmalls (dazu auch Wohnraum, Büros und Praxen) ein attraktives Angebot an öffentlichem Raum setzen können. Es steht zu erwarten, dass die neuen invenstorenoptimierten Platzflächen überwiegend gastronomisch genutzt werden. Ob und wie die notwendige U-Bahnanbindung mit einer Aufenthaltsqualität in Konflikt gerät, wird sich erst zeigen müssen. Das Bonner Loch, nennen wir es liebevoll so, besaß als offizieller Platz auch eine gewisse Großzügigkeit, eine konsumfreie Aufenthaltsqualität (welch Wortspiel angesichts der später hier angesiedelten Drogenszene). Ob uns diese Offenheit auch auf den neuen Plätzen vor dem Bonner Bahnhof zuwachsen wird, haben wir leider etwas weniger selber in der Hand als die von vielen verweigerte Nutzung eines Platzes, der nun verschwunden ist.

Und wie ging es weiter?

10. November 2017: Deutschlandfunk-Interview mit Julius Reinsberg über das neue mR-Heft und den Beitrag von Martin Bredenbeck zum „Bonner Loch“

Rundgang

Literatur (Auswahl)

Huntscha, Philipp Frederik, Bahnhofsvorplatz (Architekturführer der Werkstatt Baukultur Bonn), Bonn 2017.

Bredenbeck, Martin, Zwischen Bonner Loch und Stadthaus. Gedanken zur Stadtbaukunst der Nachkriegszeit in Bonn, in: Franz, Birgit/Meier, Hans-Rudolf Meier (Hg.): Zerstörung und Wiederaufbau. Stadtplanung nach 1945. Denkmalpflegerische Probleme aus heutiger Sicht, Holzminden 2011, S. 120-129.

Denk, Andreas/Flagge, Ingeborg, Architekturführer Bonn. Architectural Guide, Berlin 1997.

Informationen zur Bürgerwerkstatt Viktiorakarree, Bonn.

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

LEITARTIKEL: Hajo Eickhoff über eine moderne Beweglichkeit.

Sitzen im Fußballstadion

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FACHBEITRAG: Matthias Marschik zwischen Nordkurve und Souvenirstand.

Sitzen im Kino International

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FACHBEITRAG: Dietrich Worbs unterwegs zum Kinosessel.

Sitzen im Bonner Loch

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck über (ehemals) konsumfreie Räume.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

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INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

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PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

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FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.

Sitzen mit Wolfgang Voigt

Nicht genug, dass das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt moderne Architekturgeschichte ausstellt – es ist auch selbst Ort moderner Architekturgeschichte. Bis 1984 leitete Oswald Mathias Ungers den Umbau einer historischen Villa zum vielbeachteten Gesamtkunstwerk. Im Herzen dieses erneuerten Innenlebens findet sich das Auditorium, der Vortrags- und Veranstaltungsraum des Museums. Und hier, genau hier auf den von Ungers entworfenen Stühlen, sprach moderneREGIONAL mit Wolfgang Voigt, dem langjährigen stellvertretenden Direktor des DAM.

mR: Herr Voigt, Hand aufs Herz: Sitzt man auf Ungers Stühlen bequem?

Wolfgang Voigt: Dazu fällt mir ein schönes Zitat von Heinrich Klotz ein, dem Gründungsdirektor des DAM. Er hat als Bauherr auch diese Stühle bestellt. Als er sie zum ersten Mal als Prototypen sah, hat er in sein Tagebuch geschrieben: „Sie sind nicht eigentlich bequem, aber doch sehr schön.“ Das bezeichnet genau den Konflikt, den wir hier haben. Ich habe in meinen 18 ½ Jahren hier am Museum einige Klage über die Stühle gehört. Das ist so etwas wie der Running Gag des Hauses. Man kann darauf aber durchaus gut sitzen, wenn man den Rücken fest an die Lehne presst und gerade sitzt. Dann gibt es keine Rückenschmerzen, ich würde sogar sagen, dass es gesund ist. Aber es ist natürlich keine relaxte Haltung, ganz klar. Aber apropos Bequemlichkeit: Es gibt auch von anderen berühmten Designern und Architekten Stühle, die nicht bequem sind, weil sie Formalismen darstellen. Anlässlich der Werkbundausstellung von 1914 gab es eine hübsche Karikatur: „Van de Velde schuf den individuellen Stuhl, Muthesius die Stuhltype und Schreinermeister Heese den Stuhl zum Sitzen“. Oder denken Sie an Gerrit Rietveld und seinen Red and Blue Chair. Der huldigt der Farbe, dem Rechteck, dem rechten Winkel und dem rohen Material. Stehen Sie aus diesem Stuhl erst einmal wieder auf – das ist nicht angenehm!

mR: Was zeichnet das Auditorium des DAM aus?

W. Voigt: Das Auditorium ist ein geradezu ikonischer Raum. Ich erinnere mich gut an die Feier im Jahr 2004 anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Hauses. Ungers lebte damals noch und war gekommen, ebenso Charles Jencks, der große Autor der Architekturpostmoderne. In seiner Rede sagte er den bemerkenswerten Satz: „This is a church of architecture.“ Das trifft es! Das sind Stühle zur Andacht. Wenn man sie zu einer Reihe zusammenstellt, ist es fast eine Kirchenbank. Das Auditorium ist keine Wellnessoase. (lacht) Wenn wir aber Besucher aus Asien und Nordamerika haben, kommen die wenigsten, weil sie eine bestimmte Ausstellung sehen wollen. Sie wollen das Museum sehen. Sie interessiert das berühmte Haus im Haus. Und natürlich auch das Auditorium. Also auch, wenn diese Räume reiner Formalismus sind und nicht funktional, sind sie das große Kapital des Museums.

mR: Also ein gelungener Entwurf?

W. Voigt: Sicherlich gelungen. Aber man bringt ein Opfer.

mR: Wenn es nicht die Bequemlichkeit ist, was macht den Reiz der Stühle aus? 

W. Voigt: Hier steht die Form vor der Funktion, das ist klar. Es handelt sich um extremen Formalismus. Aber schauen wir den Stuhl näher an. Wir sehen ein Liniengerüst aus schwarzen, dicken Holzstäben mit vier Beinen. An diesem Stuhl ist nichts geschraubt, es gibt kein Metallteil. Es ist alles handwerklich verzapft. Das ist übrigens ein Grund, dass diese Stühle hier seit 33 Jahren stehen und kein einziger Ermüdungserscheinungen aufweist. Der ganze Stuhl ist 94 cm hoch. Die Sitzhöhe beträgt 47 cm, die Lehne ebenso: zwei gestapelte Quadrate. Die Breite weicht etwas ab, was man mit bloßem Auge nicht erkennt, das verleiht dem ganzen etwas mehr Erdung. Die Lehne ist wie ein Fensterkreuz, wieder aufgeteilt in vier Quadrate mit weißer Kunstlederfüllung. Alles an den Stühlen huldigt dem Quadrat, wie überhaupt vieles, wenn nicht alles in diesem Museum. Nun gibt es Architekten, die fragen: „Was hatte der Ungers eigentlich?“ Der rechte Winkel hat zwar seine Berechtigung in der Architektur und macht im Planen und Anfertigen von Entwürfen Sinn. Das Rechteck, bei dem vorher das Verhältnis von Seite und Länge nicht festgelegt ist, ist dafür wie geschaffen. Das Quadrat legt dagegen so viel fest, dass nicht viele Möglichkeiten bleiben. Aber genau das faszinierte Ungers. Ich denke, er wollte zeigen, dass die Architektur Regeln braucht. Das auszudrücken, hat er geschafft.

mR: Was ist Ihr Sitzrekord?

W. Voigt: Ich habe die Stunden nicht gezählt, aber hier durchaus schon ganze Tage zugebracht. Danach braucht man einige Zeit, um wieder zu sich zu kommen. Wir haben der Bequemlichkeit aber eine Konzession gemacht, indem wir schwarze Kissen auf die Sitzfläche legen, die zumindest etwas mehr Komfort bieten.

mR: Sie selbst haben einen der Auditoriumsstühle in Ihrer Wohnung – was hat es damit auf sich? 

W. Voigt: Ich habe hier die Architekturgeschichte vertreten. Das Museum hat mir mit dem Stuhl ein sehr schönes Abschiedsgeschenk gemacht – oder eigentlich eine lebenslange Dauerleihgabe an mich, ich habe einen entsprechenden Vertrag unterschrieben. Leute wie ich haben viele Bücher und leider immer mehr Dinge als Platz dafür. Ich muss gestehen: Derzeit ist der Stuhl bei mir eine Bücherablage.

 mR: Liegt das an der Konkurrenz bei Ihnen zu Hause? 

W. Voigt: Ja, ich habe den Grand Repos Sessel von Jean Prouve. Das ist der Entwurf von 1932, den man auch den Katapultstuhl nennt. Er ist in sich beweglich und man kann sich in eine schöne und unerwartet bequeme Ruheposition gleiten lassen.

Das Gespräch führte Julius Reinsberg.

Dr.-Ing. habil. Wolfgang Voigt, * 1950, Studium der Architektur in Hannover, verschiedene wissenschaftliche und redaktionelle Tätigkeiten und Lehraufträge, von 1997 bis 2015 stellvertretender Direktor des DAM, seit 2016 tätig als freier Architekturhistoriker, stellvertretender Sprecher der Föderation deutscher Architektursammlungen und stellvertretender Vorsitzender der ernst-may-gesellschaft.

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

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Sitzen im Fußballstadion

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Sitzen im Bonner Loch

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Sitzen mit Wolfgang Voigt

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INTERVIEW: ein Architekturhistoriker und drei Ungers-Stühle.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

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PORTRÄT: Julius Reinsberg zwischen Pomp und Bescheidenheit.

Sitting in Motion

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FOTOSTRECKE: von ergonomischen Zugabteilen und futuristischen Flugzeugsitzen.

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

von Julius Reinsberg (17/4)

„Grenzlandtheater“ – unter diesem martialischen Namen wurde das Saarländische Staatstheater 1938 eröffnet. Gut drei Jahre vorher hatten sich die Bürger des – bis dato unter Verwaltung des Völkerbunds stehenden – Saarlands in einer Volksabstimmung mit überwältigender Mehrheit für die Parole „Heim ins Reich“ entschieden. Die Nazipropaganda feierte die neue Bühne als „Geschenk des Führers“ für diesen Wahlausgang. Durch die Nähe der französischen Grenze wurde der Bau zusätzlich symbolisch aufgeladen: Das Prestigeprojekt sollte die behauptete kulturelle Überlegenheit Nazideutschlands demonstrieren. Der Bau war einer der wenigen ausgeführten Theaterneubauten des „Dritten Reichs“, verweist aber auf die Gestalt ungebauter Projekte. Die nicht realisierten Theaterbauten in München und Linz weisen zahlreiche Parallelen mit dem Bau an der Saar auf.

Lange vor der Vorstellung

Die Planung des Saarbrücker Schauspielhauses unterlag dem Architekten Paul Baumgarten, der zu den Lieblingsbaumeistern Hitlers zählte. Theaterhäuser waren seine Spezialität, auch wenn er sich hauptsächlich mit Neugestaltungen, weniger mit Neubauten befasste. So gestaltete er etwa 1934 die Deutsche Oper in Berlin um. Der Zuschauerraum erhielt eine streng neoklassizistische Anmutung und wurde mit einer „Führerloge“ ausgestattet. In Saarbrücken realisierte Baumgarten auf einem annähernd kreuzförmigen Grundriss ein monumentales Theater, dass seine städtebauliche Dominanz durch die prominente Lage am Saarufer und die vorgelagerte, weitläufige Platzanlage namens „Feld der Befreiung“ noch unterstrich. Für die Zuschauer war sie Teil der Inszenierung des Theaterabends – lange vor Beginn der Vorstellung. So mussten sie zum Theaterbesuch erst diesen Platz überqueren, dann einige Stufen zum Gebäude hinaufsteigen und die dorischen Säulen passieren, die rechts und links der Portale angeordnet waren. Im Inneren wurden sie von weiterem Pomp umfangen: das Vestibül fungierte unter dem Namen „Ehrenhalle“ und protzte mit schweren Kristalllüstern und antikisierten Sitzgelegenheiten. Blickfang war ein überlebensgroßes Hitlerportät unter goldenem Reichsadler mit Hakenkreuz.

Hatte das Publikum schließlich den Zuschauerraum erreicht, präsentierte sich dieser ähnlich monumental. Zwei umlaufende, geschwungene Ränge blickten auf eine Bühne, die ihrerzeit zu den größten und technisch modernsten in Europa zählte, wie die Propaganda nicht müde wurde, zu betonen. In der Mitte des ersten Rangs fand sich die obligatorische „Führerloge“, abgetrennt durch aufwändige Vorhänge und betont durch ein Hakenkreuz an der Brüstung, das die Symmetrieachse markierte. Während das Publikum auf im Boden fixierten Stühlen Platz nahm, deren Lehne leicht ergonomisch geformt war und deren Sitzfläche bei Nichtnutzung nach oben klappte, standen für den „Führer“ und seine Entourage barock anmutende Stühle bereit, die nicht im Boden fixiert waren.

1000 Jahre lang?

Die politische Instrumentalisierung des Baus zeigte sich deutlich zu seiner Eröffnung im Oktober 1938. Zu diesem Anlass besuchten Hitler, Goebbels und weitere Nazigrößen Saarbrücken, um der ersten Vorstellung im neuen Theater beizuwohnen: Wagners „Fliegendem Holländer“. Das Publikum spielte die ihm von den Machthabern zugedachte Rolle glänzend, lange bevor sich der Vorhang hob. Auf dem weitläufigen Platz vor dem Theater sammelte sich – ohne Aussicht auf Eintritt – eine gewaltige Menschenmenge, um dem Ereignis beizuwohnen. Im Inneren des Hauses betrat zeitgleich Goebbels die Bühne und konnte seine Rede erst nach Minuten beginnen, da der Jubel der Zuschauer nicht enden wollte. Dann erklärte er die Aufgabe, welche dem Theater im Nationalsozialismus zukomme: nicht nur „Bühne, sondern auch Tribüne der Zeit“ zu sein.

Es blieb dem Bauwerk erspart, diese Rolle wie von den braunen Machthabern geplant 1000 Jahre lang spielen zu müssen. Knapp ein Jahr nach der Eröffnung gipfelte deren Politik im Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, dessen Auswirkungen bald auch Saarbrücken trafen. Dem Theaterpublikum gab man nun samt der Programmhefte Merkblätter mit in die Vorstellung, die Verhaltensanweisungen für den Fall eines Luftangriffs gaben und den Weg zum Luftschutzkeller beschrieben. 1942 wurde das Theater bei einem Bombenangriff schwer beschädigt, 1944 schließlich der Spielbetrieb aller Theater im Deutschen Reich eingestellt.

Neue Bescheidenheit

Nach dem Ende des Kriegs wurde das Theater entnazifiziert: Die Reichsadler und Hakenkreuze verschwanden, das Haus erhielt den bescheidenen Namen „Stadttheater Saarbrücken“. Die Räumungsarbeiten übernahm teilweise das Theaterensemble selbst, dass zum Trümmerschippen Sonderschichten schob. Auch die französische Besatzungsmacht beteiligte sich am Wiederaufbau des zerstörten Hauses, ein Abriss stand nur gerüchteweise im Raum. Ein Grund dafür war sicher die nahezu unzerstörte Bühnentechnik. Die Nähe zur französischen Grenze wurde nun umgedeutet: das Haus sollte nicht mehr die Überlegenheit einer bestimmten Kultur demonstrieren, sondern kulturellen Austausch befördern. Tatsächlich standen neben deutschen auch französische Produktionen auf dem Spielplan, Gastspiele des Stadttheaterensembles wurden in Frankreich bejubelt.

Im Inneren wurde der Bau nach den Leitlinien der 1950er umgestaltet. Die ehemalige „Ehrenhalle“ wich einem schlicht möblierten Saal mit großzügigen Fensteröffnungen. Im Zuschauerraum wurde es zeittypisch plüschig: weinrote Sessel luden die Besucher ein, es sich auf den Rängen gemütlich zu machen. Die „Führertribüne“ wurde zwar entfernt, lässt sich aber bis heute erahnen: An ihrer Stelle findet sich eine geschlossene Box mit Fenstern gen Bühne, in der Technik und Bühnenbeleuchter Platz finden.

In den 1960er und 1970er Jahren öffnete sich das Schauspielhaus endgültig der internationalen Theaterwelt. Selbstbewusst nannte man sich nun „Saarländisches Staatstheater“. Unter der Intendanz Hermann Wedekinds erspielte sich die Bühne einen hervorragenden Ruf. Neben französischen Stücken lag ein Schwerpunkt auf den Werken georgischer Künstler, was im Zeitalter des Kalten Krieges noch exotischer anmutete. Saarbrücken trug dies die Städtepartnerschaft mit Georgiens Hauptstadt Tiflis ein, der Platz vor dem Theater erhielt den Namen „Tbilisser (sic!) Platz“.

Greifbar, nicht belastend

In den 1980er Jahren wurde das Staatstheater erneut grundlegend modernisiert. Verantwortlicher Architekt war niemand anderes als Gottfried Böhm, der sich in Saarbrücken bereits durch die eigenwillige, ergänzende Rekonstruktion des Saarbrücker Schlosses einen Namen gemacht hatte. Er tauchte den Zuschauerraum in helle Farben, entfernte die strengen Pfeiler auf den Rängen und gewährte mehr Beinfreiheit, indem er die Anzahl der Sitze von 1132 auf 879 reduzierte. Einzig der opulente Kronleuchter erinnert bis heute an den einstigen Pomp. Er wird eingerahmt von einem Deckengemälde des Malers Peter Schubert, welches das von den Nazis verehrten Theaterpathos ironisch bricht. Auf den ersten Blick scheinen hier die Heroen klassischer Bühnenkunst versammelt, in opulenter Rüstung herabblickend wie in manch historistischem Opernhaus. Beim genaueren Hinsehen offenbaren sie sich jedoch als schemenhafte Figuren, die nur wie durch einen Schleier wahrzunehmen sind: mehr Schein als Sein. Wer im Staatstheater sitzt, für den ist die Geschichte des Hauses greifbar. Belastend wirkt sie nicht.

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Herbst 17: Nehmen Sie Platz!

"Schwerer als ein Wolkenkratzer"

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

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Sitzen im Fußballstadion

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