FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

von Julius Reinsberg (Heft 14/2)

"Wir bauen den Sozialismus auf!", verkündet dieser Arbeiter stolz (Bild: PD)
„Wir bauen den Sozialismus auf!“, verkündet der Arbeiter stolz (Bild: PD)

„Мы строим социализм“, wir bauen den Sozialismus auf, verkündet der Arbeiter stolz. Er weist mit ausgestrecktem Zeigefinger auf seine hart arbeitenden Kollegen. Mit ganzer Kraft ziehen sie schwer beladene Loren und befeuern riesige Kessel. Der bauliche Rahmen, eine Fabrikhalle, ist zu einer Seite hin geöffnet. Hier läuft ein Schienenstrang hinaus, um sich im Horizont zu verlieren – vorbei an schematisch angedeuteter Industrie, an Umspannwerken und Feldern, auf denen ebenfalls eifrig gearbeitet wird. Wir befinden uns in der Sowjetunion des Jahres 1927. Das Propagandaplakat ist kein Einzelfall, es gibt viele weitere mit einer ähnlichen Stoßrichtung.

 

Bauen für eine „neue Gesellschaft“

Das Leben scheint sich in der UdSSR demnach in Fabriken, auf Äckern und Baustellen abgespielt zu haben. Rasch sollte aus dem landwirtschaftlichen Russland der Zarenzeit eine Industrienation werden, um die Marx’schen Utopie des Kommunismus zu erfüllen. Besonders die Großbaustellen der Retortenstädte um industrielle Kombinate wurden werbend aufgegriffen und glorifiziert. Die sich daraus ergebenden Propagandawerke hatten oftmals auch künstlerischen Wert, man denke nur an Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“. Sie entfalteten ihre Wirkung nicht nur im Inland, sondern auch in Westeuropa.

Darin lag Kalkül – so war die angestrebte Industrialisierung kaum möglich ohne ein Heer an Ingenieuren, Spezialisten, Planern und nicht zuletzt auch Architekten. Revolutionsführer Lenin erkannte bereits 1919, dass „die neue Gesellschaft“ nicht „ohne Wissen, Technik und Kultur“ errichtet werden könne. Dieser Wissensschatz liege aber „im Besitz der bürgerlichen Spezialisten“. Dies sah Lenin durchaus problematisch, denn: „die meisten von ihnen sympathisieren nicht mit der Sowjetmacht, doch ohne sie können wir den Kommunismus nicht aufbauen. Man muss eine kameradschaftliche Atmosphäre um sie schaffen.“

Verwaiste Schule in Magnitogorsk, Architekt Wilhelm Schuette (Foto: Mark Escherich)
Am Ural, im russischen Magnitogorsk, entstand unter dem deutschen Stadtbaurat Ernst May eine sozialistische Musterstadt (Foto: Mark Escherich)

Tatsächlich zog es angesichts der Weltwirtschaftskrise viele Spezialisten in die Sowjetunion, um – meist gut bezahlt in Valuta – neue Städte und Industrieanlagen aufbauen. Während das Bauen in Westeuropa vielerorts zum Erliegen kam, wurde es in der UdSSR ab 1929 durch die absurd hohen Ziele des von Stalin initiierten ersten Fünfjahrplans noch gesteigert. Die Propaganda blickte auf Magnitogorsk am Ural, wo der ehemalige Frankfurter Stadtbaurat Ernst May eine sozialistische Musterstadt baute. Oder auf die Autostadt Nižnij Novgorod, wo unter sachkundiger Anleitung der amerikanischen Firma Ford das „sowjetische Detroit“ heranwuchs.

 

Die Krone des Neuen Moskau

Doch nicht nur auf der grünen Wiese, auch in den Metropolen sollte der sozialistische Städtebau siegen. Über dessen Form war man sich uneins: Desurbanisten sahen in der Auflösung der Städte erfüllt, was Friedrich Engels nach dem Ende des Stadt-Land-Gegensatzes gefordert hatte. Die Zentralisten hingegen träumen von einem metropolenartigen Neuen Moskau. Am Ende unterlagen die Vertreter des Neuen Bauens, was die Forschung vielfach im Palast der Sowjets ausmacht.

Die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau wurde nach dem Ende der UdSSR wieder aufgebaut (Bild:  Alvesgaspar)
Die Christ-Erlöser-Kathedrale wurde 1931 gesprengt – und nach dem Ende der UdSSR wiederaufgebaut (Bild: Alvesgaspar)

Bereits 1922 erdachte man ein Bauwerk, das die Staatsideologie im Herzen der neuen Hauptstadt Moskau verkörpert – bis 1918 hatte St. Petersburg diese Funktion inne. 1931 wurde man konkret: Die sowjetische Führung rief in- und ausländische Architekten zu Entwürfen auf. Der Palast der Sowjets sollte das höchste Gebäude der Welt werden und damit das Empire State Building in New York ablösen. Als Bauplatz wählte man ein Areal am Fluss Moskva. Von der mächtigen Christ-Erlöser-Kathedrale, die hier seit 1883 stand, verabschiedete sich die politische Führung nur zu gern. 1931 wurde das Bauwerk gesprengt. Damit fiel ein Symbol für die vormals mächtige und eng mit den Zaren verbandelte Orthodoxie.

 

Ein sowjetisches Palais des Nations?

Besonders unter westeuropäischen Architekten wurde der Wettbewerb um den Palast der Sowjets euphorisch aufgenommen. Endlich wollte man im ganz großen Maßstab bauen, sich selbst und der Moderne ein Denkmal setzen. Le Corbusier lieferte einen avantgardistischen Entwurf „auf Weltniveau“, eine Wiedergutmachung für das Genfer Palais des Nations, das Haus des Völkerbunds. In Genf hatte man ihn zugunsten eines neoklassizistischen Entwurfs abgelehnt. Le Corbusier argwöhnte, dass man trotzdem viele seiner Ideen benutzte. Nun versprach die russische Ausschreibung eine zweite Chance. Wenn das Zentrum des Völkerbundes, ohnehin vielfach kritisiert, nicht für das Bauen der Zukunft stehen konnte, warum dann nicht das Zentrum der kommunistischen Welt?

Der Palast spiegelt sich in der Moskva (Bild:  kitchener.lord)
Der Palast – wie ihn Le Corbusier entwarf – sollte sich in der Moskva spiegeln (Bild: kitchener.lord)

Diese Vision zeigt Le Corbusiers avantgardistischer Entwurf für den Palast der Sowjets. Er teilte ihn in zwei – durch einen schmalen, auf Stelzen ruhenden Gang miteinander verbundene – Baukomplexe ein. Die beiden Gebäude beherbergen entsprechend den Wettbewerbsvorgaben Räumlichkeiten für Konferenzen und unterschiedlich große Massenversammlungen. Der kleinste Saal sollte 200, das große Auditorium 15.000 Personen fassen. Für letzteres reservierte Le Corbusier dann auch den dominanten Kopfbau.

Hier spannt sich ein mächtiger Betonbogen über das Auditorium, das sich mit seinen gläsernen Wänden der Umgebung öffnet und Transparenz vermittelt. Das Spiegelbild in der Moskva verstärkt den monumentalen Eindruck zusätzlich. Freiflächen vor der Halle hätten Massenkundgebungen mit bis zu 50.000 Teilnehmern aufnehmen können. Ganz im Sinne der autogerechten Stadt sollten Fußgänger und Autofahrer getrennt zum Palast gelangen. Le Corbusier vermengte damit die Vorgaben des an Masseninszenierungen interessierten Regimes mit der Formensprache des Neuen Bauens.

 

Zwischen Architektur und Skulptur

Schukos monumentaler Entwurf für den Palast (Bild: PD)
Zahlreiche russische Entwürfe – hier von Schuko – türmten Säulen und Obelisken zu gigantomanischen „Tempelanlagen“ auf (Bild: PD)

Die Jury, in der Stalin persönlich saß, jedoch sortierte Le Corbusier nach der zweiten Runde aus. Mit dem Wettbewerb wurde der Neoklassizismus mehr und mehr zum idealen sozialistischen Stil. Seit 1932 galt der Sozialistische Realismus in der Kunst als Maß aller Dinge. Auch Architektur und Stadtplanung sollten davon nicht mehr lange verschont bleiben. An ähnlichen Beiträgen mangelte es nicht: Viele russische Baumeister sandten akademische Entwürfe ein – oft mit Säulen und Obelisken überladene, gigantomanische „Tempelanlagen“.

Den Zuschlag erhielt schließlich der Russe Boris Iofan (1891-1976), der ein überdimensioniertes Denkmal entworfen hatte: sechs mit Säulen verkleidete, übereinander gestapelte Zylinder als Sockel einer riesigen Lenin-Statue. Der Besucher sollte von einem gewaltigen Propylon und heroische Skulpturengruppen an den Gebäudeecken empfangen werden. Im Inneren hätten die große Halle für 20.000 Menschen, Konferenzsäle, eine Bibliothek mit einer halben Million Bücher sowie Restaurants und Cafés Platz gefunden.

 

Stalin greift ein

Der Turmbau zu Moskau nach Iofan (Bild: PD)
Ausgewählt wurde Iofans „Turmbau zu Moskau“ (Bild: PD)

Der Diktator Stalin veränderte Iofans Entwurf offenbar mehrfach persönlich und forderte, den „Palast als Lenindenkmal“ zu betrachten. Der Bau sollte Architektur und Bildhauerei vereinen sowie dem Lenin-Kult Tribut zollen. Ursprünglich hätte lediglich die Statue eines unbekannten Arbeiters den Palast bekrönt. Schließlich wollte man neben Lenin auch Stalin auf das Dach hieven – oder den Revolutionsführer zugunsten seines Nachfolgers vom Sockel stoßen. Zuletzt sollte der Bau 415 Meter, die Statue 50 bis 70 Meter messen. Die Vertreter des Neuen Bauens reagierten entsetzt, die internationale Architektenvereinigung CIAM sandte eine scharfe Protestnote an Stalin. Dass der für 1933 in Moskau anberaumte CIAM-Kongress an die griechische Küste verlegt wurde, ist damit jedoch nicht zu erklären.

1937 begannen schließlich die Arbeiten auf der Großbaustelle an der Moskva. Sie gestalteten sich jedoch schon allein durch die geplante Baugröße schwierig und langwierig. 1939 war endlich das Fundament für den Sowjetwolkenkratzer gegossen. Er wetteiferte mit dem Großprojekt Metro, das die Moskauer damals in Atem hielt. Als Nazideutschland 1941 die Sowjetunion überfiel, ruhten die Arbeiten auf der Palastbaustelle gänzlich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet der Palast aus dem Blickfeld – Stalin verteilte den Neoklassizismus nun lieber auf die „sieben Schwestern“ – sieben Hochhäuser, die in Moskau heute den „Stalinbarock“ vertreten. Stilistisch ähneln sie Iofans Entwurf, sind allerdings in den Ausmaßen bescheidener.

 

Eine Idee macht Schule

Das Haus des Volkes heißt jetzt "Parlamentspalast" - und überragt Bukarest bis heute (Bild: Mihai Petre)
Das Bukarester Haus des Volkes heißt jetzt Parlamentspalast – und überragt die Stadt bis heute (Bild: Mihai Petre)

Nach Stalins Tod wandte sich die sowjetische Architektur vermehrt rationalen Entwürfen zu – die von Plattenbauten geprägten Schlafstädte werden bis heute mit Stalins Nachfolger Chruščev verbunden. Der Wettbewerb um den Palast der Sowjets wurde 1957 erneut ausgeschrieben. Als sich keine kostengünstige Alternative zu Iofans Entwurf fand, legte man das Projekt endgültig zu den Akten. Auf der Baustelle entstand ein Schwimmbad. Und nach dem Ende der Sowjetunion baute man die gesprengte Christ-Erlöser-Kathedrale wieder auf.

Die Idee – ein zentrales Sowjethaus, das kulturelle Aufgaben bündelt und Großveranstaltungen ermöglicht – wurde jedoch im Warschauer Pakt begeistert aufgenommen und prägt die osteuropäischen Metropolen teilweise bis heute. In Ceauşescus Rumänien kam man dem ungebauten gigantomanischen Sowjetpalast mit dem 1983 begonnenen Haus des Volkes in Bukarest sehr nahe. Der neoklassizistische Protzbau bildet heute das größte Gebäude Europas. Bedenkt man die damalige Versorgungslage in Rumänien, wird er zum makaberen Denkmal einer rücksichtslosen Diktatur.

 

Die späte Rache des Brutalismus

Das Haus der Sowjets in Kaliningrad ist heute eine Bauruine (Bild: Volkov Vitali)
Das Haus der Sowjets in Kaliningrad ist heute eine Bauruine (Bild: Volkov Vitali)

Doch es gab auch weniger prunkvolle Varianten. In Kaliningrad, dem früheren Königsberg, begann man in der 1970er Jahren mit dem Дом советов, dem Haus der Sowjets. Die Baustelle befand sich auf dem Grund des 1967 gesprengten Preußenschlosses. Das 16-stöckige Hochhaus mit dem mächtigen unverkleideten Betonsockel ähnelt Le Corbusiers Brutalismus. Doch das Projekt stand unter keinem guten Stern: Die Bauarbeiten mussten 1978 eingestellt werden, da der Boden den monumentalen Bau nicht tragen konnte. Bis heute ist das Gebäude eine Bauruine. Ob das die posthume „Rache der Preußen“ ist, wie viele Kaliningrader meinen, oder doch die des 1965 verstorbenen Le Corbusiers, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

 

Rundgang

Begleiten Sie Julius Reinsberg auf einem Rundgang durch die wechselnden Entwürfe und (un)gebaute Wirklichkeit des Moskauer Sowjetpalastes.

 

Literatur

Bodenschatz, Harald/Post, Christiane (Hg.), Städtebau im Schatten Stalins, Berlin 2003

Groys, Boris/Hollein, Max (Hg.), Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit. [Ausstellungskatalog, erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, 24.9.2003 – 4.1.2004], Frankfurt am Main 2003

Moser, Beate (Hg.), Naum Gabo und der Wettbewerb zum Palast der Sowjets in Moskau 1931-1933. [erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, 4.12.1992 – 31.1.1993], Berlin 1992

Noever, Peter (Hg.), Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalinzeit. [erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Wien, 6.4. – 17.7.1994], München u. a. 1994

Architektura Dvorca Sovetov. Materialy plenuma pravlenija SSA SSSR 1-4- ijulja 1939 goda, Moskau 1939

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Sommer 14: Gestrandete Wale

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FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

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FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

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FACHBEITRAG: Das „frappant“

von Sylvia Necker (Heft 14/2)

Das "frappant" in den frühen 1970er Jahren (Bild: privat)
Das „frappant“ nach 1973 (Bild: privat)

Mitten in Hamburg-Altona stand das „frappant“ – ein Ensemble mit Einkaufszentrum und Gewerbe- sowie Wohneinheiten – gerade einmal 40 Jahre. Als „Betonklotz“ geschmäht und als „Bausünde“ verurteilt, gehört es zu den vielen baulichen Zeugnissen der Nachkriegsmoderne, die aussortiert und in diesem Fall abgerissen wurden. Als man das „frappant“ in der Großen Bergstraße 1973 eröffnete, war sein Niedergang indes nicht vorstellbar, ganz im Gegenteil: In der lokalen Presse wurde das Ensemble – als folgerichtige Weiterentwicklung des Wiederaufbaugebiets Neu-Altona – mit einem Gala-Empfang gefeiert.

 

Wirtschaftswunderwelt in der Fußgängerzone

Hamburg gehörte zu den westdeutschen Städten, die von den Alliierten stark bombardiert wurden. Im Stadtteil Altona, im Westen und in der Nähe des Hafens gelegen, waren einige Straßenzüge komplett zerstört. Konstanty Gutschow, von den Nationalsozialisten als „Architekt für die Neugestaltung der Hansestadt Hamburg“ eingesetzt, sah sich dadurch in seiner Utopie der „neuen Stadt“ beflügelt. Noch vor 1945 legte er mit seinen Neu- und Wiederaufbauplänen den entscheidenden Grundstein für Hamburgs Nachkriegsgestalt.

Flächennutzungsplan von Ernst May für das Wiederaufbaugebiet "Neu-Altona", 1955 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)
Flächennutzungsplan von Ernst May für das Wiederaufbaugebiet „Neu-Altona“, 1955 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)

Durch den ersten Nachkriegsbürgermeister Hamburgs, Max Brauer, kam der Architekt und Städtebauer Ernst May für das größte Wiederaufbauprojekt der Hansestadt nach Hamburg. Der gewerkschaftlichen Baugesellschaft „neue heimat“ legte er 1954 die ersten Pläne von „Neu-Altona“ vor. Das 110 Hektar große Gebiet – zwischen der Elbe im Süden, der heutigen Max-Brauer-Allee im Westen und der Holstenstraße im Osten – wollte May auflockern und nach Funktionen trennen. Neu-Altona sollte ein Grüngürtel mit Schulen und weiteren öffentlichen Einrichtungen durchziehen. Die 11.000 Wohnungen ordnete der Stadtplaner in organisch geformten Zeilen von vier bis fünf Stockwerken. Durch wenige Punkthochhäuser setzte er im Grüngürtel städtebauliche Orientierungspunkte.

Kernstück bildete das „Geschäftsgebiet mit Ladenstraße“ (im Flächennutzungsplan rot ausgewiesen). Hierfür wurde die im Osten schwer zerstörte Große Bergstraße wiederaufgebaut. Im Westen zum Bahnhof Altona schuf man mit der Neuen Großen Bergstraße eine „Ladenstraße“, wofür die teilweise noch funktionstüchtige Wohnbebauung abgerissen wurde. Zwischen Bank- und Verwaltungsgebäuden sollten die Hamburger in Cafés und kleinen Läden die neue bundesrepublikanische Warenwelt durchschlendern. Der Clou waren die – in den Straßenraum gesetzten – Pavillons, die zusätzliche Geschäfte beherbergten.

Das „Hausfrauenparadies“, wie es das Hamburger Abendblatt betitelte, wurde 1966 eröffnet und rühmte sich, die erste Fußgängerzone der Bundesrepublik zu sein. Vorbild war die Lijnbaan in Rotterdam (1954), die als erste autofreie Fußgängerzone in ganz Europa Furore machte. Die Euphorie für den „merkantile[n] Superbau“ in der Neuen Großen Bergstraße war auch in Hamburg groß. Im November 1966 lobte man den Ort, „wo auch […] gepflegte Gastlichkeit für eine absolut großstädtische Atmosphäre sorgen soll“, die „mit dem Wortmonstrum ‚Fußgänger-Einkaufsstraße Neu-Altona‘ belegt worden ist“.

 

Der Ideenwettbewerb von 1968

Wettbewerbsbeitrag des Hamburger Architekten Peter Neve für ein Multifunktionsensemble mit Einkaufszentrum, Büros und Wohneinheiten 1968 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)
Wettbewerbsbeitrag von Peter Neve für ein Ensemble mit Einkaufszentrum, Büros und Wohneinheiten 1968 (Bild: Neue Heimat, Hamburgisches Architekturarchiv)

Die Neue Große Bergstraße konnte sich rasch als Geschäftsstraße etablieren. Daraufhin schrieb die Stadtplanung im Bezirk Altona mit der „neuen heimat“ 1968 den Ideen-Wettbewerb für ein „überörtliches Geschäftszentrum“ aus. Der Konsum, eine der wichtigsten Triebfedern der Nachkriegsmoderne, schien den Bedarf für ein multifunktionales Ensemble zu wecken: Einkaufszentrum, Büroflächen und Wohnungen sowie eine angeschlossene Parkgarage mit 1.000 Stellplätzen. Der Architekt Peter Neve bekam den Zuschlag und errichtete bis 1974 in drei Bauabschnitten die Wohn- und Verkaufsflächen zwischen Virchowstraße, Große Bergstraße und Jessenstraße. Dazu gehörten mit der im Osten der Großen Bergstraße angrenzenden „Altona Passage“ noch weitere Einkaufsflächen. Im Unterschied zu den Plänen von Ernst May, sollte das „frappant“ nun gerade die Funktionen bündeln.

Der Einkauf konnte quasi mit den Aufzug aus dem Erdgeschoss in die Wohnflächen der „Altona Passage“ gebracht werden. Zwar hatten sich die Pläne für eine eigene U-Bahn-Station zerschlagen, aber die S-Bahnen und Busse waren mit dem Altonaer Bahnhof nur 400 Meter entfernt. In seinen Geschosshöhen nach oben gestaffelt und mit vielen Vor- und Rücksprüngen ausgestattet, klebte das „frappant“ keineswegs als Klotz in der Straße. Ganz im Gegenteil: Vom Bahnhof Altona kommend, fügte sich der Bau reibungslos in die Große Bergstraße. Zeitgenössisch war er etwa durch besondere Bars und das erste afghanische Restaurant der Stadt ein echter Hotspot.

 

Das „frappant“ im Zenit

1973 wurde das „frappant“ durch einen Gala-Empfang mit 1.000 geladenen Gästen in Smoking und Abendkleid eröffnet. Die Erwartungen an das „frappant“ waren hochgehängt. Man schwärmte von den „stilechte[n] Kostüme[n]“ des Personals und vom „Pariser Flair“. Das Zentrum sei „einmalig in Europa“: „eine Mini-Stadt, vollklimatisiert, mit lockenden Geschäften und ausgesuchter Gastronomie unter einem Dach“.

Für „Hamburgs modernstes Wohn-, Bummel- und Einkaufszentrum“, zu dem „Straßenrestaurants, Boutiquen und Fitness-Räume“ gehörten, wurde allenthalben geworben. Die triste Bahnhofsregion und die mittlerweile in die Jahre gekommene Neue Große Bergstraße – obwohl noch nicht einmal zehn Jahre alt – sollte durch das Glitzern und die bunten Farben der Innenarchitektur des „frappant“ aufgewertet werden. In den 1970er Jahre übernahm der Karstadt-Konzern einige der Verkaufsflächen, in Teile der Büroetage des „frappant“ zog das Arbeitsamt ein.

 

Der Abstieg seit den 1980er Jahren

Hamburg, Frappant, Rückseite (Bild: Johanna Klier, 2010)
Seit den 1980er Jahren wurde das „frappant“ (nicht nur) baulich vernachlässigt (Bild: Johanna Klier, 2010)

Ähnlich schnell wie die Neue Große Bergstraße veraltete auch das „frappant“. Der Bezirk Altona investierte kaum in die Infrastruktur und die Straßenmöblierung. Zunehmend lagerte Müll in den Abseiten des Zentrums. Der gestaltete Freiraum vor dem „frappant“ wurde zum Treffpunkt für Alkoholiker und Obdachlose. Initiativen der lokalen Einzelhändler fruchteten nicht, die Stadt hatte Anderes im Sinn.

Jenseits der westlichen Begrenzung von Neu-Altona – der Max-Brauer-Allee und dem Bahnhof Altona – entwickelte sich der einst kleinteilige, verrottende Stadtteil Ottensen zum aufstrebenden, von Architekten und Akademikern bewohnten Viertel. Nachdem sie ihre Studienzeit hinter sich gelassen hatten, förderten die einstigen Revoluzzer nun einen Kiez, der heute zu den beliebtesten der Stadt zählt. Ottensen ist am oberen Ende der Gentrifizierungsspirale und die Mieten im „oberen Preissegment“ angekommen. Gleichzeitig konnten die „Loser“ vor dem „Betonklotz frappant“ erfolgreich durch die natürliche Grenze der Max-Brauer-Allee ferngehalten werden.

 

Kiez und Konsum?

Zwei bauliche Veränderungen sorgten für diesen Wandel: 1979 wurde der alte Altonaer Bahnhof durch einen „Kaufbahnhof“ ersetzt. In den 1990er Jahren eröffnete man mitten in Ottensen das Einkaufszentrum „mercado“, das sich zum regionalen Anziehungspunkt entwickelte. Kiez und Konsum passen dort wunderbar zusammen, das „frappant“ und die Große Bergstraße waren dagegen die Verlierer. Die Geschäfts- und Einkaufstätigkeit verlagerte sich zum „guten“, beliebten und sauberen Ottensen, während das Gebiet östlich der Max-Brauer-Allee als vernachlässigt, hässlich und schmutzig wahrgenommen wurde.

Damit büßte die Straße, aber vor allem die funktionalistische – einst für Fortschritt und Utopie stehende – Architektur der späten 1960er Jahre an Daseinsberechtigung ein. Von diesem Bedeutungsverlust konnte sich das „frappant“ nie erholen. So fruchteten keine der Rettungsversuche für das Gebäude, die man bis zum Abriss im Jahr 2011 unternahm.

 

Veränderungswillen und Protestkultur

Vor dem "frappant" werben Künstler 2009 mit einer Freiluftausstellung für dessen Erhalt (Bild: S. Necker)
Freiluftausstellung vor dem „frappant“ (Bild: S. Necker, 2009)

Die Talfahrt des „frappant“ war im Dezember 2003 an ihrem Tiefpunkt: Nach 25 Jahren zog Karstadt aus und das Arbeitsamt kündigte die Büroräume. Seit den 1990er Jahren wurde das „frappant“ immer wieder an neue Investoren verkauft, die jedoch keine Nutzung finden konnten oder wollten. Als Folge stand der Bau über Jahre teilweise leer. Erst 2005 zogen erste Künstler und kleine Architekturbüros auf Zwischenmiete in die Erdgeschossflächen der „Altona Passage“. Gleichzeitig setzte der Bezirk ein Quartiersmanagement ein, das die Große Bergstraße zum Sanierungsgebiet erklärte. Über die „steg Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft Hamburg mbH“ sollten die Große Bergstraße belebt und kleine Einzelhändler unterstützt werden.

Erst 2009 kam Bewegung in die Sache: Den Zwischenmietern in den mittlerweile etablierten Galerien und Künstler-Arbeitsräumen wurde gekündigt. Für die „Altona Passage“ hatte die Stadt einen Investor gefunden. Die Künstler sollten weichen und in das benachbarte, nun seit 2004 komplett leerstehende „frappant“ umzuziehen. Trotz aller Verschiebebahnhof-Taktik entstand eine euphorische Stimmung unter den neuen Zwischennutzern des „frappant“. Die Initiative frappant.org wuchs im Frühjahr 2009 auf an die 150 Künstler. Im Sommer konnten die Renovierungsarbeiten in den Büroetagen des „frappant“ beginnen. Und im August wurde im Erdgeschoss die Eröffnung des „neuen frappant“ gefeiert.

 

IKEA kommt

Die Pläne für die erste innerstädtische Filiale von IKEA anstelle des "frappants" riefen nicht nur bei den Künstlern, die das Gebäude zwischennutzen, Protest hervor. Im Umfeld der "Recht-Auf-Stadt-Bewegung" entwickelten sich unterschiedliche Kampagnen gegen IKEA in Altona (Bild: Sylvia Necker)
Der Plan, das „frappant“ durch eine IKEA-Filiale zu ersetzen, rief Protest hervor (Bild: S. Necker)

Allerdings war die Initiative sehr vielfältig: Für die einen war das „frappant“ billige Atelierfläche, einige Andere wollten hier ein Kulturzentrum für den Stadtteil entwickeln. Diese Standpunkte radikalisierten sich, als IKEA das „frappant“ im Herbst 2009 kaufte und hier eine innerstädtische Filiale ankündigte. Unterstützt vom Netzwerk „Recht Auf Stadt“, versuchte ein Teil von frappant.org, die IKEA-Pläne zu vereiteln. Zudem war durch die Kündigung der Zwischenmieter zum 31. November 2009 unmissverständlich klar: Das schwedische Möbelhaus meint es ernst.

Eine erstaunliche Wende nahm die Lage, als im Januar 2010 eine Pro-IKEA-Bürgerinitiative 77 % für den Abriss des „frappant“ gewinnen konnte. Kein Konzept vermochte das in die Jahre gekommene „frappant“ zu retten. Vielmehr zerbröckelte die bunte Gruppe der „frappant“-Retter. Einige Künstler zogen mit dem Verein frappant.org in ein Ausweichquartier. Andere führten den Kampf für eine „Stadt für alle“ weiter. Eine gesellschaftliche und architekturgeschichtliche Debatte um das „frappant“ wurde einfach nicht geführt. Stattdessen schienen der Kampf verloren und ein anderes Projekt erfolgsversprechender: die Gängeviertel-Initiative.

 

Der Kapitalismus siegt

Gestrandete Post-Post-Post-Moderne: Der neue IKEA-Bau drängt sich als Wal zwischen die vernachlässigten 1950er-Jahre-Bauten in der Neuen Großen Bergstraße (Bild: Sylvia Necker)
Gestrandete Post-Post-Post-Moderne: Der neue IKEA-Bau drängt sich als Wal zwischen die vernachlässigten 1950er-Jahre-Bauten (Bild: S. Necker)

Die Wirklichkeit fällt ernüchternd aus: Nach dem Abriss des „frappant“ ist die IKEA-Filiale seit diesem Sommer eröffnet. Wie ein Ufo schiebt sie sich in die Große Bergstraße. Die umliegenden Gebäude der Nachkriegsmoderne werden entweder abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit saniert. Die Stadt und die Bahn AG ließen sich endlich darauf ein, die Straßenunterführung der Max-Brauer-Allee aufwendig zu sanieren. Nun ist der Link zwischen den Konsumzonen in Ottensen und in der Großen Bergstraße geschaffen. Zum Preis, eine Architektur verloren zu haben, die den utopischen Geist der 1960er und 1970er Jahre auf wunderbarste Weise repräsentierte.

 

Rundgang

Folgen Sie Sylvia Necker – mit Bildern der Architekturfotografin Johanna Klier und des Hamburgischen Architekturarchivs – auf einem Rundgang durch die wechselnden Nutzungen des „frappant“.

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FACHBEITRAG: Das "frappant"

FACHBEITRAG: Das „frappant“

Sylvia Necker folgt der Zwischennutzung des Hamburger Frappant. 1977 als Geschäfts- und Wohngebäude eingeweiht, steht heute an seiner Stelle ein neuer IKEA.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

Der DAM-Direktor zeigt das Gothaer-Haus in Offenbach, das im Jahr 1977 die veschiedensten Nutzungen einfach übereinander stapelte.

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

Karin Berkemann befragt die moderne Baugeschichte des Kulturtempels: 1957 im Ostseebad eingeweiht, steht er seit der Wende leer und verfällt.

INTERVIEW: Peter Cachola Schmal, DAM

„Vollkommen abgedrehter Komplex“

Mit Peter Cachola Schmal in Offenbach

 

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Die Verhältnisse auf den Kopf stellen: DAM-Direktor Peter Cachola Schmal im Gothaer-Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko)

Berliner Straße 175, ein Tag im Juli: Drei Männer drücken sich mit kindlicher Begeisterung auf Feuerwehr-Umläufen herum, fotografieren ihre Spiegelbilder in der Glasfassade und erfreuen sich an leberwurstfarbenen Kieselplatten im Treppenhaus. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Was könnte man in den vier Geschäfts- und Büroetagen einrichten, wie das darüber thronende Wohnhochhaus beleben? Ein urbaner Spielplatz für Menschen mit Visionen: Julius Reinsberg und Daniel Bartetzko treffen Peter Cachola Schmal, den Direktor des Deutschen Architektur Museum (DAM) im 1977 eröffneten Gothaer-Haus in Offenbach am Main.

„In der jetzigen Form wird es dieses Gebäude in zehn Jahren wohl nicht mehr geben“, sagt Schmal. Auch Offenbach leidet darunter, dass die ungeliebten Spätsiebziger-Kuben entweder saniert werden müssen oder schon zur Unkenntlichkeit gedämmt wurden. Kurzfristig dürfte sich kein Investor finden, der einen Sinn für diesen Großbau mit Spiegelglasfassade hat. Das Gothaer-Haus steht bald zum Verkauf.

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Stadt im Spiegel: In den Siebzigern bot Offenbach bessere Hochhäuser als Frankfurt (Bild: D. Bartetzko)

„Weiß jemand, wer der Architekt dieses vollkommen abgedrehten Komplexes ist?“ fragt der DAM-Direktor 2013 via Facebook. Seit einem Jahr wohnt er in Offenbach und fährt täglich am Spiegelturm vorbei. Wochen später führt er Interessierte für die Initiative Offenbach loves U durchs Gebäude. Den „abgedrehten Komplex“ auf spitzwinkligem Grundstück entwarfen die Darmstädter Martin Müller (1921-1993) und Peter Opitz (*1938). Zwar wurde der einstige Versicherungssitz 1977 eingeweiht, doch stammen die Pläne von 1972. Damit zählt er zu den frühen Vertretern jener multifunktionalen Großbauten, die damals als zukunftsweisend galten.

Peter Cachola Schmal: Das Gebäude ist ein Kind seiner Zeit: braunes Spiegelglas, Trapezblech, Edelstahl, Marmorplatten, die skulpturale Form. Dazu die Einheit von Wohnen, Einkaufen und Arbeiten plus Tiefgarage und Parkdeck: Das ist urban gedacht, sehr edel ausgestattet und an diesem Platz spektakulär.

Offenbach, Gothaer Haus, Seitenansicht (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)
„Seiner Zeit um Haaresbreite voraus“, bescheinigt Schmal dem Gothaer-Haus (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg)

moderneREGIONAL: Und warum begeistern wir uns heute für diesen Bau? Ist es der Charme des Schrägen oder ist es sein Konzept?

PCS: Letztlich beides. Wir befinden uns hier zwischen Moderne und Postmoderne, ein Teil der phantastischen Bewegung der 1970er. Klare Strukturen wie die Fensterbänder oder die Rasterfassade des Parkdecks stehen im Kontrast zum kunstvoll zerklüfteten Wohnhaus – das erinnert etwa an die japanischen Metabolisten um Kenzo Tange, Kiyonori Kikutake und Kisho Kurokawa. Das Nutzungskonzept folgt einem wieder aktuellen Anspruch: weg von der Trennung von Wohnen und Arbeiten. Die Entmischung wurde gerade in den Siebzigern ja gefördert und hat manche Innenstädte veröden lassen.

mR: Also ist dieser Bau sogar moderner als gedacht?

PCS: Begrünte Dachflächen, für jeden Mieter ein Platz in der Tiefgarage, schlichte und luxuriöse Wohnungen beieinander – das war seiner Zeit um Haaresbreite voraus. Zugegeben, was uns vordergründig begeistert, ist das Unzeitgemäße: Spiegelglas statt klobiger Fassadendämmung. Eine wilde skulpturale Komposition von Einzelteilen statt eines klaren stereometrischen Baukörpers. Und die verwendeten Bronzetöne der Fassaden treffen nicht nur den damaligen Geschmack, sondern auch unseren bald wieder. Leider wurde das dunkle Wellblech überstrichen, aber ernsthaft in die Bausubstanz eingegriffen hat man bis heute nicht.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: D. Bartetzko/Julius Reinsberg)
Heute wieder zu 75 % ausgelastet (Bild: J. Reinsberg)

2001 war das elfgeschossige Gothaer-Haus noch zu 30 % genutzt. Eine neue Hausverwaltung hat das Gebäude durch hohes Engagement nun wieder zu 75 % vermietet, unliebsame Nutzer sind verschwunden: Der frühere Kinderspielplatz auf der Terrasse im 5. Stock war zeitweise Drogenumschlagsplatz. Die Büroetagen beherbergten etliche Scheinfirmen.

mR: Die Betriebs- und Instandhaltungskosten eines derartigen Großbaus sind hoch. Und der Sanierungsbedarf kündigt sich an einigen Ecken an. Ist das eine Sackgasse?

PCS: Wir stehen zwar nicht in einer Ruine, aber man sieht den Handlungsbedarf. Das könnte auch erklären, warum sich die Denkmalpflege noch zurückhält. Es ist ein Dilemma: Eine Unterschutzstellung wird Kaufinteressenten abschrecken. Gleichwohl drohen dem Amt Kosten, wenn es eine Sanierung fördern müsste. Momentan kann man hoffen, dass der Status Quo erhalten bleibt: Es wird nicht saniert, aber der Verfall gebremst. Solange das Grundstück noch nicht so viel wert ist, ist der Bau nicht bedroht. Er steht ja nicht auf der Frankfurter Zeil, wo selbst die Zeilgalerie von 1992 möglicherweise abgerissen wird.

mR: Und wäre das Gothaer-Haus für Sie ein Baudenkmal?

PCS: Definitiv. Unter Denkmalschutz stellen bedeutet ja, ein besonders typisches Bauwerk zu retten, nicht ein besonders gefälliges.

Offenbach, Gothaer Haus (Bild: J. Reinsberg)
Blick ins Ungewisse (Bild: J. Reinsberg)

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte Altkanzler Helmut Schmidt einmal. Die Anwesenden, die vor ihrem geistigen Auge Künstlerateliers in Praxisräumen und wucherndes Grün auf kahlen Flachdächern sehen, fühlen sich gesund – und bestätigt: Die Frankfurter Rundschau schrieb 1977: „Hier wurde ein wertbeständiges Haus für 100 Jahre nach dem Grundsatz der Solidität für eine gemischte, möglichst vielseitig verwertbare Nutzung bestellt.“ 21 Millionen D-Mark kostete der Bau, heute dürfte er günstiger zu haben sein. Wer greift zu?

Das Gespräch führten Daniel Bartetzko und Julius Reinsberg  (Heft 14/2).

 

Zur Person Peter Cachola Schmal

Peter Cachola Schmahl auf dem Gothaer Haus in Offenbach (Bild: D. Bartetzko/J. Reinsberg) Peter Cachola Schmal, geboren 1960, studierte Architektur in Darmstadt. Nachdem er 1989 für Behnisch + Partner tätig war, arbeitete er von 1990-1993 als angestellter Architekt bei Eisenbach + Partner. Von 1992 bis 1997 war Schmal wiss. Mitarbeiter an der TU Darmstadt, lehrte im Anschluss bis 2000 an der FH Frankfurt. Für das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt ist Schmal seit 2000 als Kurator, seit 2006 als Direktor tätig.

 

 

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