LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

von Ruben Donsbach (15/4)

Die Aufgabe, mir über ein zeitgenössisches Verhältnis von Gesellschaft, Staat und Kirche Gedanken zu machen, mir einen Raum vorzustellen, in dem so ein Verhältnis sich ausprägen kann, ist nicht leicht. Weder die Kirche noch der Glaube haben in meinem Leben, in meiner Familie, jemals eine Rolle gespielt. Ich bin noch nicht einmal an Weihnachten zur Messe gegangen. Außer einmal, da war ich als Austauschschüler in Kanada und habe mich sehr fremd gefühlt. Der Glaube war für mich ein Glaube an die Moderne und ihre Protagonisten. An Mies und Scharoun. In deren Tempeln mochte ich immer gerne sein (die letzte Fassung dieses Essays entsteht in der Staatsbibliothek am Kulturforum). Mein Zugang zum Sakralen ist ein profaner und vor allem: ein ästhetischer.

Leerstehend: In Berlin-Kreuzberg wurde die katholische Kirche St. Agnes (1967, W. Düttmann) 2004 an eine evangelische Freikirche vermietet, 2011 an eine Verwertungsgesellschaft verkauft und 2012 beräumt (Bild: Pfarrei St. Bonifatius Berlin, CC BY 2.0, 2012)

Mir ist dieses NICHT glauben können dennoch von Zeit zu Zeit als Mangel erschienen. Die Welt ist längst zu komplex geworden, um alles immer zu wissen. Das kann man zwar aushalten, tröstlich ist es nicht. Zudem liegt der Religion und dem Glauben eine Widerständigkeit inne, die man in den erwartbaren Verteilungskämpfen der Gesellschaft in Zukunft noch gebrauchen wird können. Und Drittens: In einer Zeit, in der immer mehr Kirchen, vor allem jene aus der Nachkriegszeit, „profaniert“ werden, stellt sich die interessante Frage, wie man ihr „auratisches“ Potential neuen gesellschaftlichen Institutionen sinnhaft zur Verfügung stellen kann. Aber der Reihe nach.

Ein neoliberaler Schaumteppich

Ich spürte zuletzt, wenn ich mit jungen Akademikern und Künstlern sprach, dass ihnen an einer Versöhnung des modernistischen mit dem post-modernistischen sehr gelegen sei. Der Fülle der Information und Möglichkeiten möchte man eine Wahrheit zumindest auf Zeit entgegenstellen, die aber nicht hinter den Erkenntnissen von post-struktureller Theorie und Dekonstruktion zurückbleibt. Dabei gibt es einen regelrechten Trend zu Manifesten. Die kann man, wie Luther, an die Tore der Institutionen nageln oder im Netz veröffentlichen. Sie markieren jedenfalls einen Punkt im Raum, der als Koordinate oder Leitstern hilfreich ist. Ich glaube, dass dieses manifesthafte Denken eine sehr konkrete Form der Sinnsuche ist. Es bedient sich noch unbewusst einer Tradition, die in einem schönen Text von Jürgen Habermas über den neu aufgelegten Briefwechsel von Gershom Scholem und T. W. Adorno in „Der Zeit“ anklingt.

Nach außen (noch) alles beim Alten: St. Agnes als Kirchenbau in Kreuzberg im Jahr 2012 (Bild: Beek100, CC BY SA 3.0)

Habermas schreibt, Adorno hätte „im Wahrheitskern der liegen gelassenen Metaphysik ein transzendierendes, ein befreiendes Moment“ gesehen, „das die dumpfe Immanenz eines alle Lebensbezirke durchdringenden Kapitalismus aufsprengen könnte.“ Adorno wie Scholem sind „an dem möglichen Wahrheitsgehalt interessiert, den die monotheistischen Überlieferungen unter Bedingungen der Moderne noch entfalten können“ und wie dieser in der Kunst „wirksam werden“ kann. Für Habermas ein höchst aktuelles Gedankenspiel angesichts „des Schaumteppichs, der sich heute unter dem neoliberalen Regime ausbreitet und alle oppositionellen Regungen aufsaugt“.

Dieser akademische Disput spielt sicherlich jenseits der Alltagsrealität der oben beschriebenen jungen Menschen. Ich denke aber, gemeint ist dasselbe: die Suche nach Traditionen, Begriffen, Positionen und Aufschreibeformen, die der heute zunehmend schmerzlich empfundenen Ökonomisierung aller Lebensbereiche bei gleichzeitig mieser Bezahlung für geistige und kreative Arbeit entgegenwirken. Gesucht wird nach Räumen, in denen diese Sprache einen Resonanzraum findet. Ich mache mir nichts vor, das Netz ist wohl so ein Ort und nicht umsonst formieren sich in den USA auch schon rein digitale Freikirchen mit ganz eigener Liturgie. Doch gerade im digitalen Zeitalter braucht es das Analoge wie auch die analogen Räume: Sie sind keinen Gatekeepern unterworfen, sie bieten Schutz, sie ermöglichen eine gemeinsame Erfahrung.

Eine Gruppe etwas wahnsinniger Spanier

Umbau: Der Raum (Brandlhuber + Emde, Schneider, Riegler Riewe, Foto: © Jan Bitter) wurde um 2014 horizontal geteilt (Bild: brandlhuber.com, 2012)

Dieser Essay erscheint als Einleitung einer Fachzeitschrift über moderne Architektur, die sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit Kirchenbau beschäftigt. In diesem Umfeld ist zu fragen, in welchen Räumen sich das oben beschriebe Sehnen manifestieren kann, um als gesellschaftlicher Diskurs wieder fruchtbar gemacht zu werden. Ich glaube, es werden vor allem die sakralen Orte der Moderne und Spätmoderne sein, was mit ihrem „Spirit“ zu tun hat. In seinem Aufsatz „Gotische Architektur und Scholastik“ behauptet der Kunstwissenschaftler Erwin Panofsky, dass die architektonische Form unmittelbar der Ordnung des Denkens und den Aufschreibesysteme entspricht und einen zeitgenössischen Habitus formt.

Ich habe einmal vor Jahren als Student, Panofsky in Gedanken, ein verlängertes Wochenende mit einer Gruppe etwas wahnsinniger Spanier in der Bretagne verbracht. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, jede gotische Kathedrale, Kirche und Kapelle zwischen St. Malo, Mont-Saint-Michel, Rennes und, etwas südlicher noch, Nantes abzuklappern. Die Wirkung dieser Architektur ist in ihrer Verdichtung natürlich spektakulär. Aber sie öffnet sich nichts gegenüber, sie schüchtert ein. Sie weist dem Himmelreich zu und lässt das Irdische zurück. Erst in der Moderne verändert sich der Kirchenraum grundlegend. Aus Distanz wird Nähe, Partizipation wird möglich.

Ein widerständiger Waschbetonbau

Die gelungene Umwidmung eines sakralen Raums zu einem gesellschaftlichen, bei gleichzeitiger Beibehaltung seines „auratischen“ Potentials, kann man gut an der Kirche St. Agnes in Berlin sehen. Der spätmodernistische, widerständige Waschbetonbau von Werner Düttmann wurde vom Galeristen Johann König und nach Plänen des Architekten Arno Brandlhuber zu einem Kulturzentrum mit Verlag, Architektenbüro und Galerie umgebaut.

Kunst statt Gottesdienst: Heute nutzt die Galerie Johann König den umgestalteten ehemaligen Kirchenraum für Ausstellungen – hier „The Smoking Kid“ von Katharina Grosse im Sommer 2015 (Bild: Galerie Johann König)

Betritt man im Berliner Spätsommer den Innenhof von St. Agnes, einem Ensemble von kubischen und rechtwinkligen Modulen nahe des Moritzplatzes im Kreuzberger Nirgendwo, dann stellt sich eine stoffliche Ruhe ein, wie man sie wohl nur in Klosteranlagen erwartet. Man sitzt alleine vor dem obligatorischen Coffeeshop, Johann Königs etwas verkaterte, aber bestimmte Stimme dringt oben aus den Büro, ab und zu kommt ein gut gekleideter Mensch aus der Galerie und sieht einigermaßen versunken aus. Der Galerieraum selbst ist ein wirklich imposanter, aber nüchterner Raum. Gefühlt endlos, selbst nachdem der Boden bis zum hinteren Balkon angehoben wurde, um den Raum besser bespielbar (wie auch heizbar) zu machen.

Johann König sagt, ihn habe vor allem interessiert, was dieser Raum als „Projektionsfläche bei den Künstlern auslöst, ähnlich vielleicht bei Glaubenden in der Kirche.“ Er habe eine Aura, „sachlich, nach außen rau, nach innen weich, beschützend.“ Im Quartier übernimmt St. Agnes eine Rolle, welche Kirchen früher einmal gespielt haben. Johann Königs Institution belebt eine lange brach gelegene Nachbarschaft und schafft einen Ort, an dem Dialog möglich ist. Es ist ein Refugium für eine Gemeinde, die sich ihrer selbst weniger zielgerichtet als spekulativ vergewissert. Und das über ästhetische Signifikanten, die noch nicht völlig ökonomisiert wurden.

Wenn denn nicht Gottesdienst wäre …

Die Sehnsucht nach der beschriebenen Offenheit ist vielen Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts derart dringlich, dass es sie intuitiv in diese Räume zieht. Meine Freundin „beichtete“ mir während der Arbeit zu diesem Text, dass sie gerne einmal die Woche mit mir in die Kirche gehen würde. Wenn denn nicht Gottesdienst, oder besser, wenn nicht so ein Gottesdienst wäre, wie man ihn in Deutschland kennt. Es ist der Habitus des Sakralen der in seiner ursprünglichen und anti-modernistischen Form abschreckt, der aber, gewandelt wie in St. Agnes, Schutz bietet und Kreativität beflügelt.

Ein letzter Gedanke noch zur Flüchtlingsdebatte. Kirche war immer auch ein Ort, an dem man Schutz vor Verfolgung gesucht hat. So neu gedacht wie in St. Agnes, sollte sie dieser Rolle wieder gerecht werden. Als Ort der Begegnung, des Austausches und des Asyls.

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Herbst 15: Haus mit Turm

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

Ruben Donsbach über die Sehnsucht nach Räumen, die offen sind für andere Erfahrungen.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

Philipp Stoltz über eine besondere Nachbarschaft in München.

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

Andreas Poschmann über ein Projekt, das verbindet – Kirchenbauten werden virtuell und analog zur Straße verknüpft.

FOTOSTRECKE: "Ich war eine Kirche"

FOTOSTRECKE: „Ich war eine Kirche“

Lichtbilder über das, was nach Abriss, Entwidmung oder Verkauf kommt: Daniel Bartetzko und Karin Berkemann auf Fototour zu Frankfurts verlorenen Kirchen.

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

Verena Schädler über katholischen Kirchenbau im Osten Deutschlands.

FACHBEITRAG: Erneuerung

FACHBEITRAG: Erneuerung

Matthias Ludwig über seine Beratungsarbeit mit Gemeinden und ihren modernen Kirchenräumen.

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

Rocco Curti und Martin Krause über Gerichtsverfahren, Gespräche und gemeinsame Ergebnisse. Ein Interview über Kirche und Denkmalpflege in Hannover.

PORTRÄT: Meine Kirchen

PORTRÄT: Meine Kirchen

Karin Berkemann über ihre erste „sakrale“ Liebe – und was danach kam.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

von Philipp Stoltz (15/4)

„Ich habe kürzlich einen im Ausbau begriffenen ökumenischen Kirchenbau in München angesehen. Mein Mitarbeiter und ich haben zunächst […] angenommen, daß es sich um einen Supermarkt handelte.“ Diese abfällige Bemerkung über das ökumenische Gemeindezentrum im Olympischen Dorf München stammt nicht etwa von einem konservativen Passanten, der Spitzbogenfenster und Glockenturm vermisste, sondern vom Architekten Reinhard Gieselmann, der gerade selbst ein Buch über „Neue Kirchen“ veröffentlicht hatte. Der moderne Sakralbau war innovativ, progressiv und er polarisierte, auch unter Fachkollegen. Vor allem dann, wenn er mit den traditionellen Formen brach und neue Impulse aus der „profanen“ Architektur aufgriff. Lange waren Historismus und Tradition für den Kirchenbau maßgeblich gewesen, sowohl in den Entwürfen der Architekten als auch in den Köpfen der Gemeinden und den Vorgaben der kirchlichen Bauherren. Neue Konzepte wurden sowohl durch die moderne Architektur als auch durch theologische, kirchliche und gesellschaftliche Umbrüche angestoßen: Sie führten zu einer Annäherung zwischen den beiden Konfessionen und machten so die Entstehung Ökumenischer Zentren möglich.

Keine Spur von Spitzbogen oder Glockenturm: das Ökumenisches Zentrum (links im Bild) im Münchener Olympiadorf (Bild: P. Stoltz)

Annäherung auf evangelischer …

Im evangelischen Kirchbau waren drei Faktoren ausschlaggebend: Erstens war an die Stelle der Tradition die „Liturgie als Bauherrin“ getreten. Die Berneuchener Bewegung hatte das Altarsakrament neu entdeckt und den ökumenischen Austausch gesucht, beides wollte man auch baulich umsetzen. Zweitens rang man im Protestantismus gerade um das eigene Selbstverständnis und Verhältnis zur Gesellschaft – Innovationen gab es vor allem am Rand der kirchlichen Institutionen, auf den Kirchentagen und in den Evangelischen Akademien. Hier verstand man sich als Forum und Faktor in der Welt und entwickelte neue Konzepte für den Kirchenbau.

Kirche sollte und wollte sich nun zum städtischen Raum öffnen (Bild: P. Stoltz)

Damit ging drittens einher, dass sich die konkreten Gemeinden deutlich veränderten. Sie entdeckten neue Formen des Gemeindelebens und brachten sich immer engagierter in die Gesellschaft ein. Dafür wurden auch neue, möglichst vielseitige Räume notwendig. Die Kirchen sollten sich nicht abheben, sondern als „Agora“ zu ihrer Siedlung öffnen und einen niederschwelligen Zugang ermöglichen.

Gemeindezentren verzichteten darum auf repräsentative Elemente wie Kirchtürme, teils sogar ganz auf den dezidierten Sakralraum. Stattdessen orientierten sie sich bewusst mehr am städtebaulichen Umfeld und an der profanen Architektur: Die Gemeinden wollten zum Alltag der Siedlung gehören, nicht mehr nur zum Sonntag. Ein bekanntes Beispiel war das Projekt des Theologen Ernst Lange, dessen Berliner Gemeinde sich in einem Ladenlokal einmietete. Dass man Gemeindezentren leicht mit Supermärkten verwechseln konnte, war also durchaus beabsichtigt.

… und auf katholischer Seite

Mit den Reformen – hier ein Blick in die katholische Sakristei – sollte mehr Gemeinschaft in die Messfeier einziehen (Bild: Andreas Poschmann/Straße der Moderne)

Ähnliche Entwicklungen hin zu Pfarrzentren hatten sich auch im modernen Katholizismus vollzogen, wenn auch nicht ganz so radikal. Die Volksliturgische Bewegung und Persönlichkeiten wie Dominikus Böhm und Rudolf Schwarz hatten die Gemeinde stärker berücksichtigt. In der Ersten Deutschen Liturgischen Konferenz und vor allem im Zweiten Vatikanischen Konzil erfuhr die Gemeinde schließlich große Wertschätzung, die sich auch deutlich im katholischen Kirchenbau niederschlug – vor allem in der Stellung von Altar und Gemeinde. Laien engagierten sich zunehmend in den Pfarreien und in der Gesellschaft und benötigten dafür neue Orte – es entstanden Pfarrzentren. Ähnlich wie der Protestantismus wandte sich auch der moderne Katholizismus stärker der Gesellschaft zu und erschloss sich öffentliche Räume.

Städtebauliche Allianzen

Die räumliche Verdichtung kirchlicher Angebote entsprach dem allgemeinen Trend zur städtebaulichen Zentrenbildung: Gebäude im Kern einer Siedlung wurden funktional und architektonisch aufeinander bezogen. Kirchliche Zentren fügten sich in diese Situation ein, erhoben aber zugleich einen Anspruch auf Dominanz. Diese war jedoch nicht mehr ohne Weiteres gegeben, vor allem nicht in urbanen Neubausiedlungen. Auch architektonisch fiel es zunehmend schwer, sich zwischen Hochhäusern durch einen Kirchturm zu behaupten.

In Neubausiedlungen wie dem Münchener Olympiadorf wurden öffentliche Funktionen gebündelt (Bild: Douglas Whitaker, CC BY SA 2.5)

Der beschriebene theologische Rollenwechsel forderte offene, leicht zugängliche und vielseitige Räume. Dominanz sollte nicht mehr durch gestalterische Selbstdarstellung eingelöst werden, sondern durch funktionale Verdichtung zur „Agora der Siedlung“. Hier kam es vor allem in Neubaugebieten ab Ende der 60er Jahre zu strategischen Allianzen zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Zusammen ließen sich ein noch vielfältigeres Raumprogramm und eine noch stärkere Verdichtung erzielen. Ein gemeinsamer Sakralraum blieb hingegen tabu.

Auf diese Weise hatten sich evangelische und katholische Kirche deutlich angenähert: Der protestantischen Wiederentdeckung der Liturgie entsprach die katholische Wiederentdeckung der Gemeinde. Die engagierten selbstbewussten Gemeinden beider Konfessionen benötigten neue, vielfältig nutzbare Räume, die man schließlich sogar in gemeinsamen Zentren zusammenzog. Es war nur konsequent, dass sich 1971 zwei der beiden wichtigsten Fachzeitschriften „Christliche Kunstblätter“ (katholisch) und „Kunst und Kirche“ (evangelisch) zusammenschlossen. Im ersten gemeinsamen Heft wurde auch das ökumenische Zentrum des Olympischen Dorfs in München vorgestellt.

Das Olympische Dorf in München …

Ein Blick über die berühmten Dächer des Münchener Stadions auf das Olympisches Dorf (Bild: Sansculotte, CC BY SA 2.0)

Zu den XX. Olympischen Spielen 1972 in München wurde neben den bekannten Sportstätten eine Mustersiedlung errichtet, die zu den letzten großen Höhepunkten der städtebaulichen und architektonischen Moderne in Deutschland zählt. Sie zeugt von Planungseuphorie, Zukunftsoptimismus und dem Willen, eine ebenso innovative wie humane Siedlung zu schaffen. Stadtplanung sollte Kommunikation und Gemeinschaft fördern: Der gesamte Straßenverkehr ist eingehaust und so horizontal von den Fußwegen getrennt. Die Oberfläche der Siedlung – die eigentlich fünf Meter über dem Erdboden liegt – ist komplett autofrei, mit Grünflächen verzahnt und von Spielplätzen und Brunnen durchzogen. (Halb-)Öffentliche und private Zonen sind komplex miteinander verschachtelt.

Orientierung bieten die „Medialinien“, eine Installation des (Bau-)Künstlers Hans Hollein aus oberirdischen Rohren. Sie dienen als Wegweiser und Medienträger, zur Straßenbeleuchtung und angeblich (noch vor der Ölkrise!) Beheizung der Fußwege. Alle wichtigen Einrichtungen konzentrieren sich im Siedlungskern, der als Nadelöhr zwischen Wohnungen und U-Bahn-Station unumgänglich ist. Ganz im Geiste der Zeit liegen hier eng miteinander vernetzt Läden, Kindergärten, Arztpraxen und direkt am Marktplatz auch das ökumenische Gemeindezentrum.

… und sein Gemeindezentrum

Die allgegenwärtigen „Medialinien“ des Olympischen Dorfs führen auch zum Ökumenischen Zentrum (Bild: P. Stoltz)

Für ihr erstes ökumenisches Zentrum in Bayern hatten sich die Kirchen wohl vom olympischen Geist inspirieren lassen. Noch in der Ausschreibung war man von einem Ensemble getrennter Kirchbauten ausgegangen, die durch „Zusammengehörigkeit und Hinordnung“ aufeinander bezogen werden sollten. Schließlich entscheid man sich jedoch für den Entwurf der Architektengemeinschaft Bernhard Christ und Josef Karg. Er verkörpert in ästhetisch ansprechender Weise eine moderne, innovative Annäherung zwischen den beiden Konfessionen und zwischen Gemeinde und Gesellschaft, der beide Konfessionen und auch alle gemeindliche Funktionen unter einem gemeinsamen Dach vereinigt.

Das auffälligste Merkmal des Zentrums ist sein Dach, das aus dem Stahlrohr-System „Mero“ konstruiert wurde und als offenes einheitliches Raumfachwerk das gesamte Gebäude überkragt. Es ruht auf zwölf Betonsäulen, die Wände aus Eternitplatten sind nicht tragend und reichen nicht bis an die Decke. So ist der weite Blick frei auf den über die Räume hinausgehenden, sie verbindenden, Dachstuhl. Besuchern drängt sich der Eindruck auf, als könnten die provisorisch trennenden Wände jederzeit ausgebaut und so beide Kirchen vereinigt werden.

Ein Eingang, zwei Kirchenräume

Der farbenfrohe Zugang zum katholischen Kirchenraum (Bild: P. Stoltz)

Das Zentrum wird über ein gemeinsames Portal betreten, innen gehen nach rechts der evangelische und nach links der katholische Kirchenraum ab. Die Katholische Kirche verfügt zusätzlich zu ihrem großen Kirchenraum über eine separat zugängliche Werktagskapelle. Alle Sakralräume sind funktionalistisch und modern gestaltet. Die freistehende Altarinsel der katholischen Kirche steht deutlich unter dem Einfluss des Zweiten Vatikanischen Konzils: nur leicht erhöht und von der Gemeinde umgeben.

Erst in den 1990er Jahren wurde der Altarbereich durch eine Lichtinstallation an der Decke deutlicher gekennzeichnet. Abgesehen von diesem blauen Lichtband findet sich hier nur ein einfaches Kreuz, über ein ähnliches Kreuz verfügte auch der evangelische Kirchenraum. In seiner Ausstattung war er jedoch noch radikaler auf die wichtigsten Elemente beschränkt und noch mobiler konzipiert. Auf bildliche Darstellungen wurde bewusst verzichtet, dafür umso mehr Wert auf Farben und Formen gelegt. Der katholische wie der evangelische Altar bestanden aus Eternit-Halbrohren und unterschieden sich nur farblich, ebenso wie die übrigen Prinzipalstücke und Abendmahlsgeräte. Leider wurde der evangelische Kirchenraum später bei einer Generalsanierung völlig neu ausgestattet.

Ohne Schwelle

Erst in den 1990er Jahren wurde der Altarbereich im katholischen Kirchenraum durch eine Lichtinstallation besonders ausgezeichnet (Bild: P. Stoltz)

Die Ausstattung orientiert sich am einheitlichen Farbkonzept des Olympischen Dorfs. Ebenso fügt sich die gesamte Gestaltung des Zentrums ins geschlossene Konzept der Siedlung, zitiert die profanen Bauformen und Materialien seiner Umgebung: So begegnet z. B. das „Mero-System“ aus dem Dach des Zentrums auch im Verwaltungsgebäude am anderen Ende der Hauptstraße, in der heutigen Mensa der Studentensiedlung. Ohne Schwelle gehen Marktplatz, Eingangsbereich und Kirchenraum ineinander über, das Zentrum erscheint so als integraler Bestandteil der Siedlung.

Es fehlen die klassischen Formen kirchlicher Repräsentation wie ein Glockenturm. Auch das Kreuz über dem Haupteingang ist diskret aus der Fassade herausgearbeitet. Das zweite, sichtbarere Kreuz über dem Eingang der Werktagskapelle kam erst in den 80er Jahren hinzu. Statt der Glocken locken im Olympiadorf die „Medialinien“ in die Kirche: Zwei der Hauptrohre enden direkt vor dem Portal.

Verzicht als Gewinn

Mit seiner bungalowartigen Form behauptet sich das Zentrum gestalterisch gegenüber den umgebenden Hochhäusern (Bild: P. Stoltz)

Der Verzicht auf die klassische kirchliche Symbolik und die stilistische Angleichung an die umliegende Siedlung bedeutet jedoch nicht, dass das Zentrum auf einen städtebaulichen Akzent verzichtet. Seine horizontale bungalowartige Anlage kontrastiert die vertikalen Hochhäuser, fast als wäre die traditionelle Stadt-Silhouette auf den Kopf gestellt. Der Verzicht bedeutet auch keine Traditionslosigkeit, sondern eine moderne kreative Neuinterpretation – z. B. durch zwölf Säulen für das gesamte Gebäude. Dennoch konnte sich nicht jeder mit dieser modernen Form anfreunden, wie das Zitat vom Anfang zeigt. Und so erklärte auch der katholische Pfarrer des ökumenischen Zentrums zu dessen Einweihung im März 1974: „Es ist gewiß für viele nicht leicht, aus einem bisher gewohnten Kirchenraumverständnis heraus zu diesem Kirchenraum Zugang zu finden. Denn all‘ das, was eine ’schöne Kirche‘ von früher ausmacht, finden Sie hier nicht.“ Aber war der leichtere Zugang nicht das eigentliche Ziel des Verzichts gewesen?

Rundgang

Mit Bilder der „Straße der Moderne“ und von Philipp Stoltz durch die Räume beider Konfessionen im Ökumenischen Zentrum München …

Literatur

Volp, Rainer/Schwebel, Horst (Hg.), Ökumenisch planen. Dokumentation und Beiträge, Gütersloh 1973.

Römisch, Monika, Ökumenisches Kirchenzentrum „Frieden Christi“ und evang.-luth. Olympiakirche, Olympiadorf München, Lindenberg 2003.

Wittmann-Englert, Kerstin, Zelt, Schiff und Wohnung. Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne, Lindenberg 2006.

Römisch, Monika, Das ökumenische Kirchenzentrum im Olympiadorf München, in: Hildmann, A./Jocher, N. (Hg.), Die Münchner Kirchen. Architektur – Kunst – Liturgie, Regensburg 2008, S. 110–115.

Heger, Natalie, Das Olympische Dorf München Planungsexperiment und Musterstadt der Moderne, Berlin 2014.

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Herbst 15: Haus mit Turm

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

Ruben Donsbach über die Sehnsucht nach Räumen, die offen sind für andere Erfahrungen.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

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Philipp Stoltz über eine besondere Nachbarschaft in München.

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

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Andreas Poschmann über ein Projekt, das verbindet – Kirchenbauten werden virtuell und analog zur Straße verknüpft.

FOTOSTRECKE: "Ich war eine Kirche"

FOTOSTRECKE: „Ich war eine Kirche“

Lichtbilder über das, was nach Abriss, Entwidmung oder Verkauf kommt: Daniel Bartetzko und Karin Berkemann auf Fototour zu Frankfurts verlorenen Kirchen.

FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

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FACHBEITRAG: Erneuerung

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Matthias Ludwig über seine Beratungsarbeit mit Gemeinden und ihren modernen Kirchenräumen.

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

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Rocco Curti und Martin Krause über Gerichtsverfahren, Gespräche und gemeinsame Ergebnisse. Ein Interview über Kirche und Denkmalpflege in Hannover.

PORTRÄT: Meine Kirchen

PORTRÄT: Meine Kirchen

Karin Berkemann über ihre erste „sakrale“ Liebe – und was danach kam.

FACHBEITRAG: Straße der Moderne

von Andreas Poschmann (15/4)

Für jeden zweiten Bundesbürger zählt der Besuch von Kirchen und Klöstern zu den beliebtesten Urlaubsaktivitäten. Dabei werden sie eher als eindrucksvolle Sehenswürdigkeiten betrachtet, weniger als lebendige Orte des Glaubens. Zu diesem Ergebnis kam 2011 eine Studie der Akademie Bruderhilfe-Pax-Familienfürsorge in Zusammenarbeit mit der Universität Paderborn. Oft sind Kirchen die markantesten Gebäude, zentral gelegen, öffentlich zugänglich und kostenfrei. Auch die meisten Stationen der sachsen-anhaltinischen Touristikroute „Straße der Romanik“ sind Kirchenbauten (mit ganz besonderen Qualitäten bei 35 Grad Celsius Außentemperatur wie in diesem Sommer).

Eine der ausgewählten rund 200 sehenswerten Kirchen: Köln-Riehl, St. Engelbert (Dominikus Böhm, 1932) (© Raimond Spekking, CC BY SA 4.0)

Moderne Kirchen hingegen sind schwieriger aufzufinden, nicht nur weil sie meist nicht dem Klischee entsprechen, das am Ortseingang ausgeschildert wird: ein traufständiger Bau mit seitlichem Turm und steilem Helm. Nachkriegskirchen stehen oft außerhalb der Stadtzentren. Nur wenige haben es bislang in einschlägige Reiseführer geschafft. So gestaltet sich die spontane Suche nach einem modernen Kirchenbau mitunter schwierig. Auch solche persönlichen Erlebnisse waren mit ausschlaggebend für die Idee zur „Straße der Moderne“.

Eine Idee

Das Projekt ist im Deutschen Liturgischen Institut (DLI) in Trier entstanden und wird dort koordiniert. Bei der Kirchenauswahl wird das Institut von einem ökumenisch besetzten Kuratorium beraten. An der konkreten Umsetzung sind freie Textautoren und Fotografen beteiligt. Insgesamt 200 moderne Kirchen aus ganz Deutschland werden in gut lesbaren, knappen und wissenschaftlich fundierten Portraits vorgestellt. Die Inkunabeln moderner Sakralbaukunst sind ebenso vertreten wie bisher kaum bekannte Räume.

Seit 1947 fördert das DLI wissenschaftlich und praktisch das gottesdienstliche Leben – auch die Feiergestalt und Ästhetik der Liturgie: So koordinierte das DLI etwa die bischöflichen „Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen“ oder die Arbeitshilfe „Liturgie und Bild“. Darüber hinaus wurden unter dem Label „Kirche und Design“ internationale Gestaltungswettbewerbe und Ausstellungen zu liturgischen Geräten und Gefäßen (ab 1997) und gottesdienstlichen Gewändern (ab 2003) durchgeführt. Ebenso beteiligte sich das DLI am Ausstellungsprojekt „Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts“ (2007-10).

Eine Lobby für moderne Kirchen

Das Projekt will die sehenswerten Details entdecken helfen: Berlin-Pankow, St. Augustinus (Josef Bachem/Heinrich Horvatin, 1928), Fenstergestaltung (Bild: S. Angerhausen)

Die „Straße der Moderne“ ist eine Online-Ausstellung, eine Präsentation von Meisterwerken des Kirchenbaus im 20. und 21. Jahrhundert. Noch mehr aber ist die Internetseite eine Einladung, Architektur zu erleben. Durch die exemplarische Auswahl sollen die kunst- und liturgiehistorischen Entwicklungen der vergangenen rund 100 Jahre erfahrbar werden. Zugleich will das Projekt für aktuelle liturgische und architektonische Tendenzen sensibilisieren: Angesichts demographischer und gesellschaftlicher Entwicklungen wird derzeit eine Reihe von Kirchen nicht mehr in der bisherigen Weise benötigt. Auch deshalb soll auf großartige moderne Kirchenbauten hingewiesen werden, damit deren Potenzial erkannt wird und – wenn nötig – kreative Nutzungserweiterungen gefunden werden können.

Zugleich regt die vernetzte Präsentation moderner Kirchbauten dazu an, die Architektur vor Ort besser zu erschließen. Pfarrgemeinden werden motiviert, sich mit ihrem konkreten Kirchenraum zu befassen und ihn neu zu entdecken. Das Projekt „Straße der Moderne“ soll das Verständnis für moderne Kirchenbauten, die Identifikation mit dem Bau und seiner Ausstattung, letztlich mit der Gemeinde selbst fördern – eine pastorale, liturgische, denkmalpflegerische und ästhetische Information und Sensibilisierung zugleich.

Eine Auswahl

Kirchen mit besonderen Qualitäten: Emmerich-Leegmeer, Heilig Geist (Dieter Georg Baumewerd, 1966) (Bild: S. Angerhausen)

Für die Auswahl von insgesamt etwa 200 Kirchen hat das DLI nicht nur Veröffentlichungen und eigene Erfahrungen, sondern vor allem Experten befragt: kirchliche Bauämter, Kunstreferate, Denkmalbehörden. Gesichtet wurden die vorläufigen Ergebnisse von einem wissenschaftlichen Beirat, in dem sowohl architektur- und kunsthistorischer als auch theologisch-liturgiewissenschaftlicher Sachverstand vertreten ist. Entscheidend sind architektonische, liturgische und emotionale Qualitäten: Wie zeitgemäß bzw. innovativ war der Kirchenbau zur Entstehungszeit (Raumform, Material, Bauweise, Lichtführung …)? Welche Tradition und welches Raumkonzept werden aufgenommen? Welche bauhistorische Entwicklung hat der Bau angestoßen und welche lokalgeschichtliche Bedeutung kommt ihm zu?

Gefragt wird ebenso nach der Erfahrungsqualität der Architektur: Wie prägend ist die Kirche städtebaulich? Welche Identifikationsmöglichkeiten bietet sie, welche Präsenz hat sie in der Öffentlichkeit? Welche Eigenschaften von Architektur und Ausstattung sind raumprägend? Wie hoch ist die sakrale Qualität? Eröffnet die Kirche einen Raum für Transzendenzerfahrungen? Wie hoch ist ihre kommunikative Qualität für die unterschiedlichen liturgischen Feiern? Welches theologisch-liturgische Raumkonzept liegt zugrunde, wie eignet es sich für Verkündigung, Gebet (gemeinschaftlich und individuell), Gesang und Musik, Zeichen und Gebärden? Bilden Raum und Ausstattung ein Ensemble? Findet sich die gestufte Wertigkeit der liturgischen Zeichen in der künstlerischen Ausgestaltung wieder?

Eine Online-Ausstellung

Die Homepage der „Straße der Moderne“ ist nach Regionen untergliedert (Bild: DLI)

Gegliedert ist die Präsentation in sechs Regionen, die eine jeweils etwa gleiche Anzahl von 30 bis 40 modernen Kirchenbauten aufweisen, die vorgestellt werden: Kirchen im Westen (Nordrhein-Westfalen), im Osten (Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt), im Norden (Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein), der Mitte (Hessen, Thüringen), im Südwesten (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland) und Süden Deutschlands (Bayern).

Seit Juli 2015 ist die Präsentation der „Straße der Moderne“ online und stellt Woche für Woche eine neue Station, einen neuen Kirchenbau vor. So wird das Straßennetz Schritt für Schritt erweitert. Eine Facebook-Seite informiert über neu hinzugekommene Bauten und aktuelle Entwicklungen. Weitere unterschiedliche Formen der Präsentation sind geplant: Im Jahr 2016 z. B. werden die Highlights der Kirchbaumoderne im Bistum Mainz (die dortigen Kirchen der „Straße der Moderne“) in einer Ausstellung im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz gezeigt.

Erleben, entdecken, ankommen

Deutschland ist das Land einer weltweit einzigartigen Dichte moderner Kirchenbauten. Nahezu alle großen Architekten der Moderne haben mit insgesamt über 5000 Kirchen in Deutschland ihre Spuren hinterlassen. Dabei sind die qualitativ erstklassigen deutschen Sakralbauten nicht nur Spiegel, sondern auch Motor der internationalen Architekturgeschichte.

Kirchen als Orte von Spiritualität und Liturgie: Weimar-Schöndorf, St. Bonifatius (Johannes-Reuter, 1957) (Bild: S. Angerhausen)

Es geht darum, Kirchen als Orte von Spiritualität und Liturgie zu zeigen: „Offene Kirchen bieten Raum: Raum für die Stille inmitten der Hektik des Alltags, Raum für das Betrachten von Architektur und Kunst, insbesondere aber Raum für die Freude und Hoffnung, die Bedrängnis und Trauer, die Menschen mitbringen, wenn sie der Einladung einer offenen Kirche folgen. Die Anliegen und Gebete, die Menschen im Raum einer Kirche vor Gott hintragen […], erwecken das architektonische Zeugnis eines Glaubens der Vergangenheit zu einem lebendigen Ort der Begegnung mit Gott.“ (Karl Kardinal Lehmann)

Interessierten sollen hilfreiche Informationen (Adressen, Öffnungszeiten …) an die Hand gegeben werden, um die Kirchen kennenzulernen. Eine Umkreissuche ermöglicht das rasche Auffinden naheliegender Reiseziele auf einer virtuellen Karte. Die Kirchen können aber auch innerhalb der einzelnen Region angezeigt werden – sortiert nach Architekt, Bauzeit oder Ort.

Lieblingskirchen

Ihre neue Lieblingskirche? Trier-Mariahof, St. Michael (Konny Schmitz, 1970) (Bild: S. Angerhausen)

Das Institut für Demoskopie Allensbach fragte 2009, welches Verhältnis die Deutschen zu den Kirchenbauten haben: Für 59 % der Deutschen sind sie vor allem Orte, in denen sie zur Ruhe kommen, 48 % fühlen sich sofort anders, wenn sie einen Kirchenraum betreten. Für 50 % der Westdeutschen und 39 % der Ostdeutschen verändern sich das Empfinden und die mentale Verfassung, wenn sie sich in einer Kirche aufhalten.

Ihre Lieblingskirche beschreiben 54 % als Ort der Ruhe, 27 % ordnen ihr eine mystische Atmosphäre zu, 25 % die Aura des Geheimnisvollen. Bei der Frage nach der Lieblingskirche konnte man aus verschiedenen Vorgaben auswählen: romanisch, gotisch, barock. Das Institut für Demoskopie war also der Meinung, eine moderne Kirche komme von vornherein nicht als „Lieblingskirche“ infrage. Vielleicht können wir das ja bald ändern.

Literatur

Zahner, Walter/Berkemann, Karin (Hg.), Schätze! Kirchen des 20. Jahrhunderts. Eine Ausstellung der DG Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst, München, in Verbindung mit dem EKD-Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg und dem Deutschen Liturgischen Institut, Trier, München 2007.

Statt Rundgang

5_Strasse der Moderne, Homepage

Stöbern Sie sich doch selbst durch das Online-Angebot der „Straße der Moderne“

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Herbst 15: Haus mit Turm

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

LEITARTIKEL: Glaube an die Moderne

Ruben Donsbach über die Sehnsucht nach Räumen, die offen sind für andere Erfahrungen.

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

FACHBEITRAG: Ökumenische Zentren

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FACHBEITRAG: Straße der Moderne

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Andreas Poschmann über ein Projekt, das verbindet – Kirchenbauten werden virtuell und analog zur Straße verknüpft.

FOTOSTRECKE: "Ich war eine Kirche"

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FACHBEITRAG: Kirchen unter Honecker

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Verena Schädler über katholischen Kirchenbau im Osten Deutschlands.

FACHBEITRAG: Erneuerung

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Matthias Ludwig über seine Beratungsarbeit mit Gemeinden und ihren modernen Kirchenräumen.

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

INTERVIEW: Kirche und Denkmalpflege, Hannover

Rocco Curti und Martin Krause über Gerichtsverfahren, Gespräche und gemeinsame Ergebnisse. Ein Interview über Kirche und Denkmalpflege in Hannover.

PORTRÄT: Meine Kirchen

PORTRÄT: Meine Kirchen

Karin Berkemann über ihre erste „sakrale“ Liebe – und was danach kam.