Sport und Spektakel – Räume der Freizeitgestaltung (2014/1)

LEITARTIKEL: Freie Zeiten, gute Orte

von Ingeborg Flagge (Heft 14/1)

Um wie viel einfacher wäre jetzt ein kurzer Abriss über die Qualität alter Architektur vom Barock bis zum Jugendstil. Aber dies sollen allgemeine Gedanken über moderne Architektur am Beispiel von Freizeitbauten werden. Und das ist schwer nach meiner kürzlichen, fesselnden Lektüre des klugen, aber äußerst pessimistischen Buches „Hybris“ von Meinhard Miegel, der das Bauen in unserer weltweiten Gesellschaft als eine Konstellation aus Exzessen bezeichnet, die zum Himmel schreit.

 

Alles, und zwar sofort

Die Londoner Skyline (Bild: Cmglee)
Die Londoner Skyline – links im Bild die Kuppel von St. Paul – wird heute von Hochhäusern beherrscht (Bild: Cmglee)

Nach Miegels Meinung ist diese Entwicklung der Tatsache geschuldet, dass eine unersättliche Gesellschaft immer mehr und immer höher hinaus will, und dieses alles sofort, ohne zu warten. Geduld sei keine ausgeprägte Eigenschaft unserer Konsumgesellschaft. Wer die neuesten Schreckensberichte über die Zerstörung der Skyline Londons liest, die sich noch vor ungefähr zehn Jahren an der Höhe der Kuppel von St. Paul orientierte, während heute über 200 neue Hochhäuser ohne Rücksicht hierauf realisiert werden, versteht, was Miegel kritisiert.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Architektur eine Gesellschaft in ihrem Entwicklungszustand widerspiegelt und vieles aussagt über ihre Verantwortung, ihre Werte, ihre Ängste und ihre Prioritäten. Wir erfahren täglich, dass und wie sehr wir auf Sensationen, auf Höchstleistungen und außergewöhnliche Events hin orientiert sind. Das Spektakuläre hat Hochkonjunktur. Eben auch in der Architektur.

Extravagante Bauten und eine aufsehenerregende Gestalt, die wie Weltrekorde den Weg in die Nachrichten finden, werden bestaunt und besucht. Extreme Architekturlösungen wie ein phallusähnliches Hochhaus oder „das Wunder von Baku“ – eine spektakuläre Arena, die 2012 mit dem Eurovision Song Contest eingeweiht und in weniger als zehn Monaten realisiert wurde, sind das Ziel von Besucherströmen. Bekannte Architekten werden im Zuge dieser Entwicklung auch schon einmal zu Superstars erklärt und ihnen Züge von Superman zugeschrieben.

 

Auf Dauer überfordert

Dennoch: Offensichtlich bestaunt der Mensch diese Entwicklung, lässt sich von ihr auch faszinieren, fühlt sich aber in der Architektur dieser überwältigenden neuen Welt auf Dauer überfordert und nicht wohl. Wenn er wieder zu Hause in seiner eigenen, überschaubaren Welt ist, gibt er sich zufrieden und beginnt nicht etwa, diese jetzt entsprechend umzubauen.

Im Zentrum der genormten Gartenstadt Bad Dürrenberg bei Merseburg (A. Klein, 1930) sollte ein begrünter Platz  mit Planschbecken zum Verweilen einladen (Bild: Bundesarchiv, 1930)
Im Zentrum der genormten Gartenstadt Bad Dürrenberg bei Merseburg (A. Klein, 1930) sollte ein begrünter Platz mit Planschbecken zum Verweilen einladen (Bild: Bundesarchiv, 1930)

Irgendwie erinnert diese Diskrepanz an die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Moderne Architekten propagierten damals für die Nutzer neue, „ungeschmückte Sachformen“ (Hermann Muthesius) als Fortschritt, die allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine weltweite Verbreitung erfuhren. Die Menschen aber liefen Sturm gegen die anonyme Verzichtsarchitektur der Großsiedlungen der 60er Jahre und ihr stereotypes Raster.

Eben die menschenverachtende Rationalität solcher Bauten war einer der Gründe für die Hinwendung der Deutschen zu historischer Architektur, ihrer Maßstäblichkeit und ihrer Formenvielfalt. Die Schweizer nennen uns inzwischen „Rekonstruktionsweltmeister“, weil in Deutschland nicht nur der Erhalt und die Pflege alter Architektur leidenschaftlich betrieben wird, sondern auch abgerissene Schlösser und gesprengte Kirchen in so großer Zahl wieder rekonstruiert werden wie in keinem anderen europäischen Land.

 

Auf der Suche nach einem Zuhause

Das Modell-Wohnzimmer (1957) des VEB Deutsche Werkstätten Hellerau übersetzte die Ziele der Neuen Sachlichkeit in die Heimatsuche der frühen Nachkriegszeit (Bild: Bundesarchiv, 1957)
Das Modell-Wohnzimmer (1957) des VEB Deutsche Werkstätten Hellerau übersetzte die Ziele der Neuen Sachlichkeit in die Heimatsuche der frühen Nachkriegszeit (Bild: Bundesarchiv, 1957)

Wie aber muss eine moderne Architektur aussehen, in der der Mensch sich wohl und zu Hause fühlt? Diese Frage müsste eigentlich jeden Architekten umtreiben und Richtschnur seines Handelns sein. Die Antwort ist so schwer nicht: Sie muss großzügig und vielfältig sein, farbig, kleinteilig, atmosphärisch reich, aber nicht schrill.

Ernst Bloch sprach davon, dass „Bauen ein Produktionsversuch menschlicher Heimat“ sei. Diese sperrige Formulierung meint nichts anderes, als dass eine entsprechende Architektur uns bereichert und nicht einengt, dass sie dem Menschen Halt gibt und Spielraum lässt, dass sie selbstverständlich ist und nicht nur ein oberflächliches Versprechen. Wenn ein Bau Heimat sein soll, dann muss er hoffnungsfroh stimmen und Freude machen. Die Identität, die in einem solchen Fall entsteht, bedeutet die Übereinstimmung der Kenntnisse und Werte eines Menschen mit seiner Umgebung. Der ehemalige französische Kultusminister Francois Mauriac fand dafür einen schönen Vergleich. Er meinte: „Der Bau von Luftschlössern in unserer Welt kostet nichts. Aber ihre Zerstörung ist sehr teuer.“

Unsere Gesellschaft ist viele Gesellschaften: Massengesellschaft, Konsumgesellschaft, Wegwerfgesellschaft, Spaßgesellschaft, Freizeitgesellschaft. Die Bauaufgabe Freizeit ist dabei äußerst komplex und reicht von Kinobauten über Bäder bis zu Sportstätten. Für alle diese Entwurfsaufgaben gelten zwar unterschiedliche ästhetische und funktionale Anforderungen, aber keine Abstriche in Sachen herausragender Architekturqualität.

 

Gegen die Langeweile

München, Schwabylon (J. Dahinden, 1973, Abriss 1979/2013) (Bild: J. Dahinden)
Das Münchener Freizeitcenter „Schwabylon“ (J. Dahinden, 1973, Abriss 1979/2013) beherbergte u. a. exklusive Ladengeschäfte und die Großraummdisko „Yellow Submarine“ (Bild: J. Dahinden, 1973)

Der Schweizer Justus Dahinden, ein nicht immer erfolgreicher Architekt in Sachen Freizeit, formulierte – ziemlich abgehoben, aber trotzdem noch richtig – über das Bauen für Erholungssucher: „Es ist die Befreiung von der Langeweile […] Der Gestaltpsychologe vertritt die Meinung, daß Architektur die Empfindungswelt des Menschen in hohem Maße beeinflusst. Er spricht dabei von der Gefühlsansteckung, die sich als intensive Form der Kommunikation zwischen Bauwerk und Mensch einstellt. Architekten sind also die Regisseure, die Formen, Farben, Materialien, Licht und Schatten, Zeichen und Symbole so einsetzen, daß sich eine geplante Einstimmung des Menschen ergibt […] Für die Architektur bedeutet dies ein sinnliches Milieu zum Anfassen.“

Also überschaubare Einrichtungen statt des Baus riesiger Komplexe, die Berücksichtigung individueller Anforderungen statt massenhaft programmierter Bedürfnisse. Es gilt – so Dahinden – „die Architektur aus der Stummheit von reinen Formen und vom Lärm ostentativer Konstruktionen zu befreien, damit ein Bau wieder zu einem Gestaltungsanlaß werden kann […] Das Resultat sind dann nicht länger nur Funktionsbehälter und Konstruktionswunder“, sondern eine einnehmende Architektur, die überzeugt und erfreut.

 

Literatur

Hamm, Oliver G., Das Wunder von Baku, Berlin 2013 (3. Auflage)

Miegel, Meinhard, Hybris, Die überforderte Gesellschaft, Berlin 2013

Flagge, Ingeborg/Romeiß-Stracke, Felizitas, Freizeitarchitektur. Planen und Bauen für die Freizeit, Bd. 3, Architektur in der Demokratie, Stuttgart 1988

FACHBEITRAG: Der Berliner Spreepark

von Christina Gräwe (Heft 14/1)

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Dinosaurier am Eingang des ehemaligen Freizeitparks (Bild: D. Bartetzko)

„Ehemalige Attraktionen, ehemalige Shows und Ausstellungen, weiteres Ehemalige“ – so lauten bei Wikipedia einige Kategorien zum „Spreepark Plänterwald“. Seit 13 Jahren wartet der Freizeitpark im Berliner Bezirk Treptow auf seine Wiedererweckung. Welche Instrumente dafür nötig oder überhaupt denkbar sind, darüber herrscht(e) bis jetzt Unklarheit. Weder gibt es eine klare Leitlinie für die künftige Nutzung, noch sehen sich die Denkmalschützer in der Pflicht. Aber der ehemalige Freizeitpark hat eine bewegte, 45-jährige Geschichte, und die ist noch nicht zu Ende erzählt.

 

Ein Geschenk der DDR-Regierung

Der 1969 als „VEB Kulturpark Berlin“ gegründete Rummelplatz war ein Geschenk der DDR-Regierung an die Bevölkerung zum 20. Jahrestag der Staatsgründung. Innerhalb von nur sieben Monaten Bauzeit entstanden, sollte sich der Park von den anderen DDR-Rummelplätzen abheben – was mit Hilfe von Fahrgeschäften aus „nichtsozialistischen Warengebieten“ und dadurch, dass sie ganzjährig betrieben wurden, geschah. Die Landmarke des Parks, ein 40 Meter hohes Riesenrad, wurde 1989 noch kurz vor dem Mauerfall durch ein 45 Meter hohes abgelöst – diesmal zum 40. (und letzten) Staatsjubiläum.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Das 40 Meter hohe Riesenrad zählt zu den beliebtesten Fotomotiven im stillgelegten Freizeitpark (Bild: D. Bartetzko)

In der DDR war der „Kulti“ äußerst beliebt: 1,5 Millionen Besucher jährlich; das Programm wurde stetig um Konzerte, Tanz- und Kinderveranstaltungen erweitert. Für die Schausteller war es lukrativ und komfortabel, denn es gab feste Standplätze mit Wasser-, Strom- und Telefonanschluss. Der Erfolgs-Einbruch kam abrupt: Nach der Wende ging der Besucherandrang schnell um mehr als zwei Drittel zurück. Das zweite Kapitel des ehemaligen „Kulti“ lässt sich mit einer Achterbahnfahrt beschreiben, mit optimistischen Hochs und tief abfallenden Talfahrten, juristischen Loopings und schließlich langem Stillstand des Betriebs.

 

Der Neustart als Spreepark

Zunächst starteten der Berliner Kultursenat und der Bezirk Treptow optimistisch in die neue Zeit: Der DDR-Rummelplatz sollte nach dem westlichen Vorbild eines Freizeitparks weiterleben. Durch eine öffentliche Ausschreibung wurden Bewerber mit schlüssigen Konzepten gesucht. Die Schaustellerfamilie Witte, schon seit 1979 mit dem VEB Kulturpark verbunden und alte Hasen in der Branche, hatte sofort nach der Wende ihr westdeutsches Fahrgeschäft auf den Standort am Spreeufer erweitert und erhielt unter sieben Konkurrenten den Zuschlag. Die „Betreibergesellschaft Spreewaldpark GmbH“ musste zunächst viel Geld in das Unternehmen auf 32 Hektar Fläche stecken: 10 Millionen D-Mark Eigenkapital, 30 Millionen über einen Kredit, abgesichert durch einen Erbpachtvertrag.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Für den neuen Spreepark hoffte man 1992 auf jährlich 1,8 Millionen Gäste (Bild: D. Bartetzko)

Zu den Verpflichtungen für die Betreiber gehörte, das denkmalgeschützte „Eierhäuschen“, ein Ausflugslokal des 19. Jahrhunderts, in das Parkkonzept zu integrieren und denkmalgerecht zu sanieren. Insgesamt sollte der Rummelplatz zum familienfreundlichen Freizeitpark mit viel Grün und Wasser aufgewertet werden. Diese Pläne blieben nicht unbemerkt; schnell regte sich Skepsis bei Anwohnern und Umweltschützern. Das Ergebnis: Die Spreewald GmbH trat eine kleine Teilfläche ab und eröffnete 1992 den Spreepark im Plänterwald mit dem Ziel, 1,8 Millionen Gäste jährlich zu begrüßen. Als Orientierung diente ein Freizeitpark gleicher Größe in den alten Bundesländern. Bis 1997 flossen 40 Millionen D-Mark in den Ausbau des Parks, der ständig mit neuen Attraktionen angereichert wurde.

 

Der unaufhaltsame Abstieg

Hinter den Kulissen spielte sich derweil ein juristischer Krimi ab, zu dem es bis heute gegenseitige Vorwürfe und verhärtete Fronten gibt. Fest eingeplante Gelder, wie Zuschüsse aus dem Fonds „Aufbau Ost“, verfielen, weil seitens des Bezirks Treptow Fristen für Verträge nicht eingehalten wurden. Betreiber und Verwaltung arbeiteten aneinander vorbei, der Informationsfluss stagnierte. So war es von Anfang an nicht möglich, an dem abgelegenen Ort ausreichend Parkplätze zur schaffen – ein Muss für die ehrgeizigen Besucherzahlen und zu DDR-Zeiten völlig unproblematisch. Angeblich jedoch erfuhren die Betreiber zu spät, dass ihr Gelände unter Landschaftsschutz gestellt worden war, was das Grundstück verkleinerte und die Einrichtung weiterer Stellplätze verhinderte. Die Idee, den Spreepark in der nahegelegenen Wuhlheide umziehen zu lassen, verlief im märkischen Sand.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Im Jahr 2001 schloss der ehemalige “Kulti” seine Pforten (Bild: D. Bartetzko)

Laut wird der Streit zwischen Berliner Senat und der Familie Witte ab 2001 ausgetragen, als angeblich ein zwei Jahre altes Gutachten auftaucht, das den Parkplatzbau bewilligt. Der Gegenvorwurf: Die sinkenden Besucherzahlen und wachsenden Schulden lägen am schlechten Management. Die Spreepark GmbH sieht nach gut zehn Jahren Hindernislauf keine Chancen mehr, den Ex-VEB-Park als modernes Freizeitareal wiederzubeleben. Sie kündigt den Erbpachtvertrag und hofft, sich damit aller Verpflichtungen zu entledigen. Man habe den Vertrag unter völlig anderen Bedingungen abgeschlossen, als sie mittlerweile eingetroffen seien. Der Liegenschaftsfonds des Senats wehrt sich gegen diese Vorwürfe und weist die Vertragskündigung zurück. Die Betreiber melden Insolvenz an und räumen das Grundstück.

 

Eine filmreife Familiengeschichte

Die Familie Witte baut Fahrgeschäfte ab und reist nach der Saison 2001 nach Peru. „Flüchtet“ wird ihr vorgeworfen, ihnen große Summen Schwarzgeld im Gepäck nachgesagt. Ob diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen, wird wohl ebenso wenig aufgeklärt werden, wie das Gezerre zwischen Spreewald GmbH und dem Bezirk Treptow. Jedenfalls konnte die Familie nach der Schließung des Spreewaldparks in Lateinamerika nicht neu anfangen. Norbert Witte, Techniker und Pressesprecher der Betreibergesellschaft, wurde wegen Drogenschmuggels, der – angeblich ohne sein Wissen – an peruanische Kreditgeschäfte geknüpft war, in Berlin zu sieben Jahren Haft verurteilt, die er verkürzt absaß.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Das sog. Westerndorf im Park wurde noch einige Zeit bewohnt (Bild: D. Bartetzko)

Unterdessen ruhten die Bemühungen, für den Spreepark Plänterwald eine Lösung und neue Betreiber zu finden, keineswegs. Die Insolvenzverwalter erhoben Räumungsklage gegen den Initiator und 23 Bewohner des Westerndorfs. Unterschiedliche Investoren zogen sich wegen der anhaltenden Probleme zurück; auch die späte Bewilligung eines Parkhauses überzeugte nicht. Selbst die rudimentäre Versorgung mit Strom, Schneebeseitigung, Grünflächenpflege und Wachschutz kosten die Berliner monatlich 30.000 Euro. Der Park verfällt seit 2001 kontinuierlich.

 

Das denkmalgeschützte „Eierhäuschen“

Von dem Niedergag ist auch das einzige tatsächliche Denkmal des Parks, das „Eierhäuschen“ betroffen. Nach seiner Schließung während der konfliktreichen Übergangszeit zum West-Park wurde nie wie eigentlich verabredet Hand angelegt. Das Eierhäuschen verdankt den Namen dem nahen Schiffsanleger, von dem aus an vorbeifahrende Schiffer hartgekochte Eier verkauft wurden. Die ursprünglich 1837 gebaute Schifferkneipe brannte zweimal ab, schaffte es aber in Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“. Der 1897 erstmals publizierte Roman bezog sich vermutlich auf den zweiten, heute noch stehenden Wiederaufbau als Fachwerkhaus von 1891/92 durch Karl Frobenius. Eine Teilrestaurierung 1973 tat dem beliebten Ausflugslokal nicht gut: Um Heizkosten zu sparen, wurde die Deckenhöhe reduziert und dabei der historische Stuck beschädigt.

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Das denkmalgeschützte „Eierhäuschen“ wartet dringend auf Sanierung (Bild: D. Bartetzko)

Heute lässt man sich von befürchteten denkmalpflegerischen Auflagen abschrecken. Aber auch die juristische Situation erschwert die drängende Sanierung des Eierhäuschens, denn bisher löste man es trotz zahlreicher Anträge u. a. durch die Initiative „Pro Plänterwald“ nicht aus dem Erbpachtvertrag. Das würde einen separaten Verkauf und eine neue Chance für das historische Lokal ermöglichen. Doch selbst wenn sich ein Interessent fände, müsste der eine weitere Hürde nehmen: Auch das Eierhäuschen gehört zum Landschaftsschutzgebiet Plänterwald – somit darf im Außenbereich kein Mobiliar stehen, für das Sommergeschäft gänzlich unattraktiv. Inzwischen prüft die Stiftung Denkmalschutz Berlin erneut die Möglichkeit eines separaten Verkaufs; das Ergebnis ist offen und könnte für das desolate Haus zu spät kommen.

 

Der neue Ruinentourismus

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Verblassende Farben verleihen dem Park einen morbiden Charme (Bild: D. Bartetzko)

Das marode Eierhäuschen steht für die Atmosphäre des gesamten ehemaligen Freizeitparks. Ob verrammelte Kassenhäuschen, verblasste Dinosaurierfiguren oder das lückenhafte Maul der Geisterbahn – alles verharrt wie von einem Zauberstab in den Tiefschlaf versetzt. Mit der wuchernden Natur entsteht ein morbider Charme, und genau der lockt heute Scharen von Besuchern. Der Ruinentourismus wird durch Wochenend-Führungen angekurbelt. Sie starteten 2009 zum 40. Geburtstag des Rummelplatzes; die Laufzeit wurde wegen des großen Erfolgs bis heute verlängert. Seit 2010 informiert ein kleines Spreepark-Museum über die Geschichte und aktuelle Aktionen. All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Verfall und Vandalismus fortschreiten.

Den Verfall zu stoppen und dem Freizeitpark neues Leben einzuhauchen, ist weniger eine Frage des Denkmalschutzes als guter Nutzungsideen. Denn was genau soll (abgesehen vom Eierhäuschen) geschützt werden? Eine glorreiche Vergangenheit, festgemacht an nur noch freiluftmuseal zu betrachtenden Einrichtungen, die größtenteils erst nach der DDR entstand? Einerseits will man an der morbiden Atmosphäre teilhaben, andererseits den Freizeitpark neu erfinden. Doch wie passt das zusammen? Die aktuelle Vermarktung kann nur eine Zwischennutzung sein. Für solche ist Berlin bekannt, manche Provisorien stabilisieren sich für Jahre. Aber auch hohe Eintrittspreise und das seit 2011 installierte „Café Mythos“ tragen nur notdürftig zum Unterhalt bei. Der Ruinentourismus ist keine Dauerlösung, wohl aber eine Werbung für den Standort und ein Mahnruf an die Verantwortlichen.

 

Ein Happy End?

Berlin, Spreepark (Bild: D. Bartetzko)
Vergangenes wartet auf Wiederbelebung (Bild: D. Bartetzko)

So jedenfalls stellte es sich Ende März 2014 dar, nachdem auch eine Zwangsversteigerung im Herbst 2013 geplatzt war. Überraschend scheint Bewegung in die verfahrene Situation gekommen zu sein. Am 26. März konnte man im Lokalteil des Berliner Tagesspiegels lesen: „Der Liegenschaftsfonds kauft den Spreepark zurück“. Und am Tag darauf: „Zeit, dass sich was dreht“, darunter eine Abbildung des Riesenrads. Vollkommen unerwartet für die Öffentlichkeit, hat sich das Land Berlin entschieden, den Spreewaldpark zurückzukaufen. Das Schuldenproblem ist damit gelöst; die Familie Witte wird trotz ihrer Misswirtschaft für die Räumung des Grundstücks abgefunden, der Weg für einen Neuanfang scheint frei.

Ein Happy End? Das bleibt abzuwarten. Der Treptower Bezirksbürgermeister möchte sich um eine möglichst rasche Baugenehmigung bemühen, was für dieses „Sondergebiet mit hohem Grünanteil“ kein Problem sei. In der alten DDR-Größenordnung denken auch die Optimistischsten nicht, wohl aber an eine halbe Million Besuchern jährlich. Wohnungen, so ein häufig geäußerter Verdacht in der Schließungsphase, seien weder geplant noch genehmigungsfähig. Erfreulicherweise erfährt auch das Eierhäuschen die längst fällige Beachtung: Es soll als Baudenkmal restauriert und wieder zu einem Ausflugslokal verwandelt werden. Und zwar kurzfristig.

 

das wurde draus …

In der Nacht vom 10. auf den 11. August 2014 brannte das Themendorf „Alt England“ auf dem Spreeparkgelände nieder.

 

Ein Rundgang durch den Spreepark

Begleiten Sie mit Bildern von Daniel Bartetzko eine „Fan-Führung“ durch den stillgelegten Berliner Freizeitpark.

 

Literatur und Quellen

Schönball, Ralf, Spreepark im Plänterwald. Was hat Berlin nun mit dem Spreepark vor?, in: Der Tagesspiegel. Berlin 27. März 2014

Stollowsky, Christoph, Der Liegenschaftsfonds kauft den Spreepark zurück, in: Der Tagesspiegel. Berlin 26. März 2014

Szabo, Sacha/Flade, Christopher, Vom „Kulturpark Berlin“ zum „Spreepark Plänterwald“. Eine VergnügungskulTOUR durch den berühmten Berliner Freizeitpark, Berlin 2011

Fan-Homepage des Berliner Spreeparks

FACHBEITRAG: Das Kurbad Königstein

von Karin Berkemann (Heft 14/1)

Königstein/Taunus, Kurbad, Treppenturm (Bild: K. Berkemann)
Kommunale Bäder – hier Königstein – gehörten nach dem Krieg zur „Grundausstattung“ (Bild: K. Berkemann)

Es macht wenig Sinn, einen Artikel über Hallenbäder mit einer Tennishalle zu beginnen – wären da nicht ein futuristischer Entwurf und ein eigensinniger Architekt gewesen. Als das Taunusstädtchen Idstein 1970 endlich ein neues Hallenbad bekommen sollte, lobte man einen Wettbewerb aus und wählte die zwei besten Einsendungen aus. Nach lokalen Ränkespielen jedoch zog der Idsteiner Architekt Richard Bauer seinen Vorschlag zurück. Dabei hatte er das Ganze so schön geplant: eine moderne weitgespannte Betonschalen-Konstruktion. Kurzerhand verdoppelte Bauer die Grundfläche, errichtete seinen Entwurf 1973 auf eigene Kosten am Stadtrand, benannte das Ergebnis nach seiner Frau und bewirtschaftete es über Jahrzehnte als Tennis- und Veranstaltungshalle. Aber dazu später mehr …

 

Die neue Lust am Baden

Königstein, Kurbad (Bild: K. Berkemann)
Bis in die Nachkriegszeit stand bei vielen Hallenbädern die Idee von Sport und Gesundheit im Vordergrund (Bild: K. Berkemann)

Um 1970 rüsteten viele Kleinstädte ihre Infrastruktur auf, um einladender, unterhaltsamer, urbaner zu wirken. Neben die Umgehungsstraße und die Gesamtschule traten vielerorts das Theater und das Hallenbad. Noch um 1900 diente die öffentliche Badeanstalt vor allem der großstädtischen Gesundheit. Mit den Jahren etablierten sich auch auf dem Land Natur- und Freibäder und nach 1945 wollte man schließlich flächendeckend sportliche Schwimmstätten einrichten. Doch noch immer standen Gesundheit und Hygiene im Vordergrund, dabei hatte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine andere, lustvolle Badekultur entwickelt: Im Kur-(Hallen-)Bad sollte sich der Gast körperlich wie seelisch erholen.

Im besten Fall verband man das Gute aus beiden Strömungen: die Breitenwirksamkeit der Sportbäder mit der Erholungsqualität der Kurbäder. Denn mit dem Wohlstand wuchs nach dem Krieg auch die Sehnsucht nach den kleinen Fluchten. Immer mehr Freizeit wollte immer anspruchsvoller gefüllt werden – und dafür stand den Badegästen immer mehr Geld zu Verfügung. Neue Großprojekte nutzten diesen Trend, so z. B. das Alpamare (1970) im traditionsreichen Kurort Bad Tölz. Für das erste deutsche Wellenbrandungsbad wurde mit Urlaubsflair geworben: Baden unter Palmen. Und wo es in Kleinstädten nicht für tropische Gewächse reichte, mussten zumindest Riesenrutsche und Pommesbude her.

 

Eine Wahrzeichen für Königstein

Königstein, Villa Borgnis (Bild: K. Berkemann)
Die Königsteiner Villa Borgnis wurde 1927 zum Kurhaus umgewidmet (Bild: K. Berkemann)

Die Taunusstadt Königstein hatte ein geschütztes, fast mediterranes Klima, nur keine eigene Heilquelle. Doch dem Arzt Georg Pingler (1815-92) genügte für seine – an Sebastian Kneipp erinnernde – Kur „normales“ kaltes Wasser. In das 1851 begründete Prießnitz-Bad kamen rasch illustre Patienten wie der nassauische Herzog Adolph. Das wachsende Königstein konnte für seine Bürger 1924 das Freibad im Woogtal eröffnen und für seine Gäste 1927 die malerische Villa Borgnis (1860) zum Kurhaus umwidmen. Was zum „vollgültigen“ Kurort noch fehlte, war ein repräsentatives Kurmittelhaus.

Als 1970 ein Wettbewerb ausgelobt wurde, wünschte man ein Hallenbad mit einem Kurmittelhaus, einer (später nicht umgesetzten) Arztabteilung und Räumen für Friseur, Pediküre, Maniküre, Kiosk … Überzeugen konnte der Entwurf des Stuttgarter Büros Geier + Geier, der die unterschiedlichen Funktionen am Hang geschickt übereinander staffelte. Doch auch die „symbolischen“ Anforderungen an das neue Wahrzeichen waren hoch: Der Bau sollte die Tradition wie die Modernität einer Kurstadt verkörpern, der Gesundheit wie der Freude dienen, die Einheimischen wie die Kurgäste ansprechen.

 

Ein Gesundheitsbad zum Wohlfühlen

Königstein/Taunus, Kurbad, Außenbau (Bild: K. Berkemann)
Weithin sichtbar und gut erreichbar liegt das Kurbad Königstein am Hang über der Bundesstraße 8 (Bild: K. Berkemann)

Auf diesen Anspruch waren Rudolf (1916-2007) und Ingeborg (* 1931) Geier bestens vorbereitet: Er hatte in Karlsruhe u. a. bei Egon Eiermann gelernt und schon beim Kurbad Badenweiler (1954) – mit Otto Linde und Georg Meistermann – erste Erfahrungen gesammelt. Sie hatte in Aachen u. a. bei Hans Schwippert ihre Ausbildung absolviert. Gemeinsam gründeten sie 1963 ihr Büro und konzentrierten sich rasch auf den boomenden Bäderbau. Mit Großprojekten wie Bad Bevensen (bis 1970) konnten sie bereits ihr Gesellenstück vorweisen.

Für Königstein gestalteten Geier + Geier einen plastischen Stahlbetonbau: lagernde schalungsraue Brüstungsfelder, aufstrebende strukturierten Treppentürmen und große Glasflächen. Eine markante Form, die an prominenter Stelle – über der Bundesstraße 8, unter Burg Falkenstein, vor der grünen Taunuslandschaft – gerne mit einem Schiff verglichen wurde. Egal wie, das neue Kurbad war nicht zu übersehen.

 

Der Griff in den Farbtopf

Königstein/Taunus, Kurbad, Foyer (Bild: K. Berkemann)
Im Foyer des Königsteiner Kurbads werden Gäste von leuchtenden Farben willkommen geheißen (Bild: K. Berkemann)

Daran war der Stuttgarter Maler und Bildhauer Otto Herbert Hajek (1927-2005) entscheidend beteiligt. Seine Farbgestaltung tauchte das neue Kurbad 1976/77 in leuchtende Blau- und Orangetöne. Manche sahen darin die traditionellen nassauischen Farben – der Künstler selbst hielt sich von solch vordergründigen Deutungen fern. Er führe nur das Waldgrün und Himmelsblau der malerischen Umgebung mit künstlerischen Mitteln fort. Mit leuchtenden Farben heiße er die Gäste von Weitem willkommen und begleite sie mit immer neuen abstrakten Mustern durch die einzelnen Räume.

Hajek zählte Königstein zu seiner Reihe „Farbwege“, einer Gruppe von Farbgestaltungen im öffentlichen Raum. Durch seine Beiträge zur Kasseler documenta II und III (1959/64) hatte sich Hajek einen Namen gemacht und als Vorsitzender des Künstlerbundes (1972-79) bundesweit Wirkung entfaltet. Seine farbliche Ausgestaltung der Saarbrücker Mensa (bis 1970) schließlich eröffnete die Reihe der „Farbwege“, die Hajek bis nach Königstein führen sollte: häufig Primärfarben, immer zwischen Abstraktion und Zeichen, im besten Fall als Einheit aus bauender und bildender Kunst.

 

Ein außergewöhnliches Gesamtkunstwerk

Königstein/Taunus, Kurbad, Schwimmhalle (Bild: K. Berkemann)
Architektur und Farbe verbinden sich in Königstein zum Gesamtkunstwerk (Bild: K. Berkemann)

Als Hajeks Signalfarben in Königstein 1977 sichtbar wurden, diskutierten die Einheimischen wie die Fachleute leidenschaftlich. War das jetzt erfrischend modern oder unerträglich fremd? In jedem Fall war es mutig, denn allzu lange hatte sich die bildende Kunst im Bäderbau auf dezente Mosaike und dekorative Figürchen reduzieren lassen. Doch um 1970 trat die Farbe immer selbstbewusster neben die Architektur – wie etwa der Grafiker Anton Stankowski in Allendorf an der Eder 1972 das Viessmann-Bad durch seine Entwürfe prägte. In Königstein nutzte man das innovative Gesamtkunstwerk ganz pragmatisch: Die neu gegründete KurGmbH übernahm Hajeks vieldiskutiere Blau-Orange-Kombination kurzerhand als Werbefarben für die ganze Stadt.

In den folgenden Jahren wurde das Kurbad behutsam an die sich wandelnden Bedürfnisse angepasst. Zur Hangseite erweiterte man 1983 und 1994 die Sauna und ergänzte nach Osten 1988 – wieder in Hajek-Farben – ein Freibecken. Damit blieb das Königsteiner Kurbad bemerkenswert unverändert erhalten. Ein seltener Glücksfall, werden kommunale Bäder doch immer öfter „ertüchtigt“ oder gleich ganz eingespart. Die Architekturhistorikerin Iris Meder zählt das Königsteiner Gesamtkunstwerk gar zu den „außergewöhnlichsten Bädern in Mitteleuropa“. Und auch die Königsteiner hat neue Badelust gepackt, wie am 8. April 2014 die Frankfurter Rundschau meldete: „Das alte Kurbad soll saniert werden“.

 

Freiräume für neue Ideen

Idstein, Lore-Bauer-Halle (Bild: K. Berkemann)
Die Idsteiner Lore-Bauer-Halle (1973) – geplant als Schwimm-, umgesetzt als Tennishalle – steht seit einigen Jahren leer (Bild: K. Berkemann)

Und was wurde aus dem verhinderten Hallenbad von Idstein? Auch das Geld für Tennishallen ist knapp geworden. Seit einigen Jahren steht die Lore-Bauer-Halle leer und wartet auf eine neue Nutzung. Ein Raum, der schon in der Planungsphase einmal leichtfüßig seine Funkion gewechselt hat, lässt dafür viel Freiheit. Viele moderne Freizeitbauten können mehr, als wir uns heute für sie einfallen lassen. Sie können Freiräume werden für kleine Fluchten und große Begegnungen, neue Entdeckungen und erholsame Erlebnisse. In diesem Sinne: Gehen Sie mal wieder schwimmen!

 

Rundgang durch das Kurbad

 

Archive und Literatur

Deutsches Kunstarchiv, Nürnberg; Geier Völlger Architekten [ehem. Geier + Geier], Stuttgart; Kurbad Königstein, Königstein/Taunus; Nachlass Richard Bauer, Idstein; Stadt Königstein, Bauverwaltung, Königstein/Taunus; Stadt Idstein, Bau- und Betriebsamt; Stadtarchiv Idstein; Stadtarchiv Königstein/Taunus; Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau/Karlsruher Institut für Technologie, Karlsruhe

Meder, Iris, Badefreuden. Eine Reise zu den außergewöhnlichsten Bädern in Mitteleuropa, Wien 2011

Großmann-Hofmann, Beate/Köster, Hans-Curt, Königstein im Taunus. Geschichte und Kunst. Mit einem Katalog einiger erhaltenswerter historischer Bauten (Die Blauen Bücher), Königstein/Ts. 2010 (2. Auflage)

Gomringer, Eugen (Hg.), O. H. Hajek, eine Welt der Zeichen, hg. [anlässlich einer dortigen Ausstellung] von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Köln 2000

Hess, Ilse, Die Neuorientierung im Bäderbau 1970 bis 1985 unter besonderer Berücksichtigung der historischen Entwicklung, Ahrensburg 1989 [zgl. Diss., Universität, Hamburg, 1988]

 

Nach diesem Beitrag ging es weiter mit …

2014 erschien im Langewiesche-Verlag eine Monographie zum Königsteiner Hallenbad: mit großformatige Abbildungen und Fachbeiträgen.

Klempert, Gabriele/Köster, Hans-Curt (Hg.), Hajeks Farb-Bad in Königstein. Eine Symbiose aus Architektur und Kunst von Geier + Geier mit Otto Herbert Hajek am Kurbad in Königstein i. Ts., Langewiesche-Verlag, 2014, gebunden, 101 Seiten, 22,3 x 27 cm (quer), 185 Abbildungen (zumeist farbig), ISBN 978-3-7845-6306-0.

 

Und die Deutsche Bauzeitung nahm sich des Kurbads 2016 mit einem fachkundigen Beitrag von Dr. Chris Gerbing an.

FACHBEITRAG: Der Hockenheimring

von Daniel Bartetzko (Heft 14/1)

Es ist ein Rennen auf Leben und Tod: Kopf an Kopf jagen die Streitwagen um den Sieg. Um jeden Zentimeter wird auf der Strecke gekämpft. Knallende Peitschen, scheuende Pferde, berstende Räder, tödliche Stürze – atemlose Dramatik pur. Panem et Circensis, Brot und Spiele. Das Publikum im vollbesetzten Circus Maximus rast. Charlton Heston überquert als erster die Ziellinie und wird mit dem Siegerkranz belohnt. Der grandiose Monumentalfilm Ben Hur ist fast drei Stunden lang, doch eine Sequenz von neun Minuten macht ihn unvergesslich: das große Wagenrennen.

 

Hollywood in Hockenheim

Der Rausch der Geschwindigkeit bestimmte den Hockenheimring - hier die Stadtkurve im Jahr 1936 - von Anfang an (Bild: Hockenheimring, 1936)
Tollkühne Männer auf frisierten Motorrädern – die Stadtkurve am Hockenheimer Ortsrand im Jahr 1936 (Bild: Hockenheimring GmbH, 1936)

Ob Ernst Christ, Wilhelm Herz und Kurt Buchter an den damals noch jungen Hollywood-Film dachten, als sie das Motodrom von Hockenheim planten, ist nicht überliefert. Der bis Mitte der 1960er Jahre ausgeführte Umbau der Automobil- und Motorrad-Rennstrecke erwies sich jedoch als großes Kino. Der 15.000-Einwohner-Ort nahe Heidelberg erlangte in den folgenden Jahren als Rennmetropole Weltrang. Dabei war das Projekt Motodrom der schieren Notwendigkeit geschuldet: Bis dahin führte der Hockenheimring rund acht Kilometer überwiegend durch Waldgebiet und endete am Ort in einer Spitzkehre.

Der Bau der Autobahn 6 zwischen Mannheim und Walldorf erforderte, die Rennstrecke vor ebenjener Kehre zu kappen und angemessen neu zu gestalten. Wilhelm Herz, Ex-Motorradrennfahrer und seit 1958 Geschäftsführer des Hockenheimrings, und Bürgermeister Kurt Buchter engagierten für das gemeinsame Vorhaben Ernst Christ. Der ehemalige Vorsitzende des Badischen Motorsport-Club (BMC) und Gründer der Hockenheimring GmbH gilt als „Vater“ des Rings – er initiierte schon 1932 den ursprünglichen Kurs.

 

Motorsport war massenkompatibel

Die Strecke des "Kurpfalzrings" wurde 1938 festgelegt (Bild: Hockenheimring, 1938)
Die Strecke des „Kurpfalzrings“ lag 1938 fest (Bild: Hockenheimring GmbH, 1938)

Motorsport mag heute Geschmackssache sein – früher war er massenkompatibel: Die tollkühnen Fahrer, die mit Rennwagen und -motorrädern über die Pisten jagten, lösten zu Beginn des fortschrittsgläubigen 20. Jahrhunderts enorme Begeisterung aus; die Berliner Avus und der Nürburgring in der Eifel waren Publikumsmagneten. In Karlsruhe fand seinerzeit das Wildparkrennen statt, das jedoch nach 1929 aus Sicherheitsgründen verboten wurde und eine Lücke hinterließ: Eine festinstallierte Rennstrecke gab es in Süddeutschland nicht.

Ernst Christ, damals Zeitnehmer in Karlsruhe, gelang es, den Bürgermeister von Hockenheim für seine Pläne zu gewinnen, eine solche nahe der nordbadischen Kleinstadt einzurichten. Bau und Finanzierung zogen sich drei Jahre, bis am 29. Mai 1932 das erste Rennen vor 60.000 Zuschauern stattfand. Fortan war jedes Jahr Anfang Mai das große Rennwochenende. Die endgültige Streckenführung und den Namen „Kurpfalzring“ erhielt der Kurs 1938. Doch nur ein Wettbewerb fand noch statt, dann bereitete der Krieg dem Motorsport ein Ende.

 

Die Wiederbelebung der Strecke

In den Jahren 1964 bis 1966 entstand das neue Motodrom (Bild: Hockenheimring, 1965)
In den Jahren 1964 bis 1966 entstand das Motodrom. Etwa 900.000 Kubikmeter Waldboden wurden dafür umgeschichtet (Bild: Hockenheimring GmbH, ca. 1965)

Die Wiederbelebung der ruinierten Strecke geschah 1946/47 wieder auf Initiative von Ernst Christ und des neuen Hockenheimer Bürgermeisters. Der BMC und die Stadt gründeten zur Finanzierung die Hockenheimring GmbH – womit man den Namen Kurpfalzring endgültig zu den Akten legte. Die Begeisterung für die Raserei war ungebrochen: Das zehnte Mai-Rennen auf dem Hockenheimring fand 1948 vor 350.000 Zuschauern statt!

In den Wirtschaftswunderjahren ging es mit der Strecke bergauf. 1951 wurde der Mai-Pokal zum internationalen Rhein-Pokal-Rennen, nun wurden auf dem Hockenheimring auch Weltmeisterschafts-Läufe ausgetragen. Nordbaden war im Olymp des Rennsports angekommen, Mercedes-Benz und Porsche testeten dort zudem regelmäßig Rennfahrzeuge. Die neben Christ maßgeblich beteiligten an der Ring-Umgestaltung gelangten in jenen Jahren in Amt und Würden: Wilhelm Herz übernahm 1954 den Vorsitz des BMC, Dr. Kurt Buchter wurde 1958 Bürgermeister der Stadt. Der Bau des Motodroms wurde ihr Projekt.

 

Das neue Motodrom

Das neue Motodrom (Bild: Hockenheimring, 1966)
22. Mai 1966: Das Motodrom wird vor 140.000 Zuschauern mit dem Großen Preis von Deutschland eingeweiht. Im Bild die Startaufstellung der 500-Kubik-Motorräder vor der Rennleitung (Bild: Hockenheimring GmbH, 1966)

Eine Tribünenanlage, die 100.000 Zuschauern Platz bietet, dazu Gebäude für Verwaltung, Rennleitung, Organisation und eine Boxengasse sind zwischen 1964 und 1966 parallel zur neuen Autobahn entstanden. Das Motodrom – der Name geht auf Ernst Christ zurück – bietet bis heute wohl die größte zusammenhängende Rennpassage Europas, die unter den Augen des Publikums stattfindet.

Nach der Vollgasstrecke durch den Wald donnern die Fahrer direkt in ein vollbesetztes Stadion. Die Zuschauer werden vom fernen Motorengeräusch und der Moderation der Rennleitung in Atem gehalten, bis das Fahrerfeld in ihren Sichtbereich hineinströmt und um die Pole-Position kämpft. Ungenutzt wirken die weit auseinandergezogenen Tribünen eher trist. Ist das Areal aber vom Krawall der Rennmotoren erfüllt, offenbart sich der Kunstgriff der Planer – hier dominiert Adrenalin pur.

 

Einfahrt in die Sachs-Kurve (Bild: A. Beyer)
2012: Sachs-Kurve und Baden-Württemberg Center beim Porsche-Cup (Bild: A. Beyer)

„Nirgendwo auf der Welt fühle ich mich in einem Rennwagen freier als in Hockenheim. Aus dem Motodrom in den Wald wie in einen Tunnel, man ist mit sich allein. Eine Mutprobe am Limit [… Dann] hat man von der großen Leere genug und freut sich jedes Mal auf den tollen Augenblick, wenn man plötzlich ins voll besetzte Stadion, in dieses offene Feld kommt. Unbeschreiblich das Gefühl.“ (A. Senna, dreimaliger Formel-1-Weltmeister, am
1. Mai 1994 in Imola tödlich verunglückt)

 

Konzerne finanzierten die Gebäude

Exakt 6,8 Kilometer misst die Strecke 1966, davon liegen rund 1,8 Kilometer im vielfältig bebauten Motodrom. Die großen Betontribünen sind treppenförmig in aufgeschüttete Erddämme eingefügt. Nur der Betonskelettbau der Haupttribüne verfügt über Untergeschosse, in denen Verwaltung, Polizei und Sanitätsdienst untergebracht sind. Vor der Haupttribüne verläuft die Start-Ziel-Gerade, an ihr gruppieren sich Rennleitung, Boxengasse und Funktionärshaus. Die Architektur ist funktional: Die Tribünen beeindrucken vorrangig durch ihre Größe; Rennleitung und Funktionärshaus, beide mit Türmen versehen, sind schlichte Betonplatten-Gebäude. Finanziert wurden sie durch die Konzerne Dunlop und Continental – versehen mit entsprechender Werbung.

Das Sachs-Haus folgt der "S"-Form des Formenlogos von und Sachs (Bild: D. Bartetzko)
Das Sachs-Haus (1966) zitiert die „S“-Form des einstigen Fichtel-und-Sachs-Logos (Bild: D. Bartetzko)

Ein weiteres Konzern-Bauwerk ist das hinter der Boxengasse liegende Ernst-Wilhelm-Sachs-Haus, in dem Büros und Organisation untergebracht sind. Und dieser zweigeschossige Rundbau ist eine unscheinbare Perle: Auf den ersten Blick bietet sich nur ein durchaus eleganter, teils mit zeittypischen Waschbetonplatten verkleideter Pavillon, dessen weit auskragende, quadratische Dachfläche zwischen Erdgeschoss und erstem Stock als Terrasse nutzbar ist.

Die kurios gewundene Form des wesentlich kleineren ersten Stocks erklärt sich auf den zweiten Blick: Er bildet das damalige Logo des Finanziers Fichtel und Sachs nach, ein verschlungenes S. Auch der mittige Treppenaufgang entspricht dieser S-Form. Die Boxen wurden 1980 ersetzt, der Funktionärsturm fiel in den 2000er-Jahren und das Gebäude der Rennleitung ist komplett umgebaut. Das Ernst-Wilhelm-Sachs-Haus, benannt nach seinem Spender, steht hingegen heute noch nahezu unverändert an seinem Fleck.

 

Der Tod war allgegenwärtig

Der Tod war im Motorsport dabei: Auch wenn keine Schlachten wie im Circus Maximus ausgetragen wurden, schwebte der Geist von Ben Hur über allem. Die Macher der Königsklasse Formel 1 überlegten noch, ob der Hockenheimring als Austragungsort in Frage käme, als am 7. April 1968 das Desaster geschah: Der Schotte Jim Clark, zweimaliger Weltmeister und bester Rennfahrer der 1960er Jahre, stirbt bei einem Formel-2-Rennen auf dem Ring, als er mit seinem Auto von der Strecke abkommt und in die Bäume rast.

Was heute für einen Veranstalter das Ende aller Ambitionen bedeutet hätte, war damals nur Anlass, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern und auf die Zukunft zu hoffen. Mit Erfolg: Am 2. August 1970 fand in Hockenheim schließlich das erste Formel-1-Rennen statt. Sieger war der im nahen Mainz geborene Österreicher Jochen Rindt. Vier Wochen später kam er beim Training zum Grand Prix von Monza ums Leben und wurde am Ende der Saison posthum Weltmeister.

 

Der große Umbau

Im Jahr 2002 erhielt der Hockenheimring das neue Baden-Württemberg-Center und zwei große Tribünen (Bild: D. Bartetzko)
Das Fahrerlager als Flohmarkt: Die Oldtimer-Börse „Veterama“ findet seit 2013 in Hockenheim statt (Bild: D. Bartetzko)

2001/2002 erfolgte die Umgestaltung des Hockenheimrings. Offen wurde es nie ausgesprochen, doch drohte wahrscheinlich der Verlust der seit 1977 jährlich stattfindenden Formel-1-Rennen. Der Ring schien nicht mehr attraktiv genug, die wachsenden Sicherheitsbestimmungen nur noch schwer einzuhalten. Die Formel 1 war mit den Jahren zur Geldmaschine gewachsen, Michael Schumacher auf dem Zenit seiner Karriere. Der Verlust des größten Zugpferds hätte wohl das wirtschaftliche Aus für die Rennstrecke bedeutet.

Nach der Saison 2001 fallen rund 44 Hektar Wald zugunsten der auf 4,5 Kilometer verkürzten Strecke, die Vollgaspassagen zwischen den Bäumen sind fortan Geschichte. Der Weg ins Motodrom ist kürzer, die berühmte Durchfahrt findet während eines Rennens umso häufiger statt. Dazu werden zwei weitere spektakuläre Tribünen und das Baden-Württemberg Center errichtet, das den Funktionärsbau ablöst. Die Streckenplanung und die Mercedes-Benz-Tribüne mit 6.500 Sitzplätzen verantwortet der Aachener Hermann Tilke, die Erweiterung der Südtribüne auf 2.600 Sitzplätze und das Baden-Württemberg Center – genutzt von Mercedes-Benz, ADAC und Land – setzt das Stuttgarter Büro Deyle um. Es ist die „große Lösung“: Beide Planer spielen in der Weltliga der Sportstätten-Architekten.

Auch ohne Walddurchfahrt lebt das Motodrom. Die 2002/2003 entstandenen Gebäude besitzen durchaus das Potential zum Klassiker. Denn die fulminanten Tragkonstruktionen der Tribünen beeindrucken ebenso wie der aufgesetzte Teil des Baden-Württemberg Centers, der den Kreiskolben eines Wankel-Motors zitiert. Das Sachs-Haus aus den Anfangstagen wäre jetzt schon schützenswert. Die übrigen erhaltenen Originalgebäude sind zumindest mit etwas Mühe noch auszumachen: Im Sommer 2014 ist die Werbe-Öldose vom Turm der Rennleitung demontiert und gibt den Blick frei auf Reste des Dunlop-Schriftzugs von 1966. Auch sind die Erdwall-Tribünen noch von authentischen, zugemoosten Eternit-Dächern bekrönt. Die Spurensuche hat einen speziellen Reiz …

 

Eine Zukunft mit weniger Motorsport?

Die Südtribüne des Hockenheimring (Bild: O. Fernandez)
Die Zukunft des Hockenheimrings? Läufer vor der Mercedestribüne im Motodrom (Bild: T. Ortiz-Fernandez)

Ob (wie 2002) Investitionen von 105 Millionen Euro in den Motorsport, verbunden mit dem Verlust von etlichen Hektar Wald, vertretbar sind, mag diskutabel sein. Der Hockenheimring als Erlebnisort hat indes bis heute wenig von seinem Reiz eingebüßt. Was gewiss auch daran liegt, dass er nicht mehr nur als Rennstrecke genutzt wird. Die Formel 1 gastiert noch immer alle zwei Jahre, doch schon lange finden auch Konzerte, Volksläufe und Radrennen im Motodrom statt. Die Rhein-Neckar-Region würde ohne die Rennstrecke einen wesentlichen Teil ihrer Identität einbüßen. Gleiches gilt auch für die Eifel und den krisengeschüttelten Nürburgring. In Berlin, übersatt an Sport, Spiel und Kultur, sieht es anders aus: Hier verfallen die Tribünen der 1998 geschlossenen Avus allmählich. Ben Hur hätte Mitleid.

 

Rundgang über den Hockenheimring

Begleiten Sie Daniel Bartetzko auf einem Rundgang durch die Geschichte und Neugestaltung des Hockenheimrings.

 

Literatur

Reuß, Eberhard, Hockenheimring. Die Geschichte der legendären Rennstrecke, Bielefeld 2008

Christ, Ernst u. a., Hockenheimring. Biografie einer Rennstrecke. Rennchronik 1932-81, Hockenheim 1982

„Und wieder hatte ich Glück …“

INTERVIEW: Zu Hause bei Dieter Rams

 

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der Braun-Designer Dieter Rams zeigt sein Kronberger Atelier- und Wohnhaus (Bild: K. Berkemann)

Wie wohnt ein Designer, der das Zuhause von zwei Generationen eingerichtet hat? Ganze 40 Jahre war Dieter Rams (* 1932) für den Elektrogerätehersteller Braun kreativ. Viele seiner Entwürfe – wie das Audiomöbel „Phonosuper SK4“, der sog. Schneewittchensarg – sind längst Kult. Ihre klare Formen werden heute von internationalen Marken wie Apple zitiert. Ob Sessel, Regal oder Türklinke, mit renommierten Herstellern wie Vitsoe (+ Zapf) oder FSB entwickelte Rams alles Denkbare für Arbeit und Freizeit. Ein so umfassendes Lebenswerk, dass Rams sein Domizil problemlos mit eigenen Entwürfen ausstatten konnte. An den Hängen der Taunusstadt Kronberg, in der Neubausiedlung Roter Hang, liegt sein modernes Wohn- und Atellierhaus aus dem Jahr 1971. Und mit dessen Gestaltung ist der gelernte Innenarchitekt ebenfalls eng verwoben. Herr Rams, Sie leben inmitten Ihrer eigenen Entwürfe. Haben Sie denn nie frei? Warum sollte ich? Gutes Design umfasst doch das ganze Leben. Darum haben wir damals am Roten Hang zwei Grundstücke bebaut: im Norden das Wohnhaus, am Hang nach Süden das Atelier. Hier richtete ich mir ein Büro und eine Werkstatt ein. Meine Frau – sie ist Fotografin – hatte lange eine Dunkelkammer. Wohn- und Arbeitsbereich sind über einen Flur verbunden. Eine freie Stufe markiert, dass zwei Dinge gleichberechtigt aufeinander treffen. Aber manchmal sitze ich hier einfach auch nur gerne. Und der Pool in Ihrem Garten? Eine Ausnahme in der Siedlung. Für meinen Rücken muss ich viel schwimmen. Und ich schaue gerne vom Büro und Wohnzimmer auf den Pool.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Im Wohnzimmer mischt Rams Thonet-Stühle unter eigene Entwürfe (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist ästhetisch. … Denn ganz sicher ist es unangenehm und mühsam, Tag für Tag mit Produkten zu tun zu haben, die verwirrend sind, die einem buchstäblich auf die Nerven gehen“. (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Angefangen haben Sie mit der Architektur? Den Beschluss fasste ich in der Werkstatt meines Großvaters, in der ich groß geworden bin. Er war Schreiner und Spezialist für Oberflächen. Wenn es ein Klavier zu restaurieren gab, war er der richtige Mann. Nach dem Krieg hatte ich Glück und studierte an der Werkkunstschule Wiesbaden. Vertreten waren alle Richtungen, von der Mode über die Keramik bis zur Gebrauchsgrafik. Wie ein kleines Bauhaus. Und wieder hatte ich Glück und konnte 1953 im Frankfurter Architekturbüro Otto Apel anfangen.

Bis Sie Erwin Braun begegnet sind … Richtig, durch ihn kam ich zum Design. Erwin und Artur Braun bauten damals etwas Neues auf. Die Firma expandierte von Frankfurt nach Kronberg. Mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung entwickelten wir moderne Elektrogeräte – von Radio bis zum Rasierapparat.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der heimische Werkstattraum entstanden viele Entwürfe (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist unaufdringlich. Produkte, die einen Zweck erfüllen, haben Werkzeugcharakter. Sie sind weder dekorative Objekte noch Kunstwerke. Ihr Design sollte daher neutral sein“. (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Was war Ihr Gestaltungsprinzip? „Less but better.“ Später habe ich für Studenten, aber nicht nur für Studenten, die „Zehn Gebote zum Design“ formuliert. Gutes Design ist ästhetisch, funktional, … Aber es läuft immer wieder auf diesen einfachen Satz hinaus: Weniger, aber besser. Die Firma Braun erwarb von der Stadt Kronberg das Vorkaufsrecht für den Roten Hang. Was sollte hier entstehen? Erwin Braun hatte eine Vision. Schon 1954 gründete er für das Unternehmen einen Gesundheitsdienst mit Gymnastikraum und Diätküche. Am Roten Hang sollte eine Siedlung für Mitarbeiter und Gäste entstehen. Von einer Reise nach Bern brachte ich die Idee der modernen Halensiedlung mit: maßstäbliche Reihenhäuser mit viel Lebensqualität. Als Braun an Gillette verkauft wurde, wurde die Siedlung schließlich durch den Königsteiner Architekten Rudolf Kramer und den Frankfurter Bauträger Polensky & Zöllner umgesetzt.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der Vitsoe-Sessel 620, von Rams 1962 entworfen, in der Selbsterprobung (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist innovativ. … darin, dass es im Hinblick auf die Funktionen eines Produkts deutliche Fortschritte erreicht. Die Möglichkeiten dafür sind noch längst nicht ausgeschöpft.“ (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Dann wurde es eine Siedlung für Braun-Mitarbeiter? Eingezogen sind nur vier Braun-Mitarbeiter. Zumeist kamen junge Familien. Anfangs gab es Straßenfeste, gemeinsame Fahrdienste für die Kinder … Doch schnell machten viele Karriere, bekamen eine Stelle in Hamburg oder New York und zogen weg. Was wird jetzt aus der damaligen Utopie? Mit meiner Frau habe ich eine Stiftung gegründet, die sich um Forschung und Lehre für gutes Design kümmert. Und für den Roten Hang können wir nur hoffen. Es lässt sich hier sehr gut leben. Aber wir müssen gemeinsam darauf achten, dass die guten Dinge bleiben: die klaren Formen und Farben, die verschlungenen Fußgängerwege ohne störende Autos, die flachen Dächer mit dem weiten Blick ins Grüne.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (Heft 14/1).

 

Zur Person Dieter Rams

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Dieter Rams vor seinem Kronberger Bungalow mit Pool (Bild: K. Berkemann)

Dieter Rams, geboren 1932 in Wiesbaden, gilt als führender Industriedesigner der deutschen Nachkriegsmoderne. Sein Studium an der Werkkunstschule Wiesbaden – unterbrochen durch ein Tischler-Praktikum – schloss er 1953 als Innenarchitekt ab. Nach zwei Jahren beim Frankfurter Architekturbüro Otto Apel wirkte Rams von 1955 bis 1995 als Designer für die Firma Braun und gestaltete Produkte für weitere Markenhersteller. Rams lehrte an der Hamburger Hochschule für bildende Künste und erhielt zahlreiche internationale Ehrungen.

Ein Rundgang durch den Roten Hang

PORTRÄT: Das Gloria in Weißenfels

von Sarah Huke (Heft 14/1)

Weißenfels, Gloria (BIld: Francesca Richter, Weißenfels)
Ein Hauch von Großstadt (Bild: Francesca Richter, Weißenfels)

Durch Weißenfels weht ein Hauch von Großstadt: „Gloria“ steht in großen Lettern auf der erloschenen Lichtreklame eines großen kantigen Gebäudes. Erbaut wurde der Gloria-Palast 1928 als modernes Lichtspielhaus, doch seit 1998 steht er leer und verfällt. Zu lange waren die Besitzverhältnisse unklar. Und auch das Land Sachsen-Anhalt konnte nur gerade so viel Geld bereitstellen, um das historische Lichtspielhaus notdürftig baulich zu sichern. Dabei zählt das Gloria nicht allein zu einem fast verlorenen städtischen Bautypus, sondern auch zu den wertvollen Zeugnissen der Klassischen Moderne.

 

Erschwinglich für jedermann

Nach Ende des Ersten Weltkrieges vergrößerte sich Weißenfels schnell, das Geschäftsleben florierte. Der Bau der Leuna-Werke ab Juli 1916 trug zu dieser Entwicklung bei. Man errichtete Volkshochschulen, Stadttheater und Volksbühnen, um der Bevölkerung auch Literatur, Kunst und Musik näher zu bringen. In den folgenden Jahren entstanden immer mehr kleinere Kinos in der Stadt, doch genügten sie nicht immer den baupolizeilichen Auflagen. Daher beschloss der Kinobesitzer Robert Göpffahrt, ein neues Lichtspielhaus zu bauen, das allen Anforderungen und den neusten technischen Möglichkeiten entsprach.

Der Baugrund für das neue Lichtspieltheater (Bild: Kreisarchiv Weißenfels)
Der Baugrund für das neue Kino (Bild: Stadtarchiv Weißenfels)

Für den Baugrund hinter der Bahnüberführung, zwischen Alt- und Neustadt, wurde aus 15 Bewerbern der Erfurter Architekt Carl Fugmann ausgewählt. Am 5. April 1928 begann der Abbruch des angrenzenden Bürohauses, rasch folgten die Erd- und Mauerarbeiten. Bereits am 12. Mai, so berichtete das „Weißenfelser Tageblatt“, „wurde ein verlötbarer kupferner Behälter mit einer Urkunde, einem Bild des Baues, Inflationsgeld und Stücken der heutigen Währung in den Grundstein eingelassen. […] Hoffnungsreiche Wünsche begleiteten die drei Hammerschläge, die auf einem laufenden Filmstreifen festgehalten wurden.“

 

Täglich kamen Hunderte

Die Baustelle lockte täglich Hunderte an: Zunächst wurden Eisen-Binder verankert und mit Flaschenzügen aufgerichtet, schließlich ohne Leitern in der Luft verbunden und die Eisenkonstruktion zuletzt ausgemauert. Schon nach fünf Monaten weihte man den Gloria-Palast am 18. Oktober 1928 ein. Für jedermann erschwinglich, verfügte das neue Lichtspieltheater über 1.200 Sitzplätze zum Eintritt von 0,60 bis 2,50 Mark. Die Loge im Saal und der Rang boten gepolsterte rote Plüschsessel. Eine geschmackvolle Beleuchtung, edle Hölzer, Wandkacheln und Spiegel stimmten die Besucher auf den Kunstgenuss ein.

Das Gloria in Weißenfels zur Zeit seiner Eröffnung (Bild: historische Postkarte)
Das Lichtspieltheater zur Zeit seiner Eröffnung (Bild: historische Postkarte)

Zur Eröffnung begrüßte das „Weißenfelser Tageblatt“ den Neubau mit der fortschrittlichen Geste: „Gestaute Menschenmassen vor den Eingängen waren gestern das äußere Kennzeichen der Eröffnung des Gloria-Palastes und zwei ausverkaufte Vorstellungen das innere. […] Wer abends von der Merseburger Straße hereinkommt, empfängt einen richtigen großstädtischen Eindruck von dem modernen in Linien gehaltenen und wirkungsvoller Lichtreklame erhellten Gebäude.“

 

Wie in der Großstadt

Architektonisch und konstruktiv ist das Lichtspielhaus für die Kleinstadt besonders. Der flachgedeckte Putzbau in sparsamer Fachwerk-Eisenkonstruktion zitiert das Neue Bauen, wie es u. a. durch das Bauhaus gefördert wurde. Auf einem schiefwinkligen Grundstück bilden ineinander verschobenen Quader zwei Hauptfassaden mit Schlitzfenstern aus. Blickfang ist der Eckabschnitt, den die Gegensätze von niedrig und hoch – Portikus und turmähnlichen Zwischenbau – bestimmen. Letzteren überragt der Leuchtreklamekasten mit dem Schriftzug „Gloria“, einst rundeten noch Lichtschaukästen und -bänder an den Gesimsen das Bild effektvoll ab.

Weißenfels, Gloria (BIld: Francesca Richter, Weißenfels)
Der Kinosaal heute – bei moderneREGIONAL die ersten Innenaufnahmen seit Jahren (Bild: Francesca Richter, April 2014)

Im Jahr 1940 erweiterte man das Kino um einen Luftschutzbunker und baute im Eingangsbereich 1941 eine schützende Überdachung. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Immobilie in der DDR enteignet und in den neugegründeten VEB Lichtspielbetrieb eingegliedert. Mit der Wiedervereinigung übernahm die UFA das Gebäude, 1998 wurde es stillgelegt. Ein neuer Betreiber wollte einige Jahre später einen „Tanzpalast“ einrichten. Doch nachdem das Saalinventar ausgebaut war, scheiterte das Unternehmen. Seitdem steht der bemerkenswerte Bau der Klassischen Moderne leer und verfällt.

 

Eines der Letzten seiner Art

Weißenfels, Gloria (BIld: Franziska Richter, Weißenfels)
Reste der originalen Ausstattung (Bild: F. Richter)

Der Gloria-Palast bleibt eines der letzten Beispiele für den Bautyps „Lichtspieltheater“ aus der Zeit der Klassischen Moderne in Sachsen-Anhalt. Deshalb ist es umso trauriger, dass die Zeit an der Bausubstanz nagt. Es sind nicht nur die historischen Lichtspielhäuser, die aus den Stadtbildern verschwinden und einen Teil der Sozialgeschichte des Landes vergessen machen. Mit jedem Bau der klassischen Moderne geht auch ein Zeichen verloren, wie neu und großstädtisch dieser Stil einmal wirkte. Dass – auf Initiative der Stadt Weißenfels – nun ein Insolvenzverwalter auf das „Gloria“ ansprechbar ist, lässt für die Zukunft hoffen.

 

das wurde draus …

Der Präsident des Landesverwaltungsamt und der Weißenfelser Oberbürgermeister öffneten das stillgelegte Gloria am 24. Mai 2014 im Rahmen der Intititive „In liebevolle Hände abzugeben“, um auf die Chancen denkmalgeschützer Bauten aufmerksam zu machen. Im Dezember 2014 erhielt das moderne Baudenkmal – auf Antrag der Kommune, mit Förderung der Landesdenkmalpflege – ein Notdach. Im Frühjahr 2015 denkt der Weißenfelser Oberbürgermeister laut darüber nach, im Gloria die Stadtbücherei unterzubringen und in dieses Konzept den bestehenden Saal mit Bühne zu integrieren …

 

Ein Rundgang durch das Gloria

Werfen Sie mit den Bildern von Francesca Richter erstmals seit Jahren wieder einen Blick in das stillgelegte Weißenfelser Lichtspieltheater!

 

Literatur und Quellen

Köhler, Myrta, Vier Kinos von Carl Fugmann, in: Baunetzwoche 241

Bach, Gerhard, Der Gloria-Palast, in: Weißenfelser Heimatbote 17, 2008, 4, S. 103-106

Findeisen, Peter, Alte Lichtspielhäuser in Sachsen-Anhalt. Noch kein Nachruf, in: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 15, 2007, 1, S. 16-37

Kreisaktenarchiv Weißenfels, historische Bauakte, Merseburgerstraße 3

Stadtarchiv Weißenfels, Weißenfelser Kreisblatt, 19. Oktober 1928

Stadtarchiv Weißenfels, Weißenfelser Kreisblatt, 19. Februar 1897