München, Schwabylon (J. Dahinden, 1973, Abriss 1979/2013) (Bild: J. Dahinden)

LEITARTIKEL: Freie Zeiten, gute Orte

von Ingeborg Flagge (Heft 14/1)

Um wie viel einfacher wäre jetzt ein kurzer Abriss über die Qualität alter Architektur vom Barock bis zum Jugendstil. Aber dies sollen allgemeine Gedanken über moderne Architektur am Beispiel von Freizeitbauten werden. Und das ist schwer nach meiner kürzlichen, fesselnden Lektüre des klugen, aber äußerst pessimistischen Buches „Hybris“ von Meinhard Miegel, der das Bauen in unserer weltweiten Gesellschaft als eine Konstellation aus Exzessen bezeichnet, die zum Himmel schreit.

 

Alles, und zwar sofort

Die Londoner Skyline (Bild: Cmglee)
Die Londoner Skyline – links im Bild die Kuppel von St. Paul – wird heute von Hochhäusern beherrscht (Bild: Cmglee)

Nach Miegels Meinung ist diese Entwicklung der Tatsache geschuldet, dass eine unersättliche Gesellschaft immer mehr und immer höher hinaus will, und dieses alles sofort, ohne zu warten. Geduld sei keine ausgeprägte Eigenschaft unserer Konsumgesellschaft. Wer die neuesten Schreckensberichte über die Zerstörung der Skyline Londons liest, die sich noch vor ungefähr zehn Jahren an der Höhe der Kuppel von St. Paul orientierte, während heute über 200 neue Hochhäuser ohne Rücksicht hierauf realisiert werden, versteht, was Miegel kritisiert.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Architektur eine Gesellschaft in ihrem Entwicklungszustand widerspiegelt und vieles aussagt über ihre Verantwortung, ihre Werte, ihre Ängste und ihre Prioritäten. Wir erfahren täglich, dass und wie sehr wir auf Sensationen, auf Höchstleistungen und außergewöhnliche Events hin orientiert sind. Das Spektakuläre hat Hochkonjunktur. Eben auch in der Architektur.

Extravagante Bauten und eine aufsehenerregende Gestalt, die wie Weltrekorde den Weg in die Nachrichten finden, werden bestaunt und besucht. Extreme Architekturlösungen wie ein phallusähnliches Hochhaus oder „das Wunder von Baku“ – eine spektakuläre Arena, die 2012 mit dem Eurovision Song Contest eingeweiht und in weniger als zehn Monaten realisiert wurde, sind das Ziel von Besucherströmen. Bekannte Architekten werden im Zuge dieser Entwicklung auch schon einmal zu Superstars erklärt und ihnen Züge von Superman zugeschrieben.

 

Auf Dauer überfordert

Dennoch: Offensichtlich bestaunt der Mensch diese Entwicklung, lässt sich von ihr auch faszinieren, fühlt sich aber in der Architektur dieser überwältigenden neuen Welt auf Dauer überfordert und nicht wohl. Wenn er wieder zu Hause in seiner eigenen, überschaubaren Welt ist, gibt er sich zufrieden und beginnt nicht etwa, diese jetzt entsprechend umzubauen.

Im Zentrum der genormten Gartenstadt Bad Dürrenberg bei Merseburg (A. Klein, 1930) sollte ein begrünter Platz  mit Planschbecken zum Verweilen einladen (Bild: Bundesarchiv, 1930)
Im Zentrum der genormten Gartenstadt Bad Dürrenberg bei Merseburg (A. Klein, 1930) sollte ein begrünter Platz mit Planschbecken zum Verweilen einladen (Bild: Bundesarchiv, 1930)

Irgendwie erinnert diese Diskrepanz an die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Moderne Architekten propagierten damals für die Nutzer neue, „ungeschmückte Sachformen“ (Hermann Muthesius) als Fortschritt, die allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine weltweite Verbreitung erfuhren. Die Menschen aber liefen Sturm gegen die anonyme Verzichtsarchitektur der Großsiedlungen der 60er Jahre und ihr stereotypes Raster.

Eben die menschenverachtende Rationalität solcher Bauten war einer der Gründe für die Hinwendung der Deutschen zu historischer Architektur, ihrer Maßstäblichkeit und ihrer Formenvielfalt. Die Schweizer nennen uns inzwischen „Rekonstruktionsweltmeister“, weil in Deutschland nicht nur der Erhalt und die Pflege alter Architektur leidenschaftlich betrieben wird, sondern auch abgerissene Schlösser und gesprengte Kirchen in so großer Zahl wieder rekonstruiert werden wie in keinem anderen europäischen Land.

 

Auf der Suche nach einem Zuhause

Das Modell-Wohnzimmer (1957) des VEB Deutsche Werkstätten Hellerau übersetzte die Ziele der Neuen Sachlichkeit in die Heimatsuche der frühen Nachkriegszeit (Bild: Bundesarchiv, 1957)
Das Modell-Wohnzimmer (1957) des VEB Deutsche Werkstätten Hellerau übersetzte die Ziele der Neuen Sachlichkeit in die Heimatsuche der frühen Nachkriegszeit (Bild: Bundesarchiv, 1957)

Wie aber muss eine moderne Architektur aussehen, in der der Mensch sich wohl und zu Hause fühlt? Diese Frage müsste eigentlich jeden Architekten umtreiben und Richtschnur seines Handelns sein. Die Antwort ist so schwer nicht: Sie muss großzügig und vielfältig sein, farbig, kleinteilig, atmosphärisch reich, aber nicht schrill.

Ernst Bloch sprach davon, dass „Bauen ein Produktionsversuch menschlicher Heimat“ sei. Diese sperrige Formulierung meint nichts anderes, als dass eine entsprechende Architektur uns bereichert und nicht einengt, dass sie dem Menschen Halt gibt und Spielraum lässt, dass sie selbstverständlich ist und nicht nur ein oberflächliches Versprechen. Wenn ein Bau Heimat sein soll, dann muss er hoffnungsfroh stimmen und Freude machen. Die Identität, die in einem solchen Fall entsteht, bedeutet die Übereinstimmung der Kenntnisse und Werte eines Menschen mit seiner Umgebung. Der ehemalige französische Kultusminister Francois Mauriac fand dafür einen schönen Vergleich. Er meinte: „Der Bau von Luftschlössern in unserer Welt kostet nichts. Aber ihre Zerstörung ist sehr teuer.“

Unsere Gesellschaft ist viele Gesellschaften: Massengesellschaft, Konsumgesellschaft, Wegwerfgesellschaft, Spaßgesellschaft, Freizeitgesellschaft. Die Bauaufgabe Freizeit ist dabei äußerst komplex und reicht von Kinobauten über Bäder bis zu Sportstätten. Für alle diese Entwurfsaufgaben gelten zwar unterschiedliche ästhetische und funktionale Anforderungen, aber keine Abstriche in Sachen herausragender Architekturqualität.

 

Gegen die Langeweile

München, Schwabylon (J. Dahinden, 1973, Abriss 1979/2013) (Bild: J. Dahinden)
Das Münchener Freizeitcenter „Schwabylon“ (J. Dahinden, 1973, Abriss 1979/2013) beherbergte u. a. exklusive Ladengeschäfte und die Großraummdisko „Yellow Submarine“ (Bild: J. Dahinden, 1973)

Der Schweizer Justus Dahinden, ein nicht immer erfolgreicher Architekt in Sachen Freizeit, formulierte – ziemlich abgehoben, aber trotzdem noch richtig – über das Bauen für Erholungssucher: „Es ist die Befreiung von der Langeweile […] Der Gestaltpsychologe vertritt die Meinung, daß Architektur die Empfindungswelt des Menschen in hohem Maße beeinflusst. Er spricht dabei von der Gefühlsansteckung, die sich als intensive Form der Kommunikation zwischen Bauwerk und Mensch einstellt. Architekten sind also die Regisseure, die Formen, Farben, Materialien, Licht und Schatten, Zeichen und Symbole so einsetzen, daß sich eine geplante Einstimmung des Menschen ergibt […] Für die Architektur bedeutet dies ein sinnliches Milieu zum Anfassen.“

Also überschaubare Einrichtungen statt des Baus riesiger Komplexe, die Berücksichtigung individueller Anforderungen statt massenhaft programmierter Bedürfnisse. Es gilt – so Dahinden – „die Architektur aus der Stummheit von reinen Formen und vom Lärm ostentativer Konstruktionen zu befreien, damit ein Bau wieder zu einem Gestaltungsanlaß werden kann […] Das Resultat sind dann nicht länger nur Funktionsbehälter und Konstruktionswunder“, sondern eine einnehmende Architektur, die überzeugt und erfreut.

 

Literatur

Hamm, Oliver G., Das Wunder von Baku, Berlin 2013 (3. Auflage)

Miegel, Meinhard, Hybris, Die überforderte Gesellschaft, Berlin 2013

Flagge, Ingeborg/Romeiß-Stracke, Felizitas, Freizeitarchitektur. Planen und Bauen für die Freizeit, Bd. 3, Architektur in der Demokratie, Stuttgart 1988

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Frühjahr 14: Sport und Spektakel

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Ingeborg Flagge sieht hinter den modernen Freizeitbauten eine Gesellschaft aufscheinen, die alles auf einmal will – und doch nur ein Zuhause sucht. Dabei brauche es weder vordergründiges Spektakel noch pure Funktion und Konstruktion. Sie ist sich sicher: Wirklich gute Architektur nimmt ein, überzeugt und erfreut.

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