"Wir bauen den Sozialismus auf!", verkündet dieser Arbeiter stolz (Bild: PD)

FACHBEITRAG: Palast der Sowjets

von Julius Reinsberg (Heft 14/2)

"Wir bauen den Sozialismus auf!", verkündet dieser Arbeiter stolz (Bild: PD)
„Wir bauen den Sozialismus auf!“, verkündet der Arbeiter stolz (Bild: PD)

„Мы строим социализм“, wir bauen den Sozialismus auf, verkündet der Arbeiter stolz. Er weist mit ausgestrecktem Zeigefinger auf seine hart arbeitenden Kollegen. Mit ganzer Kraft ziehen sie schwer beladene Loren und befeuern riesige Kessel. Der bauliche Rahmen, eine Fabrikhalle, ist zu einer Seite hin geöffnet. Hier läuft ein Schienenstrang hinaus, um sich im Horizont zu verlieren – vorbei an schematisch angedeuteter Industrie, an Umspannwerken und Feldern, auf denen ebenfalls eifrig gearbeitet wird. Wir befinden uns in der Sowjetunion des Jahres 1927. Das Propagandaplakat ist kein Einzelfall, es gibt viele weitere mit einer ähnlichen Stoßrichtung.

 

Bauen für eine „neue Gesellschaft“

Das Leben scheint sich in der UdSSR demnach in Fabriken, auf Äckern und Baustellen abgespielt zu haben. Rasch sollte aus dem landwirtschaftlichen Russland der Zarenzeit eine Industrienation werden, um die Marx’schen Utopie des Kommunismus zu erfüllen. Besonders die Großbaustellen der Retortenstädte um industrielle Kombinate wurden werbend aufgegriffen und glorifiziert. Die sich daraus ergebenden Propagandawerke hatten oftmals auch künstlerischen Wert, man denke nur an Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“. Sie entfalteten ihre Wirkung nicht nur im Inland, sondern auch in Westeuropa.

Darin lag Kalkül – so war die angestrebte Industrialisierung kaum möglich ohne ein Heer an Ingenieuren, Spezialisten, Planern und nicht zuletzt auch Architekten. Revolutionsführer Lenin erkannte bereits 1919, dass „die neue Gesellschaft“ nicht „ohne Wissen, Technik und Kultur“ errichtet werden könne. Dieser Wissensschatz liege aber „im Besitz der bürgerlichen Spezialisten“. Dies sah Lenin durchaus problematisch, denn: „die meisten von ihnen sympathisieren nicht mit der Sowjetmacht, doch ohne sie können wir den Kommunismus nicht aufbauen. Man muss eine kameradschaftliche Atmosphäre um sie schaffen.“

Verwaiste Schule in Magnitogorsk, Architekt Wilhelm Schuette (Foto: Mark Escherich)
Am Ural, im russischen Magnitogorsk, entstand unter dem deutschen Stadtbaurat Ernst May eine sozialistische Musterstadt (Foto: Mark Escherich)

Tatsächlich zog es angesichts der Weltwirtschaftskrise viele Spezialisten in die Sowjetunion, um – meist gut bezahlt in Valuta – neue Städte und Industrieanlagen aufbauen. Während das Bauen in Westeuropa vielerorts zum Erliegen kam, wurde es in der UdSSR ab 1929 durch die absurd hohen Ziele des von Stalin initiierten ersten Fünfjahrplans noch gesteigert. Die Propaganda blickte auf Magnitogorsk am Ural, wo der ehemalige Frankfurter Stadtbaurat Ernst May eine sozialistische Musterstadt baute. Oder auf die Autostadt Nižnij Novgorod, wo unter sachkundiger Anleitung der amerikanischen Firma Ford das „sowjetische Detroit“ heranwuchs.

 

Die Krone des Neuen Moskau

Doch nicht nur auf der grünen Wiese, auch in den Metropolen sollte der sozialistische Städtebau siegen. Über dessen Form war man sich uneins: Desurbanisten sahen in der Auflösung der Städte erfüllt, was Friedrich Engels nach dem Ende des Stadt-Land-Gegensatzes gefordert hatte. Die Zentralisten hingegen träumen von einem metropolenartigen Neuen Moskau. Am Ende unterlagen die Vertreter des Neuen Bauens, was die Forschung vielfach im Palast der Sowjets ausmacht.

Die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau wurde nach dem Ende der UdSSR wieder aufgebaut (Bild:  Alvesgaspar)
Die Christ-Erlöser-Kathedrale wurde 1931 gesprengt – und nach dem Ende der UdSSR wiederaufgebaut (Bild: Alvesgaspar)

Bereits 1922 erdachte man ein Bauwerk, das die Staatsideologie im Herzen der neuen Hauptstadt Moskau verkörpert – bis 1918 hatte St. Petersburg diese Funktion inne. 1931 wurde man konkret: Die sowjetische Führung rief in- und ausländische Architekten zu Entwürfen auf. Der Palast der Sowjets sollte das höchste Gebäude der Welt werden und damit das Empire State Building in New York ablösen. Als Bauplatz wählte man ein Areal am Fluss Moskva. Von der mächtigen Christ-Erlöser-Kathedrale, die hier seit 1883 stand, verabschiedete sich die politische Führung nur zu gern. 1931 wurde das Bauwerk gesprengt. Damit fiel ein Symbol für die vormals mächtige und eng mit den Zaren verbandelte Orthodoxie.

 

Ein sowjetisches Palais des Nations?

Besonders unter westeuropäischen Architekten wurde der Wettbewerb um den Palast der Sowjets euphorisch aufgenommen. Endlich wollte man im ganz großen Maßstab bauen, sich selbst und der Moderne ein Denkmal setzen. Le Corbusier lieferte einen avantgardistischen Entwurf „auf Weltniveau“, eine Wiedergutmachung für das Genfer Palais des Nations, das Haus des Völkerbunds. In Genf hatte man ihn zugunsten eines neoklassizistischen Entwurfs abgelehnt. Le Corbusier argwöhnte, dass man trotzdem viele seiner Ideen benutzte. Nun versprach die russische Ausschreibung eine zweite Chance. Wenn das Zentrum des Völkerbundes, ohnehin vielfach kritisiert, nicht für das Bauen der Zukunft stehen konnte, warum dann nicht das Zentrum der kommunistischen Welt?

Der Palast spiegelt sich in der Moskva (Bild:  kitchener.lord)
Der Palast – wie ihn Le Corbusier entwarf – sollte sich in der Moskva spiegeln (Bild: kitchener.lord)

Diese Vision zeigt Le Corbusiers avantgardistischer Entwurf für den Palast der Sowjets. Er teilte ihn in zwei – durch einen schmalen, auf Stelzen ruhenden Gang miteinander verbundene – Baukomplexe ein. Die beiden Gebäude beherbergen entsprechend den Wettbewerbsvorgaben Räumlichkeiten für Konferenzen und unterschiedlich große Massenversammlungen. Der kleinste Saal sollte 200, das große Auditorium 15.000 Personen fassen. Für letzteres reservierte Le Corbusier dann auch den dominanten Kopfbau.

Hier spannt sich ein mächtiger Betonbogen über das Auditorium, das sich mit seinen gläsernen Wänden der Umgebung öffnet und Transparenz vermittelt. Das Spiegelbild in der Moskva verstärkt den monumentalen Eindruck zusätzlich. Freiflächen vor der Halle hätten Massenkundgebungen mit bis zu 50.000 Teilnehmern aufnehmen können. Ganz im Sinne der autogerechten Stadt sollten Fußgänger und Autofahrer getrennt zum Palast gelangen. Le Corbusier vermengte damit die Vorgaben des an Masseninszenierungen interessierten Regimes mit der Formensprache des Neuen Bauens.

 

Zwischen Architektur und Skulptur

Schukos monumentaler Entwurf für den Palast (Bild: PD)
Zahlreiche russische Entwürfe – hier von Schuko – türmten Säulen und Obelisken zu gigantomanischen „Tempelanlagen“ auf (Bild: PD)

Die Jury, in der Stalin persönlich saß, jedoch sortierte Le Corbusier nach der zweiten Runde aus. Mit dem Wettbewerb wurde der Neoklassizismus mehr und mehr zum idealen sozialistischen Stil. Seit 1932 galt der Sozialistische Realismus in der Kunst als Maß aller Dinge. Auch Architektur und Stadtplanung sollten davon nicht mehr lange verschont bleiben. An ähnlichen Beiträgen mangelte es nicht: Viele russische Baumeister sandten akademische Entwürfe ein – oft mit Säulen und Obelisken überladene, gigantomanische „Tempelanlagen“.

Den Zuschlag erhielt schließlich der Russe Boris Iofan (1891-1976), der ein überdimensioniertes Denkmal entworfen hatte: sechs mit Säulen verkleidete, übereinander gestapelte Zylinder als Sockel einer riesigen Lenin-Statue. Der Besucher sollte von einem gewaltigen Propylon und heroische Skulpturengruppen an den Gebäudeecken empfangen werden. Im Inneren hätten die große Halle für 20.000 Menschen, Konferenzsäle, eine Bibliothek mit einer halben Million Bücher sowie Restaurants und Cafés Platz gefunden.

 

Stalin greift ein

Der Turmbau zu Moskau nach Iofan (Bild: PD)
Ausgewählt wurde Iofans „Turmbau zu Moskau“ (Bild: PD)

Der Diktator Stalin veränderte Iofans Entwurf offenbar mehrfach persönlich und forderte, den „Palast als Lenindenkmal“ zu betrachten. Der Bau sollte Architektur und Bildhauerei vereinen sowie dem Lenin-Kult Tribut zollen. Ursprünglich hätte lediglich die Statue eines unbekannten Arbeiters den Palast bekrönt. Schließlich wollte man neben Lenin auch Stalin auf das Dach hieven – oder den Revolutionsführer zugunsten seines Nachfolgers vom Sockel stoßen. Zuletzt sollte der Bau 415 Meter, die Statue 50 bis 70 Meter messen. Die Vertreter des Neuen Bauens reagierten entsetzt, die internationale Architektenvereinigung CIAM sandte eine scharfe Protestnote an Stalin. Dass der für 1933 in Moskau anberaumte CIAM-Kongress an die griechische Küste verlegt wurde, ist damit jedoch nicht zu erklären.

1937 begannen schließlich die Arbeiten auf der Großbaustelle an der Moskva. Sie gestalteten sich jedoch schon allein durch die geplante Baugröße schwierig und langwierig. 1939 war endlich das Fundament für den Sowjetwolkenkratzer gegossen. Er wetteiferte mit dem Großprojekt Metro, das die Moskauer damals in Atem hielt. Als Nazideutschland 1941 die Sowjetunion überfiel, ruhten die Arbeiten auf der Palastbaustelle gänzlich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet der Palast aus dem Blickfeld – Stalin verteilte den Neoklassizismus nun lieber auf die „sieben Schwestern“ – sieben Hochhäuser, die in Moskau heute den „Stalinbarock“ vertreten. Stilistisch ähneln sie Iofans Entwurf, sind allerdings in den Ausmaßen bescheidener.

 

Eine Idee macht Schule

Das Haus des Volkes heißt jetzt "Parlamentspalast" - und überragt Bukarest bis heute (Bild: Mihai Petre)
Das Bukarester Haus des Volkes heißt jetzt Parlamentspalast – und überragt die Stadt bis heute (Bild: Mihai Petre)

Nach Stalins Tod wandte sich die sowjetische Architektur vermehrt rationalen Entwürfen zu – die von Plattenbauten geprägten Schlafstädte werden bis heute mit Stalins Nachfolger Chruščev verbunden. Der Wettbewerb um den Palast der Sowjets wurde 1957 erneut ausgeschrieben. Als sich keine kostengünstige Alternative zu Iofans Entwurf fand, legte man das Projekt endgültig zu den Akten. Auf der Baustelle entstand ein Schwimmbad. Und nach dem Ende der Sowjetunion baute man die gesprengte Christ-Erlöser-Kathedrale wieder auf.

Die Idee – ein zentrales Sowjethaus, das kulturelle Aufgaben bündelt und Großveranstaltungen ermöglicht – wurde jedoch im Warschauer Pakt begeistert aufgenommen und prägt die osteuropäischen Metropolen teilweise bis heute. In Ceauşescus Rumänien kam man dem ungebauten gigantomanischen Sowjetpalast mit dem 1983 begonnenen Haus des Volkes in Bukarest sehr nahe. Der neoklassizistische Protzbau bildet heute das größte Gebäude Europas. Bedenkt man die damalige Versorgungslage in Rumänien, wird er zum makaberen Denkmal einer rücksichtslosen Diktatur.

 

Die späte Rache des Brutalismus

Das Haus der Sowjets in Kaliningrad ist heute eine Bauruine (Bild: Volkov Vitali)
Das Haus der Sowjets in Kaliningrad ist heute eine Bauruine (Bild: Volkov Vitali)

Doch es gab auch weniger prunkvolle Varianten. In Kaliningrad, dem früheren Königsberg, begann man in der 1970er Jahren mit dem Дом советов, dem Haus der Sowjets. Die Baustelle befand sich auf dem Grund des 1967 gesprengten Preußenschlosses. Das 16-stöckige Hochhaus mit dem mächtigen unverkleideten Betonsockel ähnelt Le Corbusiers Brutalismus. Doch das Projekt stand unter keinem guten Stern: Die Bauarbeiten mussten 1978 eingestellt werden, da der Boden den monumentalen Bau nicht tragen konnte. Bis heute ist das Gebäude eine Bauruine. Ob das die posthume „Rache der Preußen“ ist, wie viele Kaliningrader meinen, oder doch die des 1965 verstorbenen Le Corbusiers, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

 

Rundgang

Begleiten Sie Julius Reinsberg auf einem Rundgang durch die wechselnden Entwürfe und (un)gebaute Wirklichkeit des Moskauer Sowjetpalastes.

 

Literatur

Bodenschatz, Harald/Post, Christiane (Hg.), Städtebau im Schatten Stalins, Berlin 2003

Groys, Boris/Hollein, Max (Hg.), Traumfabrik Kommunismus. Die visuelle Kultur der Stalinzeit. [Ausstellungskatalog, erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, 24.9.2003 – 4.1.2004], Frankfurt am Main 2003

Moser, Beate (Hg.), Naum Gabo und der Wettbewerb zum Palast der Sowjets in Moskau 1931-1933. [erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, 4.12.1992 – 31.1.1993], Berlin 1992

Noever, Peter (Hg.), Tyrannei des Schönen. Architektur der Stalinzeit. [erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Wien, 6.4. – 17.7.1994], München u. a. 1994

Architektura Dvorca Sovetov. Materialy plenuma pravlenija SSA SSSR 1-4- ijulja 1939 goda, Moskau 1939

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