Schlagwort: Europa

Dschinghis Khan, Plattencover von 1979 (Bild: PD)

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Manche Monumente kommen recht starkfarbig daher. Und laut – wie beim Eurovision Song Contest (ESC), formerly known as Grand Prix Eurovision de la Chanson. Beim 1956 begründeten Kultwettbewerb geht es eigentlich um die Liedermacher, nicht um die Interpreten. Aber am Ende waren und sind es dann doch die Sänger, die über Bekanntheit und Erfolg entscheiden. Dass hinter dem Spektakel, das heute bis zu 200 Millionen Menschen verfolgen, mehr steckt als glitzernde Kunstfaserkostüme, hat das neue Buch von Dean Vuletic zum Thema, aktuell als ebook erschienen bei Bloomsbury.

Unter dem Titel „Postwar Europe and the Eurovision Song Contest“ untersucht er, wie sich Politik und Geschichte der Nachkriegsjahrzehnte im Sängerstreit widerspiegeln. Für Vuletic verbindet kein kulturelles Medium die Europäer so unmittelbarer wie Musik. Daher nutzt er Songtexte, Musikstücke und die damit verbundenen öffentlichen Debatten, um zentrale Punkte der europäischen Zeitgeschichte zu entfalten: Kalter Krieg, Kapitalismus, Kommunismus, Nationalismus, wirtschaftliche Entwicklungen und Menschenrechte. Hierfür wertete er Originalquellen und bislang unveröffentlichtes Archivmaterial internationaler TV-Sender aus. Zuletzt will Vuletic nicht weniger, als entlang der Geschichte des ESC auch Entwicklungen hin zu einer europäischen Identität nachzuzeichnen. (kb, 22.6.18)

Vuletic, Dean, Postwar Europe and the Eurovision Song Contest, Bloomsbury, ISBN 978-1-4742-7626-9.

Dschinghis Khan ersang 1979 in Jerusalem mit 86 Punkten den 4. Platz (Bild: Plattencover, PD)

Leipzig, Augustusplatz (Bild: Sven Scharr, CC BY SA 3.0)

Stadt-Kultur

Second Cities – das sind laut der neuen Monografie von Thomas Höpel die Städte, die zwar nicht den Status einer Kapitale für sich beanspruchen können, aber als bedeutende Metropolen einen besonderen nationalen Rang inne haben – direkt hinter der Hauptstadt. Im 20. Jahrhundert versuchten entsprechende Städte vermehrt, ihre Bedeutung durch eine spezifische städtische Kulturpolitik zu untermauern. Höpel untersucht fünf solcher Metropolen in vergleichender Perspektive.

Im Einzelnen handelt es sich um Frankfurt am Main, Leipzig, Birmingham, Lyon und Krakau. Die Städte verbindet eine Ausweitung und Differenzierung der kommunalen Kulturpolitik, die stets in enger Wechselwirkung zu (kultur)politischen Entwicklungen auf der nationalen Ebene stand. Das Buch identifiziert die historischen Prozesse, städtischen Protagonisten und staatlichen Akteure, die zur Herausbildung der jeweils spezifischen urbanen Kultur maßgeblich waren. Dabei zeichnen sich neben stadthistorischen Charakteristika auch Gemeinsamkeiten ab, welche die fünf Second Cities über längere Zeiträume und politische Systemgrenzen hinweg verbinden. (jr, 19.9.17)

Höpel, Thomas, Kulturpolitik in Europa im 20. Jahrhundert. Metropolen als Akteure und Orte der Innovation, Wallstein Verlag, Göttingen 2017, ISBN: 978-3-8353-3046-7.

Leipzig, Augustusplatz (Bild: Sven Scharr, CC BY SA 3.0)

Ehemalige französische Botschaft in Saarbrücken, Architekt: Georges-Henri Pingusson (Foto: © Marco Kany | marcokany.de)

Förderung für Saarlands Nachkriegsmoderne

Die europäische Kommission hat das kommende Jahr zum Europäischen Kulturerbejahr erklärt. Auf dem ganzen Kontinent sollen 2018  die gemeinsamen kulturellen Wurzeln der Länder der EU gefeiert werden. Deutschland will sich dabei besonders der Baukultur widmen und hat sich zum Ziel gesetzt, „das Europäische im Lokalen zu entdecken“. Ein Bundesland scheint für solche Entdeckungen besonders vielversprechend: das Saarland. Der Bund gab kürzlich bekannt, die saarländischen Aktivitäten zum Kulturerbejahr mit 200.000 Euro zu fördern.

Die Bewohner des Saarlandes musste sich im 20. Jahrhundert mehr als einmal mit der Frage nationaler Zugehörigkeit herumschlagen. Nach dem Ersten Weltkrieg stand die Region unter dem Mandat das Völkerbunds, bei einer Volksabstimmung 1935 entschieden sich die Saarländer fatalerweise für die Losung „Heim ins Reich“. Auf den Zweiten Weltkrieg folgte die französische Besatzung, eine kurze Zeit der Autonomie und schließlich der Beitritt zur Bundesrepublik. Diese Geschichte hat sich besonders in nachkriegsmodernen Bauten wie der französischen Botschaft von Georges-Henri Pingusson oder dem Langwellensender „Europe 1“ manifestiert. 2018 werden zahlreiche Veranstaltungen, Fachtagungen und Sonderausstellungen der Geschichte dieser und anderer Bauten nachgehen. (jr, 5.8.17)

Saarbrücken, ehemalige französische Botschaft (Foto: © Marco Kany | marcokany.de)