Chemnitz, Karl-Marx-Kopf (Bild: Motograf, CC BY 2.0, 2007)

50 Jahre Nischel

Auch in Chemnitz, der selbsternannten „Stadt der Moderne“ hatte eben diese in den letzten Jahren einen schweren Stand. Am prominentesten illustrierte das zuletzt der Kampf um den Erhalt des Omnibusbahnhofs. Das meistfotografierte Objekt der Stadt dürfte aber mittlerweile unumstritten sein: Der 40 Tonnen schwere Karl-Marx-Kopf, der prominent platziert vor dem kulissenbildenden Behördenzentrum „Parteisäge“ mit dem in vier Sprachen abgefassten Marx-Zitat „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ steht. Zusammen mit diesem Bau und den anderen raumgreifenden Schöpfungen der Ostmoderne (v. a. Stadthallenkomplex) steht der Kopf seit Mitte der 1990er Jahre unter Denkmal- bzw. Ensembleschutz.

Nun feierte die Stadt den 50. Geburtstag „ihres Nischels“. Vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel erschaffen, wurde die zweitgrößte Porträtbüste der Welt am 9. Oktober 1971 vor 250.000 Menschen enthüllt. Die diesjährigen Geburtstagsfeierlichkeiten fielen zwar etwas zurückhaltender, aber durchaus kreativ aus. Mit Party, Gesprächsrunden sowie der Anbringung der mittlerweile obligatorisch erscheinenden historischen Kommentierung („Infostele“) startete die Stadt in einen erneuten Versuch, sich das Denkmal anzueignen und es umzudeuten. In einer in dieser Woche zu Ende gehenden Ausstellung direkt hinter dem Denkmal wird das Karl-Marx-Erbe der Stadt, folglich auch der moderne Wiederaufbau als Karl-Marx-Stadt ebenso wie die Rückbenennung zu Chemnitz 1990 thematisiert. Außerdem wird im Schlossbergmuseum noch bis zum 14. November ein Film zum Monument gezeigt, flankiert von einer Ausstellung mit Fotos aus der Aufbauphase desselbigen. Der Ausstellungsbesuch könnte dann auch Gelegenheit dazu sein, ein zweites Chemnitzer Denkmal mit Karl-Marx-Bezug zu besuchen: Seit 2020 liegt auf dem Schillerplatz „Der Darm“ [von Karl Marx] von Anetta Mona Chiea und Lucia Tkámová, ebenfalls als bronzene Monumentalplastik ausgeführt und bereits von Parkbesucher:innen als Kletterobjekt angeeignet. (fs, 23.10.21)

Chemnitz, Karl-Marx-Kopf (Bild: Motograf, CC BY 2.0, 2007)