Portugal, Hotel Arribas

von Christina Gräwe (18/1)

Frühjahr 1988. Ein Kino in Buenos Aires. Es läuft Wim Wenders „Der Stand der Dinge“. Der Film ist damals erst sechs Jahre alt, also noch relativ frisch. Der architektonische Hauptdarsteller, ein Hotel, in und um den herum die Handlung überwiegend spielt, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zwar erst 20 Jahre alt, aber bereits deutlich vorgealtert.

Der Filmort


Wir befinden uns am westlichsten Zipfel Europas, rund 40 Kilometer von Lissabon entfernt. Das Hotel steht exponiert am sichelmondförmigen Ende des Praia Grande; die Anlage folgt dem Schwung des Küstenstreifens. Die gewaltigen Atlantikwellen, befeuert durch Stürme, hatten heftig auf das Haus eingewirkt, die Schutzmauer zwischen dem riesigen Pool und dem offenen Meer war stellenweise eingestürzt, als die Dreharbeiten 1981 begannen. Später im Film wirkt das Hotel, als sei es bereits aufgegeben (vielleicht war es das vorübergehend auch tatsächlich). Eine Atmosphäre wie gerufen für den düsteren Science Fiction, den Wim Wenders hier als Film im Film inszeniert hat. Anfangs wandeln vermummte Gestalten in Schutzanzügen durch eine mondlandschaftsähnliche Gegend. Sie entpuppen sich als Schauspielcrew, die zusammen mit dem Regisseur, dem Drehbuchschreiber und dem von Sam Fuller dargestellten Kameramann Quartier in dem Hotel bezogen hat.

Der eigentliche Film erzählt von Stagnation, schleichend verstreichender Zeit und mal mehr, mal weniger offensichtlichen Zermürbungsprozessen innerhalb des Teams. Denn das Geld und das Material sind erschöpft, der Produzent lässt das Team mit beidem hängen, die Dreharbeiten werden unterbrochen. Mit seinem untrüglichen Sinn für das passende Ambiente, hat Wenders mit einer Perle der Nachkriegsmoderne den idealen Ort für seine Geschichte des Wartens gefunden. Dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht ist, trägt zu der lähmenden Atmosphäre bei und passt ganz wunderbar zu der – trotz des Verfalls – eleganten 60er Jahre-Architektur des Hotels. Mit etwas Fantasie kann man sich auch mondänere Zeiten hier noch vorstellen.

Fast 30 Jahre später

Beinahe 30 Jahre später, ein zweites Mal „Der Stand der Dinge“. Dieses Mal im Heimkino und als Vorbereitung für eine längst fällige Pilgerfahrt an die portugiesische Atlantikküste. Denn manche Bilder haben sich im Kopf auch über den langen Zeitraum hinweg erstaunlich zuverlässig gehalten und möchten dringend mit der heutigen Realität abgeglichen werden.

Der Realitätsort

Dem touristengefluteten Weltkulturerbe Sintra (einer Kleinstadt ganz in der Nähe) entkommen, stellt sich ein eigentümlicher Effekt ein. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein, und dennoch ist alles anders. Das Hotel sitzt immer noch ganz selbstverständlich an seinem Platz, als sei es aus dem Boden herausgewachsen. Der gewaltige Pool: noch vorhanden. Aber das Ensemble hat inzwischen eine Frischzellenkur erfahren, die noch nicht lange her sein kann, sonst hätte der Atlantik bereits wieder mehr Nagespuren hinterlassen. Der Bau bröselt nicht mehr vor sich hin, er ist hellgrau verputzt, strahlt im intensiven Sonnenlicht sogar fast weiß.

Das Schwimmbad ist kein vermooster Krater mehr, sondern mit Meerwasser gefüllt, das roh betonierte Becken ist blitzeblau gestrichen und wird von roten Sonnenschirmen mit Werbeaufdrucken gesäumt. Die Trennmauer zum offenen Meer steht wieder aufrecht, was die dicken Brecher nicht abhält, den Pool hin und wieder mit Nachschub zu versorgen. Das Schwimmen ist der pure Luxus: 100 Meter fast exklusiv, denn der Sommer mit seiner Hitze ist vorbei und das Wasser eiskalt. Es ist Nachsaison, der Publikumsverkehr rund das Schwimmbad übersichtlich. (Die Poolnutzung ist übrigens nicht nur Hotelgästen vorbehalten, aber kein ganz günstiger Spaß.) Der Großteil der späten Gäste findet sich auf der schmalen Restaurantterrasse, die wie auch alle schottenartig abgetrennten Zimmerbalkone selbstverständlich auf das Meer zeigt.

Außen: schwungvoll

Im Vergleich mit der kleinteiligeren Bebauung der Umgebung, ein paar verstreuten Ferienvillen und Restaurants, vollzieht das Hotel einen großen Maßstabssprung. Aber es trumpft nicht auf. Der Schwung des Baus nimmt etwas von der Masse, die Proportionen stimmen. Die Gliederung in einen mittigen Glaskörper mit dem Foyer, rechts und links symmetrischen Zimmerflügeln sowie einem Gebäudekopf, der an Schiffsarchitektur erinnert, ist klar ablesbar und auf Anhieb verständlich. Zur Straße zeigt das Haus nur die drei oberen Stockwerke, zum Meer zwei weitere einschließlich der Sanitäranlagen für das Schwimmbad. Vor- und Rücksprünge der einzelnen Etagen verschaffen dem langen Riegel zusätzlich Bewegung; die mittlere öffentliche Ebene mit dem Restaurant ragt weiter hervor, als die beiden obersten Etagen mit den Zimmern.

Innen: das Meer als Hauptdarsteller

Die Aussicht durch die raumhohen Fenster direkt auf den Atlantik dominiert den ersten Eindruck; die meisten Gäste laufen zunächst wie angesogen von den Panoramafenstern an dem zurückhaltenden Empfangstresen vorbei. Das Foyer ist keine zugige Halle, in der man sich verliert, keine Plüsch- und Deko-Orgie, sondern großzügig und mit schlicht-eleganten Sitzgruppen möbliert, die gut zu der Zeitlosigkeit des Hauses passen. Die – gemessen an der Ausstattung fair bepreisten – Zimmer sind in Pastelltönen gestrichen. Es scheint: Je höher die Kategorie, desto klarer die Formen des Mobiliars, keine echten Klassiker, aber nahe dran. Hier und da hat sich dann allerdings doch ein verspieltes Schränkchen eingeschmuggelt. Der Trumpf in allen Zimmern ist ohnehin auch hier der direkte Bezug zum Meer.

Film-Reminiszenz

Die heutigen Betreiber des Hotels kennen das Filmkapitel der Geschichte ihres Hauses. Man muss nicht lange suchen und entdeckt im Innenraum des Restaurants (das heute kaum noch mit den entsprechenden Erinnerungsbildern aus dem Film zusammenpasst) eine Fotowand mit Standbildern und Aufnahmen der Dreharbeiten. Ob Wim Wenders 1994, als er mit „Lisbon Story“ eine Art lose Folge von „Der Stand der Dinge“ drehte, das Hotel Arribas wieder aufgesucht hat, verrät diese Wand nicht. Aber das Kneipenschild der „Texas Bar“, in die sich Sam Fuller als Kameramann Joe Corby nach Lissabon flüchtet, hängt noch am Eingang der Bar. Leider ist dieser inzwischen verrammelt.

Titelmotiv: Portugal, Hotel Arribas (Bild: Thomas Spier, apollovision.de)

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Winter 18: Im Hotel

Portugal, Hotel Arribas

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Erfurt, Gästehaus

von Dina Dorothea Falbe (18/1)

Als ich die alte Parteischule in Erfurt zum ersten Mal besuchte, fühlte ich mich wie in meine Kindheit zurückversetzt. Langsam stieg ich die flachen, breiten Stufen hinab, gepflastert mit zerbrochenen kleinen Betonplatten, die zum Teil von hellem Gras überwuchert sind. Ich ging vorbei an Becken, die einmal mit Wasser gefüllt waren, auf das schwebende Volumen mit den blauen Kacheln zu. Darunter  die gläserne Eingangsfront mit schlanken Aluminiumprofilen, links eine Gartenmauer aus Betonformsteinen. Rechts überragt eine Kiefer das flache Verbindungsgebäude, an dessen Ende sich das Internatshochhaus befindet – ein klassischer „Plattenbau“ mit abblätterndem weißen Anstrich. Dort kann man übernachten.

Magische Kindheit

Auf Facebook schreibt jemand eine Bewertung zur Alten Parteischule: „Perfekt – Der morbide Charme des Verfalls!“ Diese Beschreibung hätte ich selbst nicht gewählt, muss mir aber eingestehen, dass sie irgendwie zu den Kindheitserfahrungen passt, die ich in einem kleinen Ort an der Ostsee machte, nachdem meine Eltern mit mir aus der westdeutschen Großstadt dort hingezogen waren. Über den zumeist unbefestigten Straßen wehten an heißen Sommertagen Sandwolken, durch die ich barfuß und mit dem Handtuch über der Schulter zum Strand ging, vorbei an bunt angestrichenen Metallzäunen und den zerbrochenen und von hellem Gras überwachsenen Betonplatten, die damals in dem Dorf Gehwege markierten und vor der Erfurter Parteischule noch heute zu finden sind. Der Zauber verlassener Häuser zog uns Kinder in seinen Bann, es war ein bisschen unheimlich sie zu erkunden, vermittelte aber ein starkes Gefühl von Freiheit. Ich verstand damals nicht, warum manche Mitschüler in den verlassenen Bungalowsiedlungen Möbel kaputt schlugen. Die waren doch alle noch gut erhalten.

Im Unterschied zu den erwähnten Bungalows überstand die Parteischule in Erfurt die Wendezeit unzerstört, und ist auch in der Folge weder abgerissen, noch kaputtsaniert worden. Trotz des „morbiden Charmes“ ist die bemerkenswert gut erhaltene Substanz aus den 1970er Jahren bis heute weitgehend nutzbar und in Gebrauch. Um die Instandhaltung kümmert sich der Hausmeister Manfred Rommeiß seit den 1980er Jahren. Er hat Parteischüler gekannt, die mit ihrem Aufenthalt im „Roten Kloster“ ihre Karriere voranbringen wollten und Zusammenkünfte der Mächtigen belauscht, die noch kurz vor dem Zusammenbruch an „ihre Fatamorgana geglaubt“ hätten, wie Rommeiß sich ausdrückt. Der Hausmeister legte ein umfangreiches Ersatzteillager an. So gelang es ihm über Jahrzehnte, den funktionstüchtigen Originalzustand des Gebäudekomplexes am Erfurter Stadtrand zu erhalten.

Das „Rote Kloster“

Zunächst war die ehemalige Bezirksparteischule der SED an das Thüringer Bildungsministerium übergegangen, in den Nuller Jahren wurde ein Käufer gesucht. Ein Shoppingcenter wäre vermutlich an diesem Standort profitabler gewesen, doch 2008 erhielt die Parteischule Denkmalstatus. Tatsächlich fand sich ein privater Käufer, der die Parteischule erhalten und pragmatisch weiternutzen wollte. Die repräsentative, blau verkleidete Kiste – als Stahlskelettbau hebt sie sich auch konstruktiv vom eher standardisierten Rest ab – enthält ein reich verziertes Foyer und das große, geschichtsträchtige Auditorium, in dem einst der Kosmonaut Sigmund Jähn zu den Parteischülern gesprochen hat. An Jähns Stelle stehen heute Politikprofessoren auf der Bühne, oder Referenten verschiedener Tagungen, wenn die Parteischule nicht gerade als Kulisse für einen DDR-Film dient. Das ehemalige Internatshochhaus ist heute Gästehaus, die Großküche ist vermietet und im ehemaligen Speisesaal finden Rockkonzerte statt. Die vielseitigen Umnutzungen erlauben eine Umdeutung, eine Ent-Ideologisierung des Gebäudekomplexes, der ursprünglich der Machtsicherung der SED diente. Das ehemalige „Rote Kloster“, indem sich die SED-Elite abschottete, ist heute frei zugänglich und für jeden nutzbar.

Warum hier übernachten?

Warum sollte ich aber nun in dem Gästehaus eine Nacht verbringen? In dem schmalen Bett versinke ich sofort, wenn ich versuche, mich darauf zu platzieren. Ich denke zurück an das Kinderzimmer meiner Grundschulfreundin, in dem ein solches Bett stand. Ich fand es schon damals unbequem. Trotzdem habe ich die Abende mit ihrer Familie genossen. Es gab selbst geerntete Kirschen und die Nachbarn kamen oft vorbei.

Der Aufenthalt in der Alten Parteischule ist in mehrerlei Hinsicht authentisch. Wenn ich jemanden nach irgendetwas frage, bekomme ich zunächst eine unfreundliche Antwort, freue mich dann aber umso mehr, wenn ich meinem Gegenüber dann durch Freundlichkeit und Verständnis einen Gefallen abringen konnte. Als Kind hatte ich große Angst vor solchen Begegnungen, weil ich die Menschen um mich herum oft nicht verstand. Eine ähnliche Unsicherheit spüre ich auch jetzt noch, vielleicht wird eine vergessen geglaubte Erinnerung wach. Die jahrzehntealten Materialien können ihr Alter nicht mehr verbergen, doch in meinen Augen sind sie so perfekt, wie nur etwas sein kann, mit dem man die vielleicht schönste Zeit seines Lebens verbindet.

Widersprüchlichkeiten

Die goldene Heizkörperverkleidung, die vielen kleinen Lampen in der Decke des Foyers und viele weitere Details lassen die Parteischule opulent wirken im Vergleich zu den Gebäuden meiner Kindheit. Doch diese Oppulenz ist nur aufgesetzt, wie die Bemalung am Internatsgebäude, vom Denkmalpfleger Mark Escherich als „Nobilitierungsversuche“ bezeichnet, die der „Standardplatte“ den Schein des Besonderen geben sollten. Mit dem System der Parteischulen wollte sich die SED die ideologische Vormachtstellung in der DDR-Gesellschaft sichern. Das Parteischulgebäude scheint dies als gescheiterten Versuch zu entlarven, spätestens dann, wenn die Zeit die dünne Goldfarbe abwäscht. Ein bisschen unheimlich wird mir dennoch, wenn ich durch die Räume streife und über die Intentionen der Planer sinniere. Ging die unheimliche Stimmung in meiner Kindheit von den verlassenen Häusern aus, oder von einer sozialen Umgebung, in der gesellschaftliche Machtstrukturen plötzlich auch im Alltag neu verhandelt werden mussten?

Ich bin allen Akteuren, die zur Erhaltung der Parteischule bis heute beigetragen haben, dankbar für das nostalgische Erlebnis, dass das Gebäude mir persönlich bietet. Noch dankbarer bin ich dafür, dass die Parteischule auch vielen anderen Mitgliedern dieser, unserer Gesellschaft, mit anderen Erfahrungshintergründen die Möglichkeit bietet, über die Prozesse des Umbruchs emotional, aber auch rational zu reflektieren. Die Parteischule dient als Denkmal für etwas, das war, als Mahnmal für etwas, das nie wieder sein soll, aber auch als Symbol dafür, dass eine gemeinsame Zukunft möglich ist, in die wir unsere Vergangenheit und unsere persönlichen Geschichten ganz selbstverständlich mitnehmen, so widersprüchlich diese rückblickend auch sein mögen.

Zum Weiterlesen

Falbe, Dina Dorothea Falbe und Christopher (Hg.), Architekturen des Gebrauchs. Die Moderne beider deutscher Staaten 1960-1979, Verlag Mbooks, Weimar September 2017, 236 Seiten, Hardcover.

Erfurt, Alte Parteischule (Bild: Christopher Falbe)

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Winter 18: Im Hotel

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Costa Brava, Hotel Parador de Aiguablava

von Uta Winterhager (18/1)

Ich erinnere mich an den Morgen, als ich nach einer Nacht mit Regen, Sturm und wilden Wellen die Vorhänge aufzog und alles war anders. Grau und müde war der Himmel, der am Tag vorher noch so strahlen blau gewesen ist, grau und zornig das Meer, das heute gar nicht mehr zum Baden einladen wollte. Im ganzen Hotel war es plötzlich so still geworden, nur wenige und nur sehr langsame Schritte waren noch auf dem Flur zu hören. Im Frühstückssaal konnten wir uns zum ersten Mal seit unserer Ankunft vor zwei Tagen einen Tisch aussuchen – endlich einen direkt am Fenster, denn die wenigen Gäste, die noch da waren, bevorzugten kurze Wege zum Buffet. Es muss der 13. Oktober gewesen sein, denn der 12., so erfuhren wir dann, ist spanischer Nationalfeiertag. Daher also die vielen Familien, die hier über das verlängerte Wochenende mit Kindern, Eltern und Großeltern, gegessen und gefeiert hatten. Hätte man wissen und bedenken können, doch der Wetterwechsel nach dem Feiertag kam ohne Ankündigung. Während die Sonne im Kampf mit den Wolken unterlag, aßen wir die Reste vom Fest mit der Nachhut, die den Eindruck machte, als hätte sie dem Hotel seit seiner Eröffnung 1966 in guten wie in schlechten Tagen die Treue gehalten – als seien sie gemeinsam alt geworden.

Von Pinien umsäumt

Doch 50 Jahre sind in der Architekturgeschichte kein Alter, insbesondere die Vertreter der Nachkriegsmoderne stehen – sofern sie geschätzt und gepflegt wurden – heute noch meist gut da. So sitzt das Hotel Parador de Aiguablava nach fünf Jahrzehnten Betrieb immer noch mit einem gewissen trotzigen Understatement auf der felsigen Landzunge, die sich etwa 150 Kilometer nördlich von Barcelona in der Nähe des Örtchens Begur ins Meer hinausstreckt. Zu Füßen des Hotels liegt eine Bucht umsäumt von Pinien, ein kleiner Sandstrand, türkisfarbenes Wasser, ein Fischrestaurant und ein Tauchschulenkiosk. All das ist so malerisch, dass es fast weh tut. Das Hotel darüber ist ganz anders, eine strahlend weiße, langgestreckte additive Struktur, dreigeschossig mit betonten Mittelachsen. Großartig, jubeln da die Freunde des Rationalismus, besser hätte man den Bau kaum platzieren können.

Position und Haltung

Die Landzunge von Aiguablava qualifizierte sich Mitte der 60er Jahre mit der Aussicht auf das Meer zu drei Seiten und als touristisches Niemandsland als Standort für einen Bau der staatlichen Hotelkette „Paradores de Turismo de España“. Mit dem Neubau des Hotels wurde der katalanische Architekt Raimon Duran i Reynals (Barcelona, 1895-1966) beauftragt. Literatur über ihn ist nur spärlich zu finden, seine Handschrift nicht eindeutig. Dies mag auch der Tatsache zuzuschreiben sein, dass ihm als Mitglied der 1930 gegründeten Gruppe GATCPAC (Grup d’Arquitectes i Tècnics Catalans per al Progrés de l’Arquitectura Contemporània), die sozusagen den katalanischen Arm der C.I.A.M. bildete, in den ersten Jahren das Franco-Regimes eine moderne Ausrichtung untersagt war. Erst in den 50er Jahren ließ die politische Einflussnahme auf die Architektur wieder nach. Dennoch bleibt die rigoros moderne Architektur des Paradors in Aiguablava eine Ausnahme, sowohl in diesem Teil Kataloniens, im Werk des Architekten als auch unter den Paradores, denn lieber schmückt sich die Kette heute mit Unterkünften in historischen Klöstern und Adelssitzen. So spricht aus der Konsequenz mit der Duran i Reynals das Hotel geplant hat, sicher auch der trotzige Wille sich zu behaupten.

Wer das Hotel besuchen möchte, sieht es schon aus der Ferne, doch die strenge und funktionalistische Struktur könnte vielem dienen – auch militärischen Zwecken, für ein Luxushotel spricht nur die Lage. Den Ankommenden gegenüber macht sich der 85 Meter lange Bau klein und zeigt seine schmale Stirnseite. Strahlend weiß ist die Fassade, glatt durch den Verzicht auf Attika und Laibungen. Wer hier vor der Kulisse des Meeres an einen Dampfer denkt, der sieht in dem auskragenden Obergeschoss eine Kommandobrücke und findet Bestätigung in der filigranen weiß lackierten Außentreppe und der Reling auf dem Dach.

Funktion und Dekor

Mit dem eingerückten Erdgeschoss, dessen Last die filigranen Stützen an den langen Seiten die Last der Obergeschosse kaum zu tragen vermögen, greift Duran i Reynals ein klassisches Element der Moderne auf und lässt die Masse schweben. Er nutzt den Moment des Erstaunens und fängt die Auskragung mit zwei Wandscheiben ab, die er wie ein Spalier vor dem Haupteingang platziert. Große abstrakte Reliefs zieren sie wie Banderolen rundum und konterkarieren den zur Schau gestellten Funktionalismus des Baukörpers. Der Erdgeschossgrundriss bildet ein Kontinuum aus Empfang, Lounge, Lesesaal und Bar, gegliedert allein durch Nievauversprünge. Das vor Kopf liegende Restaurant gibt die Laufrichtung vor und wird mit dem Blick über den Pool und die Doppelspitze der Landzunge allem Understatement zum Trotz zum Höhepunkt stilisiert.

Licht und Material

Schmuck setze Duran i Reynals nur im Erdgeschoss und dort auch so gezielt ein, dass er – wie die Reliefs am Eingang – als integraler Teil der Architektur erscheint. Das Mobiliar, 2015 schon etwas gemischt, zeigte, dass in guten Zeiten offenbar auch in gute Möbel investiert wurde: Die Barcelona-Chairs haben überlebt. Das zentrale Treppenhaus inszenierte er mit dem simplen Zusammenspiel von Licht und Material. Es steht frei in einem Kiesbett und wird von einer Wandscheibe mit bunten Glaseinschlüssen flankiert, die je nach Lichteinfall leuchtet, flimmert oder bloß scheint. Die Terrasse auf der langen Südwestseite, deren kontrolliert organischen Formen sowie der Natursteinbelag sind auf eine ganz andere Weise zeittypisch und deutlich gefälliger. So bilden sie einen deutlichen Kontrast nicht nur zur Strenge des Hauses, sondern auch zu der Natur, die direkt hinter der Balustrade steil und schroff ist.

Gar nicht fließend, dafür sehr pragmatisch, ist die Ordnung der Zimmer rechts und links der Flure in den beiden Obergeschossen. Die 78 Zimmer und Badezimmer waren 2015 waren teilweise noch mit den schlichten Originalmöbeln ausgestattet, doch jeder Raum ist maximal geöffnet, um den Blick direkt über den Balkon auf das Meer zu lenken. Oh, Zauberberg!

Modern, nicht zeitgemäß

Alles, was wir damals sahen, war echt und nicht wie in vielen Hotels nur die Kulisse eines schönen Scheins, den man sich als Gast teuer erkauft hat. Und genau dieser bis auf die Spitze getriebene Purismus, der Verzicht und die Strenge, die plötzlich von etwas unerwartet Schönem, Buntem wie der beeindruckenden Aussicht aufgebrochen wird, machten den Reiz des Gebäudes aus, machen es zu einem außergewöhnlichen Ort. Doch das Parador d‘Aiguablava war weit entfernt von jenem Luxus, der mit Sternen bewertet wird, der üppig und übergriffig daherkommt, sodass es das Hotel in den letzten Jahren schwer hatte, sich am Markt zu behaupten.

Am Scheideweg

Schon bei unserem Besuch 2015 stand es am Scheideweg, will es mithalten im Kampf um die Sterne oder bleibt es sich selbst treu? In den 90er Jahren wurden die vier auf dem Dach gelegenen Suiten ausgebaut, an einigen Stellen sah man eher unentschlossene Renovierungsversuche. Vollkommen unverzeihlich war jedoch die billige Monobloc Bestuhlung auf dem Balkon, die hier wirklich keinen Kultstatus genießt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten ließen die Paradores überlegen, einige ihrer Häuser zu schließen oder nur noch halbjährlich zu öffnen. Das Haus in Aiguablava wird nun von GCA Architects (Barcelona) für gut 10 Millionen Euro umgebaut und bleibt noch bis zum Sommer geschlossen. Viel wird in die Haustechnik, den Spa- und Fitnessbereich investiert, neue Materialien sollen das Design der Räume und die Fassade komplett verändern. Die charakteristischen Ecken und Kanten werden damit geschliffen, das versprechen die Visualisierungen, denn es geht ja um das Überleben des Hauses, das mit bekannten Bildern deutlich mehr Gäste anlocken wird, als in seiner puristischen Reinform. So hatte dieses Nachsaison-Gefühl, das unseren Besuch in Aiguablava plötzlich überschattete, noch eine viel weitreichendere Bedeutung, als wir damals annahmen.

 Titelmotiv: Parador de Aiguablava: Heute kein Luxus mehr, aber Original, das Telefon griffbereit an der Toilette (Foto: Uta Winterhager)

Kurzinfo zu Hotel und Hotelkette

Das Parador de Aiguablava ist eines von über 90 Häusern der spanischen Hotelkette Paradores de Turismo de España. Seit 1991 ist sie eine Aktiengesellschaft in staatlichem Eigentum mit der Generaldirektion für spanische Kulturgüter als einzigem Aktionär.  Diese inzwischen durchaus kritisch betrachtete Konstellation liegt in der Geschichte der Paradores begründet, mit denen – so regte es die Regierung schon 1910 an – Wanderern eine Unterkunft geboten und das Bild Spaniens im Ausland verbessert werden sollte. 1928 eröffnete das erste Hotel in der Sierra de Gredos, sein Erfolg motivierte zum Ausbau des Konzeptes an weiteren Standorten. Nach einem Boom in den 60er Jahren und etlichen Krisen in den folgenden Jahrzehnten gehören nun 97 Häuser zur Paradores-Kette: 45 davon befinden sich in außergewöhnlichen historischen Gebäuden mit dem Ziel das nationale Erbe zu erhalten, 24 in attraktiven Städten und 28 sind landschaftlich besonders schön gelegen, häufig auch mit dem Hintergedanken in touristisch wenig erschlossenen Gebieten als Vorreiter aufzutreten.

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