Erfurt, Alte Parteischule (Bild: Christopher Falbe)

Erfurt, Gästehaus

von Dina Dorothea Falbe (18/1)

Als ich die alte Parteischule in Erfurt zum ersten Mal besuchte, fühlte ich mich wie in meine Kindheit zurückversetzt. Langsam stieg ich die flachen, breiten Stufen hinab, gepflastert mit zerbrochenen kleinen Betonplatten, die zum Teil von hellem Gras überwuchert sind. Ich ging vorbei an Becken, die einmal mit Wasser gefüllt waren, auf das schwebende Volumen mit den blauen Kacheln zu. Darunter  die gläserne Eingangsfront mit schlanken Aluminiumprofilen, links eine Gartenmauer aus Betonformsteinen. Rechts überragt eine Kiefer das flache Verbindungsgebäude, an dessen Ende sich das Internatshochhaus befindet – ein klassischer „Plattenbau“ mit abblätterndem weißen Anstrich. Dort kann man übernachten.

Magische Kindheit

Auf Facebook schreibt jemand eine Bewertung zur Alten Parteischule: „Perfekt – Der morbide Charme des Verfalls!“ Diese Beschreibung hätte ich selbst nicht gewählt, muss mir aber eingestehen, dass sie irgendwie zu den Kindheitserfahrungen passt, die ich in einem kleinen Ort an der Ostsee machte, nachdem meine Eltern mit mir aus der westdeutschen Großstadt dort hingezogen waren. Über den zumeist unbefestigten Straßen wehten an heißen Sommertagen Sandwolken, durch die ich barfuß und mit dem Handtuch über der Schulter zum Strand ging, vorbei an bunt angestrichenen Metallzäunen und den zerbrochenen und von hellem Gras überwachsenen Betonplatten, die damals in dem Dorf Gehwege markierten und vor der Erfurter Parteischule noch heute zu finden sind. Der Zauber verlassener Häuser zog uns Kinder in seinen Bann, es war ein bisschen unheimlich sie zu erkunden, vermittelte aber ein starkes Gefühl von Freiheit. Ich verstand damals nicht, warum manche Mitschüler in den verlassenen Bungalowsiedlungen Möbel kaputt schlugen. Die waren doch alle noch gut erhalten.

Im Unterschied zu den erwähnten Bungalows überstand die Parteischule in Erfurt die Wendezeit unzerstört, und ist auch in der Folge weder abgerissen, noch kaputtsaniert worden. Trotz des „morbiden Charmes“ ist die bemerkenswert gut erhaltene Substanz aus den 1970er Jahren bis heute weitgehend nutzbar und in Gebrauch. Um die Instandhaltung kümmert sich der Hausmeister Manfred Rommeiß seit den 1980er Jahren. Er hat Parteischüler gekannt, die mit ihrem Aufenthalt im „Roten Kloster“ ihre Karriere voranbringen wollten und Zusammenkünfte der Mächtigen belauscht, die noch kurz vor dem Zusammenbruch an „ihre Fatamorgana geglaubt“ hätten, wie Rommeiß sich ausdrückt. Der Hausmeister legte ein umfangreiches Ersatzteillager an. So gelang es ihm über Jahrzehnte, den funktionstüchtigen Originalzustand des Gebäudekomplexes am Erfurter Stadtrand zu erhalten.

Das „Rote Kloster“

Zunächst war die ehemalige Bezirksparteischule der SED an das Thüringer Bildungsministerium übergegangen, in den Nuller Jahren wurde ein Käufer gesucht. Ein Shoppingcenter wäre vermutlich an diesem Standort profitabler gewesen, doch 2008 erhielt die Parteischule Denkmalstatus. Tatsächlich fand sich ein privater Käufer, der die Parteischule erhalten und pragmatisch weiternutzen wollte. Die repräsentative, blau verkleidete Kiste – als Stahlskelettbau hebt sie sich auch konstruktiv vom eher standardisierten Rest ab – enthält ein reich verziertes Foyer und das große, geschichtsträchtige Auditorium, in dem einst der Kosmonaut Sigmund Jähn zu den Parteischülern gesprochen hat. An Jähns Stelle stehen heute Politikprofessoren auf der Bühne, oder Referenten verschiedener Tagungen, wenn die Parteischule nicht gerade als Kulisse für einen DDR-Film dient. Das ehemalige Internatshochhaus ist heute Gästehaus, die Großküche ist vermietet und im ehemaligen Speisesaal finden Rockkonzerte statt. Die vielseitigen Umnutzungen erlauben eine Umdeutung, eine Ent-Ideologisierung des Gebäudekomplexes, der ursprünglich der Machtsicherung der SED diente. Das ehemalige „Rote Kloster“, indem sich die SED-Elite abschottete, ist heute frei zugänglich und für jeden nutzbar.

Warum hier übernachten?

Warum sollte ich aber nun in dem Gästehaus eine Nacht verbringen? In dem schmalen Bett versinke ich sofort, wenn ich versuche, mich darauf zu platzieren. Ich denke zurück an das Kinderzimmer meiner Grundschulfreundin, in dem ein solches Bett stand. Ich fand es schon damals unbequem. Trotzdem habe ich die Abende mit ihrer Familie genossen. Es gab selbst geerntete Kirschen und die Nachbarn kamen oft vorbei.

Der Aufenthalt in der Alten Parteischule ist in mehrerlei Hinsicht authentisch. Wenn ich jemanden nach irgendetwas frage, bekomme ich zunächst eine unfreundliche Antwort, freue mich dann aber umso mehr, wenn ich meinem Gegenüber dann durch Freundlichkeit und Verständnis einen Gefallen abringen konnte. Als Kind hatte ich große Angst vor solchen Begegnungen, weil ich die Menschen um mich herum oft nicht verstand. Eine ähnliche Unsicherheit spüre ich auch jetzt noch, vielleicht wird eine vergessen geglaubte Erinnerung wach. Die jahrzehntealten Materialien können ihr Alter nicht mehr verbergen, doch in meinen Augen sind sie so perfekt, wie nur etwas sein kann, mit dem man die vielleicht schönste Zeit seines Lebens verbindet.

Widersprüchlichkeiten

Die goldene Heizkörperverkleidung, die vielen kleinen Lampen in der Decke des Foyers und viele weitere Details lassen die Parteischule opulent wirken im Vergleich zu den Gebäuden meiner Kindheit. Doch diese Oppulenz ist nur aufgesetzt, wie die Bemalung am Internatsgebäude, vom Denkmalpfleger Mark Escherich als „Nobilitierungsversuche“ bezeichnet, die der „Standardplatte“ den Schein des Besonderen geben sollten. Mit dem System der Parteischulen wollte sich die SED die ideologische Vormachtstellung in der DDR-Gesellschaft sichern. Das Parteischulgebäude scheint dies als gescheiterten Versuch zu entlarven, spätestens dann, wenn die Zeit die dünne Goldfarbe abwäscht. Ein bisschen unheimlich wird mir dennoch, wenn ich durch die Räume streife und über die Intentionen der Planer sinniere. Ging die unheimliche Stimmung in meiner Kindheit von den verlassenen Häusern aus, oder von einer sozialen Umgebung, in der gesellschaftliche Machtstrukturen plötzlich auch im Alltag neu verhandelt werden mussten?

Ich bin allen Akteuren, die zur Erhaltung der Parteischule bis heute beigetragen haben, dankbar für das nostalgische Erlebnis, dass das Gebäude mir persönlich bietet. Noch dankbarer bin ich dafür, dass die Parteischule auch vielen anderen Mitgliedern dieser, unserer Gesellschaft, mit anderen Erfahrungshintergründen die Möglichkeit bietet, über die Prozesse des Umbruchs emotional, aber auch rational zu reflektieren. Die Parteischule dient als Denkmal für etwas, das war, als Mahnmal für etwas, das nie wieder sein soll, aber auch als Symbol dafür, dass eine gemeinsame Zukunft möglich ist, in die wir unsere Vergangenheit und unsere persönlichen Geschichten ganz selbstverständlich mitnehmen, so widersprüchlich diese rückblickend auch sein mögen.

Zum Weiterlesen

Falbe, Dina Dorothea Falbe und Christopher (Hg.), Architekturen des Gebrauchs. Die Moderne beider deutscher Staaten 1960-1979, Verlag Mbooks, Weimar September 2017, 236 Seiten, Hardcover.

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