Portugal, Hotel Arribas (Bild: Thomas Spier, apollovision.de)

Portugal, Hotel Arribas

von Christina Gräwe (18/1)

Frühjahr 1988. Ein Kino in Buenos Aires. Es läuft Wim Wenders „Der Stand der Dinge“. Der Film ist damals erst sechs Jahre alt, also noch relativ frisch. Der architektonische Hauptdarsteller, ein Hotel, in und um den herum die Handlung überwiegend spielt, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zwar erst 20 Jahre alt, aber bereits deutlich vorgealtert.

 

Der Filmort


Wir befinden uns am westlichsten Zipfel Europas, rund 40 Kilometer von Lissabon entfernt. Das Hotel steht exponiert am sichelmondförmigen Ende des Praia Grande; die Anlage folgt dem Schwung des Küstenstreifens. Die gewaltigen Atlantikwellen, befeuert durch Stürme, hatten heftig auf das Haus eingewirkt, die Schutzmauer zwischen dem riesigen Pool und dem offenen Meer war stellenweise eingestürzt, als die Dreharbeiten 1981 begannen. Später im Film wirkt das Hotel, als sei es bereits aufgegeben (vielleicht war es das vorübergehend auch tatsächlich). Eine Atmosphäre wie gerufen für den düsteren Science Fiction, den Wim Wenders hier als Film im Film inszeniert hat. Anfangs wandeln vermummte Gestalten in Schutzanzügen durch eine mondlandschaftsähnliche Gegend. Sie entpuppen sich als Schauspielcrew, die zusammen mit dem Regisseur, dem Drehbuchschreiber und dem von Sam Fuller dargestellten Kameramann Quartier in dem Hotel bezogen hat.

Der eigentliche Film erzählt von Stagnation, schleichend verstreichender Zeit und mal mehr, mal weniger offensichtlichen Zermürbungsprozessen innerhalb des Teams. Denn das Geld und das Material sind erschöpft, der Produzent lässt das Team mit beidem hängen, die Dreharbeiten werden unterbrochen. Mit seinem untrüglichen Sinn für das passende Ambiente, hat Wenders mit einer Perle der Nachkriegsmoderne den idealen Ort für seine Geschichte des Wartens gefunden. Dass der Film in Schwarz-Weiß gedreht ist, trägt zu der lähmenden Atmosphäre bei und passt ganz wunderbar zu der – trotz des Verfalls – eleganten 60er Jahre-Architektur des Hotels. Mit etwas Fantasie kann man sich auch mondänere Zeiten hier noch vorstellen.

 

Fast 30 Jahre später

Beinahe 30 Jahre später, ein zweites Mal „Der Stand der Dinge“. Dieses Mal im Heimkino und als Vorbereitung für eine längst fällige Pilgerfahrt an die portugiesische Atlantikküste. Denn manche Bilder haben sich im Kopf auch über den langen Zeitraum hinweg erstaunlich zuverlässig gehalten und möchten dringend mit der heutigen Realität abgeglichen werden.

 

Der Realitätsort

Dem touristengefluteten Weltkulturerbe Sintra (einer Kleinstadt ganz in der Nähe) entkommen, stellt sich ein eigentümlicher Effekt ein. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein, und dennoch ist alles anders. Das Hotel sitzt immer noch ganz selbstverständlich an seinem Platz, als sei es aus dem Boden herausgewachsen. Der gewaltige Pool: noch vorhanden. Aber das Ensemble hat inzwischen eine Frischzellenkur erfahren, die noch nicht lange her sein kann, sonst hätte der Atlantik bereits wieder mehr Nagespuren hinterlassen. Der Bau bröselt nicht mehr vor sich hin, er ist hellgrau verputzt, strahlt im intensiven Sonnenlicht sogar fast weiß.

Das Schwimmbad ist kein vermooster Krater mehr, sondern mit Meerwasser gefüllt, das roh betonierte Becken ist blitzeblau gestrichen und wird von roten Sonnenschirmen mit Werbeaufdrucken gesäumt. Die Trennmauer zum offenen Meer steht wieder aufrecht, was die dicken Brecher nicht abhält, den Pool hin und wieder mit Nachschub zu versorgen. Das Schwimmen ist der pure Luxus: 100 Meter fast exklusiv, denn der Sommer mit seiner Hitze ist vorbei und das Wasser eiskalt. Es ist Nachsaison, der Publikumsverkehr rund das Schwimmbad übersichtlich. (Die Poolnutzung ist übrigens nicht nur Hotelgästen vorbehalten, aber kein ganz günstiger Spaß.) Der Großteil der späten Gäste findet sich auf der schmalen Restaurantterrasse, die wie auch alle schottenartig abgetrennten Zimmerbalkone selbstverständlich auf das Meer zeigt.

 

Außen: schwungvoll

Im Vergleich mit der kleinteiligeren Bebauung der Umgebung, ein paar verstreuten Ferienvillen und Restaurants, vollzieht das Hotel einen großen Maßstabssprung. Aber es trumpft nicht auf. Der Schwung des Baus nimmt etwas von der Masse, die Proportionen stimmen. Die Gliederung in einen mittigen Glaskörper mit dem Foyer, rechts und links symmetrischen Zimmerflügeln sowie einem Gebäudekopf, der an Schiffsarchitektur erinnert, ist klar ablesbar und auf Anhieb verständlich. Zur Straße zeigt das Haus nur die drei oberen Stockwerke, zum Meer zwei weitere einschließlich der Sanitäranlagen für das Schwimmbad. Vor- und Rücksprünge der einzelnen Etagen verschaffen dem langen Riegel zusätzlich Bewegung; die mittlere öffentliche Ebene mit dem Restaurant ragt weiter hervor, als die beiden obersten Etagen mit den Zimmern.

 

Innen: das Meer als Hauptdarsteller

Die Aussicht durch die raumhohen Fenster direkt auf den Atlantik dominiert den ersten Eindruck; die meisten Gäste laufen zunächst wie angesogen von den Panoramafenstern an dem zurückhaltenden Empfangstresen vorbei. Das Foyer ist keine zugige Halle, in der man sich verliert, keine Plüsch- und Deko-Orgie, sondern großzügig und mit schlicht-eleganten Sitzgruppen möbliert, die gut zu der Zeitlosigkeit des Hauses passen. Die – gemessen an der Ausstattung fair bepreisten – Zimmer sind in Pastelltönen gestrichen. Es scheint: Je höher die Kategorie, desto klarer die Formen des Mobiliars, keine echten Klassiker, aber nahe dran. Hier und da hat sich dann allerdings doch ein verspieltes Schränkchen eingeschmuggelt. Der Trumpf in allen Zimmern ist ohnehin auch hier der direkte Bezug zum Meer.

 

Film-Reminiszenz

Die heutigen Betreiber des Hotels kennen das Filmkapitel der Geschichte ihres Hauses. Man muss nicht lange suchen und entdeckt im Innenraum des Restaurants (das heute kaum noch mit den entsprechenden Erinnerungsbildern aus dem Film zusammenpasst) eine Fotowand mit Standbildern und Aufnahmen der Dreharbeiten. Ob Wim Wenders 1994, als er mit „Lisbon Story“ eine Art lose Folge von „Der Stand der Dinge“ drehte, das Hotel Arribas wieder aufgesucht hat, verrät diese Wand nicht. Aber das Kneipenschild der „Texas Bar“, in die sich Sam Fuller als Kameramann Joe Corby nach Lissabon flüchtet, hängt noch am Eingang der Bar. Leider ist dieser inzwischen verrammelt.

Titelmotiv: Portugal, Hotel Arribas (Bild: Thomas Spier, apollovision.de)