Marl, ehemalige Hauptschule (Bild: Ekaterina Vititneva/Ruhrmoderne)

Marl, Hotel „Marschall 66“

von Heiko Haberle (18/1)

Marl und Wulfen standen schon seit einer Weile auf meiner Liste abseitiger Reiseziele, die ich irgendwann sehen wollte. Aber auf eigene Faust unternimmt man so eine Reise ja dann doch eher selten – erst recht nicht, wenn man kein Auto besitzt. Und mit wem überhaupt? Wer fährt schon lieber nach Marl als nach Mallorca? Selbst unter Architekten ist die Stadt ja weniger bekannt als das indische Chandigarh (Le Corbusier) oder Park Hill bei Sheffield (die Smithsons). Als Individualreisender gelangt man außerdem selten in die Gebäude hinein, wegen der man eigentlich angereist ist und kommt höchstens mal zufällig in Kontakt mit Nutzern und Bewohnern. Meist ist dieser Kontakt dann von Misstrauen geprägt, denn nur wenige verstehen, warum man sich für ihre selber als hässlich bis bestenfalls als unbedeutend empfundenen Wohn- oder Arbeitsstätten interessiert.

 

„100 Stunden Brutalismus“

Da traute ich meinen Augen kaum, als ich von den „100 Stunden Brutalismus“ (und Nachkriegsmoderne und Skulpturen Projekte Münster) der Initiative Ruhrmoderne las. Für einen eher symbolischen Preis wurden im Juli 2017 drei Tage geballt voll mit Führungen, Vorträgen und Unterkunft im inoffiziellen Hotel „Marschall 66“ angeboten: für mich ein echter Traumurlaub! Anstatt in einem anonymen Hostel, würde man direkt im Studienobjekt Marl Mitte, in der kurzerhand als Tagungszentrum hergerichteten ehemaligen Hauptschule von Günther Marschall aus den Jahren 1966/67 wohnen. Trotzdem rechnete ich durchaus mit Jugendherbergsambiente, stellte mir vor, dass alle Gäste in einem Klassensaal oder einer Turnhalle auf Feldbetten schlafen würden.

 

In der Weite des Klassenraums

Umso größer dann die Überraschung: Jeder bekommt seinen eigenen Klassenraum! Mit eigenem Hof natürlich. In der Weite des Saals steht ein frisch bezogenes, richtiges Bett, am Fenster ein Schultisch und darauf eine Flasche mit selbstgepflückten Blümchen. Das Arrangement wirkt improvisiert aber auch durchdacht und liebevoll. Einen der beteiligten Professoren erwische ich bei der Inspektion des Ensembles in meinem Zimmer.

Nicht nur der bekannte Tisch weckt Erinnerungen an meine eigene Schulzeit, sondern auch das Gebäude als Ganzes. Es ähnelt meinem Gymnasium in Darmstadt, einem  Bau von Hans Schwippert von 1960. Es ist ebenfalls als weitläufiger Teppich aus sich abwechselnden Klassensälen und Höfen angelegt. Verglaste Gänge verbinden die Räume mit der Pausenhalle. Dort allerdings in rotem Backstein ausgeführt und mit einer Wellenbewegung aus abwechselnd ansteigenden und abfallenden Pultdächern. Ich weiß noch, wie ungewohnt ich das nicht als klassisches Haus erfassbare Gebäude anfangs fand, war doch meine Grundschule zuvor ein etwas düsterer, gründerzeitlicher Schulbau mit Mittelgang, hohen Decken und großer Treppenhalle gewesen.

 

Nachts in der Schule

Hier in Marl würde ich alles nachholen können, was früher nicht möglich war: nachts in der verwaisten Schule umherwandeln, ins sagenumwobene Lehrerzimmer vordringen, aus dem Fenster in den Hof steigen (Die Höfe meiner Schule waren leider immer verschlossen). Nur meinen Lieblingssitzplatz von früher – die eigentlich sehr unbequeme aber eben warme Heizung in der Pausenhalle – hat Marschall mir vorenthalten. Um das Niederlassen zu verhindern, hat er sich für die Marler Schule ein fieses bauliches Detail ausgedacht: einen Metallbügel in Bauchhöhe über dem Heizkörper. Man kann sich aber wie in der Achterbahn dahinter klemmen und dann umso besser die Arme abstützen.

Auch der straffe Stundenplan der „100 Stunden Brutalismus“ aus Führungen, Vorträgen und Diskussionen mit nur wenigen Pausen dazwischen erinnert etwas an Schule. Und wie auf Klassenfahrt müssen die Schüler (bzw. die Hotelgäste) stets angetrieben werden, um rechtzeitig am Bus zu sein. Der große Unterschied ist natürlich, dass auf dem Stundenplan nur Lieblingsfächer stehen, man den Exkursionszielen geradezu entgegen fiebert und die „Mitschüler“ Gleichgesinnte sind. Während ich sonst im Freundeskreis recht alleine dastehe mit meinen Vorlieben für nicht ganz leicht verdauliche Architektur und eher sperrigen Städtebau, bringen die 100 Stunden in Marl die Erleuchtung: Es gibt auch noch andere Freaks!

 

„Resort“ mit Kulturfaktor

Eine ehemalige Schule, die zwischenzeitlich vom Abriss bedroht war, mit einfachen Mitteln zum Ort für Begegnungen, Ausstellungen und vorübergehendes Wohnen zu machen, zeigt nicht nur die Wandelbarkeit und Zeitlosigkeit dieser Architektur. „Marschall 66“ ruft als „Resort“ mit Kulturfaktor zur Nachahmung auf. Viel mehr leerstehende Bauten könnten auf solch eine Art zwischengenutzt und umdefiniert werden. In der Architektur zu wohnen ist schließlich die eindrücklichste Art der Vermittlung.

Marl, ehemalige Hauptschule (Bild: Ekaterina Vititneva/Ruhrmoderne)