Jerusalem, Beit Belgiyah (Bild: Jochen Kratschmer, bestechend.de)

Jerusalem, Beit Belgiyah

von Karin Berkemann (18/1)

Ein Haus wie ein Donut – dieser für das Beit Belgiyah (בית בלגיה/Belgium House) gern bemühte Vergleich klingt zunächst wenig charmant. Doch das Bild trifft, denn das 1967 eingeweihte Bauwerk erinnert tatsächlich an das amerikanische Gebäck: kreisrund mit einem großen Loch in der Mitte. Das sandsteinverkleidete Gäste- und Clubhaus der Hebräischen Universität steht in Jerusalem am Rand des Campus Edmond J. Safra, direkt hinter der Nationalbibliothek, ganz nah beim Parlament (Knesset) und beim Israel Museum, nur eine kurze Busfahrt von der Altstadt entfernt.

 

Alles sehr sicher

An Kontrollen und bewaffnete Kontrolleure muss man sich hier gewöhnen: Das beginnt am Flughafen in Tel Aviv, zieht sich durch vom Bustransfer bis zum Altstadtbesuch, steigert sich beim Ausflug nach Bethlehem – und macht auch vor der Unterkunft nicht halt. Denn das Beit Belgiyah ist anschlagsgefährdeter Teil der Hebräischen Universität, liegt im Einzugsgebiet des Regierungsviertels. Der Campus ist umzäunt, alle Zugänge haben Grenzhäuschen und Metalldetektoren. Und wer auf der Suche nach dem Gästehaus eine Seitenstraße entlangwandert, wird vom Polizeiauto aus gut im Auge behalten.

Im Gegenzug wirkt der Campus wie eine Zeitreise in eine sauber aufgeräumte Sozialutopie der 1960er Jahre: gepflegte Rasenflächen, allegorische Figurengruppen in azurblauen Wasserbassins, gewundene Wege und schattige Laubengänge, wie am Reißbrett gestaffelte Riegel mit Rasterfassaden. Und dazwischen, in den Hang hinter die Institutsgebäude geduckt, verbirgt sich das Club- und Gästehaus. Die helle Sandsteinverkleidung ist für Jerusalem obligatorisch, doch hier kommt sie als Rustika besonders wehrhaft daher. Die Außenwände werden von trapezförmigen Fenstern fast zu Burgzinnen geformt. Und der Eingang liegt etwas versteckt nach Süden auf der ruhigen, vom Campus abgewandten Seite.

 

Ein belgisches Forum Romanum

Im Nähertreten entpuppt sich die vermeintliche Burg dann doch eher als Forum Romanum, als würdiger Ort der Versammlung und Begegnung. Zur geschützten Gartenseite im Westen öffnet sich der zylindrische Hauptbau im Untergeschoss zu einer Galerie, die zugleich als Open-Air-Bühne genutzt werden kann. Im Obergeschoss findet sich der Ring der Gästezimmer, davor ein Flur und zuletzt wieder eine Galerie, diesmal zum kreisrunden Innenhof weisend. Alles ist üppig bepflanzt und von allerlei skulpturaler Kunst durchzogen. Von Beginn an versteht sich das Beit Belgiyah als Ort der Kultur. Hier finden Konzerte und Wechselausstellungen statt. Dafür wurde dem „Donut“ ein kleinerer Rundpavillon zur Seite gestellt. Wo der Hauptbau sich zum Innenhof öffnet, wurde dem Pavillon eine Beton-Haube aufgesetzt. Hier ist Raum für Tagungen, Versammlungen und Feiern.

 

Im Herzen ein Brutalist

Das „Belgische Haus“ wurde zu Ehren des belgischen Philosophieprofessors Baron Chaim Perelman gestiftet von seiner Witwe, der Baronin Ela Perelman, beide waren Begründer der „Freunde Belgiens der Hebräischen Universität von Jerusalem“. Auf dem ganzen Campus mischen sich westeuropäische und nordamerikanische Einflüsse mit mediterranen Anklängen. Zusammengebunden wird alles von der hellen Sandsteinverkleidung, Orientalismen sucht man vergebens. Nach außen blitzt die Stahlbetonkonstruktion, die das Beit Belgiyah im Herzen zusammenhält, nur selten auf – über den Fenstern etwa. Im Inneren muss man heute in den unteren Umgang und dort aufmerksam nach oben schauen, um Spuren der gut gefügten Schalung zu erahnen. Nicht umsonst war der Entwurfsverfasser, der Jerusalemer Architekt Ze’ev Rabina, auch bei anderen prominenten Projekten des aufbrechenden Israel beteiligt, so z. B. in den Planungsprozessen zur Knesset.

 

 Vorher – nachher

Was im Inneren alle Sanierungen der letzten Jahrzehnte überstanden hat, sind einige der beeindruckenden holzverschalten Decken. Zusammen mit den verschiedentlich auch im Innenbereich eingesetzten Natursteinen vermitteln sie ein rundes Gesamtbild. Die heutige Ausstattung scheint mehr dem Geschmack südfranzösischer Einrichtungsmagazin zu entsprechen. Überaus gegenständliche Bronzefiguren, reichlich Picasso-Kunstdrucke, mintfarbene Gartenmöbel und tiefviolette Tischdecken geben dem Belgischen Haus eine durchaus charmante postmoderne Note. Hier lässt es sich trefflich tagen und erholen, am Donnerstagabend mit vergessen geglaubten Grandprix-Schlagern ins jüdische Wochenende hineinfeiern und am Sabbat selbst die konsequente Ruhe im Haus genießen. Man darf darüber nur nicht vergessen, dass jenseits des Zauns noch ein anderes Jerusalem wartet.

Titelmotiv: Jerusalem, Beit Belgiyah (Bild: Jochen Kratschmer, bestechend.de)