Wien, Hotel Daniel (Bild: Peter Haas, CC BY SA 3.0)

Wien, Hotel Daniel

von Daniel Bartetzko (18/1)

In seinem grandiosen Film „Playtime“ von 1967 versucht Jacques Tati alias „Hulot“, einen Termin mit einem ominösen Monsieur Giffard wahrzunehmen. Bei einem Konzern, dessen Geschäftsfeld nicht auszumachen ist, und dessen Sinn und Zweck sich nicht erschließt. Der aber in einem hoch technisierten, funktionalistischen Gebäude residiert. In einer ebenso funktionalistischen Umgebung, die aus fast identischer Architektur besteht. International Style in Reinkultur, durchkreuzt von Straßen, auf denen überwiegend Autos der Marke Simca ein mobiles Ballett aufführen. Alles ist im Gleichklang, ist modern, genormt und ungemein zweckmäßig. Wenn nur nicht immer die Menschen stören würden, die die schöne neue Welt total überfordert … So ähnlich fühle ich mich gerade im Hotel Daniel – im Angesicht der Katze, die mir vom gegenüberliegenden Balkon ziemlich ungeniert beim Duschen zusieht. Gut, es ist nur eine Katze, aber ich wäre doch gerne gänzlich ungestört. Geht aber nicht, denn diese Dusche ist voll verglast und steht mitten im Zimmer. Dieses wiederum hat ein großes Fenster. Wir befinden uns übrigens in einem Gebäude des International Style, und ich hadere mit der modernen Technik. Ich bin im Hotel Daniel und fühle mich gerade ein wenig wie Monsieur Hulot.

 

Außen alt, innen (fast) alles neu

Das Hotel Daniel liegt aber nicht in „Tativille“, sondern in Wien. Und es ist zugegebenermaßen nicht ganz so dysfunktional wie die Film-Kulissenstadt am Rande von Paris. Doch stilistisch wäre der 1959-62 errichtete Bau dort bestens aufgehoben: Ein klar gegliederter quaderförmiger Baukörper, sieben Etagen fassend. Das flächige Glas-Alu-Raster der Fassade wird durch keinen Erker und keinen Treppenhausturm gestört. Einzig ein großzügiger Eingangsbereich, zu dem eine Travertintreppe hochführt, unterbricht an der Schauseite die Strenge der Inszenierung. Der Wiener Georg Lippert (1908-92) entwarf dieses Haus als Produktions- und Verwaltungssitz des Schweizer Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche. Heute steht es als eines der ersten österreichischen Gebäude mit Curtain-Wall-Fassade unter Denkmalschutz. Allerdings gibt es außer jener Fassade samt Eingang und dem Treppenhaus eigentlich keine alten Bauteile mehr. Okay, das Stahlbetonskelett verblieb natürlich, und den modernisierten Aufzug verrät das Typenschild, auf dem das Baujahr 1961 vermerkt ist. Hoffman-La Rouche gab das bereits damals weitreichend veränderte Gebäude in den Neunzigern ab, es folgte das Übliche: mehrfache Vermietung an unterschiedliche Nutzer, nachlassende Instandhaltung, schließlich Leerstand mit ungewisser Zukunft. Energetische Mängel sowie nicht mehr den Anforderungen genügende Sicherheits- und Brandschutzeinrichtungen hätten einen Erhalt als Bürohaus unmöglich gemacht, ohne die Fassade ebenfalls zu zerstören. 2009 erfolgte die Unterschutzstellung – samt Freibrief für künftige Bauherren, das Innere komplett umgestalten zu dürfen.

 

Gepflegtes Hipstertum

Gepflegtes Hipstertum verheißt heute neben Holzfällerhemd, Hornbrille, Vollbart und Vintage-Rennrad ja in der Regel einen (teuren) Shabby-Schick: Abgenutzt darf es aussehen, doch gepflegt muss es sein. Für eine derartige Klientel eignet sich ein Backstein-Industriebau der Jahrhundertwende hervorragend, auch eine Expressionisten-Villa mag man sich vorstellen. Aber wie passt das zusammen mit einem auf Makellosigkeit ausgelegten Sechziger-Jahre-Repräsentationsbau? Aller überkandidelten Duschen zum Trotz ziemlich gut! Der Hotelier Florian Weitzer hat das Hoffmann-La Roche-Gebäude vor rund zehn Jahren übernommen. Der Betreiber des Hotel Daniel in Graz war auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie, um eine Dependance in Wien zu eröffnen. Und der einstige Pharma-Sitz war beinahe perfekt – dessen Architekt Georg Lippert entwarf auch das 1954/55 errichtete Grazer Hotel. Weitzer ist ein Mann smarter Konzepte, O-Ton der Homepage: „Was ein Stadthotel braucht, ist ein wendiger, offener Lifestyle, der nicht einengt, sondern – ganz im Gegenteil – jeden Tag viele neue Möglichkeiten eröffnet. Voilà – so einfach erklärt sich, worum es uns im Daniel hauptsächlich geht. Dazu dürfen Sie auch gerne – so wie wir – „Smart Luxury“ sagen.“

 

Viel Reproretro

Der geeignete Partner zum Umbau als „Smart-Luxury-Hotel“ war das Atelier Heiss Architekten, das den Spagat zwischen heimeligen Inneren und stylishen Äußeren gekonnt absolviert hat. Wer das Gebäude durch den Haupteingang betritt, blickt nicht wie einst auf Teakholzwände und eine hornbebrillte Empfangsdame an einem einsamen Schreibtisch (noch so eine Inszenierung wie von Jacques Tati!). Statt eines weiten Raumes bietet sich ein gepflegt-nachlässiges Sammelsurium aus echten und Repro-Möbeln der 1960er. Zimmerpflanzen schlängeln sich an der Decke entlang, die ansonsten den Blick auf den rohen Beton freigibt – samt alten Kabeldurchführungen und kaum kaschierten Spuren früherer Umbauten. In einem Shop gibt es Shampoo, Marmelade, Handtücher und Umhängetaschen. Wer möchte, kann ein Fahrrad oder eine Vespa für seine individuelle Wien-Tour leihen. Zugegeben, es wirkt alles auch ein bisschen wie Berlin Mitte anno 2000. Doch sehnen wir uns nicht öfter in diese Ära zurück?

 

Sowas von 2000

Für einen Hotelbetrieb sind die Bauauflagen nicht so hoch wie für die Büronutzung. Unter das „Weniger-ist-mehr“-Motto des Betreibers fällt somit heute auch die Lärm- und Wärmedämmung der Zimmer: Mit etwas lifestyliger Hellhörigkeit gilt es zu leben. Dies ist der Preis für den Erhalt der Fassade. Doch ehrlicherweise ist das 115 Zimmer fassende Haus kaum hellhöriger als die travertinverkleideten Pappmaché-Kuben, die in Europas Städten überall entstehen und meist von großen Hotelketten betrieben werden. Auch können diese kaum mit bemerkenswerter Kunst aufwarten. Das seit 2012 betriebene Hotel Daniel aber schon: Über dem bauzeitlichen fliegenden Kranzgesims hängt ein erschlafftes Segelboot. Kreiert hat es der Österreicher Erwin Wurm, dessen Skulpturen verformter Gegenstände weltweit die Museen schmücken. Im Boot auf dem Dach mit dem schönen Namen „Miscon­ceivable“ (missverständlich) soll man angeblich übernachten können. Wir haben uns nicht getraut zu fragen: Dort oben schwirren auch die Bienen der hauseigenen Imkerei umher. Auch Zimmer 777, einen Trailer-Wohnwagen im Vorgarten haben wir nicht genommen. Im tiefsten Winter erschien er uns zu unkomfortabel. Stattdessen residieren wir nun im dritten Stock, Zimmer 309. Auf dem Präsentierteller für Nachbars Katze … Der arme Hulot hat Monsieur Giffard übrigens nie gefunden. Ich entdecke aber gerade doch eine Jalousie. „Luxury you can afford“.

Wien, Hotel Daniel (Bild: Peter Haas, CC BY SA 3.0)