LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

von York Pijahn (21/3)

Der 24. Januar 1975 ist ein kalter Wintertag in Köln. Keith Jarrett, 29, Jazzpianist aus den USA mit Schnauzbart und muskulöser Statur, hat kaum geschlafen. Die Nacht hindurch ist er gemeinsam mit seinem Produzenten durch die Alpen gefahren. Von der Schweiz nach Deutschland, von Auftritt zu Auftritt. Der Renault 4 aus dem Jarrett aussteigt ist alt und klapprig. 1400 Zuhörer sollen an diesem Abend kommen, um ihn in der Kölner Oper spielen zu hören, denn er ist, obwohl noch so jung, schon eine Art musikalisches Genie. Er spielt seine Konzerte als reine Improvisation, jedes Konzert ist einzigartig, keine Notenblätter, keine Regeln. Doch an diesem kalten Januartag in Köln wird alles anders laufen für Jarrett. Denn es hat ein kurioses Missverständnis gegeben: Die Veranstalterin, die damals 18-jährige Vera Brandes, hat das falsche Klavier für den Auftritt bestellt. Statt eines Bösendorfer-290-Imperial-Konzertflügels steht auf der Bühne ein Bösendorfer-Stutzflügel. Man könnte sagen: Statt eines Ferraris hat Jarrett einen Trabi bekommen. Und zwar einen kaputten. Die Töne in den hohen und tiefen Lagen lassen sich nicht spielen, ein paar der schwarzen Tasten klemmen, die Pedale funktionieren nicht. Sprich: Das Klavier besteht aus einer einzigen Aufzählung von Macken. Aus Lücken. Fehlende Töne, als hätte eine Gitarre nur drei statt sechs Saiten. Jarrett und sein Manager umrunden das Instrument mehrmals, dann gehen sie zu ihrem Auto. Nein, hier wird Keith heute auf keinen Fall spielen. Zeit aufzubrechen, das wird doch eh nix. Oder?

Mind the Gap (Bild: via pixabay.com)

Mind the Gap (Bild: via pixabay.com)

Ein Ärgernis

Die Lücke. Sie ist in vielen Fällen erstmal vor allem eines: ein Ärgernis. Sie zerdeppert die Harmonie und zieht den Fokus auf das, was fehlt, was falsch ist und mangelt. Sie ist das Gegenteil von Perfektion. „Auf Lücke“ zu lernen bedeutet, ins Risiko zu gehen, nicht den ganzen Stoff zu kennen, ein bisschen Angst haben zu müssen, weil man ja vielleicht entdeckt und enttarnt wird. Aber eben auch Zeit zu sparen in der Vorbereitung. Mind the Gap. Die Lücke ist die Lösung all der Nichtperfekten und Pfuscher, die hoffen, so gerade durchzukommen, deren Grundmelodie des Lebens ein ängstliches Wackeln ist. Sympathisch? Total sympathisch. So wie das Lächeln von Georgia May Jagger, der Tochter von Mick Jagger, die – Sie ahnen es natürlich längst – eine riesige Zahnlücke hat. Auch wenn es Dinge gibt, die unangepasster sind als Model zu werden, die Zahnlücke wirkt an Georgia May Jagger wie ein Rest echter Jagger-Wildheit, ein permanent gelächeltes Fuck off.

Die Lücke – sie ist aber auch immer Erinnerung an alles, was genau dort, wo die Lücke klafft, einmal gestanden hat. Der Ort, wo jetzt ein kalter Hauch weht, einem die Augen überlaufen und man sich selbst ein „Weißt Du noch, damals? …“ zuraunt. Der Musiker Peter Licht hat über diesen Zustand 2006 ein Lied geschrieben. Es heißt „Du kommst nicht mehr zurück“. Man macht den Zauber dieses todtraurigen Abschiedslieds vielleicht kaputt, wenn man den Text zerredet. Aber diese Zeile passt vielleicht gut zum Thema Lücke und zu dem Schmerz, der manchmal in der Lücke wohnt: „Wo Du immer noch, immer noch stehst. Ist ein Loch in der Luft.“ Ein Loch in der Luft. Aua. Lücke ist Leere. Das funktioniert in Songs und natürlich auch in Gebäuden. Wie im jüdischen Museum in Berlin von Daniel Libeskind. Voids – Leere – hat der Architekt die fünf schmalen, meist unbeleuchteten Schächte genannt, die man als Besucher begehen kann und in denen man dann traurig, ängstlich und verlassen rumsteht. Hier war mal was, jetzt ist hier nix mehr, die Leute fehlen. Eine unschließbare Lücke in Architektur gegossen.

Trampelpfad (Bild: Ska13351, PD, 2006)

Trampelpfad (Bild: Ska13351, PD, 2006)

Eine Chance

Und trotzdem: Die Lücke ist auch immer die ganz große Chance. Weil es hier in der Lücke noch Platz gibt fürs Regeln-Brechen. Neben dem Mehrfamilienhaus in dem ich in den 70er und 80er Jahren in der Bielefelder Vorstadt aufwuchs, lag ein … ja was eigentlich? Eine räudige Gebüsch-Fläche, durchzogen von Trampelpfaden und alleinstehenden Kiefern. Gelbes Gras in breiten Wellen, dazwischen Reste einer Parkbank, die irgendwer hier mal mehr weggeschmissen als hingestellt hatte. Als Kinder haben wir hier gespielt, an diesem Ort der kein Garten war, kein Park und keine Wiese, sondern ein dreckiger, überwucherter Flecken Freiheit. Unter der Parkbank lagen manchmal zerfledderte Pornohefte, Bierflaschen, Zigarettenkippen, auch wenn wir Kinder nie verstanden, wer sich außer uns hier herumtrieb und so etwas zurücklassen würde. Auch dieser Ort, der von den Erwachsenen verharmlosend „das Wäldchen“ genannt wurde, war: eine Lücke – in der meine Brüder und ich ohne Führerschein Mofa fuhren, mit dem Luftgewehr schossen und die wir zweimal sogar in Brand steckten.

Beim ersten Mal, weil wir uns eine Hütte gebaut hatten, deren Kochfeuer im Inneren außer Kontrolle geriet. Beim zweiten Mal ließen wir einfach so das Gras und die Sträucher in Flammen aufgehen. Weil wir sehen wollten, ob wohl irgendwann die Feuerwehr kommen würde. Die Flammen griffen schnell um sich. Und ich kann mich bis heute an meine Mutter erinnern, wie sie von den Sirenen der Feuerwehr alarmiert zum Wäldchen gerannt kam und mich und meine Brüder anstarrte, während das Blaulicht der Einsatzfahrzeuge unser Haus von außen zu ohrfeigen schien: „Warum um Gottes willen, habt ihr das getan?“ Warum? Weil das Wäldchen unser Ort war. Weil wir hier die Kings waren. Weil hier unsere Gesetze galten. In diesem dreckigen, überwucherten Königreich. Unsere Lücke. Das Wäldchen ist heute übrigens ein Parkplatz. Lücke geschlossen. Verdammt.

Keith Jarrett, The Köln Concert (Bild: youtube-Still)

Keith Jarrett, The Köln Concert (Bild: youtube-Still)

Eine Schönheit

Köln, 24. Januar 1975. Eva Brandes, die Frau die Keith Jarrett gebucht hat, erreicht jetzt den wütenden Musiker und seinen Manager, die gerade abfahren wollen. Sie bettelt, dass die beiden doch bleiben sollen. Sie fleht. Und Jarrett? Lässt sich schließlich erweichen bevor er sagt: „I play. But never forget: Just for you.“ Die Tontechniker werden angewiesen, keine Aufnahme vom Abend in der Kölner Oper zu machen. Das kaputte Klavier mit all den lückenhaften Sounds, das wird sicher nix, was man sich später nochmal anhören will. Jarretts Manager aber glaubt, dass wenn man sowieso schon all die Aufnahmetechnik hier habe, man ja ruhig das Band laufen lassen kann. Jemand drückt „Record“. Und dann passiert es.

Keith Jarrett hält sich an die mittleren Töne und baut ein sich wiederholendes Bassriff ein. Er variiert die Melodie des Pausengongs der Kölner Oper, worauf jemand im Publikum mit einem Lacher reagiert. Jarrett spielt mit unglaublicher Kraft, weil er Angst hat, dass das kaputte Klavier gar nicht genug Volumen erzeugt. Man hört ihn bis in den Zuschauerraum schnaufen während das Publikum den Atem anhält. Die Musik ist erst zart und spielend, dann pumpt sie durch den Saal, sie umschifft die Lücken des Instruments und zaubert so alles weg: den kaputten Flügel und seine fehlenden Töne, all die Unwägbarkeiten und Macken, 66 Minuten lang. Und so schräg das auch klingen mag: Bereits bei den ersten Tönen spürt man, dass hier etwas ganz Unglaubliches passiert. Echte Schönheit. Das Köln Concert wird die am meisten verkaufte Jazz-Soloplatte aller Zeiten. Musik mit Raum für das Unperfekte, eine klanggewordene Verneigung vor der Improvisation, vor dem Pfusch, aus dem Großes entsteht. Und vor der Lücke, in der manchmal die ganz großen Ideen leuchten.

Titelmotiv: Keith Jarrett, The Köln Concert (Bild: Plattencover, Detail)

ganzes Heft als pdf

Inhalt

LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

Wer von perfekter Ordnung und glatter Oberfläche genug hat, entdeckt sie und wird sie vermutlich nie wieder los. Die Lücke – eine Liebeserklärung von York Pijahn.

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

Uta Winterhager über charmante Lückenbüßer der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

Rebekka Kremershof über virtuelle Baulücken und die Chancen des Digitalen.

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

Daniel Bartetzko über die große Leere in der Frankfurter Altstadt.

PORTRÄT: Lückenbüßer

PORTRÄT: Lückenbüßer

Karin Berkemann über Treppenhäuser und das Nichts, das sie schwungvoll umkreisen.

INTERVIEW: "Manchmal glaubt man nicht an Lücken"

INTERVIEW: „Manchmal glaubt man nicht an Lücken“

Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert über die Kunst des Weglassens.

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

Martin Maleschka suchte mit der Kamera die Zwischenräume der Ostmoderne.

Der Best-of-90s-Beitrag

Landschaftsparks im Ruhrgebiet – von Anette Kolkau

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

von Uta Winterhager (21/3)

Der Blick von außen ist schwer, wenn man mittendrin steht. Und so ist es nicht wissenschaftlich bewiesen, sondern nur sehr deutlich sichtbar, dass die Architektur der Lücke in Köln über die Jahrzehnte zu einer Königsdisziplin geadelt wurde. Es passt in unsere Zeit, dass die ebenso maximal effiziente wie intelligente und vor allem unkonventionelle Ausnutzung einer kleinen Restfläche in einem noch-rauen Teil der Stadt so vielfach ausgezeichnet wurde, wie die „Baulücke“, in der der Architekt Wolfgang Zeh seit 2017 wohnt und arbeitet. In ihrer Baulücke sitzt Familie Zeh in ausgesprochen guter Gesellschaft: 1974 bezog Erich Schneider-Wessling mit Familie eine Lücke in der Josephstraße, Walter von Lom mit Familie und Büro eine in der Rheingasse. 1977 öffneten Margot und Joachim Schürmann ihr schmalhohes Stadtbüro in der Lintgasse. Christian Schaller/Planungsgruppe dt8 rettete eine Kriegsruine vor dem Abriss, 1989 konnten außer seiner Familie acht weitere dort einziehen. 2007 setzten Regina Leiperz und Martin Kostulski (LK Architekten) die Reihe der virtuosen Lückenschlüsse mit ihrem Wohn- und Bürohaus in der Schwalbengasse fort.

Modellhafte Planung für ein Einfamilienhaus in der Hüttenstraße  (Meyer und Tomadich) aus der Kölner BDA-Publikation  "Bauen in der Lücke" von 1984 (Bild: Seitendetail)

Modellhafte Planung für ein Einfamilienhaus in der Hüttenstraße (Meyer und Tomadich) aus der Kölner BDA-Publikation „Bauen in der Lücke“ von 1984 (Bild: Seitendetail)

Kleines Grundstück, große Ideen

Junge Architekt:innen gehörten auch in den 1970er Jahren selten zu denen mit viel Geld, meist aber zu denen mit vielen Ideen und eigentlich immer zu denen, die gerne mitten in der Stadt wohnen möchten. Die gestalterische Herausforderung günstiger Grundstücke, die für andere vielleicht schwierig bis unmöglich zu bebauen erschienen, nahmen sie dagegen gerne an. Sie hatten neue Ideen für das Leben in der Stadt, in der sie weit mehr sahen als Lärm, schlechte Luft und Enge, vom Wohnen und Arbeiten in einem, von der Öffnung und Fügung von Räumen, von Drinnen und Draußen. In den Lücken fanden sie Spielräume und konnten besonders dort experimentieren, wo sie nicht nur Architekt:tin, sondern auch Bauherr:in waren.

Gehen wir für diese Betrachtung noch einmal kurz zurück zur Stunde Null. Als Köln nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Wiederaufbau begann, konnte man von Lücken im Stadtgefüge kaum sprechen, denn rund 90 Prozent der Altstadt waren zerstört. Aus heutiger Sicht erscheint es wie ein Wunder, dass die Stadt überhaupt Kräfte und Mittel für den Neuanfang aufbringen konnte. Aber es blieben Lücken in den neuen Straßenzügen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen (Eigentumsverhältnisse, Lage, Größe, Mindernutzung) oft jahrzehntelang nicht geschlossen wurden.

Köln, Schürmann-Haus (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2020)

Köln, Lückenbebauung in der Lintgasse (Margot und Joachim Schürmann, 1969) (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2020)

Die Auflösung

1969 hatte das Büro von Margot und Joachim Schürmann den Wettbewerb für den Wiederaufbau des Martinsviertels gewonnen. Diesen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bereich nördlich der romanischen Basilika, galt es wieder mit Leben zu füllen. In Anlehnung an die Figur der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zerstörten Klosteranlage, legte das Büro Schürmann auch die neue Wohnbebauung um einen Hof und verknüpfte diese neue Mitte über schmale Gassen mit der umliegenden (nicht) Altstadt. Die Schürmann-Bauten blieben zwar in der Feinkörnigkeit und giebelständigen Gliederung der vermeintlich mittelalterlichen Stadtstruktur mit Gässchen und Plätzen, doch war ihnen mehr Höhe erlaubt. Direkt angrenzend an dieses Quartier erwarben die Architekt:innen ein Grundstück, auf dem der Kopf einer Reihe gebaut werden sollte. Hier errichteten sie die Außenstelle ihres Büros, das seinen Stammsitz wie die Familie im Bungalow in der Lindenthaler Enkestraße hatte. Das sechsgeschossige Innenstadtbüro wurde für 20 Mitarbeiter:innen geplant, aber Schürmanns dachten direkt weiter und konzipierten die Grundrisse so, dass die Büroräume auch als Wohnräume zu nutzen waren.

Erleichtert wurde dies durch die abgeschlossene vertikale Erschießung, nur die beiden obersten Etagen, die Büchergalerie und die Zeichengalerie hatten Blick- und Rufkontakt untereinander, was auch bei der Nutzung zum Wohnen und Spielen gewünscht worden wäre. In der Kubatur ist der Kopfbau eindeutig, klar auch die Orientierung am historischen Maßstab, die Giebelständigkeit gegeben. Doch Margot und Joachim Schürmann gingen von da aus weiter, öffneten die Fassade, nahmen ihr alles Schwere. Stein ersetzten sie mit Glas, vor die Glasflächen setzten sie ab der ersten Etage noch ein filigranes Gestänge als Träger von Gitterrost-Austritten, Markisen und einem Rankgerüst dienten dem Sonnenschutz. Diese charakteristisch maximale Leichtigkeit führten sie auch in den Innenräumen fort und integrierten ein Haus, das seiner Zeit weit voraus war, in die Altstadt, wo der Blick doch offiziell eindeutig zurückgewandt war.

Köln, Lückenbebauung in der Rheingasse (Walter von Lom, 1972) (Bild: Walter von Lom Architkten)

Köln, Lückenbebauung in der Rheingasse (Walter von Lom, 1972) (Bild: Walter von Lom Architkten)

Der Nachbar

Walter von Lom (*1938) hatte von 1966 bis 1972 im Büro Schürmann gearbeitet, als das 1977 in die Lintgasse zog, hatte er bereits ein eigenes Büro. Den Wiederaufbau der nahen Rheingasse hatte von Lom über die Jahre aufmerksam verfolgt. Nach dem Krieg standen in dem schmalen Sträßchen nur noch die Ruine des Overstolzenhauses und die Nummer 14, ein Kontorhaus aus dem Jahr 1910, doch bald schon waren die Reihen hier wieder geschossen, bis auf die 7,80 Meter breite Lücke mit der Nummer 16. Und hier widerlegt Walter von Lom direkt eine der eingangs aufgestellten Thesen, denn günstig sei dieses rheinnah gelegene innerstädtische Grundstück Anfang der 1970er Jahre nicht mehr gewesen. Von den ursprünglich sieben Parteien der Bauherrengemeinschaft, blieb neben ihm nur eine weitere, die sich der Aufgabe stellte, mit dem Lückenschluss nicht nur bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sondern auch eine eigene zeitgenössische Antwort auf die starke Ansicht des benachbarten Denkmals zu finden.

1974 wurde das schmale, siebengeschossige Haus mit insgesamt knapp 400 qm Wohnfläche einschließlich Maisonette und 150 Quadratmeter Bürofläche im Sockelgeschoss und der Hochparterreetage bezogen. Lasierter Sichtbeton übernimmt in der Fassade die tragende Rolle, doch entgegen der ringsum üblichen kleinen Fensteröffnungen, setzte von Lom ab der ersten Etage ein großes, vielfach untergliedertes Fassadenelement ein, ein weiteres, vom Straßenniveau bis zum Dach verlaufendes schmales Element belichtet das Treppenhaus und setzt eine Fuge zum Nachbarhaus. Der Sichtbeton findet sich auch in den Innenräumen wieder, ebenso die schon an der Haustür kühn eingesetzten orangeroten Akzente, was in den frühen Siebzigern schon ganz weit vorne war, schätzen wir auch heute noch, auch die individuellen Grundrisse und die vertikalen Verknüpfungen, die gestaffelten Terrassen auf der Rückseite und den Gemeinschaftsgarten. „Wenn die Zwänge groß sind, kommt man zu den überraschendsten Ergebnissen. Eine Baulücke hat die meisten Zwänge und erfordert eine große Disziplin“, sagt van Lom heute. Und da er dies so betont, verwundert es doch, dass das Haus in der Rheingasse so komplett frei von Zwängen scheint. Vielleicht ist es auch einfach frei von Konventionen, modern gedacht, bis heute. Seit 1992 befindet sich das erweitere Büro im benachbarten Kontorhaus, dessen Inneres eine wundersame Transformation zu einem lichten Gefüge erfahren hat.

Köln, Lückenbebauung in der Josephstraße (Erich Schneider-Wessling, 1974) (Bild: Uta Winterhager, 2021)

Das Manifest

„Gute, identifizierbare Architektur wird es nur, wenn darin ein Stück der Persönlichkeit des Architekten und des Bauherrn steckt“, erklärt von Lom und leitet damit über zu Erich Schneider-Wesslings Haus in der Josephstraße, das ebenfalls 1974 fertiggestellt wurde: „Beim Erich war es dieses Übersprudelnde …“. Das bestätigt auch Uli Herrmann, der mit seiner Frau Dorothée Schneider in ihrem Elternhaus in der Josefstraße wohnt und arbeitet. Ihre vier Kinder sind inzwischen erwachsen und mehr oder weniger ausgezogen, aber „das Haus wird weiterhin geliebt.“ Es ist im Vergleich mit den beiden hier bereits aufgeführten Zeitgenossen vielleicht das politisch und persönlich stärkste Manifest. Eine Provokation, wie der Architekt selbst es nannte. Für ihn und seine siebenköpfige Familie war dieses Stadthaus, das er eigentlich für einen Freund hatte bauen sollen, ein Stück Freiheit.

Während ringsum Mietshäuser standen, nahm er die Idee der Jahrhundertwende wieder auf und baute in die sechs Meter breite Lücke das, was wir heute als Townhaus bezeichnen, ein Einfamilienhaus in der Stadt. Oft kam er an die Grenzen der Baugesetze, verhandelte zwei Jahre und bekam manches Zugeständnis, anderes nicht. Es hätte ein Holzbau werden sollen, doch erlaubt wurde nur Beton. An Decken und Wänden bleibt der sichtbar, Holz ergänzen ihn im Ausbau, denn Scheider-Wessling mochte es wohnlich, nicht brut. Über 13 eher niedrige Ebenen erstreckt treppt sich die supermoderne Wohnlandschaft, halbgeschossig gegeneinander versetzt nach oben. Die beiden unteren Büroetagen besetzen das gesamte Grundstück, den damit verlorenen Garten ersetzt die darauf liegende große Terrasse vor der Wohnküche. Trotz der beengten Situation in der Lücke in der schmalen Straße strebte Schneider-Wessling „eine nahtlose Verflechtung der Räume mit der freien Umwelt“ an, erreichte dies mit großen Fensterflächen, die Licht auch in die Tiefe ließen. Die „Begrünung der Stadt“ sollte die Lebensqualität erheblich verbessern, so berankte er das Haus vorne und hinten üppig mit schattenspendenden Glyzinien und nutzte jede Freifläche als Erweiterung des Wohnraums hinaus ins Grüne. Vierzig Jahre nach dem Bau dieses Hauses ist der fortschrittliche Geist seines Schöpfers noch immer zu spüren.

Köln, Lückenbebauung in der Hülchrather Straße (Christian Schaller (Planungsgruppe dt8), 1988) (Bild: Foto © Tomas Riehle)

Köln, Lückenbebauung in der Hülchrather Straße (Christian Schaller (Planungsgruppe dt8), 1988) (Bild: Foto © Tomas Riehle)

Die Baugruppendynamik

Das gilt auch für das große Haus im Blockrand der Hülchrather Straße, das neun Familien mit zusammen 20 Kindern, darunter der Architekt Christian Schaller (Planungsgruppe dt8), 1985 als denkmalgeschützte Kriegsruine kauften. Soziale und ökonomische Aspekte überwogen in den Diskussionen jener Baugruppe und führten zu einer ökologischen Haustechnik und einer kompromisslosen Haltung in Gestaltungsfragen. Die Kriegsschäden sollten nicht einfach wegretuschiert werden, so wurde die Abbruchkante der Ruine versäubert und die Jugendstilfront mit einer leichten und kostengünstigen Stahl-Glas-Fassade ergänzt, oben schloss sie mit einem zinkblechgedeckten Tonnendach ab. Mit großem persönlichem Engagement wurden aus den ehemals vier Wohnungen neun, alle mit einem Balkon auf den gemeinsam genutzten Innenhof. Fragt man heute, ob der Modellversuch geglückt sei, gibt die Tatsache, dass nach 25 Jahren immer noch alle Mitglieder der Baugruppe dort wohnen, eine eindeutige Antwort.

Köln, Lückenbebauung in der Schwalbengasse (LK Architekten, 2007) (Bilder: links: LK Architekten, rechts: © Jens Willebrand)

Köln, Lückenbebauung in der Schwalbengasse (LK Architekten, 2007) (Bilder: links: LK Architekten, rechts: © Jens Willebrand)

Das Zeitlose

Als Regina Leipertz und Martin Kostulski – LK Architekten 2005 das 4,60 Meter breite Restgrundstück in der Schwalbengasse erwarben, schrieb der Bebauungsplan Geschosszahl, Dachneigung und Tiefe des Baukörpers vor. Die notwendigen Stellplätze mussten sie für viel Geld ablösen, denn sie wollten dort wohnen und arbeiten, nicht vorrangig parken. Doch ebenso virtuos wie wunderbar einfach erscheint ihr schmalhohes Dreifensterwohn- und Bürohaus heute mit seinen zwölf halbgeschossig gegeneinander versetzten Ebenen. Im Vergleich zu den frühen Lückenpionieren ist es sehr kontrolliert, erscheint ohne Zwänge und Kompromisse. Einfach war es jedoch auch hier mit den Genehmigungen für diese ‚Spezialimmobilie‘ nicht. Im 14 Meter tiefen Inneren erzeugten LK Architekten mit dem zentralen Luftraum und den bodentiefen Fenstern ein lichtes und schlüssiges Raumkontinuum, das auch die nötige Privatheit bietet. Und es verwundert doch sehr, dass die Nachbarparzellen dieses wertigen Stadtbausteins noch immer als Parkplatz genutzt dienen. Einen ‚Glücksfall‘ nennt Regina Leipertz ihr Haus, für das sie sicher nicht den bequemsten Weg gegangen sind.

Köln, Lückenbebauung in der Hüttenstraße (Wolfgang Zeh, 2017) (Bilder: Büro Wolfgang Zeh)

Köln, Lückenbebauung in der Hüttenstraße (Wolfgang Zeh, 2017) (Bilder: Büro Wolfgang Zeh)

Der Aufruf

Wolfgang Zeh hatte eigentlich nichts gesucht, als er das Grundstück in der drei Meter breiten Lücke in der Hüttenstraße fand. Darauf stand eine schäbige Garage. Zwei Entwürfe gab es bereits in den 1980er Jahren, wie die BDA-Publikation „Bauen in der Lücke“ von 1984 zeigt. Umgesetzt wurden die irgendwie ’schrägen‘ Entwürfe für die Hüttenstraße allerdings nicht. So konnte Wolfgang Zeh das 35 Quadratmeter große Grundstück ziemlich günstig, also mit einem vergleichsweise niedrigen Risiko erwerben. Wo kein Platz war, hat er ihn geschaffen. Er hat sich von Konventionen verabschiedet, hat sich Sehgewohnheiten zunutze gemacht und keinen Zentimeter verschenkt. Vor allem aber hat er sich Zeit für die richtige Lösung genommen und wann immer es hakelig wurde (fast immer also), hat der gelernte Tischler selbst Hand angelegt. Dieses Haus, das so vielfach ausgezeichnet wurde, sei kein Prototyp und auch kein Allheilmittel für superenge Baulücken, sagt der Architekt, dafür sei es zu stark vom Kontext geprägt. So ist es wohl seine Haltung, Einschränkungen als Chance zu begreifen, Wohnverhältnisse radikal zu überdenken, sich etwas zuzutrauen, die den Erfolg dieses Projekts begründet. Diesen Mut haben nicht viele, aber er zieht sich wie ein feiner roter Faden durch die Generationen der Kölner Architekturfamilie – lasst ihn nicht abreißen, Lücken gibt es noch in ausreichender Zahl!

Titelblatt der Kölner BDA-Publikation "Bauen in der Lücke" von 1984 (Bild: Cover)

Titelblatt der Kölner BDA-Publikation „Bauen in der Lücke“ von 1984 (Bild: Cover)

Zum Weiterlesen

Bauen in der Lücke – Auswärtige Architekturbeispiele im Vergleich mit Kölner Lösungen. Eine Ausstellung und Veranstaltungsreihe des Bundes Deutscher Architekten, Köln mit dem Amt für Stadterneuerung und Sanierung, Köln und dem Kölner Kooperationsverbund in der Halle des Historischen Rathauses Köln 12. – 22. November 1984, Köln 1984.

Titelmotiv: Keith Jarrett, The Köln Concert (Bild: Plattencover, Detail)

ganzes Heft als pdf

Inhalt

LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

Wer von perfekter Ordnung und glatter Oberfläche genug hat, entdeckt sie und wird sie vermutlich nie wieder los. Die Lücke – eine Liebeserklärung von York Pijahn.

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

Uta Winterhager über charmante Lückenbüßer der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

Rebekka Kremershof über virtuelle Baulücken und die Chancen des Digitalen.

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

Daniel Bartetzko über die große Leere in der Frankfurter Altstadt.

PORTRÄT: Lückenbüßer

PORTRÄT: Lückenbüßer

Karin Berkemann über Treppenhäuser und das Nichts, das sie schwungvoll umkreisen.

INTERVIEW: "Manchmal glaubt man nicht an Lücken"

INTERVIEW: „Manchmal glaubt man nicht an Lücken“

Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert über die Kunst des Weglassens.

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

Martin Maleschka suchte mit der Kamera die Zwischenräume der Ostmoderne.

Der Best-of-90s-Beitrag

Landschaftsparks im Ruhrgebiet – von Anette Kolkau

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

von Rebekka Kremershof (21/3)

Mit dem Beginn der Pandemie im März 2020 hat sich die private und berufliche Lebenswelt spürbar verändert. Aus der Sicht der Abteilung Bildung und Vermittlung eines Museums sogar fundamental. Die Vermittlungsarbeit im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main war bis zu dem Zeitpunkt geprägt durch die Begegnung und das gemeinsame Arbeiten mit Form und Material. Von einem Tag auf den anderen blieben die Besucher:innen weg und als sich die Situation nach dem Sommer erneut verschärfte war klar, es müssen neue Wege beschritten werden. Oder, ganz im Sinne des Leitthemas dieser Publikation: Die Lücke möchte und muss mit anderen Mitteln geschlossen werden.

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, Legobaustelle (Bild: Deutsches Architekturmuseum Frankfurt)

Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, Legobaustelle (Bild: Deutsches Architekturmuseum Frankfurt)

Statt Lego

An vielen Fronten kam im DAM die digitale Problemlösungs-Maschinerie in Gang. Digitale Führungen wurden organisiert, Ausstellungseröffnungen konnten live auf der ganzen Welt verfolgt werden. Was aber geschah mit Formaten, die sich scheinbar nicht digitalisieren lassen, beispielsweise mit der Legobaustelle? Seit 1985 ist sie eines der beliebtesten und bekanntesten Vermittlungsformate des DAM. Jedes Jahr kamen mehrere tausend Kinder und Erwachsene zusammen, um in einfachen Legobausteinen einen gemeinsamen Nenner zu finden, zu gestalten und Gebäude zu erschaffen. Es wurde nach Möglichkeiten des Transfers in den digitalen Raum gesucht und schnell war klar: Dots statt (Lego-)Klotz, wurde zum Motto der Stunde. Das Open-World Spiel Minecraft erschuf neue Möglichkeitsräume, der Lego-Community auch in den (für das Veranstaltungswesen definitiv) schwierigen Zeiten, ein solides Angebot zu machen. Minecraft wird nicht ohne Grund oft als das ‚digitale Lego‘ vorgestellt, denn die beiden Spiele weisen eine große Schnittmenge auf.

Wie bei Lego werden auch im Spiel Minecraft Klötze aufeinander gestapelt, um Konstruktionen oder Gebäude zu erschaffen. Wenngleich angemerkt werden sollte, dass Minecraft durch die Aufhebung der physikalischen Gesetze an dieser Stelle noch mehr gestalterische Freiheit bietet. Beide Formate verfolgen kein festgelegtes Ziel. Das ermöglicht das Festlegen eigener Zielstellungen oder das Spiel um des Spielens willen. Zudem funktionieren beide, Lego und Minecraft, intuitiv und ermöglichen ein rasches Einsteigen und schnelle Erfolgserlebnisse. Der Komplexitätsgrad beider Spielwelten zeigt sich erst nach näherer Beschäftigung mit ihnen. Sie bieten sowohl für Anfänger:innen als auch für Fortgeschrittene angemessene Herausforderungen. Zudem benötigt man für beide Formate nicht zwingend eine einheitliche Sprache, was ein internationales Zusammenspiel möglich macht. Das digitale Minecraft ist hier klar im Vorteil.

Frankfurt_2099 (Bild: DAM Frankfurt)

Frankfurt_2099 (Bild: DAM Frankfurt)

Optisch simpel, anspruchsvoll im Detail

Obwohl Minecraft in seiner optischen Erscheinung schlicht und für viele auch gewöhnungsbedürftig ist, weckt es seit Jahren beständiges Interesse in der Szene. Seit 2009, als es erstmals auf den Markt kam, wurde es über 200 Millionen Mal verkauft. Mit diesen überzeugenden Argumenten im Hinterkopf, entwickelte das DAM nun die inhaltliche Fragestellung: Was passiert, wenn man sich Frankfurt in Fragmenten vorstellt, wenn nur noch einige wenige Gebäude stehen? Wie würde ein städtebauliches Szenario aussehen, wenn Spielende die Möglichkeit bekommen, durch ein Gebäude einen Beitrag zu einer kollektiven Zukunftsvision zu leisten und Lücken zwischen dem Jetzt und dem Morgen mit neuen Ideen zu füllen?

Realität wurden diese Überlegungen, als der DAM-Partner und Minecraft-Experte Josef H. Bogatzki (im YouTube-Universum bekannt als TheJoCraft) in das Projekt eingestiegen ist. Durch ihn konnte die Lücke zwischen Idee und Umsetzung geschlossen werden. Seine zehnjährige Erfahrung als Spieler und die beachtliche Reichweite seines YouTube-Kanals (aktuell 297.000 Follower) waren ohne Zweifel essenziell für den Erfolg des Projekts. Realisierbar wurde es dann durch die großzügige Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes und den Freunden des DAM e. V.

Frankfurt_2099 (Bild: Josef Einrich Bogatzki)

Frankfurt_2099 (Bild: Josef Heinrich Bogatzki)

Eine Gratis-Baulücke für jede:n

Basierend auf den Geodaten der Stadt Frankfurt am Main wurden Teile der Stadt maßstabsgetreu in eine Minecraft-Landkarte (im Folgenden Map genannt) übersetzt. Einige Gebäude wurden nachgebaut, der Rest der Map besteht bislang aus zahlreichen Baulücken, die durch neue Konzepte wiederbelebt werden können. Seit März 2021 steht den Spieler:innen ein Server zur Verfügung, auf dem Grundstücke besetzt werden können. Diese Grundstücke können nur von der Bauherr:in betreten werden (sie können also nicht von anderen zerstört werden). Sehr wohl kann man als Spieler:in aber über die Map „fliegen“ und Ideenreichtum sowie gestalterisches Können anderer bewundern.

Die Spieler:innen haben nun bis in den Oktober 2021 Zeit, ihre Ideen und Vorstellungen einer idealen gebauten Umwelt zu erschaffen. Wie realistisch diese sind, überlässt das DAM den Bauenden, denn ohne das freie Denken wäre es schlecht bestellt um die Entwicklung neuer Lösungsansätze für die Herausforderungen der Gegenwart. Bereits seit Mai 2021 ist es möglich, die eigenen Gebäude in einen Wettbewerb einzureichen. Denn auch die Vielzahl der digitalen Baulücken bietet nicht genug Platz, um die aktuell rund 10.000 bebauten Grundstücke auf dem Bau-Server allesamt in die Frankfurt-Map zu importieren. Die interessantesten, spannendsten, aber gerne auch schrillsten Visionen werden Einzug in die offizielle Frankfurt-Map finden.

Frankfurt_2099 (Bild: DAM Frankfurt)

Frankfurt_2099 (Bild: DAM Frankfurt)

Heterogene Zielgruppe

Dies leitet zu einer Besonderheit des Projekts über. Wie auch bei der Legobaustelle, ist die Zielgruppe von Frankfurt_2099 nicht homogen. Das DAM kann keine repräsentativen Statistiken über unsere Mitspieler:innen erstellen, weil (bewusst!) keine Angaben zur eigenen Person abgefragt werden. Die Ausnahme ist hier die Teilnahme am Wettbewerb. Daher wissen die Veranstalter, dass sich die Spannbreite von achtjährigen Grundschüler:innen über 30-jährige ITler:innen bis hin zu 60-jährigen Architekt:innen erstreckt. Weil dies zu erwarten war, wurden von Beginn an drei Gewinner:innen-Kategorien geschaffen, die sich auf das Alter der Spieler:innen beziehen und unterschiedliche Bewertungskriterien zugrunde legen.

Jedoch, und ganz im Sinne des Spiels selbst, ist der Weg das Ziel. Jede:r kann mitmachen, ganz unabhängig davon, ob er oder sie am Wettbewerb teilnehmen möchte. Der Bau-Server wird ebenso erhalten bleiben, wie die Frankfurt-Map. Somit ist für alle Teilnehmer:innen Platz. Wichtig war, dass die Erfahrung eines gemeinsamen Zusammenarbeitens möglich wird, auch wenn die Corona-Zeit das ‚Gemeinsame‘ massiv erschwert hat. Die Resonanz auf das Projekt hat die Erwartungen übertroffen. Bereits im Mai 2021 war die 10.000er Marke an vergebenen Baugrundstücken geknackt. Es kamen Mails aus den USA und Mexiko, die von einer Teilnahme berichteten, was die Veranstalter in besonderem Maße freut. Es eröffnet auch in der Zukunft unzählige Möglichkeiten, über Landesgrenzen hinweg gemeinsam zu spielen und zu arbeiten. Das DAM ist gespannt, was die kommenden Monate noch bringen werden.

Frankfurt_2099 (Bild: DAM Frankfurt)

Konkurrenzlos

Zweifelsohne war (und ist) die Pandemie über alle Maßen anstrengend und brachte eine Vielzahl an negativen Side-Effects mit sich, die in keiner Weise gemindert werden sollen. Sie hat Krater geschlagen. Es brach vieles weg, ließ Lücken entstehen – sowohl im öffentlichen Leben als auch in persönlichen Begegnungen. Alle standen vor Brachland, welches neu bespielt werden musste. Die Not hat gewissermaßen die Augen geöffnet, denn das Spiel mit all seinen Vorzügen für die baukulturelle Bildung, gibt es schon seit Jahren. Es hat ein Ausbrechen aus der Routine gebraucht, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Es bleibt die Frage, was passieren wird, wenn die Pandemie eingedämmt werden konnte. Werden die digitalen Formate in der musealen Vermittlungsarbeit auch dann in diesem Ausmaß gebraucht – oder war sie doch nur ein Lückenfüller? Für das DAM steht fest: Digitale Vermittlungsformate werden die analogen nicht ersetzen. An dieser Stelle sollte der Gedanke jedoch nicht aufhören. Die Verfasserin möchte diesen Artikel mit einem Zitat des DAM-Partners Josef H. Bogatzki beenden: „Sie müssen es überhaupt nicht, denn digitale und analoge Formate stehen nicht in Konkurrenz. Vielmehr ergänzen und bereichern sie sich gegenseitig. Wichtig ist es, den Reichtum zu erkennen und zu nutzen.“

Titelmotiv: Frankfurt_2099 (Bild: Jakob Poessinger)

ganzes Heft als pdf

Inhalt

LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

Wer von perfekter Ordnung und glatter Oberfläche genug hat, entdeckt sie und wird sie vermutlich nie wieder los. Die Lücke – eine Liebeserklärung von York Pijahn.

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

Uta Winterhager über charmante Lückenbüßer der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

Rebekka Kremershof über virtuelle Baulücken und die Chancen des Digitalen.

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

Daniel Bartetzko über die große Leere in der Frankfurter Altstadt.

PORTRÄT: Lückenbüßer

PORTRÄT: Lückenbüßer

Karin Berkemann über Treppenhäuser und das Nichts, das sie schwungvoll umkreisen.

INTERVIEW: "Manchmal glaubt man nicht an Lücken"

INTERVIEW: „Manchmal glaubt man nicht an Lücken“

Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert über die Kunst des Weglassens.

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

Martin Maleschka suchte mit der Kamera die Zwischenräume der Ostmoderne.

Der Best-of-90s-Beitrag

Landschaftsparks im Ruhrgebiet – von Anette Kolkau