FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

von Daniel Bartetzko (21/3)

Nüchterne Zahlen reichen, um zu verdeutlichen, was Krieg heißt: Am 18. und am 22. März 1944 kamen bei Luftangriffen auf die Frankfurter Altstadt mehr als 1400 Menschen ums Leben. Sie sind im Feuersturm verbrannt oder in den Gewölbekellern erstickt. Alleine am 22. März gingen 500 Luftminen, 3.000 Sprengbomben und etwa eine Million Brandbomben auf das Kerngebiet nieder. Zwei Nächte genügten, um 1000 Jahre Stadtgeschichte zu vernichten. Was wörtlich zu verstehen ist, denn außer einigen Brandmauern blieb von der gotischen Altstadt zwischen dem Kaiserdom und dem Rathaus Römer nicht ein Gebäude übrig. Die Alte Nikolaikirche gegenüber des Römers überstand die Angriffe mittelschwer beschädigt. Unversehrt waren nur das etwas abseits stehende Fachwerkhaus Wertheim und das barocke Haus Freudenberg. Sie säumten den Rettungsweg Richtung Main und durften nicht in Brand geraten. Der Wasserschleier, mit welchem die Feuerwehr den Fluchtkorridor sicherte, schützte auch diese beiden Häuser. Trotzdem: Frankfurt am Main war seines Herzens beraubt. Eine Lücke, die jahrzehntelang Bestand haben sollte.

Frankfurt, die Altstadt aus dem Luftschiff heraus fotografiert, 1911 (Bild: gemeinfrei)

Frankfurt, die Altstadt aus dem Luftschiff heraus fotografiert, 1911 (Bild: gemeinfrei)

Ein wenig pathetisch

Zugegeben, das klingt pathetisch. Städtebaulich trifft es jedoch zu. Frankfurt in seiner heutigen Größe hat sich rund um den Dom-Römer-Bereich entwickelt, und dieser war tatsächlich das Herz der Innenstadt. Erst im 19. Jahrhundert wuchs das Zentrum immer schneller Richtung Norden, die Geschäftsstraßen verlagerten sich. Zurück blieb die Altstadt als pittoresk-angegrautes Arme-Leute-Viertel, das durch Straßendurchbrüche um 1900 erste Abrisswellen zu verkraften hatte. Gleichwohl wurde sie zu jener Zeit schon romantisch verklärt, ebenso wie sich Bürger für Erhalt und Denkmalpflege einsetzten. Der Kunsthistoriker Fried Lübbecke (1883-1965) gründete 1922 den „Bund tätiger Altstadtfreunde“, welcher sich für die Dokumentation des historischen Erbes engagierte und bei der Sanierung einiger Bauten mitwirkte. Die Nationalsozialisten erkannten ebenso die identitätsstiftende Wirkung der Altstadt, und so kam es nach 1933 zu weiteren Umbauten und Sanierungsprogrammen, um die beklemmende Wohnsituation zu verbessern. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Liebhaber:innen der Altstadt eine heterogene Gruppe; die immer aktuelle Frage „Wem gehört die Stadt“ ließ sich an diesem Ort bereits vor seiner Zerstörung stellen.

Als nach 1945 das Dom-Römer-Areal neu gestaltet werden sollte, galt es folglich möglichst viele Interessen, Bedürfnisse und Empfindsamkeiten unter einen Hut zu bringen. Ein eigentlich unmögliches Unterfangen in einer schon damals emotional aufgeladenen Debatte: Wiederaufbau oder Neubau? Auf der einen Seite standen die Altstadtfreunde um Fried Lübbecke, auf der anderen die Frankfurter Stadtplaner Blanck, Boehm und Hebebrand. Sie waren als ehemalige Mitarbeiter von Ernst May dem Neuen Bauen verschrieben und sahen die Tabula Rasa als Chance. Die Fronten waren klar und schnell verhärtet. Zeitweilig herrschte im Altstadtbereich eine Bausperre, so heftig geriet der Interessenkonflikt. 1950/51 kam es schließlich zum Architekturwettbewerb für die Römerberggestaltung und – davon abgekoppelt – für die Gestaltung des Altstadtkerns. Unter anderem beteiligte sich der mittlerweile bei der Stadt ausgeschiedene Werner Hebebrand, dazu auch das Büro Giefer/Mäckler, Johannes Krahn und Walter Schwagenscheidt (der später die moderne Nordweststadt entwarf).

Es gab insgesamt 71 (!) Einreichungen zur Neugestaltung, von denen keine die Stadt vollends überzeugen konnte. Auch der fast zeitgleiche Römerbergwettbewerb erbrachte nicht den „Großen Wurf“. Davon, wie ebenjener aussehen sollte, hatte ohnehin jeder eine eigene Vorstellung. Auf dem ab 1953 enttrümmerten Areal entstanden vis-à-vis des Römers schließlich zwei moderat moderne Satteldach-Gebäude nach Plänen der zweitplatzierten Wettbewerbsteilnehmer Franz Hufnagel und Rudolf Dörr. Zudem blieb das in den Trümmerbergen entdeckte Erdgeschoss des „Schwarzen Stern“, eines Renaissance-Fachwerkhauses von 1610, zunächst (ungenutzt) erhalten. Weiter wurde nicht gebaut, der Rest des Areals wurde asphaltiert und entwickelte sich zum Volksfest- und Parkplatz. Die Freifläche an Stelle der Altstadt sollte vorerst Bestand haben.

Frankfurt am Main, Kirchentag (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild-F003822-0008, CC BY SA 3.0)

Frankfurt am Main, Evangelischer Kirchentag 1956 auf dem Römerberg (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild-F003822-0008, CC BY SA 3.0)

Und wieder ein Wettbewerb

1962/63 kam es zum erneuten Wettbewerb. Jetzt mit klareren Vorgaben: Die geplante U-Bahn sollte Berücksichtigung finden, zudem der Erweiterungsbau des Rathauses untergebracht werden. Den Wiederaufbau-Freunden erteilte der damalige Planungsdezernent Hans Kampffmeyer (SPD) direkt eine Absage: Enges Wohnen und kleine Ladengeschäfte waren nicht gefragt, ebenso wenig die Manifestierung des Kriegsverlusts durch eine Grünfläche. Die eingereichten Entwürfe entsprachen der Ära der groß gedachten, autogerechten Stadt – gipfelnd im Vorschlag, den gesamten Bereich mit einem (!) riesigen Gebäude zu bebauen, das bis zum Main verläuft und sogar die Uferstraße überragt hätte. Wettbewerbssieger wurde die Architektengemeinschaft Bartsch/Thürwächter/Weber vor unter anderem Hans Scharoun und Otto Apel mit Hansgeorg Beckert. Es entstanden von 1971 bis 1974 das Technische Rathaus samt der U-Bahn-Station Dom/Römer, eine Tiefgarage und ein Sockelgeschoss, auf dem die spätere Neubebauung des Altstadtbereichs folgen sollte. Das Haus Freudenberg, der Rest des Schwarzen Sterns und auch die kaum 15 Jahre alten Häuser am Römer hatte man zuvor abgerissen. Doch wieder blieb eine Lücke, diesmal mit Betonsockeln versehen und durch dezentes Grün aufgelockert, denn die weiteren Gebäude wurden aufgrund eines Beschlusses von 1978 nicht realisiert. Die parkenden Autos waren immerhin weg. Die letzten Fundamente der Altstadt auch.

Frankfurt/Main, Saalgasse 16 Detail Erker (Bild: Daniel Bartetzko)

Frankfurt/Main, Saalgasse 16 (Bild: Daniel Bartetzko)

Verpönte Spätmoderne

Wenige Jahre darauf war die Spätmoderne verpönt. Rettung versprach die zitierfreudige, verspielte Postmoderne – und die Rekonstruktion. Der nächste Dom-Römer-Wettbewerb 1980 sollte die städtebauliche Lösung bringen, nun war der historisierende Wiederaufbau der Römerberg-Ostzeile erlaubt und erwünscht. Hinter ihr entstanden zwei PoMo-Gebäuderiegel, dazu die „Schirn“-Kunsthalle, und auch der Schwarze Stern kehrte zurück. BJSS (Bangert, Jansen, Scholz und Schultes) entwarfen die umgesetzte Planung. Auf den Plätzen landeten unter anderem Charles W. Moore, Hermann und Christoph Mäckler, ABB Architekten sowie Gerkan, Marg und Partner. Sie durften neben der Schirn, zur seitlich gelegenen Saalgasse, eine Zeile postmoderner Giebelhäuser bauen, die heute zu den Höhepunkten jener Ära in Deutschland zählen. Das Gesamtprojekt war und blieb umstritten: In der neuen Schirn erkannten viele einen Rammbock vorm Dom. Der farbenfroh und mangels historischer Befunde teils in Fantasiefachwerk gestalteten Ostzeile hafteten Etikettierungen wie „Disneyland“ und „Geschichtsrevisionismus“ an wie Klebstoff. Der Modellbahnhäuschen-Hersteller Faller hat die Häuserreihe passend zu ihrer Fertigstellung 1982 im Maßstab 1:87 ins Programm genommen … Der historisierende Römerberg entwickelte sich erwartungsgemäß zur Touristenattraktion.

Mitte der 2000er schließlich sollte dem brutalistischen Technischen Rathaus der Garaus gemacht werden. Es wurde ob seiner Dimensionen längst als Bausünde empfunden. Wieder traten die Befürworter einer Rekonstruktion auf den Plan. Dieses Mal engagierter denn je, denn der parteiübergreifende Wunsch, an diesem Ort wieder eine kleinteilige, gemischt genutzte Bebauung zu realisieren, hatte sich bereits herauskristallisiert. Die Zeit war reif, der Zeitgeist auch. Denn der Identität stiften sollende Rückgriff aufs Vergangene war von rechtskonservativen Kreisen übernommen. Das war nicht ganz neu: Schon zu Zeiten von Fried Lübbecke waren die Frankfurter Altstadtfreunde nicht dem progressiven Spektrum zuzuordnen, doch von den populistisch-reaktionären Tendenzen mancher ihrer Erben waren sie deutlich entfernt.

Der Architekturtheoretiker Stephan Trüby hat im Arch+-Heft „Rechte Räume“ (2018) die durchaus bemerkenswerte Vorgeschichte zum finalen Frankfurter Lückenschluss aufgezeigt: Der erste Antrag auf eine Rekonstruktion möglichst vieler Altstadthäuser in einem traditionell-kleinteiligen Viertel stammte von den freien „Bürgern für Frankfurt“ (BFF), formuliert 2005 vom neurechten Publizisten Claus Wolfschlag. Zwar wurde er im Stadtparlament abgelehnt, doch in den Folgejahren schwenkte die Politik immer stärker auf die Rekonstruktions-Linie. Der Siegerentwurf des ersten Wettbewerbs 2004/2005 von KSP Engel und Zimmermann wurde ad acta gelegt, stattdessen 2007 im Grunde der Vorschlag der BFF beschlossen: 15 Rekonstruktionen („Schöpferische Nachbauten“) und 20 Neubauten unter traditionsorientierten Gestaltungsvorgaben sind ab 2012 entstanden. Sie sind nur aufgrund ihrer Vorgeschichte nun gewiss nicht „rechts“, ebensowenig wie ihre Architekt:innen. Darunter sind die Frankfurter Büros Jourdan & Müller, Michael Landes sowie D.W. Dreysse, alle seit Jahrzehnten mit dem Dom-Römer-Areal vertraut. Ein Geschmäckle hat im „Rechte-Räume“-Kontext freilich die Beteiligung von Hans Kollhoff, der 2000 ein antisemitisches Zitat von Ezra Pound auf dem von ihm gestalteten Walter-Benjamin-Platz in Berlin installieren ließ.

Frankfurt am Main, der Dom-Römer-Bereich als Bauplatz (Bild: Simsalabim, CC BY SA 4.0, 2015)

Frankfurt am Main, der Dom-Römer-Bereich als Bauplatz (Bild: Simsalabimbam, CC BY SA 4.0, 2015)

Die Neue Altstadt

2018 wurde die „Neue“ Altstadt eingeweiht, die einst brachial hineingeschlagene Lücke am geschichtsträchtigsten Platz Frankfurts ist geschlossen. Und die Mehrheit der in Massen durchströmenden Touristen interessiert die Authentizität weniger. Ob alt oder neu spielt wohl bald keine Rolle mehr, Hauptsache es ist „schön“. Vielleicht wird sogar eher die Frage gestellt, ob das einzig originale Haus Wertheim eigentlich auch eine Rekonstruktion sei. Der wahrhaftigste Ort in dieser Gegend ist nicht erst seit Einweihung der Altstadt das Mosaik am von 1951 bis 1955 modern wieder aufgebauten Salzhaus, dem nördlichen Abschluss der Römerzeile: der Frankfurter Stadtadler, der sich als Phönix aus der Asche über Trümmern und Gräbern erhebt. Der Glaskünstler Wilhelm Geißler hat ihn zu einer Zeit geschaffen, als Wunden bewusst nicht überschminkt wurden. Ob die Neue Altstadt Schminke oder Zeitschicht ist, muss sich noch zeigen.

Frankfurt am Main, Neue Altstadt (Bild: Simsalabimbam, CC BY SA 4.0)

Frankfurt am Main, Neue Altstadt am Hühnermarkt (Bild: Simsalabimbam, CC BY SA 4.0)

Titelmotiv: Frankfurt am Main, Technisches Rathaus, 2007 (Bild: I. Dontworry, GFDL, CC BY SA 3.0, 2007)

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Inhalt

LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

Wer von perfekter Ordnung und glatter Oberfläche genug hat, entdeckt sie und wird sie vermutlich nie wieder los. Die Lücke – eine Liebeserklärung von York Pijahn.

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

Uta Winterhager über charmante Lückenbüßer der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

Rebekka Kremershof über virtuelle Baulücken und die Chancen des Digitalen.

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

Daniel Bartetzko über die große Leere in der Frankfurter Altstadt.

PORTRÄT: Lückenbüßer

PORTRÄT: Lückenbüßer

Karin Berkemann über Treppenhäuser und das Nichts, das sie schwungvoll umkreisen.

INTERVIEW: "Manchmal glaubt man nicht an Lücken"

INTERVIEW: „Manchmal glaubt man nicht an Lücken“

Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert über die Kunst des Weglassens.

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

Martin Maleschka suchte mit der Kamera die Zwischenräume der Ostmoderne.

Der Best-of-90s-Beitrag

Landschaftsparks im Ruhrgebiet – von Anette Kolkau

PORTRÄT: Lückenbüßer

von Karin Berkemann (21/3)

Das Kreischen der Messerattacke in „Psycho“, das Schwärmen der Vögel im gleichnamigen Hitchcock-Streifen, alles geschenkt. Wirklich schlaflose Nächte verspricht die Endlosspirale von „Vertigo“, dieses Nichts zwischen sich windenden Stufen. Hier sieht der Filmheld mit Höhenangst seine mysteriöse große Liebe in den Tod stürzen. Und hier sucht er immer wieder nach ihr, um ihr Rätsel irgendwo zwischen Trauer und Panik zu lösen. Es macht Sinn, dass die Baufachleute eben jene kunstvoll inszenierte Lücke als Treppenauge bezeichnen, denn es blickt einem tatsächlich entgegen, und das nicht immer freundlich. Dabei war das Entstehungsjahr des Vertigo-Films, 1958, die Blütezeit der luftig-eleganten Konstruktionen. Lauert die Schwere genau dort, wo man sich mit ostentativer Leichtigkeit um eine leere Mitte dreht?

Treppenhaus (Bild: PD, via pixabay.com)

Dortmund, IHK (Bild: PD, via pixabay.com)

Fehlstellen

Es gehört zu den Binsenweisheiten der Architekturgeschichte, dass die 1950er Jahre den Bruch mit ihrer braunen Vergangenheit herbeizubauen suchten. Als man in den bürgerlichen Wohnstuben noch das Spitzendeckchen auf dem Fernsehgerät zurechtzupfte, brachten die Treppenhäuser in öffentlichen Gebäuden möglichst viel Luftraum zwischen sich und den Stahlbeton. Je mehr Lücke, desto lieber. Große Glasflächen versprachen nach außen, dass drinnen alles offen und demokratisch zugehe. Dass durch diese filigranen Treppenhäuser dann doch noch reichlich Amtsträger:innen der NS-Zeit liefen, schien man einkalkuliert zu haben. Das kollektive Gedächtnis war löchrig.

Schaut man genauer hin, ist die Lücke zwischen den 1930er und 1950er Jahren, zwischen dem Tausendjährigen und der Stunde Null, nicht gar so groß, wie es viele Zeitgenoss:innen gerne gehabt hätten. Die stete Suche der 1920er, den Innen- und Außenraum durch viel Glas und große Durchblicke zu verschränken, wussten auch einige NS-Größen in ihren Privatvillen zu schätzen. Aber in den repräsentativeren Bauten des Regimes, gerade in der Zeit nach 1938/40, mochte man es doch lieber neoklassizistisch-blockhaft. Da lag es nahe, dass die bundesdeutsche Architektur den Graben zur Vergangenheit und den Aufschwung zu besseren Zeiten mit Flugdach und Co. inszenierte.

Werbefoto NSU Ro 80 ca. 1969 (Bild: Audi NSU Auto Union AG)

Werbefoto des NSU Ro 80 vor der Akademie der Künste in Berlin, ca. 1969 (Bild: Audi NSU Auto Union AG)

Wunde Punkte

Ab den 1960er Jahren umkreiste man nicht mehr schamhaft den wunden Punkt in der eigenen Geschichte, sondern nahm festeren Boden unter die Füße. Die Treppenhäuser gerieten blockhafter und legten ihre Baustoffe deutlich offen. Über rohe (Wasch-)Betonstufen, die Hand am hölzernen Geländerbrett, machte sich eine neue Generation beherzt auf den Weg zu alternativen Arbeits- und Gesellschaftsformen. Wo immer sich eine Lücke auftat, wurde sie betonplastisch ausgefüllt. Nun traten die Treppenhäuser als massiver Akzent in den Außenraum, führten sichtbar empor zu Stadtautobahn, Parkhausetage oder Fußgängerbrücke.

Von Elefantenklo bis Hochstraße, die Stadtplaner:innen nahmen immer stärker auch den Luftraum in Anspruch. Denn mit einem steigenden Verkehrsaufkommen musste jede Reservefläche genutzt werden. Die monumentalen Infrastrukturen jener Jahre konnten von brutaler Schönheit sein. Doch dass man damit vielen Bürger:innen den freien Blick aus ihrem Wohnungsfenster nahm (von Licht und Luft ganz zu schweigen), wurde billigend in Kauf genommen. Sympathisch wird der Größenwahn der späten Moderne in der Rückschau genau dort, wo er versandet. Wo die Betonbrücke ins Nichts führt, wo die U-Bahnstation für den halbfertigen neuen Stadtteil fehlt. Hier verleiht die unfreiwillige Lücke dem Bauen etwas Menschliches.

#treppenhausfreitag (Bild: Screenshot, Instagram)

#treppenhausfreitag (Bild: Instagram, Screenshot)

Zwischenräume

Inzwischen hat sich das Treppenhaus als höchst social-media-tauglich erwiesen. Unter dem Hashtag #treppenhausfreitag, der über 73.000 Beiträge verzeichnen kann, lässt es sich stilvoll ins Wochenende starten. Mit kaum einem anderen Motiv zeigt sich Architektur derart dynamisch und zugleich ornamental-abstrakt. Manche Bilder spielen lustvoll mit dem Horror Vacui, anderen geht es um die spannungsvolle Lücke zwischen Kommen und Gehen. Doch am schönsten sind Treppenhäuser im Analogen. In Mehrparteienwohnhäusern gehört dieser Bereich laut Gesetz allen. Niemand dürfte hier einfach seine Garderobe aufbauen – schon am Motiv einer Fußmatte können sich nachbarschaftliche Konflikte entzünden. Positiv gewendet, eröffnet sich so ein wertvoller Zwischenraum an der Nahtstelle von öffentlich und privat, und das sogar witterungsgeschützt. Man sollte der Treppe nur nicht zu tief ins Auge schauen.

Bilder: Vertigo (Bild: Filmplakat, Saul Bass, 1958, PD, via wikimedia commons)

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LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

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FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

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Daniel Bartetzko über die große Leere in der Frankfurter Altstadt.

PORTRÄT: Lückenbüßer

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Karin Berkemann über Treppenhäuser und das Nichts, das sie schwungvoll umkreisen.

INTERVIEW: "Manchmal glaubt man nicht an Lücken"

INTERVIEW: „Manchmal glaubt man nicht an Lücken“

Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert über die Kunst des Weglassens.

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

Martin Maleschka suchte mit der Kamera die Zwischenräume der Ostmoderne.

Der Best-of-90s-Beitrag

Landschaftsparks im Ruhrgebiet – von Anette Kolkau

INTERVIEW: „Manchmal glaubt man nicht an Lücken“

der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert über die Kunst des Weglassens (21/3)

Es gibt diese Bilder, die einen über Jahre und Wohnungen hinweg begleiten. Die man kauft, wenn das Leben gerade eine Lücke gerissen hat – und die immer wieder ihren neuen Platz und ihren eigenen Sinn finden. Zu diesen Fotografien gehört für mich der Frank-Kunert-Druck „Dem Himmel so nah“. Eine Brücke führt zu einem Haus, von dort geht ein Sprungbrett ins Nirgendwo. Das Motiv ist typisch für den Künstler, der Modelle baut und fotografiert. Immer sind es menschenleere Architekturen, die alltägliche Szenarien zu zeigen scheinen. Doch beim genaueren Hinschauen enthüllen diese Räume eine Ironie, einen Humor mit feinen Widerhaken. moderneREGIONAL sprach mit Frank Kunert über den Mut zur visuellen Lücke.

Frank Kunert: Dem Himmel so nah (Copyright: Frankf Kunert)

Frank Kunert: Dem Himmel so nah (Copyright: Frank Kunert)

moderneREGIONAL: Herr Kunert, Sie sind Modellbauer und Fotograf. Was davon geben Sie auf Ihrer Steuererklärung an?

Frank Kunert: Fotograf, das ist mein erlernter Beruf und mein Medium. Aber da der Modellbau die Grundlage meiner Arbeiten darstellt, ist er für mich mindestens genauso wichtig.

mR: Was waren Sie zuerst?

FK: Als Kind habe ich mich gerne zurückzogen, um zu basteln. Ich hatte keine Modelleisenbahn, aber „Fallerhäuschen“ habe ich gerne gebaut. Das Gefühl ist mir heute noch sehr vertraut: das Abtauchen. So kann ich die Welt filtern, Stück für Stück an mich heranlassen und verarbeiten. Die Fotografie kam in den Jugendjahren dazu. Mit 16 habe ich begonnen, Landschafts- und Architekturaufnahmen zu machen. Nach dem Abitur folgte eine Lehre in einem Studio für Werbe- und Industriefotografie. Damals begegnete ich zum ersten Mal dem kreativen Arbeiten im Studio.

mR: Dann reizt Sie an der Fotografie nicht das Dokumentieren, sondern das Inszenieren?

FK: Ich habe früher immer auch draußen fotografiert. Aber mir war rasch klar, dass ich den Schutz des eigenen Raums brauche. Das Verkleinern kann Illusionen schaffen, die über den Raum hinausweisen, in dem man sich befindet. Diese Kombination, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen und dann zu fotografieren, das hat mich nie wieder losgelassen.

mR: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie davon auch leben können?

FK: Zuerst habe ich als fester oder freier Assistent gearbeitet, später als selbständiger Fotograf. Da waren natürlich auch Sachen dabei, die mich nicht so interessiert haben, etwa manche Aufträge  für Werbeagenturen, wo es galt, bestehende Ideen fotografisch umzusetzen. Aber das war eine gute Schule. Richtig begonnen hat es für mich mit diesen Architekturen Anfang der 2000er Jahre.

Frank Kunert: Streichelzoo (Copyright: Frankf Kunert)

Frank Kunert: Streichelzoo (Copyright: Frank Kunert)

mR: Verbinden Sie damit eine konkrete Fotografie?

FK: Ja, das Bild „Wettergrenze“. Zwei bewaffnete Schneemänner stehen vor einer Mauer, die eine winterliche Szene von einem Strand abteilt. Da hatte ich das Gefühl: Die Knetfiguren kann ich eigentlich weglassen und die Geschichten nur durch die Architektur erzählen. Ein weiteres frühes Motiv in diese Richtung hieß „Streichelzoo“ – eine Rutsche führt direkt in ein Raubtiergehege.

mR: Das Geheimnis Ihrer Bilder liegt im Weglassen …

FK: … und im Verdichten. Wenn ich mit einer Szene beginne, habe ich einen ganzen Fundus von Ideen. Stück für Stück merke ich, was ich davon unterbringen möchte. Und dann kommt es am Ende wirklich zum Weglassen. Bis das da ist, was ich für elementar erachte.

mR: Ihre Architekturen erinnern meist an die 1950er, 1960er, 1970er Jahre. Woran liegt das?

FK: Mit Sicherheit hat das mit meiner Kindheit zu tun – ich bin Jahrgang 1963. Die Häuser von damals gibt es teils nicht mehr. Und wenn doch, dann verfallen sie oder wurden von Witterungsspuren eingeholt. Oder sie werden abgerissen, was mich traurig macht.

mR: Die „Fallerhäuschen“ Ihrer Kindheit waren poppig bunt, Ihre Modellbauten heute sind eher von einer blau-grauen Tristesse geprägt.

FK: Einerseits bekommen meine Bilder und die Häuser darin erst ihre Seele, wenn sie Spuren zeigen. Dann spiegeln sie das Scheitern, die Vergänglichkeit – wie Narben oder Falten einen menschlichen Körper echt und interessant machen. Der andere Grund liegt darin, dass meine Bilder oft das Groteske und Absurde zum Thema haben. Und je unauffälliger das daherkommt, desto größer ist der Kontrast zur Bildaussage.

Frank Kunert: Zimmer mit Aussicht (Copyright: Frankf Kunert)

Frank Kunert: Zimmer mit Aussicht (Copyright: Frank Kunert)

MR: Gibt es für Ihre Raumschöpfungen konkrete architektonische Vorbilder?

FK: Am Anfang habe ich eine Idee. Anschließend bin ich auf der Suche, in welcher Zeit die Situation spielt. Erst dann recherchiere ich anhand von Fotos oder laufe durch die Straßen, fotografiere das ein oder andere Haus. Aber keines davon ist wirklich ein konkretes Vorbild. Manchmal verwende ich einzelne Details wie etwa Fenster, Türen oder Garagentore, die ich fotografiert habe. Es sind immer typische Merkmale aus der jeweiligen Epoche, die ich so verarbeite, als gäbe es das Gebäude wirklich.

mR: Was braucht länger, das Gedankliche oder das Handwerkliche?

FK: Das kommt darauf an, wie komplex die Idee ist. Wenn ich diese entwickle, halte ich sie im Skizzenbuch fest. Irgendwann habe ich dann das Gefühl: Jetzt geht es an die Umsetzung. Das kann Wochen dauern, oder Jahre. Je nachdem, wie relevant mir die Idee erscheint. Beim Bauen können sich noch Details verschieben, weil ich oft umbaue. Wie beim Einrichten einer Wohnung – vieles muss man einfach ausprobieren, begleitet vom Blick durch die Kamera. Damit ändert sich auch meine Sicht auf das Modell. Dann stehe ich auf einmal selbst in diesem Raum oder vor diesem Haus. Die Phase vom ersten „Spatenstich“ des Modellbaus bis zum endgültigen Foto nimmt zwei bis drei Wochen ein, kann aber auch mal zwei Monate dauern.

mR: Hat sich durch Ihre Arbeit im Kleinen auch Ihr Blick auf Architektur im Großen verändert? Richten Sie Ihre eigene Wohnung heute selbst anders ein, räumen gründlicher auf als früher?

FK: Bei mir zu Hause würde ich nicht sagen, dass sich das auswirkt (lacht). In der Arbeit aber hat sich mein Blick auf die Details verändert. Wenn ich etwas baue und dafür genauer auf gewisse Objekte schaue, dann erinnere mich im Nachhinein daran. Wie wenig ich das früher beachtet habe, irgendwelche Rohre oder Dachrinnen oder Geländer … Jetzt vermesse ich sie auch mal, wenn ich daran vorbeigehe.

Frank Kunert: Mit Balkon (Copyright: Frankf Kunert)

Frank Kunert: Mit Balkon (Copyright: Frank Kunert)

mR: Sie müssten doch oft vor Gebäuden stehen und denken: „Wenn ich das erfunden hätte, hätte es mir keiner geglaubt.“

FK: Es gibt schon absurde Dinge, die ich sehe. Manchmal schickt man mir Fotos von Gebäuden, die meinen Modellen sehr ähneln. Meine Motive verdichten die Wirklichkeit, sie sind überschaubarer und von größerer Ruhe.

mR: Selbst Architekt zu werden, hätte Sie nicht gereizt?

FK: Nein, ich glaube, das große Ganze würde mich überfordern. Man kann im Kleinen ganz andere Dinge tun und mit dem Authentizitätsglauben der Fotografie spielen.

mR: Jedes Ihrer Bilder hat mehr als eine Bedeutung?

FK: Eine meiner ersten Arbeiten, „Mit Balkon“, kommt recht unauffällig daher. Und genau diese Fotografie wird bis heute besonders breit interpretiert. Sie kann Pfusch am Bau darstellen. Oder sie kann den Blick dafür schärfen, dass Dinge nicht zusammenkommen, die eigentlich zusammengehören. Und trotzdem geht das Leben weiter – das kann man auf vieles in unserer komischen Welt übertragen.

mR: Findet sich dieser leise Optimismus auch in Ihren aktuellen Arbeiten?

FK: Mein Bild „Beletage“ zeigt ein altes Haus. Aus der ersten Etage führt ein Sprungbrett, auf der Straße davor öffnet sich ein Schwimmbecken – in einer Parklücke. Dieses Motiv kann man aktuell als Blick darauf verstehen, dass wir in der Corona-Zeit etwas suchen müssen, das uns gut tut. Wir müssen das Beste aus der Situation machen. Solche Lücken gibt es immer wieder. Manchmal glaubt man nicht an Lücken. Aber, wenn man dazu gezwungen wird, dann entdeckt man sie doch …

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Galerie: Copyright: Frank Kunert, Titelmotiv: Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert bei der Arbeit (Copyright: Frank Kunert)

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LEITARTIKEL: Mut zur Lücke

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Wer von perfekter Ordnung und glatter Oberfläche genug hat, entdeckt sie und wird sie vermutlich nie wieder los. Die Lücke – eine Liebeserklärung von York Pijahn.

FACHBEITRAG: 50 Jahre Bauen in Baulücken in Köln

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Uta Winterhager über charmante Lückenbüßer der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Mit Minecraft durch den Lockdown

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Rebekka Kremershof über virtuelle Baulücken und die Chancen des Digitalen.

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

FACHBEITRAG: Schminke oder Zeitschicht?

Daniel Bartetzko über die große Leere in der Frankfurter Altstadt.

PORTRÄT: Lückenbüßer

PORTRÄT: Lückenbüßer

Karin Berkemann über Treppenhäuser und das Nichts, das sie schwungvoll umkreisen.

INTERVIEW: "Manchmal glaubt man nicht an Lücken"

INTERVIEW: „Manchmal glaubt man nicht an Lücken“

Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert über die Kunst des Weglassens.

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

FOTOSTRECKE: Maleschka ist dann mal weg

Martin Maleschka suchte mit der Kamera die Zwischenräume der Ostmoderne.

Der Best-of-90s-Beitrag

Landschaftsparks im Ruhrgebiet – von Anette Kolkau