Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert bei der Arbeit (Bild: Frank Kunert)

INTERVIEW: “Manchmal glaubt man nicht an Lücken”

der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert über die Kunst des Weglassens (21/3)

Es gibt diese Bilder, die einen über Jahre und Wohnungen hinweg begleiten. Die man kauft, wenn das Leben gerade eine Lücke gerissen hat – und die immer wieder ihren neuen Platz und ihren eigenen Sinn finden. Zu diesen Fotografien gehört für mich der Frank-Kunert-Druck “Dem Himmel so nah”. Eine Brücke führt zu einem Haus, von dort geht ein Sprungbrett ins Nirgendwo. Das Motiv ist typisch für den Künstler, der Modelle baut und fotografiert. Immer sind es menschenleere Architekturen, die alltägliche Szenarien zu zeigen scheinen. Doch beim genaueren Hinschauen enthüllen diese Räume eine Ironie, einen Humor mit feinen Widerhaken. moderneREGIONAL sprach mit Frank Kunert über den Mut zur visuellen Lücke.

Frank Kunert: Dem Himmel so nah (Copyright: Frankf Kunert)

Frank Kunert: Dem Himmel so nah (Copyright: Frank Kunert)

moderneREGIONAL: Herr Kunert, Sie sind Modellbauer und Fotograf. Was davon geben Sie auf Ihrer Steuererklärung an?

Frank Kunert: Fotograf, das ist mein erlernter Beruf und mein Medium. Aber da der Modellbau die Grundlage meiner Arbeiten darstellt, ist er für mich mindestens genauso wichtig.

mR: Was waren Sie zuerst?

FK: Als Kind habe ich mich gerne zurückzogen, um zu basteln. Ich hatte keine Modelleisenbahn, aber “Fallerhäuschen” habe ich gerne gebaut. Das Gefühl ist mir heute noch sehr vertraut: das Abtauchen. So kann ich die Welt filtern, Stück für Stück an mich heranlassen und verarbeiten. Die Fotografie kam in den Jugendjahren dazu. Mit 16 habe ich begonnen, Landschafts- und Architekturaufnahmen zu machen. Nach dem Abitur folgte eine Lehre in einem Studio für Werbe- und Industriefotografie. Damals begegnete ich zum ersten Mal dem kreativen Arbeiten im Studio.

mR: Dann reizt Sie an der Fotografie nicht das Dokumentieren, sondern das Inszenieren?

FK: Ich habe früher immer auch draußen fotografiert. Aber mir war rasch klar, dass ich den Schutz des eigenen Raums brauche. Das Verkleinern kann Illusionen schaffen, die über den Raum hinausweisen, in dem man sich befindet. Diese Kombination, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen und dann zu fotografieren, das hat mich nie wieder losgelassen.

mR: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie davon auch leben können?

FK: Zuerst habe ich als fester oder freier Assistent gearbeitet, später als selbständiger Fotograf. Da waren natürlich auch Sachen dabei, die mich nicht so interessiert haben, etwa manche Aufträge  für Werbeagenturen, wo es galt, bestehende Ideen fotografisch umzusetzen. Aber das war eine gute Schule. Richtig begonnen hat es für mich mit diesen Architekturen Anfang der 2000er Jahre.

Frank Kunert: Streichelzoo (Copyright: Frankf Kunert)

Frank Kunert: Streichelzoo (Copyright: Frank Kunert)

mR: Verbinden Sie damit eine konkrete Fotografie?

FK: Ja, das Bild „Wettergrenze“. Zwei bewaffnete Schneemänner stehen vor einer Mauer, die eine winterliche Szene von einem Strand abteilt. Da hatte ich das Gefühl: Die Knetfiguren kann ich eigentlich weglassen und die Geschichten nur durch die Architektur erzählen. Ein weiteres frühes Motiv in diese Richtung hieß „Streichelzoo“ – eine Rutsche führt direkt in ein Raubtiergehege.

mR: Das Geheimnis Ihrer Bilder liegt im Weglassen …

FK: … und im Verdichten. Wenn ich mit einer Szene beginne, habe ich einen ganzen Fundus von Ideen. Stück für Stück merke ich, was ich davon unterbringen möchte. Und dann kommt es am Ende wirklich zum Weglassen. Bis das da ist, was ich für elementar erachte.

mR: Ihre Architekturen erinnern meist an die 1950er, 1960er, 1970er Jahre. Woran liegt das?

FK: Mit Sicherheit hat das mit meiner Kindheit zu tun – ich bin Jahrgang 1963. Die Häuser von damals gibt es teils nicht mehr. Und wenn doch, dann verfallen sie oder wurden von Witterungsspuren eingeholt. Oder sie werden abgerissen, was mich traurig macht.

mR: Die “Fallerhäuschen” Ihrer Kindheit waren poppig bunt, Ihre Modellbauten heute sind eher von einer blau-grauen Tristesse geprägt.

FK: Einerseits bekommen meine Bilder und die Häuser darin erst ihre Seele, wenn sie Spuren zeigen. Dann spiegeln sie das Scheitern, die Vergänglichkeit – wie Narben oder Falten einen menschlichen Körper echt und interessant machen. Der andere Grund liegt darin, dass meine Bilder oft das Groteske und Absurde zum Thema haben. Und je unauffälliger das daherkommt, desto größer ist der Kontrast zur Bildaussage.

Frank Kunert: Zimmer mit Aussicht (Copyright: Frankf Kunert)

Frank Kunert: Zimmer mit Aussicht (Copyright: Frank Kunert)

MR: Gibt es für Ihre Raumschöpfungen konkrete architektonische Vorbilder?

FK: Am Anfang habe ich eine Idee. Anschließend bin ich auf der Suche, in welcher Zeit die Situation spielt. Erst dann recherchiere ich anhand von Fotos oder laufe durch die Straßen, fotografiere das ein oder andere Haus. Aber keines davon ist wirklich ein konkretes Vorbild. Manchmal verwende ich einzelne Details wie etwa Fenster, Türen oder Garagentore, die ich fotografiert habe. Es sind immer typische Merkmale aus der jeweiligen Epoche, die ich so verarbeite, als gäbe es das Gebäude wirklich.

mR: Was braucht länger, das Gedankliche oder das Handwerkliche?

FK: Das kommt darauf an, wie komplex die Idee ist. Wenn ich diese entwickle, halte ich sie im Skizzenbuch fest. Irgendwann habe ich dann das Gefühl: Jetzt geht es an die Umsetzung. Das kann Wochen dauern, oder Jahre. Je nachdem, wie relevant mir die Idee erscheint. Beim Bauen können sich noch Details verschieben, weil ich oft umbaue. Wie beim Einrichten einer Wohnung – vieles muss man einfach ausprobieren, begleitet vom Blick durch die Kamera. Damit ändert sich auch meine Sicht auf das Modell. Dann stehe ich auf einmal selbst in diesem Raum oder vor diesem Haus. Die Phase vom ersten „Spatenstich“ des Modellbaus bis zum endgültigen Foto nimmt zwei bis drei Wochen ein, kann aber auch mal zwei Monate dauern.

mR: Hat sich durch Ihre Arbeit im Kleinen auch Ihr Blick auf Architektur im Großen verändert? Richten Sie Ihre eigene Wohnung heute selbst anders ein, räumen gründlicher auf als früher?

FK: Bei mir zu Hause würde ich nicht sagen, dass sich das auswirkt (lacht). In der Arbeit aber hat sich mein Blick auf die Details verändert. Wenn ich etwas baue und dafür genauer auf gewisse Objekte schaue, dann erinnere mich im Nachhinein daran. Wie wenig ich das früher beachtet habe, irgendwelche Rohre oder Dachrinnen oder Geländer … Jetzt vermesse ich sie auch mal, wenn ich daran vorbeigehe.

Frank Kunert: Mit Balkon (Copyright: Frankf Kunert)

Frank Kunert: Mit Balkon (Copyright: Frank Kunert)

mR: Sie müssten doch oft vor Gebäuden stehen und denken: “Wenn ich das erfunden hätte, hätte es mir keiner geglaubt.”

FK: Es gibt schon absurde Dinge, die ich sehe. Manchmal schickt man mir Fotos von Gebäuden, die meinen Modellen sehr ähneln. Meine Motive verdichten die Wirklichkeit, sie sind überschaubarer und von größerer Ruhe.

mR: Selbst Architekt zu werden, hätte Sie nicht gereizt?

FK: Nein, ich glaube, das große Ganze würde mich überfordern. Man kann im Kleinen ganz andere Dinge tun und mit dem Authentizitätsglauben der Fotografie spielen.

mR: Jedes Ihrer Bilder hat mehr als eine Bedeutung?

FK: Eine meiner ersten Arbeiten, „Mit Balkon“, kommt recht unauffällig daher. Und genau diese Fotografie wird bis heute besonders breit interpretiert. Sie kann Pfusch am Bau darstellen. Oder sie kann den Blick dafür schärfen, dass Dinge nicht zusammenkommen, die eigentlich zusammengehören. Und trotzdem geht das Leben weiter – das kann man auf vieles in unserer komischen Welt übertragen.

mR: Findet sich dieser leise Optimismus auch in Ihren aktuellen Arbeiten?

FK: Mein Bild „Beletage“ zeigt ein altes Haus. Aus der ersten Etage führt ein Sprungbrett, auf der Straße davor öffnet sich ein Schwimmbecken – in einer Parklücke. Dieses Motiv kann man aktuell als Blick darauf verstehen, dass wir in der Corona-Zeit etwas suchen müssen, das uns gut tut. Wir müssen das Beste aus der Situation machen. Solche Lücken gibt es immer wieder. Manchmal glaubt man nicht an Lücken. Aber, wenn man dazu gezwungen wird, dann entdeckt man sie doch …

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Galerie: Copyright: Frank Kunert, Titelmotiv: Der Modellbauer und Fotograf Frank Kunert bei der Arbeit (Copyright: Frank Kunert)

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