LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

von Pablo von Frankenberg (21/2)

Straßenkappen, Bedürfnisanstalten, Lichtzeichenanlagen, Absperrpfosten, Fahrradanlehnbügel, Peitschenleuchten, Baumschutzgitter, Hundekotbeutelspender, Schachtdeckel, Handschwengelpumpen, Überflurhydranten, Normalladepunkte – die Liste von Bezeichnungen für Stadtmöbel ließe sich beliebig verlängern, zu dadaistischer Lyrik zusammenfügen oder als Ausgangspunkt einer tiefenpsychologischen Gesellschaftsanalyse nehmen. Die Stadt ist voller Objekte, deren Gestaltung so erratisch erscheint wie ihre Namen. Nun ist die gesamte Bauwirtschaft durchzogen von Begriffen, die auf einen Zirkel von Eingeweihten aus Stadtplanungsbehörden, Bauministerien, Hoch- und Tiefbaufirmen, Architektur- und Ingenieurbüros zurückgehen, fein abgeschmeckt mit dem komplexen Regelwerk baurechtlicher Bestimmungen. Die Schuttrutsche mit Einfüllstutzen auf einer Baustelle oder die Dampfsperrschürze beim Fensterbau sind allerdings in der Regel nichts, womit man als Privatperson regelmäßig in Kontakt kommt. Beim Stadtmobiliar ist das anders. Als Stadtmensch, und dazu gehören in Deutschland momentan drei Viertel der Bevölkerung, ist man tagtäglich mit ihnen konfrontiert, ohne sie allerdings groß zu beachten. Dabei kann man an ihnen nicht nur die Geschichte von Design und seiner Nutzung(-saneignung) ablesen, sondern auch kommunalpolitische und wirtschaftliche Zusammenhänge begreifen.

Amsterdam, Poller werden an Ketten gelegt, 1952 (Bild: Joop van Bilsen, CC0)

Im Weg: Im Hafen von Amsterdam sah man sich 1952 gezwungen, die Poller an die Kette zu legen (Bild: Joop van Bilsen, CC0, 1952)

Pollerforschung

Stadtmobiliar, der Oberbegriff für all diese Objekte, hätte in seiner Paradoxie nicht treffender gewählt werden können. Als ob man es sich auf einem elektromechanischen Versenkpoller in der Stadt mal so richtig schön gemütlich machen könnte. Dass der Poller dabei tatsächlich für weitaus mehr steht als eine bloße Durchfahrtsperre, beweist Helmut Höge mit seiner „Pollerforschung“. Höge, altgedienter Aushilfshausmeister der taz, betreibt seit 1989 dieses Subgenre der Stadtforschung und zeichnet in seinem gleichnamigen und 2018 neu aufgelegten Buch die psychogeografische Bedeutung und individuelle Aneignung des urbanen Pollers nach. Der Architekturtheoretiker Vittorio Lampugnani schließt sich ein Jahr später mit seinem Buch „Bedeutsame Belanglosigkeiten“ Höges Blick fürs Spezielle an und wendet sich ausgewählten Stadtmöbeln als historischen Quellen zu. Dass sie als solche taugen, lässt ihr irreführender Name nicht gleich erraten, denn die meisten sind keineswegs „mobilis“, also beweglich, sondern dauerhaft. Selten berücksichtigen ihre Gestaltung und ihre Platzierung den sie umgebenden urbanen Raum. Die mit hellgrauen Granitfliesen verkleidete „City-Toilette“ jedenfalls, die auf einem von Backsteingotik und neobarocken Häusern umgebenen Berliner Platz wie versehentlich abgeworfen steht, eröffnet völlig neue Dimensionen des Koolhaas’schen „fuck context“. 

Stadtmobiliar wird hinsichtlich seiner Dauerhaftigkeit und Unbeweglichkeit vielleicht treffender auch Kleinarchitektur genannt, die kleine Schwester der „richtigen“ Architektur also, wobei letztere jegliche Verwandtschaft am liebsten von vornherein abstreiten möchte. Familie sucht man sich nicht aus, und so könnte sie die Verhaltensauffälligkeiten ihrer kleinen Schwester integrieren, könnte man meinen. Dies zumindest tat Gabriel Davioud für das Haussmann’sche Paris und schuf eine bis heute sichtbare Identität zwischen Stadtumgebung und Stadtmöbeln. Platzsparende Funktionsintegration war für die Kombination von öffentlichen Urinalen oder Parkbänken mit Stadtbeleuchtung und Werbetafeln leitgebend. Die Gewinne der Werbeeinnahmen flossen zurück in die öffentliche Hand. Dieses Modell der Kommunalisierung von Gestaltung (Davioud war u. a. Generalinspekteur der Stadt Paris) und ihrer Finanzierung sucht man heute meist vergeblich.

Kawakawa, öffentliche Toilette nach einem Entwurf von Friedensreich Hundertwasser (Bild: W. Bulach, CC BY SA 4.0, 2009)

Dekorfreudig: öffentliche Toilette im neuseeländischen Kawakawa nach dem Entwurf von Friedensreich Hundertwasser (Bild: W. Bulach, CC BY SA 4.0, 2009)

Ein Meisterstück

Ein eigener Wirtschaftszweig lebt mittlerweile von diesen randständigen Dingen. Dass damit Austauschbarkeit statt Kontextualisierung einhergeht, hört man schon an den Werbeslogans der Stadtmöbelhersteller. Der „A13K – der Alleskönner unter den Abfallbehältern“ hält bestimmt, was er verspricht. Und wer könnte schon der Mischung aus Stabreim und Schutzbedürfnis widerstehen: „Lehna Lehnhilfen sind die sympathische Alternative zur starken Schulter.“ Wenn sich nun aber die Wachowski’sche Matrix beim öffentlichen Stuhlgang einschaltet, dann weiß man, dass das Leben so viel mehr für einen bereithält: „City-Toilette Neo. Die Toilette der Zukunft. Ein Meisterstück, das es in sich hat.“ Was genau dieses Klo in sich hat, will man nicht unbedingt wissen und entscheidet sich dann doch eher für die „City-Toilette Challenge: Design trifft Bedürfnis.“ Denn solange das Design nicht vom Bedürfnis getroffen wird, kann es zumindest nicht schlimm riechen. In jedem Fall will man nach kurzer Lektüre des Angebots auf dem Markt der Stadtmöbel Werbetexter werden. Wo sonst kann man sich stilistisch so austoben?

Stadtmöbel reizen aber auch zu ausgefeimten Geschäftsmodellen. Die Außenwerbefirma Wall hat es seit 1992 geschafft, über ein Vierteljahrhundert lang für die Bereitstellung und Pflege von Außentoiletten in Berlin einen hochlukrativen Vertrag mit dem Berliner Senat auszuhandeln. Man verlangte von der Stadt für Gestaltung, Aufstellung und Reinigung der „Challenges“ und „Neos“ im Gegenzug nichts. Nur, nun ja, die Werbeeinnahmen von jeweils elf beleuchteten Plakaten rund um jede dieser Bedürfnisanstalten. Wie viel Gewinn dieser Deal in die Kassen einer der weltgrößten Außenwerbefirmen (Wall gehört mittlerweile zu JCDecaux) spülte, bleibt geheim. Die Geheimhaltung allein dürfte beweisen, dass man weiterhin mit Scheiße Geld verdienen kann.

Stadtmöbel können aber auch auf andere Weise Gewinn abwerfen. Geschickt platzierte Hydranten verhindern die einzigen Park- und damit Zugangsmöglichkeiten für den an sich öffentlichen Strand in Duxbury, Massachusetts. Duxburys Küste ist mit privaten Villen zugebaut. Die Besitzer:innen dieser Immobilien sorgen durch die vorsätzliche Einschränkung öffentlicher Park- und das Fehlen nichtmotorisierter Zugangsmöglichkeiten dafür, dass der öffentliche Strand quasi privatisiert und der Wert der Immobilien damit erhöht wird. Die Gestaltung wiederum anderer Stadtmöbel versucht von vornherein, unerwünschte Nutzungen auszuschließen. So sind mittlerweile viele Bänke in Parks oder Bushaltestellen mit mehrfachen Armlehnen ausgestattet, sodass ein kurzes Nickerchen oder gar eine vom feuchtkalten Boden geschützte Übernachtung unmöglich werden. Manche Stadtmöblierung hat als einzige Funktion, Obdachlose zu vertreiben. Wie Taubenspikes zur Vogelabwehr gibt es hier ein breites, von findigen Ingenieuren geplantes Angebot: geriffelte Betonoberflächen, metallene Bodenstacheln, Wasserdüsen, die in unregelmäßigen Abständen den Boden befeuchten u. v. m. Hier stößt man auf eine Unterkategorie des Stadtmobiliars: die sog. defensive Architektur.

Freilichtmuseum Kiekeberg, Königsberger Straße (Bild: Freilichtmuseum Kiekeberg)

Museumswürdig: Das Freilichtmuseum Kiekeberg sucht für seine Königsberger Straße – hier die Projektleiterin Zofia Durda – Elemente der nachkriegsmodernen Stadtmöblierung (Bild: Freilichtmuseum Kiekeberg)

Ein Stadtmöbelmuseum

Dem steht ein ganzes Arsenal der Inklusion gegenüber. Guerilla knitting umhäkelt Poller und nimmt ihnen das Defensive, guerilla gardening eignet sich ungepflegte Grünflächen an, Initiativen wie Stadtlücken e. V. bauen Kletterwände, Spielplätze und öffentliche Versammlungsorte in ungenutzten Restflächen unter Brücken, das Flussbad Berlin will die bislang unzugängliche, fest in der Hand privater Reedereien befindliche und den Unwägbarkeiten unzulänglicher Kläranlagen ausgesetzte Spree zum öffentlichen Schwimmbad umwandeln. Das Arsenal der Inklusion reicht weit. Manche Stadtmöbel werden ungewollt zu Staffeleien von Street Artists, andere zu grind rails für Skater oder zum neuen Trainingsgelände für Traceurs. Wo aber bleibt das Museum für Stadtmöbel, um sich endlich in Ruhe mit den sozioökonomischen Zusammenhängen, den ethnologischen Besonderheiten und den ästhetikgeschichtlichen Entwicklungen dieses Randgebiets der Urbanismusforschung auseinandersetzen zu können – losgelöst vom Kontext der Stadt, übertragen in den analysierenden Raum des Museums? Das Stadtmöbelmuseum kann auch manch aussterbende Spezies retten: Telefonzellen, die durch Smartphones abgelöst, Parkuhren, die von digitalisierten Parkraumbewirtschaftungszonen überflüssig gemacht, Zigarettenautomaten, die in vielen Ländern verboten wurden.

Randnotizen

„Fuck context“, würde Rem Koolhaas bei dieser Bedürfnisanstalt wohl sagen (Bild: Pablo von Frankenberg)

„Fuck context“, würde Rem Koolhaas bei dieser Bedürfnisanstalt wohl sagen (Bild: Pablo von Frankenberg)

„Wenn Du Dir Zeit lässt, hast Du vom Leben mehr/Bei zu viel Vollgas, da ist der Tank bald leer.“ – Aneignung eines Polyurethan-Pollers im Stuttgarter Stadtraum durch selbstgemachte Widmungsplakette mit Heinz-Erhardt-Zitat (Bild: Pablo von Frankenberg)

Wenn Du Dir Zeit lässt, hast Du vom Leben mehr/Bei zu viel Vollgas, da ist der Tank bald leer“ – die Geschichte hinter diesem Polyurethan-Poller war leider zu lang, als dass sie es bis ganz hoch in den Artikel geschafft hätte (aber zu schön, um sie hier ganz zu verschweigen): Es geht um Stuttgarter SUVs, die auf Bürgersteige hochrampen, und hartnäckige Bürger, die auch schon mal direkt beim OB anrufen, um ihren täglichen Weg zu Fuß sicherer zu machen. Und Menschen, die all das durch Etikettierung mit einer selbstgemachten Widmungsplakette mit Heinz-Erhardt-Zitat zum Kunst-Happening erklären (Bilder: Pablo von Frankenberg)

Zum Weiterlesen

Armbrost, Tobias u. a. (Hg.), The arsenal of exclusion & inclusion, New York/Barcelona 2017.

Hahn, Hazel, Scenes of Parisian Modernity: Culture and Consumption in the Nineteenth Century, New York 2009.

Höge, Helmut, Pollerforschung, Hamburg 2018.

Magnago Lampugnani, Vittorio, Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum, Berlin 2019.

Titelmotiv: Wortwörtliche Stadtmöblierung: diskursive Aneignungstaktiken unter der Brücke (Bild: © Stadtlücken e. V. – Österreichischer Platz, Stuttgart)

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Frühjahr 22: Kübel, Poller, Leuchte

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

Pablo von Frankenberg über die dadaistisch-lyrische Seite der Stadtmöblierung.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

Nikolaus Bernau über eine verschwindende Leuchtenlandschaft.

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

Christiane Wachsmann über Ulmer Designschätze der Stadtmöblierung von Walter Zeischegg.

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

Daniel Bartetzko über die Kunst des Wegwerfens.

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

Matthias Ludwig über die Vielfalt der modernen Lichtspender.

INTERVIEW: "Vor unserer Haustür"

INTERVIEW: „Vor unserer Haustür“

Julia Novak und Thomas Beutelschmidt – beide haben die „Baudenkmalstiftung Nachkriegsmoderne“ (DSD) initiiert – im Gespräch über eine besondere Wasserpumpe.

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

Turit Fröbe und Daniel Bartetzko auf Fotosafari in Absurdistan.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

von Nikolaus Bernau (21/2)

Noch gibt es in Berlin mehr als die Hälfte aller mit Gas betriebenen Lampen weltweit, noch ist in Friedenau das größte zusammenhängende Gas-Straßenleuchtensystem zu erleben. Doch seit 2014 wurden von den damals noch existierenden etwa 37.000 Leuchten Tausende zugunsten energetisch im Betrieb zweifellos effizienterer, in der Lichtwirkung aber nur angeblich genauso lichtfarbiger LED-Leuchten abgerissen. Schon 2018 gab es noch kaum 31.000 Leuchten. Fast selbstverständlich verweigerte die zuständige Senatsbauverwaltung unter Regula Lüscher schon damals jede Energiebilanzberechnung, um zu ermitteln, was an Grauer Energie in den oft mehr als 100-jährigen Gusseisenleuchten komprimiert ist, welche Energie für ihren Abriss und ihre Verschrottung, welche für die Produktion, die Aufstellung und den Betrieb der neuen Leuchten nötig ist. Inzwischen wurden ganze Stadtviertel ihrer historischen Lampen beraubt.

Berlin-Charlottenburg, Gaslaterne (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

Berlin-Charlottenburg, Gaslaterne (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

Mahnende Worte

Immerhin, mahnende Worte des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der energische Protest etwa der Denkmalbehörden, des Landesdenkmalrats, von Fachhistoriker:innen und Stadtbildenthusiast:innen, Europa Nostra und Denkmal-an-Berlin, sogar von Umweltverbänden – Gaslicht ist insektenfreundlich! Und kaum überschaubar viele Medienberichte, zu denen auch der Autor dieser Zeilen einige beifügte, vor allem aber von unermüdlichen Vereinen wie Pro-Gaslicht e. V. oder Gaslicht-Kultur führten dazu, dass das Landesdenkmalamt wenigstens einige zusammenhängende Bereiche als Gaslicht-Flächendenkmale ausweisen durfte. Doch Denkmalschutz ist, wie die Demontage von geschützten kaiserzeitlichen Leuchten am Reiherplatz in Mannheim zeigte, oft nur bedingt wirksam.

Auch im Straßenbeleuchtungskonzept Berlins spielt das einst dominante Gaslicht kaum mehr eine Nebenrolle, ist reserviert auf einige historische Dorfkerne und Wohngebiete aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Vor allem die gesamte, auch stadtästhetisch relevante Reformgeschichte des Gaslichts ist damit unter akuter Bedrohung: Im eingeschlossenen West-Berlin galt das aus gut lagerbarer Kohle produzierte Stadtgas lange als Reserveenergie, mit der einer neuerlichen Blockade durch die Rote Armee oder gar die DDR vorgebeugt wurde. Hier ließ die GASAG immer neue Lampentypen entwickeln, etwa schlanke Peitschenmasten, die im Zug des Umbaus zur autogerechten Stadt eingesetzt wurden. Vor allem aber blieben die modernistischen Typen aus der Zwischenkriegszeit in Gebrauch, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu Zehntausenden saniert und weiter verwandt wurden.

Berlin-Mitte, Brunnenviertel, Gaslaterne (Bild: micharl_foto, CC BY NC SA 2.0, 2015, via flickr.com)

Berlin-Mitte, Brunnenviertel, Gaslaterne (Bild: micharl_foto, CC BY NC SA 2.0, 2015, via flickr.com)

Die Zukunft ist ungewiss

Mit nur wenig Übertreibung muss konstatiert werden: Wenn die Leuchte nicht in Gestalt der „Schinkel“-Lampen – die nur nach dem Architekten benannt sind, mit diesem aber historisch nichts zu tun haben – oder reichgeschmückte kaiserzeitliche Kandelaber erhalten blieben, ist ihre Zukunft überaus ungewiss. Noch ungewisser ist das Schicksal von Gasproduktionsgebäuden, wenn sie nicht von solch monumentaler Gestalt sind wie die gemauerten Speicher in Wien, die schon vor zwei Jahrzehnten zu Wohn- und Gewerbezwecken umgebaut wurden, oder der im Zweiten Weltkrieg als Bunker umgenutzte Speicher an der Berliner Fichtestraße von 1874, auf dem unter der skelettierten Schwedlerkuppel Luxuswohnungen gebaut wurden.

Manchmal können, wie in Athen oder Helsinki oder – ein besonders hinreißendes Beispiel – in Bernau bei Berlin alte Gaswerke als Kulturzentren weiter existieren, das Augsburger Staatstheater fand in einem solchen sogar einen adäquaten Aufführungsort. Doch den Normalfall stellt das Gaswerk in Berlin-Charlottenburg darf, das noch vor kaum zwei Jahrzehnten fast alle historischen Stufen der Gasproduktion und -speicherung dokumentierte, inzwischen aber bis auf einen Turm fast vollständig abgebrochen wurde – so wie vorher schon alle anderen Berliner Gaswerke. Selbst das Gaslampenmuseum im Tiergarten musste des häufigen Vandalismus wegen ins Deutsche Technik-Museum verlegt werden, nur noch einige Lampen etwa an dem Interbaupavillion, der heute als Burger King genutzt wird, stehen. Dabei ist die Bedeutung der Gasproduktion, -verteilung und -nutzung für die Geschichte der Moderne längst anerkannt. Europas Städte waren nicht nur bis zum Zweiten Weltkrieg und oft noch lange darüber hinaus wesentlich von einem aus heutiger Sicht sehr speziellen, weißstrahlenden und in allen Farben der Sonne schillernden Licht geprägt: Dem der mit Stadtgas betriebenen Laternen und Lampen.

Berlin-Scöhneberg, Gasometer (Bild: Robo030, CC BY SA 3.0, 2010)

Berlin-Schöneberg, Gasometer (Bild: Robo030, CC BY SA 3.0, 2010)

Der Nacht entgegen

Es prägte im 19. Jahrhundert erstmals in der menschlichen Urbanitätsgeschichte die Vorstellung, dass Städte der Nacht widerstehen können, schuf ein ganz neues Gefühl von Zeit und Raum entstand. Doch unter dem Druck der energetisch effizienteren und moderner geltenden Elektrizität begann sein Rückzug schon in den 1920ern und verstärkte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Leitungssysteme wurden erst zusammengelegt, dezentrale Kraftwerke abgebrochen. Akut bedroht ist nun auch einer der letzten Gasspeicher Berlins, der noch weitgehend in der Betriebsgestalt erhalten ist: Der Schöneberger Gasometer, eine Teleskopbehälter, dessen Segmente sich je nach gespeicherter Gasmenge anhoben. Eine gewaltige Gerüstkonstruktion, errichtet 1908 bis 1910 durch die Berlin-Anhaltische Maschinenbau AG 1908 und 1910 errichtet. Damals war der Speicher einer der drei größten Europas.

Lionel Feiniger schuf schon 1912 – noch vor der offiziellen Inbetriebnahme 1913! – ein feuerflammendes Bild der Anlage. 1994 wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt, 1995 außer Betrieb genommen und später privatisiert – ausdrücklich mit der Auflage, das Gerüst zu erhalten. Der Investor ist dieser Auflage nur sehr bedingt nachgekommen, Rostschäden sind deutlich sichtbar. Das Gerüst soll nun gefüllt werden mit einem trommelförmigen Bürogebäude, das bis zum letzten Gerüstsegment reicht. Da aber nach aktuellen Plänen auch eine staffelförmig zurückgesetzte Dachbebauung vorgesehen wird, droht gerade die dominante Fernsicht vollständig ausgefüllt zu werden. Derzeit wird über den Bebauungsplan verhandelt. Die Berliner Denkmalpflege befürchtet, und das mit gutem Grund, dass die Erhaltungsinteressen wieder einmal zurückstehen müssen, zumal der Investor publikumswirksam mal 3.000 oder 2.000 Arbeitsplätze und Mieter:innen wie die Deutsche Bahn, die TU oder Tesla annonciert – keiner davon hat bisher zugesagt. Der Füllungsbau im Gasometergerüst ist schlichtweg eine Spekulation, die auch noch dieses Denkmal der Berliner Gasgeschichte in seiner Wirkung zu zerstören droht.

Zum Weiterlesen

Heckmann, Hans/Liman, Herbert/Röck, Sabine, Das Gaslaternen-Freilichtmuseum Berlin. (Ein Museumsführer), hg. vom Deutschen Technikmuseum Berlin und vom Arbeitskreis LICHT der Freunde und Förderer des Deutschen Technikmuseums Berlin, Berlin 2007.

Lepiorz, Stephan u. a., Das Gaswerk Schöneberg in der Torgauer Straße, hg. vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Berlin 2005.

Bärthel, Hilmar, Die Geschichte der Gasversorgung in Berlin. Eine Chronik, hg. von der GASAG, Berliner Gaswerke, Aktiengesellschaft, Berlin 1997.

Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert, München u. a. 1983.

Titelmotiv: Gaslaterne, vierflammige Reihenleuchte (Bild: Harald Malte Schwarz, CC0 1.0, 2018)

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Frühjahr 22: Kübel, Poller, Leuchte

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

LEITARTIKEL: Stilblüten der Stadtgestaltung

Pablo von Frankenberg über die dadaistisch-lyrische Seite der Stadtmöblierung.

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

Nikolaus Bernau über eine verschwindende Leuchtenlandschaft.

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

Christiane Wachsmann über Ulmer Designschätze der Stadtmöblierung von Walter Zeischegg.

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

FACHBEITRAG: Die Höhle des Tidyman

Daniel Bartetzko über die Kunst des Wegwerfens.

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

PORTRÄT: Von Pilzen und Chinesenhüten

Matthias Ludwig über die Vielfalt der modernen Lichtspender.

INTERVIEW: "Vor unserer Haustür"

INTERVIEW: „Vor unserer Haustür“

Julia Novak und Thomas Beutelschmidt – beide haben die „Baudenkmalstiftung Nachkriegsmoderne“ (DSD) initiiert – im Gespräch über eine besondere Wasserpumpe.

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

FOTOSTRECKE: Immer im Kreis

Turit Fröbe und Daniel Bartetzko auf Fotosafari in Absurdistan.

FACHBEITRAG: Sinus in der Kurve

von Christiane Wachsmann (21/2)

Walter Zeischegg gehört zu den weniger bekannten Gestalter:innen, die an der Ulmer Hochschule für Gestaltung (19531968) arbeiteten und lehrten. Lange blieb er im Hintergrund. Als im Jahr 1967 sein berühmter Sinus-Ascher auf den Markt kam, stand die Hochschule bereits kurz vor der Schließung. Grundlage für Zeischeggs Entwürfe bildeten vielfach geometrische Strukturen. Das macht sie nicht nur zeit-, sondern auch orts- und dimensionslos: Eine Tetraeder-Kugelformation etwa eignet sich, je nach Größe, sowohl zur Skulptur als auch als Briefbeschwerer.

Walter Zeischegg, Kugelskulptur, 1973, im Glacis-Park Neu-Ulm (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, Kugelskulptur, 1973, im Glacis-Park Neu-Ulm (Bild: Christiane Wachsmann)

Von der Kunst zum Design

Im Jahr 1950 hatte der Wiener Bildhauer Walter Zeischegg große Pläne: Er wollte am Illinois Institute of Design Industriedesign studieren. Er hatte sich bereits ein Stipendium organisiert, Kontakt mit Serge Chermayew aufgenommen, der das Institut leitete, die Reisevorbereitungen getroffen – da änderte die USA ihre Bestimmungen. Als ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht durfte Zeischegg nicht mehr einreisen.

Walter Zeischegg war damals 33 Jahre alt. Mit 19 Jahren hatte er ein Studium als Bildhauer an der Akademie in Wien begonnen, nach zwei Jahren wurde er zum Militär eingezogen. Der Weltkrieg begann, er wurde Soldat. Erst sieben Jahre später konnte er sein Studium in Wien wieder aufnehmen. In dieser Zeit fing er an, sich für Industrie-Design zu interessieren. Mit Kolleg:innen gründete er eine „Arbeitsgemeinschaft für Warenformung und industrielles Entwerfen“. 1948 lernte Zeischegg den Schweizer Künstler und Gestalter Max Bill kennen. Bill berief ihn drei Jahre später in die Gründungsgruppe der Ulmer Hochschule. Nachdem der amerikanische Traum gescheitert war, nahm Zeischegg das Angebot gerne an.

Walter Zeischegg, Briefbeschwerer in Form einer Tetraeder-Kugelfiguration, 1973. Hersteller: Fa. Helit, Kierspe (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, Briefbeschwerer in Form einer Tetraeder-Kugelfiguration, 1973. Hersteller: Fa. Helit, Kierspe (Bild: Christiane Wachsmann)

„Dekorativ – aber wofür?“

Die Gründer der Ulmer Hochschule hatten sich die Mitwirkung an einer besseren, neu gestalteten Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben: Die existentiellen und sozialen Grundbedürfnisse eines jeden Menschen sollten befriedigt werden, und eine wohl organisierte, mit modernsten Herstellungstechniken arbeitende Industrie sorgt für ebenso erschwingliche wie langlebige Güter.

Die Aufgabe Walter Zeischeggs im Gründungsteam der HfG bestand zunächst darin, ein „Forschungsinstitut für Produktgestaltung“ aufzubauen. Durch systematische Untersuchungen, analog den Forschungen in den Naturwissenschaften, galt es, für industriell hergestellte Gegenstände möglichst allgemeine und endgültige Formen zu finden.

Zeischeggs Arbeitsweise unterschied sich grundlegend von der seiner Gestalterkollegen. Er war stets auf der Suche nach der perfekten Form. „Dekorativ — aber wofür?“, untertitelte die Wiener Bildwoche 1950 eine der Abbildungen in einem Bericht über Walter Zeischegg: „Das Problem für den Industriekunsthandwerker liegt nicht darin, eine Form zu schaffen, sondern sie auch einer geeigneten Verwendungsmöglichkeit zuzuführen. Hier schwankt er noch, ob dieser ‚Genieblitz‘ zu einem ornamentalen Schmuck an einem Gebäude, zu einem neuzeitlichen Gartenzaun oder zu sonst irgend etwas zwecklos Schönem dienen soll.“

Walter Zeischegg in seinem Wiener Atelier, um 1948, links auf der Staffelei das „räumlich-Plastische Gitterwerk" - in der Wiener Bildwoche als „Genieblitz“ tituliert (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg in seinem Wiener Atelier, um 1948, links auf der Staffelei das „räumlich-plastische Gitterwerk“ – in der Wiener Bildwoche als „Genieblitz“ tituliert (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Freiheit für die Zigarette

Walter Zeischegg entwickelte seine Objekte aus einem weit gespannten, von Neugier und Entdeckergeist geprägten Interesse an der Welt. Sein Antrieb bestand in dem Bestreben, sie zu erforschen, sie gestaltend zu durchdringen und herauszufinden, was sie „im Innersten zusammenhält“. Dabei stand die Form zwar immer im Vordergrund, technische Details und Feinheiten wurden aber mit ähnlicher Intensität durchdacht. Diese Arbeitsweise führte zwar zu vielen faszinierenden Formen, aber nicht unbedingt zu verwertbaren Entwürfen für die Industrie. Die große Stunde kam, als Zeischegg mit der Firma Helit zusammenzuarbeiten begann. Deren Leiter Friedrich Hefendehl wandte sich 1966 an die Ulmer Hochschule und lernte dort Zeischegg und seine Arbeit kennen. Nachdem ein erster Entwurf für die Firma — ein Karteikasten — recht erfolgreich war, stellte Walter Zeischegg seinem Auftraggeber eine seiner aktuellen Formstudien vor.

Zeischegg beschäftigte sich in dieser Zeit mit Sinuskurven. Deren Form gründet auf den trigonometrischen Sinus- und Cosinusfunktionen, mit deren Hilfe sich harmonische Schwingungen wie Schall- und Wasserwellen beschreiben lassen. Zeischegg ließ auf einem Zylinder Schwingungen laufen, mal steiler, mal flacher, mal mit vielen, mal mit wenigen Kurven, immer auf der Suche nach der perfekten Form. Hefendehl und seine Mitarbeiter ließen sich faszinieren. Schließlich kamen sie auf die Idee, einem der so entstanden Objekte eine Vertiefung in der Mitte zu geben und einen Aschenbecher daraus zu machen – dem Einwand eines Vertriebsmitarbeiters zum Trotz, ein richtiger Aschenbecher brauche eine Kerbe, um die Zigarette darin zu halten.

Für die damalige Zeit war dieser Sinusascher ein absolut ungewöhnliches Objekt. Möglich wurde seine massenhafte Herstellung erst durch die Verwendung von Kunststoffen, die in dieser Zeit in der industriellen Produktion ihren Siegeszug antraten. Der Aschenbecher verkaufte sich nicht nur als solcher, sondern durchaus auch als Objekt an sich: Die profane Funktionszuweisung als Behälter für Zigarettenasche war ihm, seiner großen formalen Präsenz und Überzeugungskraft zum Dank, wenig abträglich. Zum 50-jährigen Gründungsjubiläum der Hochschule für Gestaltung initiierte der Ulmer Kulturberater Ralf Milde eine „Hommage an die HfG“ als Installation im öffentlichen Raum. Verschiedene Ikonen des HfG-Designs, darunter der Ulmer Hocker, Hans Gugelots legendärer Radio-Plattenspieler SK4 „Schneewittchensarg“, das Stapelgeschirr TC 100 oder Otl Aichers Piktogramm-Männer tauchten in riesenhafter Vergrößerung im Ulmer Stadtbild auf. Während die anderen Gegenstände vor allem durch ihre schiere Größe die Aufmerksamkeit auf sich zogen, fügte sich Zeischeggs Aschenbecherentwurf nicht nur harmonisch in seine Umgebung ein, sondern bot auch sogleich eine Funktion als Sitzgelegenheit.

Walter Zeischegg, stapelbarer Aschenbecher mit Sinuskurven, 1966/67 (Foto: Christiane Wachsmann)

Walter Zeischegg, stapelbarer Aschenbecher mit Sinuskurven, 1966/67 (Bild: Christiane Wachsmann)

Gartenzäune und Fassaden

Als Walter Zeischegg 1951 nach Ulm kam, war er fest entschlossen, alle künstlerischen Ambitionen hinter sich zu lassen. Das traf auch auf Otl Aicher zu, seinen Kollegen an der HfG: „walter zeischegg und ich waren zunächst selbst im bereich der kunst tätig geworden. (…) dieser bruch hatte prinzipielle ursachen. wir kamen aus dem krieg heim und sollten in der akademie nun an der ästhetik um der ästhetik willen arbeiten. das ging nicht mehr“, schrieb er später. Zeischegg blieb aber nicht bei dieser Selbstbeschränkung. Anfang der 1960er Jahre nahm er seine plastischen Arbeiten wieder auf und knüpfte dabei an frühere Arbeiten an.

Zwischen 1963 und 1965 entstanden Wände aus unterschiedlichen „gitterorientierten Elementen“, die sich beliebig erweitern und auch als Säulen aufstellen ließen. Auch andere Gestalter entwarfen in dieser Zeit solche Elemente. Egon Eiermann etwa verwendete sie beim Bau seiner Sakralbauten (Gedächtniskirche in Berlin, 19571963) oder von Kaufhäusern (Warenhaus Merkur in Stuttgart 1951-60, Horten in Heidelberg, 19581962). Bei Walter Zeischegg dagegen mündeten diese Entwürfe eher in Kunstwerken — seien es hochästhetische Fotos, seien es reale, auf dem Campus der HfG aufgestellte Wände aus Gipselementen, über deren mehr oder weniger praktische Anwendbarkeit erst noch nachzudenken war: Waren sie für die Gartengestaltung geeignet? Als Wände in Innen- oder Begrenzungen in Außenräumen? Oder handelte es sich doch eher um Kunst?

Walter Zeischegg, Entwicklungsgruppe Walter Zeischegg, Wand aus gitterorientierten Elementen, 1963-65 (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg, Entwicklungsgruppe Walter Zeischegg, Wand aus gitterorientierten Elementen, 1963-65 (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Lehrer an der HfG Ulm

An der Ulmer Hochschule für Gestaltung blieb Walter Zeischegg eher im Hintergrund. Das heißt aber nicht, dass er ohne Einfluss war: Mit seinem Anspruch, sich gründlich und umfassend mit dem Gegenstand eines Entwurfs zu beschäftigen, seinen technischen wie formalen Aspekten, mit seiner Hartnäckigkeit und mitunter Weitschweifigkeit forderte er die Studierenden heraus, sich eigene Gedanken zu machen und dabei nicht an reiner Zweckdienlichkeit hängen zu bleiben.

Als Mitte der 1960er Jahre der Autoverkehr immer weiter zunahm, begannen viele Kommunen mit der Planung großer Straßenbauwerke, darunter auch die Stadt Ulm. Walter Zeischegg wurde als Berater für die Beleuchtungen hinzugezogen und gab die Aufgabe an seine Studierenden weiter: „Es sollen Gestaltungsvorschläge entwickelt werden für ein variables bzw. kombinierfähiges System von Trag- und Aufhänge-Elementen für Leuchten, Verkehrsampeln, Signale und Verkehrszeichen, wobei die Gestaltung von Beleuchtungskörpern (für Straßen-, Brücken- und Unterführungsbeleuchtungen) besonders in den Vordergrund gestellt wird.“

Hier war alles gefordert, was ein gutes Design ausmacht: technische Machbarkeit, Funktionalität, Flexibilität, Ergonomie, Ästhetik. Den Studenten gelang es, angeregt durch Zeischeggs Vorbild, ihren Entwürfen einen eigenen Ausdruck zu verleihen, der über eine rein zweckdienliche Formgebung hinausging.

Walter Zeischegg (Dozent), Peter Hofmeister, Thomas Mentzel und Werner Zemp (Studenten), HfG Ulm,  Beleuchtungsanlagen (Modell), 1965/66 (Foto: Ernst Fesseler, c HfG-Archiv)

Walter Zeischegg (Dozent), Peter Hofmeister, Thomas Mentzel und Werner Zemp (Studenten), HfG Ulm, Beleuchtungsanlagen (Modell), 1965/66 (Bild: Ernst Fesseler, c HfG-Archiv)

Wissenschaft, Kunst, Design

In den 1960er Jahren war die Frage nach den Möglichkeiten, die Gestaltung eines industriell produzierten Gegenstandes durch eine systematische, nach wissenschaftlichen Mustern gebildete Herangehensweise zu optimieren, nicht nur an der HfG zu einem breit diskutierten Thema geworden: Entwickelte man nur die richtigen Kriterien in Bezug auf Material, Herstellungsweise, Ergonomie und Benutzerbedürfnisse, so der Gedanke, ergäbe sich daraus automatisch die ideale Gestalt, so die Vorstellung.

Walter Zeischegg war zwar mit dem Anspruch an der HfG angetreten, grundlegende Forschungen auf dem Gebiet der Produktgestaltung zu leisten, wehrte sich aber gegen solch zweckorientierte Lösungsansätze. Ihm lag weniger an einem fertigen Produkt als an dem Prozess der Entwicklung, der ihn auf mehr oder weniger verschlungenen Wegen zu immer neuen Erkenntnissen und Ideen führte. Selten zeigte er sich mit einer Lösung zufrieden; meist waren es seine Mitarbeiter:innen, die aus dem Strom der Ideen, Gedanken und vorläufigen Ergebnisse denjenigen Ansatz herauspickten, der sich einem Auftraggeber präsentieren und dann auch produzieren ließ — sei es als Gegenstand des täglichen Gebrauchs, sei es als Kunstwerk wie die Sinussäule vor der HfG und ihrer Geschwister aus Kegelstümpfen oder in Spindelform.

Walter Zeischegg, Schreibtisch-Tablar (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg, Schreibtisch-Tablar (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Ästhetische Funktion

Auf einer Tagung des Werkbundes, die im Oktober 1956 in der HfG Ulm stattfand, sprach deren Gründungsrektor Max Bill über die Idee des vom Schweizer Atomphysiker Fritz Zwicky entwickelten „Morphologischen Kastens“. Ganz im Sinne einer wissenschaftlichen Herangehensweise an die Gestaltung alltäglicher Gegenstände wird bei dieser Methode das Problem — die Entwurfsaufgabe — in ihre einzelnen Aspekte geteilt und auf diese Weise „objektiv möglichst vollkommene Lösungen“ angestrebt. Zu dieser rein mechanischen Methode kam nach Bills Auffassung aber noch etwas hinzu: die Frage nach der „ästhetischen Funktion“.

Nach dem Ausscheiden von Max Bill ging die HfG zunächst den bereits erwähnten Weg der Verwissenschaftlichung des Designs, ohne dabei die – eben nicht in Zahlen und Parameter zu fassende – „ästhetische Funktion“ zu berücksichtigen. Für Walter Zeischegg aber war die Ästhetik seiner Entwürfe immer wichtig geblieben. Stets versuchte er, zu einer Art von „ästhetischer Objektivität“ zu kommen, indem er seinen Gestaltungen oft geometrische Formeln zugrunde legte.

Walter Zeischegg, Wandrelief mit Sinuskurven (Foto: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Walter Zeischegg, Wandrelief mit Sinuskurven (Bild: HfG-Archiv, Nachlass Zeischegg)

Umweltgestaltung

Zeit seines Lebens blieb Zeischegg ein Wanderer zwischen den Welten von Design, Kunst und Wissenschaft. Er konnte sich leidenschaftlich für Phänomene aus all diesen Bereichen begeistern, konnte sich hinein vertiefen und oft auch verlieren. An der Ulmer Hochschule, deren Gestaltungen bis heute gerne mit minimalistischen grauen Kisten assoziiert werden, ermutigte er die Studenten, sich eben nicht nur mit praktischen Gegebenheiten und technischer Machbarkeit auseinanderzusetzen, sondern der Ästhetik der Dinge nachzuspüren.

Gerade deshalb funktionieren viele von Zeischeggs eigenen Entwürfen nicht nur im Kleinen, sondern eben auch als „Straßenmöblierung“ – und stellen dort die Frage: Was ist Kunst, was Design? Gibt es einen Unterschied, oder könnten sie von ihrem Wesen her nicht auf dem Gleichen beruhen: Dem Wunsch und dem Vermögen der Menschen, ihre Umwelt nicht nur funktionell, sondern auch ästhetisch zu gestalten.

Walter Zeischegg, Säule mit Sinusflächen vor dem Gebäude der Hochschule für Gestaltung Ulm. Foto: Christiane Wachsmann

Walter Zeischegg, Säule mit Sinusflächen vor dem Gebäude der Hochschule für Gestaltung Ulm (Bild: Christiane Wachsmann)

Zum Weiterlesen

Kartoffelchips im Wellflächenquadrat. Walter Zeischegg, Plastiker, Designer, Lehrer an der HfG Ulm 1951-68. Christiane Wachsmann, hg. vom HfG-Archiv Ulm, mit Beiträgen von Andrea Scholtz, Ulm 1992.

ulm 10/11, Ulm 1964 (Zeitschrift der Hochschule für Gestaltung).

Museum Ulm/HfG-Archiv Ulm, Nachlass Zeischegg.

Titelmotiv: Walter Zeischegg/Ralf Milde, Aschenbecher im Großformat, Ulm 2003 (hier mit dem damaligen Oberbürgermeister der Stadt, Ivo Gönner) (Bild: Ralf Milde)

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