Gaslaterne, vierflammige Reihenleuchte (Bild: Harald Malte Schwarz, CC0 1.0, 2018)

FACHBEITRAG: Berlin im Gaslicht

von Nikolaus Bernau (21/2)

Noch gibt es in Berlin mehr als die Hälfte aller mit Gas betriebenen Lampen weltweit, noch ist in Friedenau das größte zusammenhängende Gas-Straßenleuchtensystem zu erleben. Doch seit 2014 wurden von den damals noch existierenden etwa 37.000 Leuchten Tausende zugunsten energetisch im Betrieb zweifellos effizienterer, in der Lichtwirkung aber nur angeblich genauso lichtfarbiger LED-Leuchten abgerissen. Schon 2018 gab es noch kaum 31.000 Leuchten. Fast selbstverständlich verweigerte die zuständige Senatsbauverwaltung unter Regula Lüscher schon damals jede Energiebilanzberechnung, um zu ermitteln, was an Grauer Energie in den oft mehr als 100-jährigen Gusseisenleuchten komprimiert ist, welche Energie für ihren Abriss und ihre Verschrottung, welche für die Produktion, die Aufstellung und den Betrieb der neuen Leuchten nötig ist. Inzwischen wurden ganze Stadtviertel ihrer historischen Lampen beraubt.

Berlin-Charlottenburg, Gaslaterne (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

Berlin-Charlottenburg, Gaslaterne (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

Mahnende Worte

Immerhin, mahnende Worte des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der energische Protest etwa der Denkmalbehörden, des Landesdenkmalrats, von Fachhistoriker:innen und Stadtbildenthusiast:innen, Europa Nostra und Denkmal-an-Berlin, sogar von Umweltverbänden – Gaslicht ist insektenfreundlich! Und kaum überschaubar viele Medienberichte, zu denen auch der Autor dieser Zeilen einige beifügte, vor allem aber von unermüdlichen Vereinen wie Pro-Gaslicht e. V. oder Gaslicht-Kultur führten dazu, dass das Landesdenkmalamt wenigstens einige zusammenhängende Bereiche als Gaslicht-Flächendenkmale ausweisen durfte. Doch Denkmalschutz ist, wie die Demontage von geschützten kaiserzeitlichen Leuchten am Reiherplatz in Mannheim zeigte, oft nur bedingt wirksam.

Auch im Straßenbeleuchtungskonzept Berlins spielt das einst dominante Gaslicht kaum mehr eine Nebenrolle, ist reserviert auf einige historische Dorfkerne und Wohngebiete aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Vor allem die gesamte, auch stadtästhetisch relevante Reformgeschichte des Gaslichts ist damit unter akuter Bedrohung: Im eingeschlossenen West-Berlin galt das aus gut lagerbarer Kohle produzierte Stadtgas lange als Reserveenergie, mit der einer neuerlichen Blockade durch die Rote Armee oder gar die DDR vorgebeugt wurde. Hier ließ die GASAG immer neue Lampentypen entwickeln, etwa schlanke Peitschenmasten, die im Zug des Umbaus zur autogerechten Stadt eingesetzt wurden. Vor allem aber blieben die modernistischen Typen aus der Zwischenkriegszeit in Gebrauch, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu Zehntausenden saniert und weiter verwandt wurden.

Berlin-Mitte, Brunnenviertel, Gaslaterne (Bild: micharl_foto, CC BY NC SA 2.0, 2015, via flickr.com)

Berlin-Mitte, Brunnenviertel, Gaslaterne (Bild: micharl_foto, CC BY NC SA 2.0, 2015, via flickr.com)

Die Zukunft ist ungewiss

Mit nur wenig Übertreibung muss konstatiert werden: Wenn die Leuchte nicht in Gestalt der „Schinkel“-Lampen – die nur nach dem Architekten benannt sind, mit diesem aber historisch nichts zu tun haben – oder reichgeschmückte kaiserzeitliche Kandelaber erhalten blieben, ist ihre Zukunft überaus ungewiss. Noch ungewisser ist das Schicksal von Gasproduktionsgebäuden, wenn sie nicht von solch monumentaler Gestalt sind wie die gemauerten Speicher in Wien, die schon vor zwei Jahrzehnten zu Wohn- und Gewerbezwecken umgebaut wurden, oder der im Zweiten Weltkrieg als Bunker umgenutzte Speicher an der Berliner Fichtestraße von 1874, auf dem unter der skelettierten Schwedlerkuppel Luxuswohnungen gebaut wurden.

Manchmal können, wie in Athen oder Helsinki oder – ein besonders hinreißendes Beispiel – in Bernau bei Berlin alte Gaswerke als Kulturzentren weiter existieren, das Augsburger Staatstheater fand in einem solchen sogar einen adäquaten Aufführungsort. Doch den Normalfall stellt das Gaswerk in Berlin-Charlottenburg darf, das noch vor kaum zwei Jahrzehnten fast alle historischen Stufen der Gasproduktion und -speicherung dokumentierte, inzwischen aber bis auf einen Turm fast vollständig abgebrochen wurde – so wie vorher schon alle anderen Berliner Gaswerke. Selbst das Gaslampenmuseum im Tiergarten musste des häufigen Vandalismus wegen ins Deutsche Technik-Museum verlegt werden, nur noch einige Lampen etwa an dem Interbaupavillion, der heute als Burger King genutzt wird, stehen. Dabei ist die Bedeutung der Gasproduktion, -verteilung und -nutzung für die Geschichte der Moderne längst anerkannt. Europas Städte waren nicht nur bis zum Zweiten Weltkrieg und oft noch lange darüber hinaus wesentlich von einem aus heutiger Sicht sehr speziellen, weißstrahlenden und in allen Farben der Sonne schillernden Licht geprägt: Dem der mit Stadtgas betriebenen Laternen und Lampen.

Berlin-Scöhneberg, Gasometer (Bild: Robo030, CC BY SA 3.0, 2010)

Berlin-Schöneberg, Gasometer (Bild: Robo030, CC BY SA 3.0, 2010)

Der Nacht entgegen

Es prägte im 19. Jahrhundert erstmals in der menschlichen Urbanitätsgeschichte die Vorstellung, dass Städte der Nacht widerstehen können, schuf ein ganz neues Gefühl von Zeit und Raum entstand. Doch unter dem Druck der energetisch effizienteren und moderner geltenden Elektrizität begann sein Rückzug schon in den 1920ern und verstärkte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Leitungssysteme wurden erst zusammengelegt, dezentrale Kraftwerke abgebrochen. Akut bedroht ist nun auch einer der letzten Gasspeicher Berlins, der noch weitgehend in der Betriebsgestalt erhalten ist: Der Schöneberger Gasometer, eine Teleskopbehälter, dessen Segmente sich je nach gespeicherter Gasmenge anhoben. Eine gewaltige Gerüstkonstruktion, errichtet 1908 bis 1910 durch die Berlin-Anhaltische Maschinenbau AG 1908 und 1910 errichtet. Damals war der Speicher einer der drei größten Europas.

Lionel Feiniger schuf schon 1912 – noch vor der offiziellen Inbetriebnahme 1913! – ein feuerflammendes Bild der Anlage. 1994 wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt, 1995 außer Betrieb genommen und später privatisiert – ausdrücklich mit der Auflage, das Gerüst zu erhalten. Der Investor ist dieser Auflage nur sehr bedingt nachgekommen, Rostschäden sind deutlich sichtbar. Das Gerüst soll nun gefüllt werden mit einem trommelförmigen Bürogebäude, das bis zum letzten Gerüstsegment reicht. Da aber nach aktuellen Plänen auch eine staffelförmig zurückgesetzte Dachbebauung vorgesehen wird, droht gerade die dominante Fernsicht vollständig ausgefüllt zu werden. Derzeit wird über den Bebauungsplan verhandelt. Die Berliner Denkmalpflege befürchtet, und das mit gutem Grund, dass die Erhaltungsinteressen wieder einmal zurückstehen müssen, zumal der Investor publikumswirksam mal 3.000 oder 2.000 Arbeitsplätze und Mieter:innen wie die Deutsche Bahn, die TU oder Tesla annonciert – keiner davon hat bisher zugesagt. Der Füllungsbau im Gasometergerüst ist schlichtweg eine Spekulation, die auch noch dieses Denkmal der Berliner Gasgeschichte in seiner Wirkung zu zerstören droht.

Zum Weiterlesen

Heckmann, Hans/Liman, Herbert/Röck, Sabine, Das Gaslaternen-Freilichtmuseum Berlin. (Ein Museumsführer), hg. vom Deutschen Technikmuseum Berlin und vom Arbeitskreis LICHT der Freunde und Förderer des Deutschen Technikmuseums Berlin, Berlin 2007.

Lepiorz, Stephan u. a., Das Gaswerk Schöneberg in der Torgauer Straße, hg. vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Berlin 2005.

Bärthel, Hilmar, Die Geschichte der Gasversorgung in Berlin. Eine Chronik, hg. von der GASAG, Berliner Gaswerke, Aktiengesellschaft, Berlin 1997.

Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert, München u. a. 1983.

Titelmotiv: Gaslaterne, vierflammige Reihenleuchte (Bild: Harald Malte Schwarz, CC0 1.0, 2018)

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