Chemnitz, Karl-Marx-Kopf, 1985 (Bild: FORTEPAN / Várhelyi Iván, CC BY SA 3.0)

Ostmoderne als „Kampfbegriff“?

„Am Kopf vorbei, dann rechts“, diese freundlichen Wegbeschreibung zur Stadthalle Chemnitz meinte natürlich den übergroßen Karl Marx, der der Stadt für einige Jahre seinen Namen geliehen hatte. Damit führte die Tagung „Matrix Moderne | Ostmoderne“ schon räumlich mitten ins Herz einer der prominentesten architektonischen Inszenierungen der DDR-Zeit. Doch die Veranstalterinnen der internationalen Konferenz, die Kunstsammlungen Chemnitz, wollten mehr als die Wiederholung bekannter Klischees. Vielmehr sollte das bewährte Raster von Moderne – die Polarisierung zwischen West und Ost – aufgebrochen werden für einen neuen Blick auf übergreifende Vernetzungen. Der Vormittag stand unter der Leitung von Andreas Butter (IRS Erkner) und unter der Leitfrage, wie sich denn nun die Ostmoderne entgrenzen ließe. Gleich zu Beginn beschrieb die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Jasmin Grande (Institut „Moderne im Rheinland“, Düsseldorf) das klassische Moderneverständnis als das, was zeitgemäß wirkt und Neues anstößt. Stattdessen gab sie die Parole des Tages aus: Verstehe man die Regionen als Wissenskonstrukte, könne man dem Modernebegriff seine hierarchische Spitze nehmen und die Parallelität von Strukturen aufzeigen.

Potsdam, Rechenzentrum, um 1980 (Bildquelle: Müller, Ursula/Höchst, Otto, Potsdam, hg. von Potsdam Information, Potsdam 1980, via lernort-garnisonkirche.de)

Potsdam, Rechenzentrum, um 1980 (Bildquelle: Müller, Ursula/Höchst, Otto, Potsdam, hg. von Potsdam Information, Potsdam 1980, via lernort-garnisonkirche.de)

Ostmoderne als Kampfbegriff

Der Kunsthistoriker Christian Klusemann (Philipps-Universität Marburg) überprüfte beispielhaft die aktuell diskutierte Ähnlichkeit zwischen dem Potsdamer Institut für Lehrerbildung (Kollektiv Sepp Weber, 1977) mit Bauten von Mies van der Rohe (z. B. das Home Federal Savings and Loan Association in Des Moines/IIowa, 1962). Wie bei anderen Beispielen von Ost-West-Bezügen seien solche Parallelen durchaus nachzuweisen – im Potsdamer Beispiel etwa belegte er archivalisch die Nähe zu einem Aalto-Bau. Doch dies ließe sich nicht pauschal auf ein einziges Vorbild reduzieren. Wie sich die Ost- zur Westmoderne verhielt (und ob man sie noch so nennen sollte) wurde im Werkstattgespräch der Sektion weiter ausgelotet. Hierbei verwies die Architektur- und Planungshistorikerin Simone Hain auf die Entstehung des Terminus, der nach der Wende in der Forschung als „Kampfbegriff“ geprägt worden sei. Damals galt es zu zeigen, dass die DDR-Architektur mehr war als der stalinistische Zuckerbäckerstil. Aber inzwischen dürfe man sich, so das Votum von Hain, getrost davon verabschieden und das von der Tagung vorgeschlagene Label „Matrix“ übernehmen. In diesem Punkt wollte sich das fachkundig besetzte Podium aber nicht einigen.

Vortrag zur Raumerweiterungshalle von Matthias Ludwig auf der Tagung "Matrix Moderne | Ostmoderne" in Chemnitz im Oktober 2021 (Bild: K. Berkemann)

Vortrag zur Raumerweiterungshalle von Matthias Ludwig auf der Tagung „Matrix Moderne | Ostmoderne“ in Chemnitz im Oktober 2021 (Bild: Karin Berkemann)

Raumerweiterungen

In der Nachmittagssektion wurde es unter der Leitung von Arnold Bartetzky (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig) konkreter: Nun ging es um Architekturen und Architekturkonzepte der DDR im Vergleich zur BRD. Stefanie Brünenberg und Harald Engler (Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner) gewährten Einblicke in ihr laufendes Forschungsvorhaben zu Architekturkollektiven in der DDR. Nach der aktuellen Quellenlage ließen sich bislang zwar Typen, aber keine einzelnen Handschriften von Kollektiven festmachen – vielmehr sei eine Betrachtung im Netzwerk hilfreich (wer arbeitete wann, wo und mit wem). Roman Hillmann (Heritage Conservation Center Ruhr, Deutsches Bergbau-Museum Bochum) verglich anschließend die architektonischen Projektierungen der BRD und vor allem der DDR mit Abläufen im Maschinenbau. Vor diesem Hintergrund plädierte er dafür, auch den Mut hinter solche standardisierten Bauabläufen zu sehen – wer sich daran stoße, störe sich an einem unser heutiges Leben prägenden Prinzip. Nicht zuletzt setzte Matthias Ludwig (Müther-Archiv, Hochschule Wismar) die transportable RaumErweiterungsHalle in Bezug zu Konzepten des mobilen Bauens im Westen. Die darin erprobte Flexibilität wird die kommende Forschung zur Ostmoderne gut gebrauchen können. Denn obwohl alle Vortragenden und Diskutierenden sich einig waren, dass der Begriff das Trennende zu stark betone, konnte doch keine:r bislang (die Konferenz dreht sich heute noch um die Formgestaltung und baubezogene Kunst) eine wirklich überzeugende Alternative vorweisen. (kb, 2.10.21)

Titelmotiv: Chemnitz, Karl-Marx-Kopf , 1985 (Bild: FORTEPAN/Várhelyi Iván, CC BY SA 3.0, Detail)