Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)

Villa Poelzig: „Prinzip der Freizügigkeit“

„Diese Wohnung spiegelt das europäische Ich“, so die Zeitschrift „Innen-Dekoration“ 1931, „in seiner Autonomie, in seiner freien Verfügung über seine Kräfte.“ Wenn die Sprache blumiger ausfällt als das Sofamuster, ist man als Leser des 21. Jahrunderts zunächst skeptisch. Doch tatsächlich, die 1930 nach Plänen von Marlene Moeschke-Poelzig gestaltete Berliner Villa zeigt auf den Schwarz-Weiß-Bildern aus der Bauzeit eine große Klarheit. Im Wohnbereich fanden sich, wie die „Innen-Dekoration“ schwärmte, Möbel in schwarz-rotem Schleiflack und Vorhänge aus Rohseide. Das Kinderschlafzimmer war in zarten Pastelltönen (Weiß, (Hell-)Blau, Rosa) gehalten. Mit großen Frei- und Fensterflächen sowie einer großzügigen Gartengestaltung (u. a. von Hermann Mattern) waren Innen- und Außenraum eng aufeinander bezogen.

Nach dem Tod des Architekten Hans Poelzig, Mann und Mitbewohner der entwerfenden Architektin der Villa, kaufte der Regisseur Veit Harlan die Immobilie 1936. Wahrscheinlich wurde hier der Film „Jud Süß“ geschnitten, der im neu eingerichteten Kinoraum die private Uraufführung erlebte. Aktuell steht der Bau in der Berliner Tannenbergallee 28 kurz vor dem Abriss. Das Landesdenkmalamt entschied sich Anfang der 1990er – wegen diverser, zuletzt 1954 erfolgter Umbauten (Satteldächer) – gegen eine Unterschutzstellung. Da hilft auch die Gedenktafel der Stadt Berlin am Zugang zum Haus nichts, vielleicht noch eine aktuell laufende Online-Petition. Am 29. März diesen Jahres jedenfalls, als Uli Borgert die hier gezeigten Farbaufnahmen fertigte, stand die Villa Poelzig noch. (kb, 30.3.20)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)

Bilder: historische Abbildungen: Außenaufnahmen/Grundrisse aus Wasmuths Monatsheft 14, 1930, 10 (s. u.), Innenraufnamen aus Bauwelt 21, 1930, 34 (s. u.); aktuelle Fotografien von Uli Borgert, Berlin. Abbildungen der Bauzeit zur Gartengestaltung finden sich online beim Architekturmuseum der TU Berlin.

Literatur

Overberg, R., Haus Professor Poelzig in Berlin-Westend. Erbaut von Marlene Poelzig, Berlin, in: Bauwelt 21, 1930, 34, S. 1-8.

Schürer, Oskar, Haus Poelzig in Berlin-Westend. Erbaut von Marlene Poelzig, in: Innen-Dekoration 42, September 1931, S. 314-322.

Strizic, Zdenko von, Das Haus des Architekten. Architekt: Marlene Poelzig, in: Wasmuths Monatshefte für Baukunst und Städtebau, 14, 1930, 10, S. 461-466.