PORTRÄT: Das Kulturhaus Zinnowitz

von Karin Berkemann

Zinnowitz, Kulturaus, Schriftzug (Bild: K. Berkemann)
Symbolträchtiges Fotomotiv: der ramponierte Kulturhaus-Schriftzug (Bild: K. Berkemann)

In Zinnowitz hängt die Kultur schief – genauer gesagt, das große „L“ im Schriftzug „KULTURHAUS“. Auch sonst ist bei dem monumentalen Bau kaum noch etwas an seinem Platz: Die Fenster wurden eingeschlagen, die Birken wuchern auf der Freitreppe und das Backsteinmauerwerk legt sich selbst frei. Denn das „Kulturhaus Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ steht seit 1990 leer. In den folgenden 23 Jahren haben verschiedene Investoren unterschiedlichste Ideen durchgespielt und wieder verworfen. Nun scheint sich doch noch eine Lösung abzuzeichnen …

 

Das Seebad und der Bergbau

In den frhen 1950er Jahren wurde das Ostseebad Zinnowitz zum Ferienort der Bergarbeiter (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-16206-0011, Foto: Bend, 1952)
Das „Erste Seebad der Werktätigen“ verzeichnete 1950 wieder 20.000 Besucher (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-16206-0011, Foto: Bend, 1952)

Auf der Ostseeinsel Usedom stieg das Fischerdörfchen Zinnowitz 1851 zum Seebad auf. Es sollte bis zur Jahrhundertwende dauern, bis man den neuen Kur- und Feriengästen moderne Unterkünfte, eine gute Verkehrsanbindung und eine mondäne Seebrücke bieten konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ort zügig wiederhergerichtet, so dass der Feriendienst des FDGB erste Plätze vergab. Im Jahr 1950 war das „Erste Seebad der Werktätigen“ mit rund 20.000 Gästen bereits wieder obenauf.

Doch dann kamen das Jahr 1953 und die Bergarbeiter. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut hatte sich nach dem Krieg als Staat im Staate etabliert. In Thüringen und Sachsen baute sie das seltene Uran ab, das den Kalten Krieg frostig hielt. Die Wismut-Bergleute sollten sich im lungenfreundlichen Zinnowitz erholen. Nach der Enteignungswelle „Aktion Rose“ übernahm die Wismut hier 1953 nicht nur bestehende Ferienheime, sie baute auch im großen Maßstab neu: vom Ernst-Thälmann-Heim (1958) bis zum Urlaubsdomizil „Roter Oktober“ (1977).

 

Zwischen NS-Stil und Stalinbarock

Zinnowitz, Kulturhaus (Bild: historische Postkarte)
Die Räume des Kulturhauses konnten zusammen rund 1.7000 Menschen aufnehmen (Bild: Historische Gesellschaft zu Seebad Zinnowitz auf Usedom)

Von 1953 bis 1957 schuf der VEB Industrieprojektierung Nord (Walter Litzkow, G. Ulbrich, Günter Möhring, Kurt Hämmerling (Bühnentechnik), W. Reichardt (Akustik)) auf einem H-förmigen Grundriss einen monumentalen Kulturtempel. Der Theater-/Kinosaal, der Speisesaal, das Tanzcafé und die Klubräume konnten zusammen 1.700 Menschen aufnehmen. Denn die SED hatte der DDR 1949 „Kultur auf dem Lande“ verordnet: Schon bis 1953 entstanden in Dörfern und Kleinstädten 343 Kulturhäuser, davon 102 im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. An der Ostsee lassen sich Heringsdorf (1949), Murchin (1954) und Mestlin (1957) herausgreifen – Zinnowitz (1957) wurde das Größte von ihnen.

Für das „Sozialistische Kulturhaus“ suchte die DDR einen eigenen nationalen Stil. Eigentlich lag der „Stalinbarock“ nahe, doch hatten viele Architekten noch unter den Nationalsozialisten gelernt. In Zinnowitz mischten sich NS- und Barockformen: Eine Freitreppe führte zur Pfeilerhalle des Hauptgebäudes, die Seitenflügel gliederten Wandvorlagen und den großen Saal überfing ursprünglich eine Spiegeldecke. Möglich wurde dieses mächtige Bauwerk erst durch die Rasterung und Fachwerkbinder aus der Industriearchitektur.

 

Sanierungsstau und Investorenträume

Zinnowitz, Kurhaus (Bild: K. Berkemann)
Vor dem abgezäunten leerstehenden Kulturhaus zieht das Leben schon wieder ein (Bild: K. Berkemann)

In den 1980er Jahren sanierte man das Kulturhaus umfassend und opferte dabei weite Teile der originalen Decken. Am 3. März 1988 schalteten sich die Behörden ein: Als architektonisch-historisches Zeugnis der 1950er Jahre sei das Kulturhaus „zur Aufnahme in die Topographie der Denkmale der DDR-Geschichte vorgesehen.“ Der rechte Flügel war 1989 fast wieder nutzbar, doch dann überschlugen sich die politischen Ereignisse. Ab 1990 stand der Kulturtempel leer.

Nach der Wiedervereinigung lobte die Treuhand 1991 einen Wettbewerb aus: Der Hamburger Architekt Ulf von Kieseritzky z. B. schlug ein Konferenz- und Schulungszentrum vor. Durch den Umbau werde, so Kieseritzky, „die ‚Ex-DDR-Altlast‘ einem inhaltlichen und architektonischen Entstalinisierungsprozeß unterzogen.“ In der Akte der Landesdenkmalpflege findet sich neben diesem Satz ein handschriftliches „hoffentlich“. Weitere Pläne und Investoren kamen und gingen.

 

Luxuswohnungen und Wellnesszone

Zinnowitz, Kulturhaus, Planung des Umbaus (Bild: Seidel Architekten)
Geht es nach den neuen Eigentümern, sieht das Kulturhaus bald so aus (Bild: Seidel Architekten)

Während andere noch planten, wurde der Bau nicht nur verwüstet, sondern auch „wild“ genutzt: Für Heimatforscher, Hobbyfotografen und Lost-Places-Touristen war das verfallende Symbol einer vergangenen Weltordnung allzu verlockend. Langsam kam Bewegung in die Sache, als die TU Cottbus 2007 studentische Ideen für den inzwischen denkmalgeschützten Bau präsentierte. Auch der angrenzende Park wurde 2009 wieder auf das Kulturhaus ausgerichtet. In einem zweiten Anlauf haben sich nun neue Eigentümer gefunden. Für sie soll das Büro Seidel + Architekten die erweiterten Seitenflügel als (Luxus-)Wohnungen, den großen Saal als öffentlichen Wellnessbereich herrichten – und das schiefe „L“ bleibt wohl auch erhalten.

 

Rundgang

Begleiten Sie Karin Berkemann – mit Bildern der Historischen Gesellschaft zu Seebad Zinnowitz auf Usedom und von Seidel + Architekten – auf einem Rundgang durch die Geschichte und Neugestaltung des Kulturhauses Zinnowitz.

 

Literatur und Quellen

Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Objektakte, 1987-2013

Lichtnau, Bernfried (Hg.), Architektur und Städtebau im südlichen Ostseeraum von 1970 bis zur Gegenwart. Entwicklungslinien – Brüche – Kontinuitäten [Publikation der Beiträge zur Kunsthistorischen Tagung, 15. – 17. April 2004, Caspar-David-Friedrich-Institut, Bereich Kunstgeschichte, Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald], Berlin 2007

Hartung, Ulrich, Arbeiter- und Bauerntempel. DDR-Kulturhäuser der fünfziger Jahre. Ein architekturhistorisches Kompendium, Berlin 1997 [zgl. Diss., Uni Berlin, 1996]

Hain, Simone u. a. (Bearb.), Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR, hg. von der Gesellschaft Hackesche Höfe e. V. und vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung e. V. Erkner, Berlin 1996

Handorf, Dirk, Horte der Ordnung und Größe, in: Denkmalschutz und Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 1996, 3, S. 40-44