FACHBEITRAG: Chemnitz, Brühl

von Sylvia Necker (Heft 15/2)

Abb. 1 Der Brühlboulevard in einer lauen Augustnacht, 2013 (Bild: S. Necker)
Der Brühlboulevard in Chemnitz, das zwischen 1953 und 1991 Karl-Marx-Stadt hieß, in einer lauen Augustnacht, 2013 (Bild: S. Necker)

Die ganze Straße ist leer und die Hitze des Augusttages im Jahr 2013 ist im Asphalt des Brühl-Boulevards noch gespeichert. Auf der Suche nach dem „Sächsischen Hof“, einst eine der besten Adressen und hervorragende Gaststätte auf dem Chemnitzer Brühlboulevard, springt der Autorin die nächtliche Tristesse des ehemaligen Hotspots der DDR-Bezirksstadt an. Die Pergola mit dem Schriftzug ist nicht mehr beleuchtet. Einzig die extra für die Fußgängerzone „Brühl“ entworfenen und in der Folge in der gesamten DDR aufgestellten Straßenlampen erstrahlen die Nacht und zeugen vom Ruhm des Brühlboulevards in Chemnitz.

 

Frühe Fußgängerzone in der „Zone“

Die legendäre Mokka-Bar auf dem Sachsenplatz in Leipzig (Bild: Bundesarchiv Bild 183-J0610-0016-001, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Kluge)
Die legendäre Mokka-Bar auf dem Sachsenplatz in Leipzig (Bild: Bundesarchiv Bild 183-J0610-0016-001, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Kluge)

Der Brühl war die berühmteste und beliebteste Fußgängerzone in Karl-Marx-Stadt (seit 1953 trug die Stadt diesen Namen), nicht jedoch die erste. Zu den frühesten „Fußgängerbereichen“ – wie der Fachterminus der DDR-Planungsbehörden hieß – gehört der Rosenhof: eine 1961 angelegte autofreie Straße zwischen neu errichteten Plattenbauten im süd-westlichen Stadtzentrum von Karl-Marx-Stadt. Highlight waren der gartengestalterisch durchdachte Freiraum mit Beeten, Wasserspielen und Stadtmöblierungen sowie die Tanzbar „Kosmos“.

Auch in anderen DDR-Städten entwickelte sich ein autofreier urbaner innerstädtischer Raum, der zum Flanieren und Einkaufen einladen sollte. In Rostock entstand 1968 – nach Verlegung der Straßenbahn in die parallel liegende Lange Straße – eine Fußgängerzone in der Kröpeliner Straße. Zur gleichen Zeit gestaltete die Stadt Leipzig die gesamte Innenstadt um: Sie schuf mit dem Sachsenplatz und den Anrainerstraßen ebenfalls ein Fußgänger-Areal, das heute komplett „rückgebaut“ wurde und in seiner ursprünglichen städtebaulichen Form nicht mehr besteht.

 

Konzentration aufs Zentrum

Das Zentrum von Karl-Marx-Stadt am 31. März 1977 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-S0331-0020, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)
Das Zentrum von Karl-Marx-Stadt am 31. März 1977 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-S0331-0020, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)

Bevor der „Brühl“ in das Bewusstsein der DDR-Planer rückte, hatte zunächst das neue Stadtzentrum Vorrang. 1959 beschloss das Politbüro des ZK der SED die Leitlinien des Wiederaufbaus in Karl-Marx-Stadt. Sie orientierten sich an den 1950 verabschiedeten „16 Grundsätzen des Städtebaus der DDR“. Demnach sollte das Zentrum den Kern der Stadt bilden, in dem „die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten“ angesiedelt werden sollten. Die „Straße der Nationen“ – als Magistrale und Aufmarschstraße – erschloss das Stadtzentrum in nordsüdlicher Richtung.

Am zentralen Platz sollten eine Stadthalle, ein Hotel und ein Parteigebäude die wichtigsten Funktionen der Stadt repräsentieren. Die Entwürfe änderten sich in den 1960er Jahren gewaltig – u. a. durch die Planungskonkurrenz von der SED-Bezirksleitung, der städtischen Bauverwaltung und den zentralen Institutionen in Berlin. Erst unter dem 1964 neu berufenenen Stadtbaudirektor Karl Joachim Beuchel, der zehn Jahre später zum „Stadtarchitekten“ ernannt wurde, konnte das zentrale Ensemble umgesetzt werden. Ein städtebaulicher wie politischer Höhepunkt für die wichtigste sächsische Industriestadt war die Einweihung des Karl-Marx-Monuments 1971.

 

„Stadtsanierung“ am Brühl

Alt und Neu – Titelblatt der Imagebroschüre „Brühl – Geschichte eines Wohngebietes in Karl-Marx-Stadt“, 1980 herausgegeben vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt
Alt und Neu – Titelblatt der Imagebroschüre „Brühl – Geschichte eines Wohngebietes in Karl-Marx-Stadt“, 1980 herausgegeben vom Rat der Stadt Karl-Marx-Stadt

Wie in westdeutschen Großstädten wandelte sich auch in der DDR in den 1970er Jahren die Mentalität der Planer und Bewohner. Das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 hatte für die negativen Folgen der städtebaulichen (Nachkriegs-)Moderne sensibilisiert und ein Umdenken angestoßen. Stadtverwaltungen und Bürgerinitiativen diskutierten, Altbausubstanz über eine „behutsame Stadtsanierung“ wiederherzustellen. In der DDR kam verschärfend der – damals immer noch tiefgreifende – Wohnungsmangel hinzu, den die Wohnungsbauinitiative Honeckers seit 1973 zu bekämpfen suchte.

In Karl-Marx-Stadt sollte vor allem die Großsiedlung „Fritz Heckert“ – pro Baugebiet war ein Fußgängerbereich mit ausdifferenzierter Freiraumplanung vorgesehen – den Wohnungsmarkt sichtbar entlasten. Doch das prognostizierte Wachstum der Stadt für die kommenden Jahrzehnte war so hoch, dass sich eine Planungsgruppe unter dem Stadtarchitekten Beuchel bildete. Für die alten innerstädtischen Arbeiterviertel „Brühl“ und am „Sonnenberg“, die bislang nicht in die Wiederaufbauplanungen einbezogen waren, wurden städtebauliche Lösungen entwickelt. Die „Rekonstruktion“ und „Modernisierung“ der beiden Viertel gehörten zu den Pilotprojekten der DDR-Stadtsanierung.

 

Das Glück liegt in der Straße

Die ersten Planungen für die Modernisierung des Brühls begannen 1971. Lange Zeit galt das Arbeiterviertel als „ausgewohnt“ und stand auf den Abrisslisten der Stadt. Jetzt sollte neben Wohnraum auch ein Fußgängerboulevard entstehen. Nördlich des Stadtzentrums gelegen, sollte hier ein neuer Anziehungspunkt in Karl-Marx-Stadt geschaffen werden. Als Vorbild galt die Fußgängerzone „Váci utca“ in Budapest. Allerdings zeigten sich die Planer nach ihrer Exkursion nach Ungarn enttäuscht: Die dortige Fußgängerzone zeichnete sich lediglich durch einen neuen Plattenbelag aus.

Eingangssituation des Brühlboulevards, Juni 1989 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0623-15, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)
Karl-Marx-Stadt: Eingangssituation des Brühlboulevards im Juni 1989 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-0623-15, CC BY SA 3.0.de, Foto: Wolfgang Thieme)

Für den Brühl entwickelten die DDR-Planer dann schon wesentlich differenziertere Gestaltungsmerkmale: Zum einen bekam der Brühl ein „Icon“, ein vom Grafiker gestalteten Logo, das die Besucher an der Kurt-Fischer-Straße weithin sichtbar begrüßte. Zum anderen entwickelten die Planer unter der Leitung des Stadtarchitekten Beuchel ein grell buntes Farbkonzept für den 680 Meter langen Brühlboulevard. In drei Bauabschnitten sollten ca. 2.600 Wohneinheiten entstehen, wovon allerdings bis 1982 nur knapp 1.000 Wohnungen umgesetzt werden konnten. In den Erdgeschossflächen entstanden 70 Läden mit 2.400 m2 Verkaufsfläche. Die Wohnungen am Brühl waren durch ihre Fernwärme- und Warmwasserversorgung besonders beliebt und lagen – als Altbauten und eben nicht als Neubauten – zusätzlich in einer innerstädtischen, urbanen Umgebung, wie sie in der DDR selten war.

Die genau kalkulierte Nutzungsmischung von Wohnen, Kleingewerbe, Ateliers, Handel, Dienstleistung und Gastronomie schuf urbanes Flair, das die meisten westdeutschen Fußgängerzonen durch die Ausgliederung von Wohnraum aus den Innenstädten verloren hatten. Der Freiraum des Brühls war mit Plastiken, modellierten Sitzbuchten und Terrassen, Wasserspielen und Begrünung eine wahre Gestaltungsorgie. Im positiven Sinne, denn kaum ein öffentlicher Raum von Karl-Marx-Stadt war so beliebt. Insofern wird der Brühl im kollektiven Gedächtnis der Chemnitzer als glückliche Straße mit Konsummöglichkeiten, Kneipen und Aufenthaltsqualitäten erinnert. „Da bekam man wirklich alles!“ war die häufigste Antwort auf die Frage, was den Brühl so besonders machte.

 

Konsumtempel am Stadtrand

Chemnitz, Eingang zum "Brühlboulevard" (Bild: S. Necker)
Chemnitz, am Eingang zum „Brühlboulevard“ (Bild: S. Necker)

Gleich zwei große Einkaufszentren am Rand der Stadt ließen den Brühl in den ersten Wendejahren bis 1992 verwaisen. Die Fußgängerzone war nun kein Magnet mehr – weder zum Wohnen noch zum Einkaufen oder für einen Kneipenbesuch. Viele Bewohner zogen weg und Chemnitz wurde zu einer der am schnellsten schrumpfenden Städte Ostdeutschlands. Zusätzliche Konkurrenz schuf die Stadt, als sie das alte DDR-Zentrum umgestaltete und zwei Warenhäuser ansiedelte. Der Niedergang des Brühls war damit besiegelt, seit Mitte der 1990er stand hier ein Großteil der Wohnungen leer.

Erst Mitte der ersten Dekade im neuen Jahrtausend geriet der Brühl wieder in den Blick städtischer Entwicklungspolitik. Mit einem Stadt- und Ortteilentwicklungsprogramm schuf man den „Brühlfond“, aus dem bis heute Maßnahmen finanziert werden. In den letzten Jahren gelang es, Wohnungen an private Investoren zu verkaufen und wieder zu vermieten. Jedoch fehlen bislang Gewerbetreibende, die das urbane Flair der Fußgängerzone wiederbeleben könnten. Und eine weitere Idee steckt für den Brühl im Moment fest: Aus der leerstehenden Aktienspinnerei des 19. Jahrhunderts könnte ein Wissenschaftsquartier mit Zentralbibliothek und Fakultäten der Technischen Universität entwickelt werden.

 

Fazit

Bleibt der Brühlboulevard ein Erinnerungsort der DDR? Das von der Stadt installierte „Brühlbüro“ setzt alles daran, die Erinnerungen nicht verblassen zu lassen und eine neue Perspektive am Brühl zu schaffen. Dazu hat die Stadt das Büro Albert Speer und Partner (AS&P) eingeladen, einen Masterplan zu entwickeln, der seit 2012 vorliegt. Doch ist es mit Maßnahmen nicht getan, welche die Immobilienwirtschaft ankurbeln und Gewerbetreibende ansiedeln sollen. Viel wichtiger wäre es, sich jenseits dieses angewandten Städtebaus den großen theoretischen Fragen des urbanen Freiraums zu widmen und eine Vision für die Zukunft unserer öffentlichen Räume zu entwickeln. Vielleicht haben die Fußgängerzonen – und allen voran der Brühl – dann eine Chance auf eine Neuerfindung.

 

Literatur

Beuchel, Karl Joachim, Modernisierung und Umgestaltung des Arbeiterwohngebietes „Brühl“ in Karl-Marx-Stadt, in: Architektur in der DDR 1980, 10, S. 594-601.

Beuchel, Karl Joachim, Die Stadt mit dem Monument. Zur Baugeschichte 1945-1990 (Aus dem Stadtarchiv Chemnitz 9), Chemnitz 2006.

Saitz, Hermann H., Stadt und Verkehr. Verkehrsgerechte Stadt oder stadtgerechter Verkehr?, Berlin 1979.

Dank an den Geschichtsverein Chemnitz und Karl Joachim Beuchel, die der Autorin Material verfügbar machten und für Gespräche zur Verfügung standen.

 

Rundgang

Flanieren Sie mit Sylvia Necker durch Karl-Marx-Stadt, bis es wieder zu Chemnitz wurde.