FACHBEITRAG: Kirche wird Kulturhaus

von Katharina Sebold (16/2)

Sankt Petersburg, Kulturhaus (Bild: Katharina Sebod, 2015)
Ein Fremdkörper im sonst so gepflegten Sankt Petersburg: das Kulturhaus vom anderen Mojkaufer nach Norden (Bild: Katharina Sebold, 2015)

Wie ein Fremdkörper steht das verwitterte Sankt Petersburger „Kulturhaus für Arbeitende der Kommunikationsverbindungen und Netze“ (DK rabotnikov svjazi) am Ufer der Mojka – noch dazu auf einer Verkehrsinsel in zentraler Lage an der Bol’šaja Morskaja ulica , wo sich fast jeder andere Bau pastellfarben gepflegt präsentiert. Die Anordnung einzelner Gebäudeelemente zueinander gibt Rätsel über ihre Entstehung und die Gebäudenutzung auf. Wer das Gebäude genauer betrachtet, vermag im Bauwerk die Architekturdebatten der frühen Sowjetunion abzulesen.

 

Der Ausgangspunkt

Sankt Petersburg, Vorgängerbau des Kulturhauses (Bild: Fotothek des Architekturmuseums Moskaus)
So sah der Bau um 1900 aus: als deutsch-reformierte Kirche (H. J. v. Bosse, 1865) von Sankt Petersburg (Bild: Fotothek des Architekturmuseums Moskaus, hier auch viele weitere historische Aufnahmen und Pläne zur Kirche)

1862-65 wurde an dieser Stelle eine Kirche für die deutsch-reformierte Gemeinde St. Petersburgs errichtet. Die Pläne des neuromanischen Baus stammten von Harald Julius von Bosse, einem angesehenen Architekten des Zarenhofs. Ausführender Bauleiter war David Grimm, ein Vertreter des russischen Eklektizismus. Das zweistöckige Kirchenschiff mit hohem Glockenturm aus rotem Backstein hatte weiß getünchte Fassadendetails und war ansonsten unverputzt. 1872 wurde die Kirche bei einem Brand beschädigt und bis 1874 leicht verändert von Karl Rachau wiedererrichtet. Die nach der Revolution stark geschrumpfte Gemeinde gab den Bau 1929 auf, wonach er bis 1932 als Gemeinschaftswohnheim diente.

 

Der Entwurf

Sankt, Petersburg, Umbauentwurf, Pavel Grinberg und Gregorij Rajz, um 1929 (Bild: nachgezeichnet von Alena Jacobs)
So sollte der Umbau zum Kulturhaus aussehen: Entwurf von Pavel Grinberg und Gregorij Rajz um 1929 (Bild: nachgezeichnete Entwurfsdarstellung von Alena Jacobs)

1929 übernahm die Gewerkschaft des nahegelegenen Postamts das Grundstück, um hier ein Kulturhaus einzurichten. Diese multifunktionalen clubähnlichen Einrichtungen, die mit der beschleunigten Industrialisierung ab den 1920er Jahren immer beliebter wurden, organisierten Freizeitaktivitäten der jeweils zugehörigen Gewerkschafts- oder Berufsverbandsmitglieder. Mit dem Umbau der Kirche wurden die jungen Architekten Pavel Grinberg und Gregorio Rajz beauftragt. Ihr Entwurf hielt an der Aufteilung in Langhaus und Westbau fest, durchbrach die Axialität aber mit Anbauten am Turm.

Durch große Glasflächen und eine veränderte Westfassade mit umlaufenden halbrunden Balkonen sollte die neoromanische Kirche in ein modernes Kulturhaus verwandelt werden. Zum Fluss hin unterstrichen die großzügige Verglasung und zwei parallele senkrechte Fensterbänder zusätzlich die Höhenerstreckung der Westfassade. Die waagrechte Verlängerung der Glasflächen sowie umlaufende Balkone verstärkten wiederum die Horizontale des Flachdachs. Trotz Überschneidungen durch Vor- und Rücksprünge zeigte der Entwurf eine klare Linienführung. Die waagrecht und senkrecht verlaufende Verglasung der Westfassade sollte den Buchstaben „C“ nachbilden – vielleicht als architecture parlante, als Teil der russischen Abbreviatur von Sowjetunion „CCCP“. An der weithin sichtbaren Uferseite hätte es in der Dunkelheit eine leuchtende landmark abgegeben.

 

Der Umbau

Sankt_Petersburg_Kulturhaus_Bild_Katharina_Sebold (3)
Nicht wirklich konstruktivistisch: der tatsächliche Umbau zum Kulturhaus (Bild: Katharina Sebold, 2015)

Der Umbau von 1932 bis 1939 weicht von Grinbergs und Rajz’ Entwurf ab: Die Elemente der Moderne sind fast verschwunden. Ebenso verabschiedete man sich von den konstruktivistischen Prinzipien der Funktion und Abstraktion und bezog sich auf den Bestand. Wie im Entwurf vorgesehen, wurde das ehemalige Langhaus nach Westen von einem hochaufragenden quaderförmigen Turm mit südlich umlaufenden Balkonen flankiert. Der vieleckige Anbau auf der südöstlichen Seite erhielt zwei zusätzliche Etagen, das Sattel- wurde durch ein Flachdach und einen zweistöckigen Aufbau ersetzt.

Als oberer Abschluss umläuft nun eine Brüstung das gesamte Gebäude. An die Stelle der geplanten Glasflächen trat ein senkrechtes Fensterband mit französischem Balkon, welches das Treppenhaus abschließt und zugleich eine schmale Öffnung der fast geschlossenen Westfassade bildet. Der Haupteingang wurde an die nördliche Seite verlegt, die Zahl der Balkone verringert. Im Langhaus überformte man die bestehenden Fensteröffnungen. Die nördliche und südliche Wandaufteilung des Langhauses folgt neoklassizistischen Vorstellungen, das Gebäude wurde vollständig verputzt.

An den quaderförmigen Aufbau der Westfassade wurden 1940 Skulpturen und Reliefs der Bildhauer Sergej Averkiev, Vassilij Nikolajev und Gavriil Schulz angebracht, die dem Gebäude eine ideologische Prägung verleihen sollten. Unterhalb der westlichen Brüstung wurden monumentale Reliefs angebracht. Ein Fahnenträger und eine auf ihn zustrebende Menschenkette verkörpern das Thema „Revolution“. Den Schaugiebel der nördlichen Seite dekorieren drei Skulpturen auf Konsolen und Postamenten: Eine Kolchosbäuerin mit Buch, ein Arbeiter mit Hammer und ein Soldat mit Gewehr können als Symbole für Wissensfleiß, proletarischen Fortschritt und Kampfbereitschaft gelesen werden. Über ihnen montierte man zwei Fahnenmasten, den Haupteingang ziert ein Wappenrelief.

 

Das Innere

Sankt Petersburg, Kulturhaus (Bild: Katharina Sebod, 2015)
Die Deckenmalereien im Gemeindesaal beziehen sich auf die russische Geschichte (Bild: Katharina Sebold, 2015)

Mit der Umnutzung sollte vor allem die Außenwirkung radikal verändert werden. Während also das Kulturhaus nach außen seinen kirchlichen Vorgänger verneint, wurden im Inneren sowohl die Aufteilung als auch die Wirkung der Räume beinahe vollständig erhalten. Der große Vortragsraum ist im ehemaligen Gemeindesaal verortet, wo immerhin die Deckenmalereien mit sozialistischer Auslegung der russischen Geschichte aufwarten. Die Wände vom Treppenhaus zum Saal wurden mit Marmorplatten verkleidet. Parkettböden und geschnitzte Geländer, zahlreiche Holztreppen und -türen aus dem 19. Jahrhundert blieben bis heute erhalten. Die meisten Innenräume der unteren zwei Stockwerke zeigen noch heute die Originalgestaltung der Kirchennutzung bzw. der 1930er Jahre. Die Holzvertäfelungen der Treppenhäuser wurden in den 1990er Jahren für eine Privatbibliothek abmontiert. Die oberen Etagen und das Kellergeschoss wechselten im Laufe der letzten 40 Jahre häufig ihre Nutzung und wurden daher baulich stark verändert.

Zu Sowjetzeiten wurden im Gebäude Kinder-, Jugend- und Feierabendveranstaltungen, Bastel- und Singkurse sowie Feiern angeboten. Darüber hinaus gab es einen Kinosaal und eine Bibliothek. Bis heute wird das Gebäude von den Menschen in der Nachbarschaft mit dem ehemals breiten Kulturangebot verbunden. In den 1990er Jahren war das Haus eng mit der Leningrader Rockmusik verknüpft: „Aquarium“, „Kino“ und andere Rockbands gaben hier Konzerte und nahmen ihre Alben auf. 1991 zog der Nachtclub „Kurier“ ein, Ende der 1990er nutzte eine Radiostation die oberen drei Etagen. Heute sind im ehemaligen Kulturhaus Geschäftsstellen der Post und ihr Ausbildungszentrum untergebracht. Die Nutzung der vermieteten Büros ist unklar. Das Gebäude ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

 

Das Denkmal

Sankt Petersburg, Kulturhaus (Bild: Katharina Sebod, 2015)
Dieser Bau steht unter Denkmalschutz (Bild: Katharina Sebold, 2015)

2001 wurde das ehemalige Kulturhaus als Vertreter des Konstruktivismus unter Denkmalschutz gestellt. Doch sowohl in der Planung als auch im Resultat lässt es sich nicht eindeutig diesem Stil zuordnen. Der Konstruktivismus übertrug Prinzipien aus dem Ingenieurwesen auf die künstlerische Produktion: Die Funktion war ausschlaggebend für Form und Raumanordnung. So sollte die Ästhetik mit dem radikalen gesellschaftlichen Umbruch in Einklang gebracht werden. Konstruktivistische Bauwerke stehen für den Aufbruch in eine effiziente Bautechnik aus möglichst preiswerten, erstmals überwiegend künstlichen Baustoffen. Licht, Farbe, Dynamik – diese Prinzipien der Architektur der Moderne erkennt man im Entwurf von Rajz und Grinberg. All das spiegelt das bauliche Resultat indes nicht wider.

Die 1930er Jahre waren eine Umbruchszeit in der Sowjetunion. Der sich konsolidierende Staat suchte auch in der Architektur einen ideologischen Ausdruck, den er im internationalen Stil der Moderne nicht zu finden vermochte. Die Kunst sollte vielmehr zu ihren konservativen Quellen zurückkehren. Dabei war der Rückgriff auf den Neoklassizismus in dieser Zeit keineswegs nur in der Sowjetunion anzutreffen. Besondere Bedeutung kam der ideologischen Einfärbung antiker Pathosformeln und symbolischer Gebärden zu, die im Sinne des Kunsthistorikers Aby Warburg als „affektive ideologische Inhaltskonserven“ benutzt wurden.

Zahlreiche konstruktivistische Bauten wurden ab 1932 mit historisierenden Verzierungen versehen. Das untersuchte Beispiel ist steingewordener Ausdruck der Übergangszeit, ein Dokument der Diskussion um die „richtige“ sowjetische Architektursprache. Da sich der Paradigmenwechsel noch vor der Fertigstellung des Umbaus vollzog, dient das Kulturhaus als stilistischer „missing link“. Das Resultat präsentiert sich als Zwitterwesen konstruktivistischer Vielschichtigkeit mit Vorgeschichte, die man mit architektonischen Metaphern, neoklassizistischen Elementen und ideologisch aufgeladenem Fassadendekor sozialistisch eingefärbte. Dies macht den Bau einmalig und denkmalwürdig.

 

Die Frage nach der Autorschaft

Sankt Petersburg, Kulturhaus, bauhistorische Überlaguerung von Kirche und Kulturhaus (Bild: Polina Sizova, 2013)
Die Baugeschichte, hier eine schematische Überlagerung von Kirche und Kulturhaus, bleibt ein Desiderat (Bild: Polina Sizova, 2013)

Mehrere Quellen belegen, dass das Projekt 1933 wegen der politischen Ächtung von Funktionalismus und Konstruktivismus überarbeitet werden musste. Das könnte die Abweichungen von Grinbergs und Rajz’ Entwurf erklären. Daher lässt sich fragen, ob beide tatsächliche Urheber des verwirklichten Umbaus sind. Eine Antwort fällt schwer, da wir wenig über die Planverfasser wissen.

Rajz (Grigrorij Samojlovič Rajz 1900-?) studierte 1921-26 Architektur an der Allrussischen Kunstakademie in St. Petersburg. Das Zentrum „Zurückgekehrter Namen“ der Russischen Nationalbibliothek führt ihn in der Liste der Opfer politischer Repressionen der 1930er Jahre. Grinberg (Pavel Markovič Grinberg 1893-?) besuchte dieselbe Hochschule bis 1927. Nachweislich stammt von ihm nur ein Wohngebäude im neoklassizistischen Stil von 1938/39. Er könnte nach 1933 weiterhin am Umbau beteiligt gewesen sein. Ebenso plausibel erscheint es, dass den Architekten die Arbeiten entzogen, sie selbst suspendiert oder noch härter bestraft wurden. Weitere Entwurfszeichnungen, so es sie gab, wurden möglicherweise bei der Leningrader Blockade 1941-44 vernichtet. Somit bleibt auch die Baugeschichte des Kulturhauses weiterhin ein spannendes Desiderat.

 

Rundgang

 

Literatur

Babuškin, Sergej, Peterburg – Leningrad. Reformatorskaja zerkov‘ – DK rabotnikov 1861-64, 1930-40 (Peterburg – Leningrad. Reformatorische Kirche – Kulturhaus der Kommunikationsnetzmitarbeiter. 1861-64, 1930-1940), St. Petersburg 2014.

Kirikov, Boris/Stiglitz, Margarita, Architektura avangarda. Putevoditel‘ (Architektur der Leningrader Avantgarde. Ein Reiseführer), St. Petersburg 2008.

Kobak, Aleksandr/Antonov, Viktor, Nemeckaja reformatskaja zerkov‘ (Deutsche reformatorische Kirche), in: Svjatyni Sankt-Peterburga. Ist.-zerkov. ėncykl. (Heiligtümer St. Petersburgs. Historisch-kirchliche Enzyklopädie). 3. Band, St. Petersburg 1996, S. 266-267.

Ljašenko, Jelena, Architekturnye utraty Sankt-Peterburga (Architektonische Verluste in St. Petersburg), online seit dem 24. Oktober 2014.