Monobloc-Stuhl (Bild: Frank Vincentz, CC BY SA 3.0)

„Schwerer als ein Wolkenkratzer“

von Hajo Eickhoff (17/4)

Schon Ende des vergangenen Jahrhunderts wirbt ein IT-Unternehmen: „In unserem Unternehmen herrscht Gehverbot.“ Die Software ist so gut, dass sich niemand vom Sitz erheben muss. Sitzen auf Stühlen ist die zweifache Abknickung des Körpers und das Ruhen auf einer unterschenkelhohen Ebene. Das Erheben ist mühevoll und die Unbeweglichkeit schwächt Kreislauf, Muskulatur und Atmung, stört Stoffwechsel und Bewegungsabläufe, weitet das Denken und blockiert das Fühlen. Erst diese Erkenntnis führt zu Maßnahmen, die Sitzende entlasten sollen. In Büros werden raffinierte Stühle, neue Halteformen und alternative Arbeitsplatzkonzepte erprobt: das Stehen am Pult, der Wechsel von Stehen und Sitzen sowie unterschiedliche Arten eines dynamischen Sitzens.

 

Nur einer darf auf den Thron

Neben dem Stuhl als Werkzeug, das organische, nervöse, orthopädische, emotionale und psychische Beeinträchtigungen mit sich bringt, schwingt in jedem Sitzenden unbewusst eine Kulturgeschichte mit. Diese ist geeignet, den Kern des Zivilisationsprozesses anschaulich zu machen: den Prozess der Demokratisierung. Archaische Gemeinschaften erwählen aus ihrer Mitte einen Mann, setzen ihn auf den Thron und nennen ihn König. Er ist der einzige, der diese Haltung einnehmen darf. Auf dem Thron gibt er der Gemeinschaft nun Wert, Mitte und Richtung. Er gilt als unantastbar, einheitsstiftend und mächtig. Er erhält Privilegien und herrscht über seine Untertanen, doch seine Haltung ist zugleich eine Haltung der Ohnmacht. Er muss seinen Bewegungsdrang und seine Emotionen unterdrücken und aufrecht sitzen. Seine bizarre Körperhaltung soll geistig-spirituelle Fähigkeiten ausbilden, um mit kosmischen Mächten zu verkehren und daraus Nutzen für die Gemeinschaft zu ziehen.

Im Alltag der Antike spielen Stühle keine Rolle. Die Ägypter hocken auf dem Boden, sind aber die Erfinder der Sitzstatue und prachtvoller Pharaonenthrone. Die Griechen zeigen auf ihren Vasen vier Stuhltypen: Klismos, Diphros, Tronos und Hedra. Allerdings gibt es für sie keine Belege, erhalten sind lediglich steinerne Theatersitze. Die Römer kennen den römischen Kaiserthron, die Sella curulis, und das zweisitzige Bisellium, auf dem verdiente Senatoren für eine Zeit allein sitzen dürfen.

 

Wer sitzt, hat Macht und Einfluss

Das heutige Sitzen auf Stühlen entsteht im Christentum. Neben dem Papstthron und Bischofssitzen, Abwandlungen der Sella curulis, haben Mönche im 11. Jahrhundert das geweihte Chorgestühl mit Klappsitz entwickelt, das Vorbild für Theater-, Kino- und Hörsaalgestühle. Erst danach sind die Bürger an der Reihe. Die Ratsherren haben sich im 14. Jahrhundert das Recht auf chorstuhlähnliche Sitze in der Kirche erkämpft – die ersten ungeweihten Stühle, denen aber das Entscheidende fehlt: der klappbare Sitz.

Das Sitzen auf Stühlen im Alltag ist eine Erfindung Europas. Seit dem 13. Jahrhundert hat das Bürgertum mit dem Aufschwung von Handel, Handwerk und Wissenschaft an politischem Einfluss gewonnen. In der Renaissance maßen sich Ratsherren und wohlhabende Kaufleute die Machtgeste thronender Könige an. Wer sitzt, hat Macht und Einfluss. Von hier ausgehend, dürfen immer mehr Bürgerschichten sitzen, bis in der Französischen Revolution jeder das Recht erhält, einen Stuhl zu besetzen. Das Ende der Demokratisierung: vom Thronen des einen zum Sitzen aller. Sitzen ist ein Bild der Macht und der Stuhl ein Werkzeug, das dem Sitzenden eine bürgerliche Form der Disziplin antrainieren soll. Da der Stuhl auch für das Berufsleben vorgesehen ist, nehmen die Bürger den Tisch zu Hilfe und machen die Dreiheit aus Tisch, Sitzendem und Stuhl zu einer mächtigen Produktivkraft.

 

Ein neuer Stuhl muss her

Die Schule übernimmt die Aufgabe, ins Sitzen einzuüben. Nach und nach wachsen die Schüler in den Stuhl hinein und werden sitzend diszipliniert. Sie lernen, diejenigen Sinnesreize auszublenden, die den Lernprozess stören, bis sie in der Lage sind, sich auf abstrakte Gedanken und logische Operationen zu konzentrieren. Dieser Fähigkeit stehen Handikaps gegenüber wie körperliche Unbeweglichkeit, kontrollierte Emotionen, ein schwaches Atemvermögen, atrophierte Muskeln und ein geringer Energiehaushalt. So findet im Sitzen eine Verlagerung vom Leib auf den Geist statt, die es zu einer Form der Sedierung macht. Nicht zufällig ist das Grundwort für „sitzen – sedere“ besänftigen.

Wenn auch mit der Französischen Revolution jeder sitzen darf – es gibt kaum Stühle. Sie sind Luxusobjekte, Imitationen meist antiker Throne, gefertigt in Handarbeit und aus edlen Materialien, teuer und schwerfällig. Daher wird ein neuer Stuhltyp gesucht: ein Bürgerstuhl, der massentauglich ist. Keine leichte Aufgabe, stellte doch noch Mies van der Rohe fest: „Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer.“

Dem Tischlermeister Michael Thonet aus Boppard am Rhein, der mit dem Biegen von Holz experimentiert, glückt mit seinem neuen Verfahren ein alternativer Stuhl: der Wiener Kaffeehaus-Stuhl. Dieser ist leicht, braucht wenig Holz, erinnert nicht an Throne und adlige Stühle und ist bezahlbar – ein echtes Massenprodukt. Doch woher stammt der Name? Die Familie Thonet erhält von Banken keine Kredite mehr. Deshalb springt der Kaiser Franz Joseph I. in Wien ein und fördert das Projekt bis zum fertigen Stuhl. Das Ergebnis ist eine weltweite Sensation. Zugleich leitet es von Wien aus die Kaffeehauskultur ein, die dem Bürgertum zur Bühne seines politischen Kampfes gegen Adel und Kaiserreich wird.

 

Einzelstück oder Massenprodukt

Mit der Etablierung des Sitzens wird rasch deutlich, dass der Mensch weder für eine solche Haltung noch für eine solche Unbeweglichkeit geeignet ist. Er braucht regelmäßiges Bewegen, weshalb seit Mitte des 19. Jahrhunderts Orthopäden an den unerwünschten Begleiterscheinungen arbeiten. Beim ersten Modell, dem Staffelstuhl von 1884, soll eine federnde Rückenlehne in jeder Position stützen, was fehlschlägt. Einige experimentieren mit der Rückenlehne, andere mit der Sitzebene. Seitdem wird der Stuhl in immer aufwändigeren Experimenten zum Hightech-Gerät mit Hebeln, Motoren und raffinierter Software. In der Arbeitswelt wird aus dem Vierbeiner bald ein Objekt auf fünf Rollen: der moderne Bürostuhl.

Nach dem Wiener Kaffeehaus-Stuhl leitet Ende des 20. Jahrhunderts ein Billigprodukt eine zweite Welteroberung durch den Stuhl ein: der Monobloc-Stuhl für Garten, Café und andere Bereiche. Obwohl die Thonets jährlich etwa eine Millionen Stühle produzierten, reichte es nicht zu einem Stuhl für jedermann. Dagegen wird der Monobloc jährlich milliardenfach produziert, wodurch der Mensch moderner Gesellschaften potenziell über etwa drei Dutzend Sitze verfügt.

 

Macht Euch locker!

Der Mensch, der immer und überall sitzen will und muss, ist zum Homo sedens geworden. Seine Abhängigkeit kann er überwinden oder zumindest bewältigen, wenn er sie, wie einst Könige, zum Ritual mit einem hohen ästhetischen, moralischen und spirituellen Wert macht. Nicht von ungefähr nimmt der geknickte Mensch eine melancholische Gefühls- und Körperhaltung ein. Er hat eine Richtung, aber er sitzt fest, er ist blockiert. Das scheinbar banale Sitzen, einst die Spiritualisierung des Königs, wirkt hemmend auf Intellekt und Geistesgegenwart. Konzepte für Stühle, moderne Büroarbeitsplätze und Homeplaces bleiben hilflose Versuche, wenn wir nicht unser Denken und Fühlen lockern, körperliche und geistige Haltungswechsel wagen und tätig in die Zukunft schreiten.

Titelmotiv: Monobloc-Stuhl (Bild: Frank Vincentz, CC BY SA 3.0)