Saarbrücken, Staatstheater (Copyright: Martin Kaufhold)

Sitzen im Staatstheater Saarbrücken

von Julius Reinsberg (17/4)

„Grenzlandtheater“ – unter diesem martialischen Namen wurde das Saarländische Staatstheater 1938 eröffnet. Gut drei Jahre vorher hatten sich die Bürger des – bis dato unter Verwaltung des Völkerbunds stehenden – Saarlands in einer Volksabstimmung mit überwältigender Mehrheit für die Parole „Heim ins Reich“ entschieden. Die Nazipropaganda feierte die neue Bühne als „Geschenk des Führers“ für diesen Wahlausgang. Durch die Nähe der französischen Grenze wurde der Bau zusätzlich symbolisch aufgeladen: Das Prestigeprojekt sollte die behauptete kulturelle Überlegenheit Nazideutschlands demonstrieren. Der Bau war einer der wenigen ausgeführten Theaterneubauten des „Dritten Reichs“, verweist aber auf die Gestalt ungebauter Projekte. Die nicht realisierten Theaterbauten in München und Linz weisen zahlreiche Parallelen mit dem Bau an der Saar auf.

 

Lange vor der Vorstellung

Die Planung des Saarbrücker Schauspielhauses unterlag dem Architekten Paul Baumgarten, der zu den Lieblingsbaumeistern Hitlers zählte. Theaterhäuser waren seine Spezialität, auch wenn er sich hauptsächlich mit Neugestaltungen, weniger mit Neubauten befasste. So gestaltete er etwa 1934 die Deutsche Oper in Berlin um. Der Zuschauerraum erhielt eine streng neoklassizistische Anmutung und wurde mit einer „Führerloge“ ausgestattet. In Saarbrücken realisierte Baumgarten auf einem annähernd kreuzförmigen Grundriss ein monumentales Theater, dass seine städtebauliche Dominanz durch die prominente Lage am Saarufer und die vorgelagerte, weitläufige Platzanlage namens „Feld der Befreiung“ noch unterstrich. Für die Zuschauer war sie Teil der Inszenierung des Theaterabends – lange vor Beginn der Vorstellung. So mussten sie zum Theaterbesuch erst diesen Platz überqueren, dann einige Stufen zum Gebäude hinaufsteigen und die dorischen Säulen passieren, die rechts und links der Portale angeordnet waren. Im Inneren wurden sie von weiterem Pomp umfangen: das Vestibül fungierte unter dem Namen „Ehrenhalle“ und protzte mit schweren Kristalllüstern und antikisierten Sitzgelegenheiten. Blickfang war ein überlebensgroßes Hitlerportät unter goldenem Reichsadler mit Hakenkreuz.

Hatte das Publikum schließlich den Zuschauerraum erreicht, präsentierte sich dieser ähnlich monumental. Zwei umlaufende, geschwungene Ränge blickten auf eine Bühne, die ihrerzeit zu den größten und technisch modernsten in Europa zählte, wie die Propaganda nicht müde wurde, zu betonen. In der Mitte des ersten Rangs fand sich die obligatorische „Führerloge“, abgetrennt durch aufwändige Vorhänge und betont durch ein Hakenkreuz an der Brüstung, das die Symmetrieachse markierte. Während das Publikum auf im Boden fixierten Stühlen Platz nahm, deren Lehne leicht ergonomisch geformt war und deren Sitzfläche bei Nichtnutzung nach oben klappte, standen für den „Führer“ und seine Entourage barock anmutende Stühle bereit, die nicht im Boden fixiert waren.

 

1000 Jahre lang?

Die politische Instrumentalisierung des Baus zeigte sich deutlich zu seiner Eröffnung im Oktober 1938. Zu diesem Anlass besuchten Hitler, Goebbels und weitere Nazigrößen Saarbrücken, um der ersten Vorstellung im neuen Theater beizuwohnen: Wagners „Fliegendem Holländer“. Das Publikum spielte die ihm von den Machthabern zugedachte Rolle glänzend, lange bevor sich der Vorhang hob. Auf dem weitläufigen Platz vor dem Theater sammelte sich – ohne Aussicht auf Eintritt – eine gewaltige Menschenmenge, um dem Ereignis beizuwohnen. Im Inneren des Hauses betrat zeitgleich Goebbels die Bühne und konnte seine Rede erst nach Minuten beginnen, da der Jubel der Zuschauer nicht enden wollte. Dann erklärte er die Aufgabe, welche dem Theater im Nationalsozialismus zukomme: nicht nur „Bühne, sondern auch Tribüne der Zeit“ zu sein.

Es blieb dem Bauwerk erspart, diese Rolle wie von den braunen Machthabern geplant 1000 Jahre lang spielen zu müssen. Knapp ein Jahr nach der Eröffnung gipfelte deren Politik im Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, dessen Auswirkungen bald auch Saarbrücken trafen. Dem Theaterpublikum gab man nun samt der Programmhefte Merkblätter mit in die Vorstellung, die Verhaltensanweisungen für den Fall eines Luftangriffs gaben und den Weg zum Luftschutzkeller beschrieben. 1942 wurde das Theater bei einem Bombenangriff schwer beschädigt, 1944 schließlich der Spielbetrieb aller Theater im Deutschen Reich eingestellt.

 

Neue Bescheidenheit

Nach dem Ende des Kriegs wurde das Theater entnazifiziert: Die Reichsadler und Hakenkreuze verschwanden, das Haus erhielt den bescheidenen Namen „Stadttheater Saarbrücken“. Die Räumungsarbeiten übernahm teilweise das Theaterensemble selbst, dass zum Trümmerschippen Sonderschichten schob. Auch die französische Besatzungsmacht beteiligte sich am Wiederaufbau des zerstörten Hauses, ein Abriss stand nur gerüchteweise im Raum. Ein Grund dafür war sicher die nahezu unzerstörte Bühnentechnik. Die Nähe zur französischen Grenze wurde nun umgedeutet: das Haus sollte nicht mehr die Überlegenheit einer bestimmten Kultur demonstrieren, sondern kulturellen Austausch befördern. Tatsächlich standen neben deutschen auch französische Produktionen auf dem Spielplan, Gastspiele des Stadttheaterensembles wurden in Frankreich bejubelt.

Im Inneren wurde der Bau nach den Leitlinien der 1950er umgestaltet. Die ehemalige „Ehrenhalle“ wich einem schlicht möblierten Saal mit großzügigen Fensteröffnungen. Im Zuschauerraum wurde es zeittypisch plüschig: weinrote Sessel luden die Besucher ein, es sich auf den Rängen gemütlich zu machen. Die „Führertribüne“ wurde zwar entfernt, lässt sich aber bis heute erahnen: An ihrer Stelle findet sich eine geschlossene Box mit Fenstern gen Bühne, in der Technik und Bühnenbeleuchter Platz finden.

In den 1960er und 1970er Jahren öffnete sich das Schauspielhaus endgültig der internationalen Theaterwelt. Selbstbewusst nannte man sich nun „Saarländisches Staatstheater“. Unter der Intendanz Hermann Wedekinds erspielte sich die Bühne einen hervorragenden Ruf. Neben französischen Stücken lag ein Schwerpunkt auf den Werken georgischer Künstler, was im Zeitalter des Kalten Krieges noch exotischer anmutete. Saarbrücken trug dies die Städtepartnerschaft mit Georgiens Hauptstadt Tiflis ein, der Platz vor dem Theater erhielt den Namen „Tbilisser (sic!) Platz“.

 

Greifbar, nicht belastend

In den 1980er Jahren wurde das Staatstheater erneut grundlegend modernisiert. Verantwortlicher Architekt war niemand anderes als Gottfried Böhm, der sich in Saarbrücken bereits durch die eigenwillige, ergänzende Rekonstruktion des Saarbrücker Schlosses einen Namen gemacht hatte. Er tauchte den Zuschauerraum in helle Farben, entfernte die strengen Pfeiler auf den Rängen und gewährte mehr Beinfreiheit, indem er die Anzahl der Sitze von 1132 auf 879 reduzierte. Einzig der opulente Kronleuchter erinnert bis heute an den einstigen Pomp. Er wird eingerahmt von einem Deckengemälde des Malers Peter Schubert, welches das von den Nazis verehrten Theaterpathos ironisch bricht. Auf den ersten Blick scheinen hier die Heroen klassischer Bühnenkunst versammelt, in opulenter Rüstung herabblickend wie in manch historistischem Opernhaus. Beim genaueren Hinsehen offenbaren sie sich jedoch als schemenhafte Figuren, die nur wie durch einen Schleier wahrzunehmen sind: mehr Schein als Sein. Wer im Staatstheater sitzt, für den ist die Geschichte des Hauses greifbar. Belastend wirkt sie nicht.