Geht aufs Haus! (18/4)

„Buy the World a Coke“

von Jürgen Tietz (18/4)

Kaffee, Tee, Milch, Orangensaft zum Frühstück. Säfte, Softdrinks oder pures Wasser zwischendurch. Ein Wein oder Bier nach vier. Trinken ist mehr als das Stillen eines Grundbedürfnisses. Trinken hat seine eigenen Orte, seine eigene Kultur, hat seine Geschichten und seine Gefäße. Kanne, Glas und Tasse erzählen dabei ebenso etwas über Gegenwart und Vergangenheit, wie die Getränke, die wir zu uns nehmen, oder die Orte, an denen wir uns dafür versammeln. Trinken ist Notwendigkeit und Genuss in einem. Ohne Flüssigkeit wird es schon nach zwei, drei Tagen kritisch für uns. Um zu leben müssen wir ausreichend trinken – zwei, drei, viele Liter am Tag. Aus der Flasche, aus dem Wasserhahn, aus dem Glas. Oder aus den Trinkbrunnen, wie sie in Zürich überall stehen, an denen man sich ohne Bedenken jederzeit laben kann. Sauberes Wasser ist Lebenselixier. Es ist kein Luxus aber auch keine Selbstverständlichkeit. Deshalb finanziert die Hamburger Stiftung „Viva con Agua de St. Pauli“ u. a. aus dem Erlös der eigenen Mineralwassermarke Trinkwasserprojekte, wo immer sie benötigt werden.

 

In der Vitrine

Von meiner Großmutter geerbt, steht bei mir in der Vitrine neben den bunten geschliffenen Weingläsern, den etwas klobigen „Römern“, ein Kaffeeservice der Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM). Dekor: Kurland, unverkennbar frühklassizistisch, ein Klassiker aus Berlin. Wer sich lieber ein moderneres Trinkgefäß wünscht, dem bietet sich das Trinkgeschirr von Hedwig Bollhagen im legendären Streifendekor an, brandenburgisch regional, oder das wunderbare Service Urbino (KPM). Trude Petri hat es 1931 entworfen. In seiner eleganten Funktionalität ist es fast noch mehr „Bauhaus“ als das Service „TAC 1“ des Bauhausgründers Walter Gropius, das die Firma Rosenthal seit 1969 produziert. Zu Beginn der 1970er Jahre stand bereits der postmoderne Trinkkultus vor der Tür all jener Einbauküchen, die auf Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche zurückgehen. Alessi sei Dank und dem legendären Wasserkessel von Michael Graves sowie der „La Cupola“ Espressomaschine von Aldo Rossi, die die l’architettura della citta auf den Herd zauberte. Und weil die Postmoderne aktuell ihre eigene Renaissance durchläuft, erlebt sie ihre Auferstehung auch als Trinkgefäß in Adam Nathaniel Furman’s „1st Floor Mugs“.

 

Ein Stuhl und ein starker Café

Trinkgenuss als gestaltete Umwelt reicht zurück bis in die schimmelfeuchten Weinkeller des Mittelalters, bis in die Brauereien der Mönche oder zu jenen faszinierend filigranen Häuschen, die sich zwischen den Reben der Weinberge erheben, zu den Teehäuschen und Pavillons der europäischen Landschaftsgärten. Wie eng Baukultur und Trinkkultur verwoben sind, unterstreicht die Architektenkammer Rheinland-Pfalz mit ihrem alle drei Jahre ausgelobten Architekturpreis „Architektur und Wein“. Und die Weingüter der Stararchitekten Christian de Portzamparc im Bordeaux, Frank O. Gehry in Rioja oder Herzog und de Meuron in Kalifornien sind heute die Baudenkmale von Morgen.

Neben dem Ländlichen der Biergärten und dem Mondänen der Kurhallen, kennzeichnet die meisten Trinkplätze ein großstädtischer Charakter. Dort sind sie die kleinen abendlichen Fluchten in temporärer Gemeinschaft, die Trinkhallen, Kioske und Kneipen. Das Urbane kennzeichnet auch das Wiener Kaffeehaus. Seit 2011 immaterielles Weltkulturerbe, sind dort Kultur und Genuss innig zu einem Gesamtkunstwerk verwoben. Ein Sitzmöbel von Thonet, eine Zeitung von heute, dazu ein Glas Wasser, ein starker Café und fertig ist das Ambiente für die Werkstatt der frühen Moderne, für Joseph Roth, für Karl Kraus, für Peter Altenberg … (Regieanweisung: Im Hintergrund bitte jetzt die leicht grantelnde, schmähdurchwirkte Stimme von André Heller mit seinem wunderbaren Wienlied).

Das Wiener Kaffeehaus war zugleich Exportschlager, auch wenn etwa in Berlin die meisten seiner Ableger längst wieder verschwunden sind: Das Romanische Café, das den beredten Beinamen Café Größenwahn trug, das Schilling, das Möhring. Oder sie zeigen nur noch einen müden Abklatsch der einstigen Eleganz, wie das Kranzler. Geblieben ist nur das Café Einstein. Wobei das ja erst 1979 eröffnete und sich damit recht eigentlich als eine verspätete (postmoderne?) Referenz an eine damals schon fast verblichene Tradition erweist.

 

What the World wants

Schneller als in den behäbigen Kaffeehäusern gingen die Espressi stets über die Tresen der zahllosen italienischen Bars, ein 1.000-Lire-Schein, zwei Löffel Zucker und Ciao (lange her). Heute bilden Starbucks und Co im standardisierten Design eine globale Kaffeeheimat zwischen New York und Shanghai, lactose- und glutenfrei, dafür W-Lan inklusive. Getränke sind Teil des Lebensgefühls. Und das wandelt sich. So gehören die englischen Pubs ebenso zu einer aussterbenden Gattung wie die Berliner Eckkneipen, in denen es zu jeder Molle einen Korn gab. Apropos England: Nationale Getränkeklischees besitzen eine erstaunliche eigene Dynamik wie der britische Hang zum Tee. Dessen Herkunft aus China oder Indien ist seit Jahrhunderten fest in die regionale Tradition verwoben und zur Touristenattraktion avanciert. Staunend schaue ich stets auf’s Neue auf die zahllosen asiatischen Gäste der britischen Metropole, die in geduldiger Schlange bei „Fortnum and Mason“ in der Piccadilly Street warten, um dort ihren Darjeeling zu kaufen, den sie dann wieder mit nach Asien nehmen. Auch getrunkene Lebensgefühle funktionieren eben nicht verstandesbasiert. Der Martini gerührt und nicht geschüttelt im denkmalwürdigen Filmambiente von Ken Adam, der Whiskey im schweren Kristallglas bei Don Draper und natürlich die „zuckersüße“ Verheißung von 1971 der Schlussszene bei „Mad Man“ im legendären Flaschendesign: What the world wants today – it’s the real thing.

Na, den Geschmack schon auf der Zunge? Die Coca-Cola Fabrik aus Billy Wilders legendärem Film „Eins, Zwei, Drei“ gibt es übrigens noch in Berlin-Lichterfelde – als Autowerkstatt. Mehr vom passenden Mad-Man Ambiente bietet die Pan-Am-Lounge in Berlin, einen originalen Ausflug in jene Zeit als die Welt noch groß und das Fliegen etwas Besonderes war. Keine Frage: Don Draper wäre Pan Am geflogen. Doch während das kreisrunde New Yorker Pan Am Worldport Terminal von 1960 seit ein paar Jahren verschwunden ist, mutiert Eero Saarinens TWA-Flughafen Gesamtkunstwerk gerade zum Hotel – Moderne global.

 

Alte Fabrik und neue Kunst

Der Wandel der Getränkekultur lässt sich wohl an kaum einer anderen Baugattung so unmittelbar ablesen, wie an der Geschichte der Brauereien. Sofern sie nicht übereifrigen Stadtplanern zum Opfer gefallen sind, wurden sie gerne in Kulturquartiere transformiert wie das Dortmunder „U“ (Gerber Architekten). Alte Fabrik und neue Kunst gehen gut zusammen. So auch bei der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln (Dr. Krekeler Generalplaner, Büro grisard’architektur) wo neben zeitgenössischer Kunst auch die Braukunst wieder zu Ehren kommt. Und manchmal gehen Denkmallust und Brauereikultur auch unerwartete Umnutzungsallianzen ein, wie bei der Stone-Brewery, die ihre Existenz dem Draft-Beer-Hype verdankt. Sie hat seit zwei Jahren ihr Domizil in einer riesigen historischen Halle auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks in Berlin-Marienfelde (Innenraumgestaltung Schoos Design, St. Monica).

 

Stadt bewegt sich, sie fließt

So, vor lauter Getränke- und Denkmalgeschichte habe ich mächtigen Hunger bekommen. Zum Schluss also ein Frühstück am Samstagmorgen in der Kreuzberger „Markthalle Neun“. Erbaut 1891. Ob das einer der derzeit angesagtesten (und überlaufensten) Orte im ach so hippen Berlin ist, ist mir ehrlich gestanden völlig egal. Und zwar genau solange, wie ich trotz jeder Menge Touristen bei „bone.BERLIN“ in der Markthalle ehrliche regionale Produkte bekomme und dazu einen ausgezeichneten Café sowie köstliche frische Saftkompositionen. Das Gesamtprodukt stimmt hier, seit 2011. Der Ort, das Essen, die Menschen – das Trinken. Das ist gelebte Ganzheitlichkeit im urbanen Kontext. Ja, ein bisschen Gentrifizierung ist trotz Anwohnerinitiative nicht zu verleugnen. Aber Stadt bewegt sich nun mal, sie fließt. In der Markthalle wird Bewährtes bewahrt und mit Neuem gemixt. Und das sogar denkmalgerecht. Und vor allem lecker. Was will man mehr? Prost!

Titelmotiv: „I’d like to buy the world a coke“, Coca-Cola-Werbung, 1971 (Bild: youtube-Still, Project ReBrief)

Bad Neuenahr, Kuranlage (Bild: Axel Hausberg)

Die Trinkhalle

von Martin Bredenbeck mit Fotos von Axel Hausberg (18/4)

Wasser ist unentbehrlich. Dass es heute als Grundnahrungsmittel dient, dass international ein Grundrecht darauf gefordert wird, ist eine eher junge Geschichte. Denn bis weit ins 19. Jahrhundert war die Qualität des Wassers oft nicht dazu angetan, es unabgekocht zu genießen. Mit Bier, Wein und Säften war man dagegen auf der sicheren Seite. Allerdings, und das wussten schon die sprichwörtlichen Alten Griechen, kann Wasser auch ein Heilmittel sein. Egal, wie seine Wirkung zu unterschiedlichen Zeiten erklärt wurde: durch chemische Analyse, Molekülresonanz, Mondphasen oder auch durch einfache Magie. Zum Heilen, Vorbeugen und Lindern, zum Wohlbefinden und zur Stärkung nutzen wir Wasser seit Jahrhunderten. Nicht nur baden konnte man in den heißen oder kalten Quellen, sondern die Wässer auch trinken – aus guten Gründen aber als getrennte Vorgänge.

 

Vom Sehen und Gesehenwerden

Die große Zeit der Heilbäder war das 19. Jahrhundert. In Bad Ems, Baden Baden, Wiesbaden, Karlsbad, Spa und vielen weiteren bekannten Orten Europas kurten, tranken und badeten die adeligen und kulturellen Eliten, bürgerlich begleitet. Ein echtes „shared heritage“, für das auch der Welterbetitel angestrebt wird. Böse Zungen mögen behaupten, dass wie in den Opernhäusern und Museen das Sehen und Gesehenwerden im Mittelpunkt stand. Jedenfalls entwickelte sich rund um die heilsamen Wässer ein gesellschaftliches Leben, das seinen baulichen Ausdruck fand: Kurhäuser, Kurhotels, Trinkhallen, Wandelgänge und weitere historistische Ensembles prägen viele Kurorte bis heute und bilden ihr Kapital.

Aber nun zu Bad Neuenahr. Der berühmte Apollinarisbrunnen, entdeckt von einem Winzer, wurde 1852 im damaligen Wadenheim erbohrt. Vier Jahre später wurden die Heilquellen erschlossen und 1858 ein erstes Heilbad eröffnet, das mit Erlaubnis der Preußischen Regierung den wohlklingenden Namen Neuenahr führen durfte. Aus Wadenheim ging durch Zusammenschluss mit zwei weiteren Orten 1875 die Gemeinde Neuenahr hervor. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erlebte sie eine erste Blütezeit. Die 1880 eröffnete Ahrtalbahn sorgte für den Zustrom an Kurgästen, die Infrastruktur wurde weiter ausgebaut. In wenigen Jahren entstanden um 1900 die bis heute stadtbildprägenden Anlagen, darunter das Thermal-Badehaus (1899-1901), das Kurhotel und das Kurhaus (1903-05). Gerade letzterer Bau, heute Spielcasino, steht für den Glanz des Kurortes zu dieser Zeit. Die neubarocke Formensprache zeigt hohen gestalterischen Anspruch und greift auf die Schlossarchitektur zurück. Das Thermal-Badehaus ist ebenfalls reich geschmückt, dieses Mal im Stil des Klassizismus. Im Historismus war eben vieles gleichzeitig möglich.

 

Bad Neuenahr startet in die Moderne

Für Erholung an der frischen Luft sorgten die reizvolle Landschaft und der von Peter Joseph Lenné geplante Kurpark. Daneben wuchsen Pensionen und Hotels in die Höhe, auch gehobene Wohnhäuser und Villen. Leider sind viele Vertreter gerade des Bautypus Hotel mittlerweile der Substanzerneuerung zum Opfer gefallen. Die Stadt erfreut sich regen Zuzugs von Senioren, und entsprechende Wohnungen werden angeboten. Ihre gestalterische Qualität lässt freilich zu wünschen übrig, doch das ist eine andere Geschichte.

Die staatliche Anerkennung des Heilcharakters der Neuenahrer Quellen erfolgte erstaunlich spät, erst 1927. Seitdem darf sich die Gemeinde Bad Neuenahr nennen. In diesen Zusammenhang gehört ein einzigartiges Bauvorhaben, das zu seiner Zeit wenige Parallelen hat. 1927 schrieb die Kur AG den Wettbewerb für einen neuen Kurkomplex aus. Auch der Kurgartenbereich sollte umgestaltet werden, in seinem Kern eine neue Trinkhalle. Die alte gusseiserne Trinkhalle wurde abgerissen und sogar der Verlauf der Oberstraße verlegt. Damit wollte man die relevanten Einrichtungen zu einer Einheit zusammenzuschließen. Der Wettbewerb hatte deutschlandweit hohe Resonanz. Das Preisgericht setzte sich aus der deutschen Architektur-Avantgarde der 1920er Jahre zusammen – genannt sei nur Ernst May, der zwei Jahre zuvor als Stadtbaurat das Neue Frankfurt ausgerufen hatte.

 

Unter Bauhauseinfluss

Die Wahl fiel auf die Entwürfe von Hermann Weiser. Zu seiner Zeit zählte er durchaus zu den bekannten Architekten. Als Meisterschüler von Peter Behrens, dem Mitbegründer des Deutschen Werkbunds an der Schwelle zur Moderne, war Weiser geprägt von den damaligen Debatten um eine zeitgemäße Architektur.

Ursprünglich plante Weiser einen Komplex, den Kunst- und Reiseführer heute zweifellos unter „Bauhauseinfluss“ verbuchen würden. Er verzichtete auf traditionelle Stilmittel, wählte stattdessen kubische Formen, große Glasflächen und Flachdächer. Kein Bauhaus, aber doch im Geist des Neuen Bauens. Die Ausführung verzögerte sich bis in die 1930er Jahre, begann 1933 und wurde erst 1937 abgeschlossen. Nun fielen die Bauten markant traditioneller aus: Die Gliederung mit Gesimsen und Pfeilern ist eher ein abstrahierter Klassizismus, sogar nahe an Vorstellungen von Behrens aus den 1910er Jahren. Dadurch wird die Nachbarschaft zum klassizistischen Thermal-Badehaus aber umso interessanter!

 

Von seltener Liebenswürdigkeit

In dieser Form ist die Anlage bis heute erhalten, ergänzt in den 1970er Jahren um einen Cafétrakt. Die Große Trinkhalle erhielt eine graphische Deckengestaltung aus abgehängten Betonelementen. Die großen Glasflächen, mit ihrem Ausblick auf den Kurgarten, wurden ausgetauscht. Dabei gerieten die Profile der neuen Kunststoffrahmen natürlich breiter.

Doch unbeschadet solcher zeittypischer Veränderungen spricht auch heute viel vom Geist der Neuen Sachlichkeit. Die Anlage steht in einer Reihe mit einigen wenigen deutschen Ensembles, darunter Bad Mergentheim und Bad Elster. Zwar wurden viele Heilbäder in den 1920er und 1930er Jahren modernisiert, aber derart umfangreiche Neubauten blieben die Ausnahme. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden dann wieder zahlreiche, auch sachlich gestimmte Kuranlagen. Für seine Zeit aber darf Bad Neuenahr – in Qualität und Umfang – eine an Einzigartigkeit grenzende Besonderheit beanspruchen. Die drehbare Konzertmuschel, die nach innen wie nach außen – zum Freiluftkonzert – gerichtet werden kann, ist dabei ein Detail von seltener Liebenswürdigkeit.

 

Von Lenné bis Beton

In Bad Neuenahr ergibt sich der besondere Reiz, die Entwicklung der Badekultur vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ablesen zu können: von den Höhen der Gartengestaltungskunst eines Lenné bis hin zu den Beton-brut-Ergänzungen der jüngeren Vergangenheit. Bislang mag sich die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler noch nicht so recht zu diesem kulturellen Erbe bekennen. Dabei liegen dessen herausragende Eigenschaften schwarz auf weiß vor. Zahlreiche bundesweite Denkmalorganisationen haben einen Appell zur Bewahrung dieses Erbes unterzeichnet. Die Stadt, welche die Anlagen vor einigen Jahren von der Kur AG übernahm, argumentiert verständlicherweise mit Modernisierungsbedarf. Ein Erhalt sei aus technischen Gründen nicht möglich. Hier ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Wichtig ist letztlich die Perspektive. Technische Gutachten könnten prüfen, was machbar ist. Wenn sie freilich als Schlechtachten möglichst viel Schaden nachzuweisen suchen, wird es für das Kulturerbe nicht leichter. Das sind bekannte Prozesse, die sich auch in Bad Neuenahr werden regeln lassen.

 

Modernisieren mit Verstand

Klar ist, dass das Kuren (modern auch: Wellness) heute anderen Abläufen folgt als im 19. Jahrhundert. Schon die 1970er Jahre sind für unsere Ansprüche keine Referenz mehr. Andere Angebote werden heute erwartet. Solche Modernisierungen im Bestand zu ermöglichen, ist aber gerade der Kerngedanke der Denkmalpflege. Sie will nicht museal, sondern lebensbezogen bewahren und – neu – nutzen. Insofern ist hier immer auch Bereitschaft zu Veränderungen und angemessenen Weiterentwicklungen gegeben. Und wenn wirklich einmal gar nichts mehr geht, ist auch eine qualitätvolle Neugestaltung denkbar.

Ob dann allerding eine echte Architekturqualität zu erwarten ist, sei dahingestellt. Die Architektur der Gegenwart entsteht allzu oft als virtuell ansprechende Animation, deren handwerklich-materielle Umsetzung stark zu wünschen übrig lässt. Einem Gropius wäre es jedenfalls nicht eingefallen, Fallrohre mitten über ornamentlose weiße Wandflächen zu führen – wie es allzu oft in unseren Neubauten „Typ Bauhaus“ zu sehen ist. Hinzu kommt, dass in Bad Neuenahr natürlich auch mit einer Verdichtung durch größeres Bauvolumen zu rechnen ist. Damit käme der Ensemblecharakter aus dem Gleichgewicht. Und natürlich würde ein Abriss und Neubau auch für die Parkanlage einigen Stress bedeuten.

 

Weitertrinken!

Ein bisschen Stress, das sei hinzugefügt, ergibt sich schon jetzt: 2019 kommt das Bauhaus-Jubiläum. Ein Jahr lang wird national und international die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts gefeiert, der eben auch die Neuenahrer Bauten nahestehen. Müsste man hieraus nicht Kapital schlagen? 2022, und das ist quasi übermorgen, richtet Bad Neuenahr die Landesgartenschau aus. Sind dann die Bauten im Kurgarten denkmalgerecht ertüchtigt und strahlen in alt-neuem Glanz, als Schmuckstücke von Seltenheitswert? Oder sind sie zumindest als Schau-Baustelle noch in Renovierung, was sich didaktisch ansprechend vermitteln ließe? Die Unterzeichner des genannten Appells hoffen, dass die Bauten stehenbleiben und eine gute Lösung gefunden wird.

Denn unbeschadet aller heute möglichen angenehmen Alternativen, kann in der Großen Trinkhalle dann die Devise gelten: Weitertrinken!

P. S.: Jüngst beschäftigte sich die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kur- und Bädermuseen mit Bad Neuenahr. Auch hier ermunterte man die Stadt zur Bewahrung und Inwertsetzung des Kulturerbes. Das zeigt einmal mehr die Wertschätzung für die Anlagen und soll die Stadt ermutigen, damit konstruktiv-kreativ umzugehen.

München-Perlach, Forschungsbrauerei (Bild: blog-ums-bier.de, 2009)

Die Forschungsbrauerei

von Ralf Giebl mit Daniel Bartetzko (18/4)

Wer die Forschungsbrauerei in München-Perlach besucht, der tut dies eigentlich nur aus einem einzigen Grund: wegen des außergewöhnlichen Bieres. Doch am Ende dieses Beitrags sind hoffentlich noch ein paar weitere Gründe für einen Ausflug in die Unterhachinger Straße 78 hinzugekommen. Denn schon 1930, noch bevor Perlach zu München gehörte, wurde hier die Forschungsbrauerei begründet. Bis 2010 lag der Betrieb in den Händen der Familie Jakob, dann verabschiedete sich Stefan Jakob, der Enkel des Gründers. 2011 übernahmen die Brüder Silbernagl, seit 2016 führt die Wirtsfamilie Achhammer das Bräustüberl kulinarisch. Damit bleiben den Kennern bewährte Bierspezialitäten wie „Pilsissimus“ und der „Blonde Bock“ ebenso erhalten wie die Gebäude und Brauanlagen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts.

„ein Labsal zur körperlichen und seelischen Kräftigung“ (Gottfried Jakob, 27. Mai 1938)

 

Den Anfang machte Gottfried Jakob

Eine Inschrift über dem Eingang zum Sudhaus trägt das Baujahr der Brauerei und die Initialen der Gründer: G(ottfried), H(einrich), Ch(ristfried Jakob), 1936. Schon gegen Ende der 1920er Jahre hatte Gottfried Jakob mit einer 200-Liter-Anlage seine ersten Versuche unternommen – im ausgebauten Keller seines Wohnhauses. Später errichtete er die Brauerei an der heutigen Stelle, um praxisnäher arbeiten zu können. Damit wurde gleichzeitig die Kapazität verzehnfacht: Er konnte nun in einem Brauvorgang 20 Hektoliter „ausschlagen“, wie es in der Fachsprache heißt. Der Raum, in dem heute noch der Zapfhahn zu sehen ist, war damals das erste Perlacher Bräustüberl. Kurz darauf kam ein zweiter Raum hinzu, die heutige Probierstube.

Aus Nördlingen stammend, hatte Gottfried Jakob dort mit 16 Jahren eine Brauerlehre absolviert. Danach erwarb er einen dreifachen Ingenieurstitel in den Fächern Chemie, Maschinenbau und Brauereiwesen. Einen Namen machte er sich spätestens, als er für Binding das erste Brauereilabor aufbaute. In Perlach wollte er dann nach eigenen Vorstellungen und Ansprüchen wissenschaftlich vorgehen, daher der Name „Forschungsbrauerei“. Während seiner Laufbahn konnte Gottfried Jakob über 50 Patente eintragen lassen.

„Auf das Urteil eines unbefangenen Biertrinkers, der das Bier bezahlen muss, ist großer Wert zu legen.“ (Gottfried Jakob, 27. Mai 1938)

 

Im „Schlaraffenland“

Während des Zweiten Weltkriegs war auch in Perlach das Brauen verboten, weil die Gerste als Nahrungsmittel für die Bevölkerung benötigt wurde. Erst 1948 konnte die Familie Jakob die Arbeit wieder aufnehmen – mit einem dünnen „Einfachbier“. 1950 stellte Gottfried Jakob das Forschen ein, gebraut und ausgeschenkt wurde aber weiter von Hand auf der Grundlage seiner Erkenntnisse. 1958, nach dem Tod des Vaters, führte Heinrich Jakob den Betrieb, 2003 pachtete sein Sohn Stefan die Forschungsbrauerei. Fast unverändert erhalten blieb das Bräustüberl, das Gottfried Jakob als „Prüfstelle“ seiner Erzeugnisse durch die Gäste eingerichtet hatte. Die Ausmalung der holzverkleideten Räume hatte der Kunstmaler W. Erlacher übernommen, der Märchenmotive wie die Geschichte vom „Tischlein deck dich“ oder das „Schlaraffenland“ auswählte.

Spätere bauliche Zusätze, z. B. die Erweiterung des Sudhauses von 1974, sind deutlich ablesbar – etwa am feuerwehrroten Läuterbottich und an der großen Frontscheibe. Gebraut wird hier natürlich nach dem Reinheitsgebot. Das geht in Bayern gar nicht anders. Die Braukunst besteht unter anderem darin, die Stärke aus dem Malz in vergärbaren Zucker zu verwandeln – ohne die Zugabe von Fremdzucker. Damit das Bier aber immer in gleicher Qualität angeboten werden kann, muss man beim Sud jeweils die unterschiedlichen Ernten ausgleichen: vom Schroten über das Einmaischen und Läutern bis hin zum Kochen der Würze, zum Ausschlagen und zur Hefegabe.

„Wie schön ist doch die Harmonie / der Praxis mit der Theorie.“ (Direktor Lense, Hofbraurat München, im Stammbuch der Forschungsbrauerei)

 

Mit gutem Münchner Trinkwasser

Für die untergärigen Spezialbiere der Forschungsbrauerei wird ausschließlich Gerstenmalz verwendet. Hinzu kommt Naturhopfen aus der Region, keine Spur von Hopfenextrakt wie in Großbrauereien. Das Wasser stammt aus dem lokalen Trinkwassernetz. Früher hatte Gottfried Jakob noch einen eigenen Brunnen, aber inzwischen ist der Grundwasserspiegel zu weit abgesunken. Zudem wäre die Aufbereitung und Kontrolle für einen kleinen Betrieb zu aufwändig. Und das Münchner Trinkwasser passt mit seiner mittleren Härte hervorragend für die kräftigen Biere der Forschungsbrauerei.

Der Keller ist der Ort für die Hauptgärung, Nachgärung, Reifung und Lagerung. Alles eigentlich genau so, wie man es bei vielen Brauereiführungen schon gesehen hatte. Doch viele Details der technischen Anlagen versetzen den Besucher auf eine Zeitreise in die Anfangsjahre der Bundesrepublik. Denn in Perlach wurde nur das modernisiert, was unbedingt erforderlich war. Vieles blieb bis 2010 (fast) im Originalzustand, den die Brüder Silbernagel dann noch einmal behutsam erneuerten und ergänzten.

„Es leb der edle Gerstensaft / und der, der ihn gebraut. / Der Jakob hat’s weiß Gott geschafft / und hat ihn nicht versaut.“ (W. G. Thomas und Dr. Markert, im Stammbuch der Forschungsbrauerei)

 

Auf Lager

Der „Blonde Bock“ nach der Originalrezeptur von Gottfried Jakob, inzwischen ganzjährig erhältlich, wird zur Starkbierzeit im Frühjahr besonders stark eingebraut – mit 7,5 Prozent Alkohol und 19,5 Prozent Stammwürze. Vorher lagert er vier bis fünf Monate bei rund null Grad Celsius, um den vollen Geschmack zu entwickeln. Als zweite Spezialität wird in Perlach ein helles Exportbier angeboten unter dem schönen Namen „Pilsissimus“ (von Gottfried Jakob entwickelt als Steigerung eines Pils) – mit 5,2 Prozent Alkohol und 13,4 Prozent Stammwürze.

Bis 2010 war die Forschungsbrauerei ein rein untergäriger Betrieb, danach erweiterten die Brüder Silbernagl das untergärige Sortiment um Dunkles Exportbier, Helles Vollbier und ein saisoales Festbier. Dazu kamen noch ein Hefe-Weißbier und im Winter ein Weißbier Bock. Auf das Flaschenbier aus dem Brauereiverkauf gibt es eine vergleichsweise kurze Haltbarkeit von zwei bis drei Monaten. Das liegt u. a. daran, dass die Flaschen in den Wohnhäusern der Käufer natürlich bei deutlich höherer Temperatur herumstehen. Aber die Biere der Forschungsbrauerei wollen ohnehin weniger gelagert, als vielmehr getrunken werden.

 

Entenflötenkessel (Bild: Jameson & Taylor, amazon.de)

Der Entenflötenkessel

von Karin Berkemann (18/4)

Es ist eine peinliche Geschichte. Stellen Sie sich vor, rein hypothetisch, wir hätten die frühen 1990er Jahre und Sie studierten Theologie im Westfälischen. Sie kaufen mit den Eltern im größten Supermarkt der Umgebung die Erstgarnitur. Und da steht er, an einem der endlosen Gänge: der Entenflötenkessel. Ein Heißwasserbereiter in bunter Vogelform, dessen Kopf am Siedepunkt zu pfeifen beginnt. Gesehen, gekauft, geliebt. Nie wurde Erdbeerschwarztee zu Räucherstäbchen stilvoller zubereitet. Erst Jahre später wurde unserer Protagonistin bewusst, dass sie damals auf absinkendes Kulturgut hereingefallen war. Denn am Anfang einer langen Kette von Designs und Raubkopien stand eine postmoderne Designikone.

 

Die großen Italiener

Für Puristen mag der Großvater des Supermarktentenkessels 1984/85 nicht minder kitschig angemutet haben: Damals entwarf der amerikanische Architekt und Designer Michael Graves (1934-2015) für Alessi ein chromglänzendes Etwas. So weit, so italienisch. Ähnlich hatte schon 1983 der deutsch-italienische Designer Richard Sapper (1932-2015) die Kesselform reduziert und mit einem goldfarbenen Pfeifenstück aufgefrischt. Doch mit der Punkteverzierung am Fuß, dem wolkig blauen Griff und vor allem mit dem roten Vögelchen als Dampfpfeife verließ Graves den akzeptierten Formenkanon. Erst drei Jahre zuvor hatte er mit dem Portland Building ähnlich tief in die gerade entstehende Stilkiste der Postmoderne gegriffen. Auf einmal tauchten Vokabeln wie „verspielt“ oder „ironisch“ in den Beschreibungen auf. Architektur war auf dem Umweg über das Geschirr aus der Verpflichtung zur Ernsthaftigkeit entlassen worden.

 

Geschirr ist die bessere Architektur

Wie bei den Wasserkesseln wurde bei Alessi auch das weiterführende Geschirr in die Hände von Architekten gegeben. Der vom postmodernen Städtebau so geliebte Begriff Piazza hatte auf das Design übergegriffen. Mit dem Werbeprogramm „Tea & Coffee Piazza“ entstanden 1983 Entwürfe, die Alessi Weltruhm einbrachten. Keine Geringeren als die Brüder Castiglione, Richard Sapper, Enzo Mari, Philippe Starck, Aldo Rossi, Charles Jencks, Bouroullecs, Hans Hollein, Jasper Morisson, Robert Venturi, Richard Meier und wieder Michael Graves ließen sich mit ihren versilberten Kaffee- und Teegarnituren nicht lumpen. 2003 führten Alessi das Programm unter dem Namen „Tea & Coffee Towers“ mit Erfolg fort. Teils hat man den Eindruck, die großen Baumeister wollten über den Umweg des Designs – und von den schnöden Zwängen der Statik und Bewohnbarkeit befreit – ihre Architektur in Szene zu setzen. Letztlich ging es nicht mehr darum, aus den Tassen auch Tee und Kaffee trinken zu können. Die Funktion hatte der Form zu folgen, und sie tat es mit Bravour.

 

Bunt ist Trumpf

1982 war es eine Frau, die Erste ihrer Art beim Traditionshersteller Rosenthal, die Farbe aufs postmoderne Porzellan brachte. Mit der Serie „Flash one“ ließ die amerikanische Malerin und Bildhauerin Dorothy Hafner (* 1952) gemusterte Blitze über Teller, Tassen, Kannen und Dosen zucken. So mancher bundesdeutsche Kaffeetrinker dürfte mitgezuckt haben. Denn hier wurde nicht nur bunt dekoriert, hier wurden klassische Formen aufgebrochen: Auch der Tassenhenkel, der Kannendeckel und der Tellerrand folgten den Blitzverläufen. Wie es die Architekten bei Alessi zeitgleich vormachten, brachte eine Künstlerin ihre ganz eigenen Mittel der Formgestaltung ein. Im Fall von Rosenthal war das Ergebnis etwas alltagstauglicher. Immerhin mussten die Dinge am Ende in Küchenschrank und Geschirrspüler passen. Die Gratwanderung ist Hafner nachweislich gelungen: Heute ist das hochwertig gearbeitete Service, das nicht mehr produziert wird, in Sammlerkreisen heiß begehrt.

 

Italien im Herzen

Was Rosenthal an Farbenfreude vorweisen konnte, machte ein Mitbewerber durch mediterranes Lebensgefühl wieder wett. Das westfälische Traditionsunternehmen wusste sehr genau, dass man in den 1970er Jahren mit dem Namen „Glaskoch“ kaum internationale Kundschaft locken konnte. So brachten es 1972 die italienisch klingende Serie „Leonardo“ auf den Markt, wählten eine duftige Wolke als Logo – und dominierte über Jahrzehnte den Sektor „Verlegenheitspräsente für Mädchengeburtstage und Hauseinweihungen“. Ob Kalte-Ente-Krug oder Longdrinkglas, schon der Aufdruck (oder Aufkleber) in der speziellen Wolkenform machte aus Glas ein willkommenes Geschenk. Den passenden Wolken-„Rührer“ gab es dazu, wobei man aus diesen Gläsern zu selten etwas trank, das tatsächlich hätte gerührt werden müssen. Wieder war es Michael Graves, der das beliebte Sortiment 1996 um ein edles, wertiges Stück Design ergänzte: die gläserne Kanne mit eingebautem Stövchen. Ironische Details wie die an Niki de Saint Phalle erinnernden Rundungen oder das Teeei an der kleinen stählernen Kurbel machen daraus bis heute eine (teure) Freude.

 

Aus der Zeit gefallen

Zwischenzeitlich war der Wasserkessel längst zu seinem eigenen Anachronismus geraten. Vom offenen Feuer auf den Kohle- und Gasofen auf die Elektro- und später Induktionsherdplatte verlief der technische Weg schneller als der gestalterische. Am Ende, beim elektrischen Wasserkocher angelangt, führte Alessi die Ironie seines Klassikers konsequent fort: Der Flötenkessel wurde – ähnlich wie Graves die Kanne mit dem Stövchen verband – auf eine verkabelte Heizplatte gesetzt. Schon in den 1980er und 1990er Jahren war es dem klassischen Teeei, teils auch der Teeeizange, ähnlich ergangen. Das Behältnis für die Teeblätter nahm die Form einer Miniatur-Kanne an. Oder eines Hauses oder einer Rakete oder einer Ente. Bei einem schwimmenden Wassertier ließ sich das Bild zumindest in Teilen nachvollziehen. Heute können Sie solche Späße in gelbem Kunststoff erwerben, z. B. als „Yellow Submarine“. Herrlich zu verschenken und anzuschauen, wen der leichte Gummigeschmack des Tees nicht stört. Aber (s. o.) um die Funktion geht es ja nicht.

 

Für irgendwas wird’s gut sein

Da wären wir wieder beim Entenkessel angekommen. Als sich Teeei und Heißwasserbereiter längst als Designobjekte verselbständigt hatten, war der Weg vom Prestigeobjekt zum Spaßteil nicht mehr weit. Aus der Vogelpfeife wurde ein ganzer Kessel in Tierform. Heute finden Sie in den Bau- und Supermärkten wassertragende Elefanten, Kühe, Giraffen und sogar Fußbälle. Geschirrkundler könnten dieser Assoziationskette sicher noch vieles hinzufügen. Die Bedeutung des Symboltiers Ente in der chinesischen Teekultur. Die Geschichte des Kesselwesens vom Mittelalter bis zum Bauhaus. Oder die lange verkannte teetrinkende Seite von Corbu und Co. Die Protagonistin unserer Einleitung jedenfalls hat sich fest vorgenommen, dem Entenkessel im elterlichen Keller nachzuspüren. Denn pfeifen konnte er, wohl das Attentat eines lärmempfindlichen Wohnheimkollegen, schon früh nicht mehr. Aber dekorativ war er weiterhin. Vielleicht wäre da der Lösungsweg der 1970er/1980er Jahre geeignet: In alles, was nicht mehr tut, was es einmal tun sollte, kann man immer noch Geranien pflanzen.

Titelmotiv: Entenflötenkessel (Bild: Jameson & Taylor, amazon.de)

Berlin, ehemalige Coca-Cola-Zentrale (Bild: Sukuru, CC0, 2013)

Opa und die Colafabrik

Erinnerungen von Reiner Kolodziej (18/4)

Als ich zehn Jahre alt war, Mitte der 1950er Jahre, da war eine Flasche Coca-Cola ein Luxus. Mein Großvater Hermann Klein hatte damals in Berlin ein kleines Fuhrunternehmen. Nach dem Krieg waren es hauptsächlich Schuttfahrten, mit denen er sein Geld verdiente. Schutt gab es zu dieser Zeit ja reichlich. Schon im jüngsten Schulalter durfte ich in den Ferien Opa bei seiner Arbeit begleiten. Meine größte Freude war es, wenn ich nach dem Abladen beim Runterfahren vom Müllberg den Lenker halten durfte, während Opa sich eine Zigarre anzündete. Als die Schuttfahrten weniger wurden, lebte die Firma hauptsächlich von Umzügen und Möbeltransporten. 1956 kam dann Coca-Cola ins Spiel. Opa wurde beauftragt, die Colaflaschen von der Abfüllanlage in der Hildburghauser Straße an Geschäfte auszuliefern. Ich weiß eigentlich nicht, wie dieser Auftrag zustande kam, ob Coca-Cola die große Nachfrage noch nicht mit eigenen Lastwagen bedienen konnte. Egal, es war eine schöne Zeit, und die Cola schmeckte. Ich glaube, ich konnte so viel davon trinken, wie ich wollte.

 

Coca-Cola zu den Olympischen Spielen

Schon 1929 eröffnete die erste deutsche Coca-Cola-Niederlassung in Essen – an den Krupp-Fabriken, dort, wo man die meisten durstigen Kehlen vermutete. Der Verkauf in Berlin startete 1935 über sieben selbstständige Konzessionäre. Coca-Cola, hergestellt in Berlin, gab es dann ein Jahr später. Der Eröffnungstag der Olympischen Spiele 1936 war zugleich der erste Auslieferungstag der kurz zuvor eröffneten, ersten Coca-Cola-Abfüllanlage in der Hauptstadt. Diese befand sich in einem ehemaligen Brauereigebäude an der Hildburghauser Straße 224. Von hier aus wurden nun die Teilnehmer und Besucher der Olympischen Spiele beliefert. Schon drei Jahre später meldete man den Verkauf von 200.000 Kisten Coca-Cola aus Berlin.

 

Eine neue Firmenzentrale in Berlin

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Abfüllanlage bald lahmgelegt – durch den Rohstoffmangel, vor allem durch den fehlenden Zucker. Nach der Zerstörung durch Bombentreffer begann direkt nach Kriegsende der Wiederaufbau. 1948 wurde der Betrieb wieder aufgenommen, um die GIs mit dem Lieblingsgetränk ihrer Heimat zu verwöhnen. In den folgenden Jahren gab es dann auch wieder Cola für die Deutschen und damit einen rasanten Aus- und Neubau der Anlagen in der Hildburghauser Straße. 1957 wurde mit einem neuen Verwaltungs- und Produktionsgebäude begonnen. Die alten Liegenschaften der ehemaligen Brauerei mussten weichen. In den folgenden Jahren stiegen die Produktionszahlen. Als 1960 die Schultheiss Brauerei AG die Abfüllanlage übernahm, wurden jährlich 1,3 Millionen Kisten Coca-Cola (zu je 24 Flaschen) abgefüllt und vertrieben.

 

Billy Wilder kommt

1961 war es dann der Regisseur Billy Wilder, der mit seiner Filmkomödie „Eins, Zwei, Drei“ auf die Abfüllanlage in der Hildburghauser Straße aufmerksam machte. Der Film wurde kurz vor dem Mauerbau begonnen und hatte die Coca-Cola-Erschließung hinter dem Eisernen Vorhang zum Inhalt. Außenaufnahmen zeigten das Verwaltungsgebäude und den Schauspieler Horst Buchholz, wie er mit einem Motorrad von der Hildburghauser Straße abfährt. Wegen dieses politischen Hintergrunds fand der Kinofilm zunächst weder in den USA noch in Deutschland Zuspruch. So bezeichnete ihn zum Beispiel die BZ damals als den „scheußlichsten Film über Berlin“. Doch als er 1985 in Frankreich und Deutschland wiederaufgeführt wurde, entwickelte er sich insbesondere in West-Berlin zum Publikumshit.

Währenddessen expandierte das Geschäft mit der Limonade weiter. Es wurde nicht nur Coca-Cola produziert, auch Marken wie Fanta, Sprite, Mezzo-Mix liefen über die Abfüllanlage. 1969 kaufte Schultheiss das angrenzende Grundstück der ehemaligen Gewächshausfirma Böttcher und Eschenhorn dazu und baute weitere Lagerhallen. Neue Ein- und Ausfahrten entstanden, was die Anwohner in der Hochstraße begrüßten.

 

Jetzt werden hier Autos geprüft

Der LKW-Lärm reduzierte sich zwar, aber der Alltagslärm einer so großen Anlage war weiterhin eine Belastung. So waren auch die Anwohner der Hochstraße nicht gerade traurig, als 1994 die letzte Kiste Coca-Cola vom Band lief und die Produktion nach Hohenschönhausen verlagert wurde. Noch einmal wurde das inzwischen in die Jahre gekommene Gebäude Kulisse für eine Komödie. Wolfgang Beckers „Good Bye Lenin“ machte davon Gebrauch.  2010, nach 16 Jahren der Verwilderung, kehrte erneut Leben in das denkmalgeschützte Gebäude ein. Seit 2011 werden hier keine Flaschen mehr befüllt, sondern Autos geprüft.

Titelmotiv: Berlin, ehemalige Coca-Cola-Zentrale (Bild: Sukuru, CC0, 2013)

 

Zum Weiterlesen

Gräwe, Christina, Spurensuche. Hans Simon (1909-1982), in: Baunetzwoche 302, Januar 2013.

Schmiedeke, Sabine, Die ehemalige Coca-Cola-Abfüllfabrik in Lichterfelde-Ost , auf: berlin.de, Denkmal des Monats Juni 2012.

Kolodziej, Reiner, „Coke“ aus der Hildburghauser Straße. Die Lichterfelder Coca-Cola-Story, auf: petrus-giesendorf.de, Januar 2011 (hier wurde der obige Text erstmals veröffentlicht).

Regensburg, Milchpilz (Bild: © Hendrik Bohle, thelink.berlin)

„Ernst gibt es genug“

der Fotograf und Architekt Hendrik Bohle über den Regensburger Milchpilz (18/4)

Der Milchpilz steht nicht im Verdacht, im Geist der Bauhaus-Bewegung entstanden zu sein. Eher denkt man an die Märchenparks der 1950er Jahre. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, war der Berliner Architekt und Fotograf Hendrik Bohle auf einer Stippvisite in Regensburg schockverliebt in den rot-weiß-getupften Kiosk: „Ernste Architektur gibt es genug“, kommentiert er die selbstbewusste Farbgebung. Als Mitherausgeber des E-Magazins „the link“ ist er es gewohnt, Inkunabeln der Architekturmoderne in Szene zu setzen. Nach seiner Einschätzung kann der Regensburger „Schwammerl“, das „Stehcafé“ im Milchpilz, da locker mithalten. moderneREGIONAL sprach mit Bohle, was für ihn das Besondere an dieser etwas anderen Trinkhalle ausmacht.

moderneREGIONAL: Herr Bohle, als Architekt und Fotograf haben Sie viel mit richtig guten, ernsthaften Bauten zu tun. Warum ist ausgerechnet ein pilzförmiger Kiosk so beliebt?

Hendrik Bohle: Beinahe jeder erinnert sich gerne an früher. Das müssen eben nicht die verklärenden „guten, alten Zeiten“ sein. Wieso nicht ein märchenhafter Fliegenpilz aus den Träumen der Kindheit? Einer Zeit in der der Tag mit einem richtig kalten Glas Milch begann. Um den Milchkonsum besonders bei den Kleinen anzukurbeln, wählte die Firma Hermann Waldner KG in den 1950er-Jahren ganz geschickt eine Behausung, in der Wichtel und Elfen wohnen. Da konnte es doch nur Gutes geben. Den Passanten zaubert der knallige Schirmling auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht. Wie sympathisch.

mR: Der Namen „Milchpilz“ war sogar gesetzlich geschützt.

HB: Eine frühe Form des Brandings. Milchhäuschen waren bis zum Ersten Weltkrieg besonders in der rheinisch-westfälischen Industrieregion weit verbreitet. In den 1950ern wollte Waldner daran anknüpfen. Sie lieferten den hölzernen Kiosk fertig montiert und vollausgestattet mit Kühlschrank, Sahne- und Eismaschine. Ihre Milchpilze waren äußerst beliebt. Etwa 50 Stück wurden neben Deutschland auch nach Österreich, in die Schweiz, nach Italien und ins entfernte Griechenland geliefert. Überdauert haben leider nur wenige.

mR: Ein Milchpilz kam 1954 nach Regensburg. Seit 2003 steht er unter Denkmalschutz. Heute gibt es hier auch Kaffee zu kaufen. Was bevorzugen Sie?

HB: Einen Espresso. Kurz und heiß gebrüht. Maximal mit Milchschaumhäubchen.

mR: Und das schmeckt besser unter einem Pilz-Dach?

HB: Wichtig ist mir, sich Zeit zu nehmen, inne zu halten und sich hin und wieder eine Pause zu gönnen. Auch wenn es nur ein schneller Espresso ist. Gerne dann auch geschützt unter einem Milchpilz zu einem kurzen Schnack an der Theke. Ich habe nie den Sinn verstanden, kulturlos mit einer Pappe durch die Gegend zu laufen oder mit einem Thermobecher für das gute Gewissen.

mR: Seit 1961 verkauft die Modellfirma Faller den „Pilzkiosk“. Die Grenzen zwischen den Genres scheinen fließend.

HB: Architekturen kehren zurück und Märchenwelten scheinen die Baukunst oder ganze Städte zu inspirieren. Augmented Reality überlagert den öffentlichen Raum. Früher war es Las Vegas, heute ist es Dubai. Die Zeiten des kompromisslosen Funktionalismus, der Nüchternheit und Strenge scheinen vorbei. In der Architektur ist heute beinahe alles möglich dank smarter Technik sowie neuer Planungs- und Produktionsmethoden. Manchmal geht mir das zu theatralisch, selbstverliebt und effekthascherisch zu, aber insgesamt finde ich das bereichernd. Es muss nur darauf geachtet werden, die Balance zwischen Inszeniertem, handwerklicher Qualität und gestalterisch Überzeugendem zu halten.

mR: Doch immer mehr Kioske verschwinden aus den Städten.

HB: Nicht zuletzt weil den Betreibern immer mehr genehmigungsrechtliche Hürden in den Weg gelegt werden. Das finde ich fahrlässig. Die Büdchen sind für viele mehr als nur ein Ort des schnellen Kaffees, des Biers oder der Curry-Wurst. Sie sind ein wichtiger Treffpunkt im Kiez, ein Stück Heimat zum Plaudern und Diskutieren. Die Betreiber sehen sich oftmals als Seelsorger und Vermittler. Da spielt auch sehr viel Emotionalität eine Rolle. Deshalb sollten sie gepflegt werden.

mR: Und was haben die Nicht-Kiosk-Gänger davon?

Kioske beleben den Stadtraum. Der öffentliche Raum ist viel wichtiger als jedes einzelne Gebäude. In Lissabon beispielsweise hat man ihren Wert bereits erkannt. Viele der historischen Kioske wurden in den letzten Jahren restauriert und revitalisiert. Mittlerweile stehen sie in jedem Reiseführer, sind aber eben auch bei den Einheimischen weiterhin sehr beliebt. Im MoMa erlebt gerade der legendäre Kiosk K67 des slowenischen Architekten und Designers Saša J. Mächtig sein Revival. In Berlin-Kreuzberg wurde sogar eine restaurierte Variante als „Kioski“ neu eröffnet. Der öffentliche Raum sollte nicht leergeräumt und mit Werbung zu geräumt werden. Wir brauchen auch zukünftig eine niedrigschwellige Vielfalt für alle, denen eine demokratische Stadt wichtig ist.

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Hendrik Bohle ist Projektarchitekt, Stadtforscher und Autor. Sein Studium führte den gebürtigen Bielefelder nach Hannover, Cottbus, Berlin. Erschienen sind seine Architekturführer Istanbul, Vereinigte und Arabische Emirate erschienen, alle mit dem Journalisten Jan Dimog. Gemeinsam geben Sie die Onlinepublikation „THE LINK“ heraus, die Architektur und Reisen verbindet.