Entenflötenkessel (Bild: Jameson & Taylor, amazon.de)

Der Entenflötenkessel

von Karin Berkemann (18/4)

Es ist eine peinliche Geschichte. Stellen Sie sich vor, rein hypothetisch, wir hätten die frühen 1990er Jahre und Sie studierten Theologie im Westfälischen. Sie kaufen mit den Eltern im größten Supermarkt der Umgebung die Erstgarnitur. Und da steht er, an einem der endlosen Gänge: der Entenflötenkessel. Ein Heißwasserbereiter in bunter Vogelform, dessen Kopf am Siedepunkt zu pfeifen beginnt. Gesehen, gekauft, geliebt. Nie wurde Erdbeerschwarztee zu Räucherstäbchen stilvoller zubereitet. Erst Jahre später wurde unserer Protagonistin bewusst, dass sie damals auf absinkendes Kulturgut hereingefallen war. Denn am Anfang einer langen Kette von Designs und Raubkopien stand eine postmoderne Designikone.

 

Die großen Italiener

Für Puristen mag der Großvater des Supermarktentenkessels 1984/85 nicht minder kitschig angemutet haben: Damals entwarf der amerikanische Architekt und Designer Michael Graves (1934-2015) für Alessi ein chromglänzendes Etwas. So weit, so italienisch. Ähnlich hatte schon 1983 der deutsch-italienische Designer Richard Sapper (1932-2015) die Kesselform reduziert und mit einem goldfarbenen Pfeifenstück aufgefrischt. Doch mit der Punkteverzierung am Fuß, dem wolkig blauen Griff und vor allem mit dem roten Vögelchen als Dampfpfeife verließ Graves den akzeptierten Formenkanon. Erst drei Jahre zuvor hatte er mit dem Portland Building ähnlich tief in die gerade entstehende Stilkiste der Postmoderne gegriffen. Auf einmal tauchten Vokabeln wie „verspielt“ oder „ironisch“ in den Beschreibungen auf. Architektur war auf dem Umweg über das Geschirr aus der Verpflichtung zur Ernsthaftigkeit entlassen worden.

 

Geschirr ist die bessere Architektur

Wie bei den Wasserkesseln wurde bei Alessi auch das weiterführende Geschirr in die Hände von Architekten gegeben. Der vom postmodernen Städtebau so geliebte Begriff Piazza hatte auf das Design übergegriffen. Mit dem Werbeprogramm „Tea & Coffee Piazza“ entstanden 1983 Entwürfe, die Alessi Weltruhm einbrachten. Keine Geringeren als die Brüder Castiglione, Richard Sapper, Enzo Mari, Philippe Starck, Aldo Rossi, Charles Jencks, Bouroullecs, Hans Hollein, Jasper Morisson, Robert Venturi, Richard Meier und wieder Michael Graves ließen sich mit ihren versilberten Kaffee- und Teegarnituren nicht lumpen. 2003 führten Alessi das Programm unter dem Namen „Tea & Coffee Towers“ mit Erfolg fort. Teils hat man den Eindruck, die großen Baumeister wollten über den Umweg des Designs – und von den schnöden Zwängen der Statik und Bewohnbarkeit befreit – ihre Architektur in Szene zu setzen. Letztlich ging es nicht mehr darum, aus den Tassen auch Tee und Kaffee trinken zu können. Die Funktion hatte der Form zu folgen, und sie tat es mit Bravour.

 

Bunt ist Trumpf

1982 war es eine Frau, die Erste ihrer Art beim Traditionshersteller Rosenthal, die Farbe aufs postmoderne Porzellan brachte. Mit der Serie „Flash one“ ließ die amerikanische Malerin und Bildhauerin Dorothy Hafner (* 1952) gemusterte Blitze über Teller, Tassen, Kannen und Dosen zucken. So mancher bundesdeutsche Kaffeetrinker dürfte mitgezuckt haben. Denn hier wurde nicht nur bunt dekoriert, hier wurden klassische Formen aufgebrochen: Auch der Tassenhenkel, der Kannendeckel und der Tellerrand folgten den Blitzverläufen. Wie es die Architekten bei Alessi zeitgleich vormachten, brachte eine Künstlerin ihre ganz eigenen Mittel der Formgestaltung ein. Im Fall von Rosenthal war das Ergebnis etwas alltagstauglicher. Immerhin mussten die Dinge am Ende in Küchenschrank und Geschirrspüler passen. Die Gratwanderung ist Hafner nachweislich gelungen: Heute ist das hochwertig gearbeitete Service, das nicht mehr produziert wird, in Sammlerkreisen heiß begehrt.

 

Italien im Herzen

Was Rosenthal an Farbenfreude vorweisen konnte, machte ein Mitbewerber durch mediterranes Lebensgefühl wieder wett. Das westfälische Traditionsunternehmen wusste sehr genau, dass man in den 1970er Jahren mit dem Namen „Glaskoch“ kaum internationale Kundschaft locken konnte. So brachten es 1972 die italienisch klingende Serie „Leonardo“ auf den Markt, wählten eine duftige Wolke als Logo – und dominierte über Jahrzehnte den Sektor „Verlegenheitspräsente für Mädchengeburtstage und Hauseinweihungen“. Ob Kalte-Ente-Krug oder Longdrinkglas, schon der Aufdruck (oder Aufkleber) in der speziellen Wolkenform machte aus Glas ein willkommenes Geschenk. Den passenden Wolken-„Rührer“ gab es dazu, wobei man aus diesen Gläsern zu selten etwas trank, das tatsächlich hätte gerührt werden müssen. Wieder war es Michael Graves, der das beliebte Sortiment 1996 um ein edles, wertiges Stück Design ergänzte: die gläserne Kanne mit eingebautem Stövchen. Ironische Details wie die an Niki de Saint Phalle erinnernden Rundungen oder das Teeei an der kleinen stählernen Kurbel machen daraus bis heute eine (teure) Freude.

 

Aus der Zeit gefallen

Zwischenzeitlich war der Wasserkessel längst zu seinem eigenen Anachronismus geraten. Vom offenen Feuer auf den Kohle- und Gasofen auf die Elektro- und später Induktionsherdplatte verlief der technische Weg schneller als der gestalterische. Am Ende, beim elektrischen Wasserkocher angelangt, führte Alessi die Ironie seines Klassikers konsequent fort: Der Flötenkessel wurde – ähnlich wie Graves die Kanne mit dem Stövchen verband – auf eine verkabelte Heizplatte gesetzt. Schon in den 1980er und 1990er Jahren war es dem klassischen Teeei, teils auch der Teeeizange, ähnlich ergangen. Das Behältnis für die Teeblätter nahm die Form einer Miniatur-Kanne an. Oder eines Hauses oder einer Rakete oder einer Ente. Bei einem schwimmenden Wassertier ließ sich das Bild zumindest in Teilen nachvollziehen. Heute können Sie solche Späße in gelbem Kunststoff erwerben, z. B. als „Yellow Submarine“. Herrlich zu verschenken und anzuschauen, wen der leichte Gummigeschmack des Tees nicht stört. Aber (s. o.) um die Funktion geht es ja nicht.

 

Für irgendwas wird’s gut sein

Da wären wir wieder beim Entenkessel angekommen. Als sich Teeei und Heißwasserbereiter längst als Designobjekte verselbständigt hatten, war der Weg vom Prestigeobjekt zum Spaßteil nicht mehr weit. Aus der Vogelpfeife wurde ein ganzer Kessel in Tierform. Heute finden Sie in den Bau- und Supermärkten wassertragende Elefanten, Kühe, Giraffen und sogar Fußbälle. Geschirrkundler könnten dieser Assoziationskette sicher noch vieles hinzufügen. Die Bedeutung des Symboltiers Ente in der chinesischen Teekultur. Die Geschichte des Kesselwesens vom Mittelalter bis zum Bauhaus. Oder die lange verkannte teetrinkende Seite von Corbu und Co. Die Protagonistin unserer Einleitung jedenfalls hat sich fest vorgenommen, dem Entenkessel im elterlichen Keller nachzuspüren. Denn pfeifen konnte er, wohl das Attentat eines lärmempfindlichen Wohnheimkollegen, schon früh nicht mehr. Aber dekorativ war er weiterhin. Vielleicht wäre da der Lösungsweg der 1970er/1980er Jahre geeignet: In alles, was nicht mehr tut, was es einmal tun sollte, kann man immer noch Geranien pflanzen.

Titelmotiv: Entenflötenkessel (Bild: Jameson & Taylor, amazon.de)