Regensburg, Milchpilz (Bild: © Hendrik Bohle, thelink.berlin)

„Ernst gibt es genug“

der Fotograf und Architekt Hendrik Bohle über den Regensburger Milchpilz (18/4)

Der Milchpilz steht nicht im Verdacht, im Geist der Bauhaus-Bewegung entstanden zu sein. Eher denkt man an die Märchenparks der 1950er Jahre. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, war der Berliner Architekt und Fotograf Hendrik Bohle auf einer Stippvisite in Regensburg schockverliebt in den rot-weiß-getupften Kiosk: „Ernste Architektur gibt es genug“, kommentiert er die selbstbewusste Farbgebung. Als Mitherausgeber des E-Magazins „the link“ ist er es gewohnt, Inkunabeln der Architekturmoderne in Szene zu setzen. Nach seiner Einschätzung kann der Regensburger „Schwammerl“, das „Stehcafé“ im Milchpilz, da locker mithalten. moderneREGIONAL sprach mit Bohle, was für ihn das Besondere an dieser etwas anderen Trinkhalle ausmacht.

moderneREGIONAL: Herr Bohle, als Architekt und Fotograf haben Sie viel mit richtig guten, ernsthaften Bauten zu tun. Warum ist ausgerechnet ein pilzförmiger Kiosk so beliebt?

Hendrik Bohle: Beinahe jeder erinnert sich gerne an früher. Das müssen eben nicht die verklärenden „guten, alten Zeiten“ sein. Wieso nicht ein märchenhafter Fliegenpilz aus den Träumen der Kindheit? Einer Zeit in der der Tag mit einem richtig kalten Glas Milch begann. Um den Milchkonsum besonders bei den Kleinen anzukurbeln, wählte die Firma Hermann Waldner KG in den 1950er-Jahren ganz geschickt eine Behausung, in der Wichtel und Elfen wohnen. Da konnte es doch nur Gutes geben. Den Passanten zaubert der knallige Schirmling auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht. Wie sympathisch.

mR: Der Namen „Milchpilz“ war sogar gesetzlich geschützt.

HB: Eine frühe Form des Brandings. Milchhäuschen waren bis zum Ersten Weltkrieg besonders in der rheinisch-westfälischen Industrieregion weit verbreitet. In den 1950ern wollte Waldner daran anknüpfen. Sie lieferten den hölzernen Kiosk fertig montiert und vollausgestattet mit Kühlschrank, Sahne- und Eismaschine. Ihre Milchpilze waren äußerst beliebt. Etwa 50 Stück wurden neben Deutschland auch nach Österreich, in die Schweiz, nach Italien und ins entfernte Griechenland geliefert. Überdauert haben leider nur wenige.

mR: Ein Milchpilz kam 1954 nach Regensburg. Seit 2003 steht er unter Denkmalschutz. Heute gibt es hier auch Kaffee zu kaufen. Was bevorzugen Sie?

HB: Einen Espresso. Kurz und heiß gebrüht. Maximal mit Milchschaumhäubchen.

mR: Und das schmeckt besser unter einem Pilz-Dach?

HB: Wichtig ist mir, sich Zeit zu nehmen, inne zu halten und sich hin und wieder eine Pause zu gönnen. Auch wenn es nur ein schneller Espresso ist. Gerne dann auch geschützt unter einem Milchpilz zu einem kurzen Schnack an der Theke. Ich habe nie den Sinn verstanden, kulturlos mit einer Pappe durch die Gegend zu laufen oder mit einem Thermobecher für das gute Gewissen.

mR: Seit 1961 verkauft die Modellfirma Faller den „Pilzkiosk“. Die Grenzen zwischen den Genres scheinen fließend.

HB: Architekturen kehren zurück und Märchenwelten scheinen die Baukunst oder ganze Städte zu inspirieren. Augmented Reality überlagert den öffentlichen Raum. Früher war es Las Vegas, heute ist es Dubai. Die Zeiten des kompromisslosen Funktionalismus, der Nüchternheit und Strenge scheinen vorbei. In der Architektur ist heute beinahe alles möglich dank smarter Technik sowie neuer Planungs- und Produktionsmethoden. Manchmal geht mir das zu theatralisch, selbstverliebt und effekthascherisch zu, aber insgesamt finde ich das bereichernd. Es muss nur darauf geachtet werden, die Balance zwischen Inszeniertem, handwerklicher Qualität und gestalterisch Überzeugendem zu halten.

mR: Doch immer mehr Kioske verschwinden aus den Städten.

HB: Nicht zuletzt weil den Betreibern immer mehr genehmigungsrechtliche Hürden in den Weg gelegt werden. Das finde ich fahrlässig. Die Büdchen sind für viele mehr als nur ein Ort des schnellen Kaffees, des Biers oder der Curry-Wurst. Sie sind ein wichtiger Treffpunkt im Kiez, ein Stück Heimat zum Plaudern und Diskutieren. Die Betreiber sehen sich oftmals als Seelsorger und Vermittler. Da spielt auch sehr viel Emotionalität eine Rolle. Deshalb sollten sie gepflegt werden.

mR: Und was haben die Nicht-Kiosk-Gänger davon?

Kioske beleben den Stadtraum. Der öffentliche Raum ist viel wichtiger als jedes einzelne Gebäude. In Lissabon beispielsweise hat man ihren Wert bereits erkannt. Viele der historischen Kioske wurden in den letzten Jahren restauriert und revitalisiert. Mittlerweile stehen sie in jedem Reiseführer, sind aber eben auch bei den Einheimischen weiterhin sehr beliebt. Im MoMa erlebt gerade der legendäre Kiosk K67 des slowenischen Architekten und Designers Saša J. Mächtig sein Revival. In Berlin-Kreuzberg wurde sogar eine restaurierte Variante als „Kioski“ neu eröffnet. Der öffentliche Raum sollte nicht leergeräumt und mit Werbung zu geräumt werden. Wir brauchen auch zukünftig eine niedrigschwellige Vielfalt für alle, denen eine demokratische Stadt wichtig ist.

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Hendrik Bohle ist Projektarchitekt, Stadtforscher und Autor. Sein Studium führte den gebürtigen Bielefelder nach Hannover, Cottbus, Berlin. Erschienen sind seine Architekturführer Istanbul, Vereinigte und Arabische Emirate erschienen, alle mit dem Journalisten Jan Dimog. Gemeinsam geben Sie die Onlinepublikation „THE LINK“ heraus, die Architektur und Reisen verbindet.