Echo vom Bürgersteig

von Stefan Rethfeld (19/3)

Halleluja-Rutsche. Langer Eugen. Schwimmoper. Der Volksmund ist häufig spontan bei seinen Zuschreibungen und vergibt eigene Namen für Bauten: Spitznamen. Architektur wird knapp betitelt, pointiert bewertet, lustvoll beschrieben und dabei sowohl geadelt als auch getadelt. Doch zumeist ist viel Herz dabei. Und obwohl die Namen einfach klingen, beschreiben sie eine ganze Menge. Sie verraten etwas von der Architektur und zugleich etwas über den urteilenden Blick. Ein dankbares Feld für eine große Forschung – oder eine kurze Übersicht.

Vor den Augen der Öffentlichkeit

Spitznamen betiteln zumeist Bauten, die herausragen. Aus einem Meer von Gebautem. Die über eine individuelle Gestalt verfügen und konzeptionell wie künstlerisch eine besondere Schöpfungshöhe erreichen. In ihrer Zeit sind ihre Architekten zumeist ein gestalterisches Risiko eingegangen – vor den Augen der Öffentlichkeit. Die Bauten sind daher Ausdruck gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Neuerungen, ob im Schul- und Krankenhausbau, im Verwaltungs- und Geschäftshausbau, ob bei Kirchen, Kulturbauten oder Wohnhäusern. Spitznamen verstehen sich als eine Erwiderung vom Bürgersteig, ein Echo aus dem Alltag der Gesellschaft. Wie genau Spitznamen entstehen, ist dabei kaum zu rekonstruieren. Ob tatsächlich ein Blick, ein Gespräch, eine zündende Idee im Vorbeigehen der Ausgangspunkt war oder ein guter Zeitungsartikel mit einer knackigen Beschreibung? Nachweisen lässt es sich in den wenigsten Fällen. Und ebenso wenig erzwingen: Wiederholt ist zu verfolgen, dass in Namenswettbewerben zwar Vorschläge prämiert, doch noch lange nicht vom Volksmund übernommen werden.

Spitznamen zählen damit zu den empfindlichen Setzungen. Oftmals erweisen sich alternative Wörter eben nur als Luftwörter, die ziemlich schnell wieder verschwunden sind. So hat sich die „Waschmaschine“ beim Bundeskanzleramt in Berlin bis heute nicht wirklich eingebürgert. Vielmehr handelt es sich bei Spitznamen um so etwas wie Schwarm-Intelligenz. Viele Menschen bilden hierbei eine Art „Superorganismus“ für das eine „Superwort“: ein Prozess, der weder zentral gesteuert noch hierarchisch organisiert ist. Zu den erfolgreichsten Schöpfungen zählt „Erichs Lampenladen“, der seinerzeit den Palast der Republik in Berlin treffend bezeichnete. In gelungene Spitznamen fließen auch Milieubetrachtungen und ein politischer Kommentar mit ein. Gerne amüsiert sich der Normalbürger über eine gewisse Abgehobenheit einer Machtelite. Der Spitzname befreit die Gesellschaft vom verordneten Erscheinungsbild – ihrer selbst und der Gebäude.

Berliner Namenstage

Spitznamen erhalten Bauten, die in ihrer Gestalt von Alltagsbauten abweichen: in der Länge, Breite, Höhe, in ihrer Materialität oder Farbe, in ihrer Konstruktion, in ihrem Raumprogramm, in ihrer öffentlichen Widmung oder in ihrer Entstehungsgeschichte. Welche Rollen spielten Politik und Gesellschaft, Bauherr und Architekt, Zeit und Kosten? Kurzum: Ein Gebäude bietet zumeist viele dankbare Ankerpunkte für Spitznamen. Häufig wirken auch mehrere zusammen. Eine besonders hohe Dichte an Orten mit gelungenen Spitznamen haben in Deutschland sicher die Städte und Regionen, in denen sich sowohl Meinungsfreude im Volk und Experimentierlust in der Architektur in Umbruchzeiten kreuzen. Berlin scheint hier geradezu prädestiniert. Ganze Reiserouten sind entlang von Spitznamen möglich. Vor allem die Bauten der 1950er bis 1970er Jahre zeichnen sich hierbei durch eine große Bandbreite aus.

Eine Strecke könnte führen vom „Bierpinsel“ (Poparchitektur von Ralf Schüler/Ursula Schüler-Witte, Turmgebäude, 1976) zum „Mäusebunker“ (Tierlaboratorium, 1969-72 von Gerd Hänska), von der „Rost- und Silberlaube“ (FU-Institutsgebäude, 1973-82 von Candilis-Josic-Woods mit Manfred Schiedhelm) zum „Raumschiff Enterprise“ (Internationales Congress Centrum von Ralf Schüler und Ursula Schüler-Witte, 1975-79), vom „Bikinihaus“ (Paul Schwebes, Hans Schoszberger, 1955-57) und „Lippenstift und Puderdose“ (Gedächtniskirche, Neubauten von Egon Eiermann, 1959-61) über den „Zirkus Karajani“ (Philharmonie, Hans Scharoun, 1960-63) bis zum „Sozialpalast“ (Wohnblock „Pallasseum“ von Sawade/Frowein/Grötzebach/Plessow, 1974-77). Auch die „Schwangere Auster“ (Kongresshalle von Hugh Stubbins, 1957) liegt ebenso auf dem Weg wie der „Tränenpalast“ (Grenzübergangsstelle von Hans Lüderitz, 1962) und verteilt in mehreren Bezirken die „Melitta-Kirchen“ (verschiedene Architekten, 1970er Jahre).

Taxitauglich

Für Spitznamen sind Sprachbilder notwendig, die eingängig klingen und leicht weitergegeben werden können. Bekannte Vorbilder aus der Natur, der Tierwelt oder dem Haushalt bieten willkommene Formen, die ins Große projiziert werden: In den 1950er und 1960er Jahren wurden so gerade Puderdosen, Nagelfeilen, Lippenstifte und Kaffeefilter zu beliebten Vokabeln, die sich dann als „taxitauglich“ festgesetzt haben.

Deutschlandweit amüsieren wir uns über „Soll und Haben“ in Frankfurt am Main (Zwillingstürme der Deutschen Bank von Walter Hanig, Heinz Scheid und Johannes Schmidt, 1979-84), den „Langen Eugen“ in Bonn (Bürohochhaus von Egon Eiermann, 1966-69), das „Elefantenklo“ in Gießen (Fußgängerüberführung von 1968), die schwungvolle „Schwimmoper“ in Wuppertal (Badeanstalt von Friedrich Hetzelt, 1955-57), den „Affenfelsen“ in Bensberg (Rathaus von Gottfried Böhm, 1963-69) oder den „Weisheitszahn“ in Leipzig (City-Hochhaus von Hermann Henselmann, 1968-72). Dagegen lassen sich ein „langer Jammer“, ein „Weißer Riese“, ein „Bügeleisen“ und diverse „Blechbüchsen“, „Spardosen“ und „Bierkisten“ vielerorts finden.

Häuser ohne Augenbrauen

Ein frühes Beispiel formulierten die Wiener. Als das Loos-Haus am Michaelerplatz 1911 eröffnet wurde, nannten sie es kurzerhand das „Haus ohne Augenbrauen“ – und bezeichneten damit im prachtvollen Wien eine auffallend schmucklose Fassade. Treffsicher markierten sie damit den Startpunkt der Wiener Moderne. Wir dürfen gespannt sein, wie künftige Spitznamen auch hierzulande den Zeitenlauf kommentieren. Die „Halleluja-Rutsche“ (Stephanuskirche) gibt es übrigens in Gelsenkirchen-Buer, gestaltet 1970 nach Entwürfen von Peter Grund.

Titelmotiv: Wuppertal, Schwimmoper (Bild: Matthias Böhm, CC BY SA 4.0, 2015)

ganzes Heft als pdf

Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

Gib mir Tiernamen!

Gib mir Tiernamen!

FACHBEITRAG: Anke von Heyl über faunistische Artenvielfalt.

Im Gotteskäfig

Im Gotteskäfig

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

St. Horten

St. Horten

PORTRÄT: Heinrich Otten über eine „Kaufhaus-Kirche“ in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

„Abhängig von Bildern“

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

Nickname-Bilderrätsel

FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?

So ein Theater

von Alexander Kleinschrodt (19/3)

Eine etwas größere Dorfkirche, noch dazu mit einer Doppelturmfassade, würdigt man im Rheinland gern mit dem Ehrentitel „Dom“. Überregional bekannt wurde 2018 der „Immerather Dom“, die neuromanische Pfarrkirche St. Lambertus im gleichnamigen Stadtteil von Erkelenz. Sie musste dem Tagebau Garzweiler weichen. An diesem Beispiel zeigt sich nur die Spitze eines Eisbergs: Menschen benennen Bauwerke nach anderen Bauwerken. Dabei kommt nicht immer nur Bewunderung zum Ausdruck – und folgt man zunächst der Spur der kleinen rheinischen „Dome“, stößt man auf dasselbe Sprachspiel auch in einer säkularen Variante. Der wahrscheinlich prominenteste Fall findet sich in Hessen: „Gemieskerch“, also Gemüsekirche, nannten die Frankfurter ihre 1928 fertiggestellte Großmarkthalle (heute Europäische Zentralbank) – einen Profanbau von sakralen Ausmaßen.

Kritische Konnotationen 

Die Großmarkthalle entstand nach einem Entwurf von Martin Elsaesser, den Stadtbaurat Ernst May für das Neue Frankfurt angeworben hatte. Der Spruch „Alles neu macht der May – alles besser Elsaesser“ schaffte es als „zeitgenössisches Bonmot“ bis in Wikipedia. Man merkt schon: Hier kommt ein Staunen zum Ausdruck, sicher auch eine gewisse Skepsis. Das gleiche gilt für die „Gemüsekirche“. Dass ein modernes Bauwerk für den Lebensmittelvertrieb solche Dimensionen erhält, würdigt dieser Spitzname mit einer gewissen Hochachtung. Auch die als sakral empfundene Halle hat wohl ihre Spur hinterlassen. Doch wenn der Eindruck nicht täuscht, enthält der Spitzname auch eine kritische Konnotation. Dass dieser Aufwand für einen recht profanen Zweck betrieben wurde, kann eine Irritation bedeutet haben: In diesem Riesenbau wechseln nun also Kartoffeln und eingelegte Gurken den Besitzer? Ist diese Halle, wie man heute sagen würde, ein „Konsumtempel“?

Welche Bedeutungsebene man in den Vordergrund rückt, muss der individuellen Einschätzung vorbehalten bleiben. Die Geschichte der „Gemieskerch“ bliebe aber unvollständig, wirft man nicht einen Blick auf den damaligen Kirchenbau. Denn eben genau seit den 1920er Jahren herrschte Unsicherheit, wie eigentlich eine Kirche auszusehen hat. In Dortmund entstand zwischen 1927 und 1930 die Nicolai-Kirche, deren konstruktive Verwandtschaft mit der Frankfurter Großmarkthalle nicht zu übersehen ist. Auch hier ist der Innenraum bestimmt von einem angeschrägten Stahlbetonrahmen-Tragwerk und Wänden, die in Fensterraster aufgelöst wurden. Peter Grund und Karl Pinno, die diese evangelische Kirche entworfen hatten, sahen sich mit dem keineswegs gegenstandslosen Vorwurf konfrontiert, ihr Bau gleiche einer Industriehalle. Mit der Pointe, dass vermeintliche Zweckbauten dieser Zeit ihrerseits (namentlich) zu Kirchen erhoben werden konnten. So auch in der Dortmunder Nachbarschaft: Die neusachliche Schachtanlage der Zeche Zollverein in Essen (Fritz Schupp/Martin Kremmer, 1928-32) erhielt – wenn auch wohl erst später – die Zuschreibung „Kathedrale der Arbeit“.

Opernhäuser aller Art

Soll ein Gebäude als bemerkenswert markiert werden, dann bietet sich auch ein Vergleich mit Bauwerken der Hochkultur an – die natürlich ihrerseits schon als „Tempel der Kunst“ vorgeprägt sind. Besonders aufschlussreich ist hier das Wuppertaler Stadtbad: Das zwischen 1955 und 1957 von Friedrich Hetzelt errichtete, damals häufig publizierte Haus erhielt den Spitznamen „Schwimmoper“. Ausgangspunkt war hier anscheinend, dass auf dem Johannisberg, wo – neben der historistischen Stadthalle – die „Schwimmoper“ ihren Platz fand, tatsächlich vorübergehend ein Opernhaus geplant war. Nach Fertigstellung der Schwimmhalle erschien der saloppe Spitzname offensichtlich weiter plausibel, er avancierte sogar zur offiziellen Bezeichnung der Sport- und Freizeitstätte. Die großen Tribünen zu beiden Seiten des Wettkampfbeckens erinnern tatsächlich an ein Theater. Auch die städtebauliche Freistellung passt zu der seit dem 19. Jahrhundert beliebten Platzierung von Bauten der Hochkultur. Jene Transparenz, welche die großflächig verglaste Schwimmoper auszeichnet, findet sich dann wenig später in einem benachbarten, auch als Opernhaus genutzten Bau: dem 1959 eröffneten Theater Gelsenkirchen von Werner Ruhnau.

Schon eine schnelle Recherche zeigt, dass es in Deutschland weitere „Schwimmopern“ gibt. Mit diesem Namen versehen wurden unter anderem zwei bemerkenswerte Bauten der 1970er Jahre: die Alster-Schwimmhalle in Hamburg (Horst Niessen/Rolf Störmer mit Leonhardt Andrä, 1968-73) und das Rebstockbad in Frankfurt (Dieter Glaser, 1979-82). Die Hamburger Schalenkonstruktion soll, so ein Bericht des NDR, bereits vor ihrer Fertigstellung zu Namensvorschlägen angeregt haben („Hanseaten-Großwäscherei“, „Zitterrochen“). Doch während es die Alster-Schwimmhalle in die Denkmalliste geschafft hat und saniert wird, schließt das Rebstockbad im Frühjahr 2020 und wird abgerissen.

Kollektive Imaginationen 

Der Logik dieses Artikels folgend, steht nun die Frage im Raum: Wurden moderne Opernhäuser ebenfalls mit architektonischen Spitznamen versehen? Natürlich! Die Kölner Oper (Wilhelm Riphahn, 1954-57), zuletzt vor allem für die Schwierigkeiten bei der Sanierung bekannt, machte zu Beginn ganz andere Schlagzeilen: als „Denkmal des unbekannten Intendanten“. Stein des Anstoßes waren hier wohl die abgeschrägten Anbauten an den Bühnenturm. Dieser ungewohnte Umriss erinnerte manche Betrachter anscheinend an die Gedächtnisorte für die Gefallenen der Weltkriege. Auch die Variante „Grabmal“ ist überliefert. Womöglich hat man dabei an altägyptische Sepulkralarchitektur gedacht, denn das Kölner Opernhaus ähnelt in seiner Großform unbestreitbar einer Pyramide.

So oder so kommt hier einmal mehr zum Ausdruck, dass da etwas Unerwartetes im Stadtraum auftauchte. Eine Wahrnehmung, für die heute fast reflexhaft die Allegorie „Ein Ufo ist gelandet“ bemüht wird – wohl das größte Klischee der gegenwärtigen Architekturkritik. Geläufig ist diese Metapher aber erst seit der weiten Verbreitung von Science-Fiction-Literatur bzw. Alien-Filmen, die in der Nachkriegszeit von den USA ausging. In Europa bestimmten damals andere, etwas bodenständigere Bilder die kollektive Imagination. Wichtig war die Hoffnung auf die Segnungen der Atomenergie. Das zur Weltausstellung in Brüssel 1958 errichtete Atomium war deren baulicher Ausdruck, eine frühe Form von „iconic architecture“, die keines Spitznamens mehr bedurfte. So überrascht es nicht, dass neuartige Architektur metaphorisch mit dieser Technologie in Verbindung gebracht wurde. Vereinzelt bezeichnete man die Oper Köln als „Atommeiler“. Doch hier ging es nicht um Ähnlichkeit, sondern um eine Unbestimmtheit. Für einen konkreten Vergleich mit einem Atomkraftwerk fehlte um 1960 noch die Grundlage. Große kommerzielle Anlagen dieser Art – typisch wurde später die halbrunde Stahlbetonkuppel von Obrigheim oder Biblis – gingen in der Bundesrepublik erst Ende der 1960er Jahre in Betrieb.

Schlupfloch oder Denkmal?

Wie die Rezeptionsgeschichte des Mainzer Rathauses (Arne Jacobsen/Otto Weitling, 1970-74) zeigt, braucht es aber keine derart hochfliegenden Sprachbilder, um originell und subversiv zu sein. Der Bau direkt am Rhein war ein zentrales Projekt des damaligen Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs. In Anlehnung an ihn wurde das nicht zu übersehende, hochwertig ausgestattete Rathaus „Fuchsbau“ getauft. Die Interpretation scheint klar: Augenzwinkernd gibt man zu erkennen, dass der beliebte Politiker sich hier ein Denkmal gesetzt habe. Das gilt umso mehr, seit der Platz vor dem Rathaus nach Jockel Fuchs benannt wurde. Gelegentlich wird aber behauptet, bei „Fuchsbau“ schwinge ein Unbehagen an der Architektur des Rathauses mit. Hierin liege, so heißt es dann, auch Kritik an dem unscheinbaren Haupteingang, der wie ein Schlupfloch daherkomme. Als Befund ist das natürlich nicht falsch, doch geraten darüber die sonstigen Qualitäten des Mainzer Rathauses leicht aus dem Blick. Muss dieses von einer selbstbewusst agierenden Stadt umgesetzte Gebäude, das nicht weit vom Mainzer Dom entfernt ist, nicht schon als eine „Kathedrale der Kommunalpolitik“ gelten?

Titelmotiv: Frankfurt am Main, Großmarkthalle (Bild: Urmelbeauftragter, bearbeitet von Dontworry, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2009)

ganzes Heft als pdf

Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

Gib mir Tiernamen!

Gib mir Tiernamen!

FACHBEITRAG: Anke von Heyl über faunistische Artenvielfalt.

Im Gotteskäfig

Im Gotteskäfig

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

St. Horten

St. Horten

PORTRÄT: Heinrich Otten über eine „Kaufhaus-Kirche“ in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

„Abhängig von Bildern“

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

Nickname-Bilderrätsel

FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?

Gib mir Tiernamen!

von Anke von Heyl (19/3)

Laubfrosch, schwangere Auster, Mäusebunker, Gürteltier und Tausendfüßler – die faunistische Artenvielfalt der Nachkriegsarchitektur ist erstaunlich. Und übrigens nicht ganz neu: Bereits im Mittelalter verpasste man Häusern gerne Tiernamen. Was früher ganz simpel der Orientierung innerhalb der Stadt diente, muss man heute sicher unter anderen Vorzeichen sehen. Was genau steckt hinter diesem Phänomen? Und wie funktionieren die Tiernamen im Kontext der Architekturbetrachtung?

Form follows Fauna 

Auch wenn die Entstehungszeit ein wenig über die hier untersuchte Nachkriegsmoderne hinausragt, lohnt es, sich auf ein paar Meter dem „Gürteltier“ zu nähern. Auf Luftbildern ist die Ähnlichkeit zu einem gepanzerten Tierchen wirklich enorm: Insgesamt 15 ellipsenförmige Bögen tragen die Struktur des Gebäudes, das Nicholas Grimshaw 1998 für die Industrie- und Handelskammer (IHK) in die Berliner Fasanenstraße stellte. Nach seiner ursprünglichen Planung hätte die Fassade noch extremer gestaffelt werden müssen, die Anmutung an einen Gürteltierpanzer wäre noch stärker ausgefallen. Am Ende musste der Architekt allerdings eine einheitliche geschlossene Fassade bilden. In Interviews betonte Grimshaw später, der Titel „Gürteltier“ sei von den Zeitungen erfunden worden. Aber als Vertreter eines biomorphen Bauens dürfte ihm dieser Spitzname dann wohl doch gefallen haben. Demnach stehen Häuser mit Tiernamen auch in einer Architekturtradition, die bewusst Vorbilder aus der Natur wählt.

Dabei kommen Spitznamen oft gerade nicht aus Fachkreisen. Sie stellen vielmehr eine Architektur-Aneignung durch Laien dar und folgen ganz anderen Motiven als eine bautechnische Beschreibung. Für den inoffiziellen Titel der von Hugh Stubbins 1957 gestalteten Kongresshalle (Haus der Kulturen der Welt) stand sicher auch der Verniedlichungswahn der Nachkriegszeit Pate. Der Berliner Volksmund (kaum eine Stadt kennt mehr Tiernamen für Bauten) sah in der „schwangeren Auster“ weniger eine kühne hyperbolische Paraboloidschale oder ein Wahrzeichen für die freiheitliche Demokratie. War man nach der Nazidiktatur vielleicht auch der symbolisch überfrachteten Architektur überdrüssig? Oder spielt da noch etwas anderes hinein, gerade bei der Architekturmoderne? Vielleicht betrauerte man nach dem Sieg der rationalen Moderne über die Zuckerbäcker-Schnörkel der Jahrhundertwende auch den Verlust von „Schönheit“. Und betrauert ihn bis heute.

Sehnsucht nach Romantik 

Für die Allgemeinheit taugen besonders charakteristische Bauten als emotionale Symbole – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Im Vordergrund steht das eigene Erleben der Architektur, die Ablehnung oder die Identifikation mit der Umgebung. Der Tierforscher Konrad Lorenz soll einmal geäußert haben: Der Wunsch des Menschen, ein Tier zu halten, entspreche der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Möglich, dass in den Spitznamen für die gebaute Nachbarschaft auch eine vertrauensbildende Maßnahme steckt. Schließlich beeinflusst die architektonische Bildsprache bekanntermaßen den Menschen und seine Stimmung.

Was der Neandertal-Halle in Mettmann rasch den Ehrentitel „Laubfroschoper“ einbrachte, liegt auf der Hand. Der Bau von Wolfgang Rathke aus dem Jahr 1982 kommt poppig in Laubfrosch-Grün daher: Die Fassade ist vollflächig in dieser Farbe verkleidet. Ebenso gut könnte man sich an ein Krokodil erinnert fühlen, wenn sich der Bau zur einen Seite hin mit verschachtelten Elementen nach vorne verjüngt. Aber je nach Blickwinkel kann man sich auch einen gigantischen hockenden Frosch vorstellen. Die Neandertal-Halle, deren Zukunft heute trotz Denkmalschutz nicht rosig aussieht, war als Gemeinschaftsforum für Mettmann geplant und wurde von den Bürgern anfangs sehr gut angenommen. Bis heute liegt der Bau zentral und passt sich in die Umgebung ein – entsprechend scheint der Spitzname hier von liebevoller Vertrautheit zu erzählen.

Landmarken und Charakterbauten

Weniger die positiv besetzte Natur als vielmehr die unübersehbare Stellung im Stadtbild führten dazu, dass eine 1962 in Düsseldorf errichtete Hochstraße ihren Spitznamen erhielt. Der „Tausendfüßler“, dessen Abriss 2013 von nicht wenigen Anhängern sehr bedauert wurde, zierte in den 1960er Jahren sogar Postkarten. Das zeugt von einem gewissen Stolz auf die geschwungene Konstruktion, die auf mehreren Stützen aufsetzte. Auch wenn sich vor der Erbauung einige Proteste formierten (nein, Teile vom Hofgarten wollte man nun wirklich nicht opfern): Die Düsseldorfer identifizierten sich lange mit ihrem Tausendfüßler.

Diese breite Annahme der seit 1993 unter Denkmalschutz stehenden Jan-Wellem-Hochstraße ist ein Beispiel für die damalige Begeisterung für eine gelungene Verkehrsleitung. Architekt Friedrich Tamms war das Kunststück gelungen, die über 500 Meter lange Konstruktion leicht und schwebend aussehen zu lassen. Auf Y-Stützen ruhte eine relativ dünne Betondecke – alles wirkte dynamisch und beweglich. Das Phänomen „Tausendfüßler“ erreichte auch andere Städte, denn ebenso in Bonn gibt es eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so elegante Hochstraße.

Auf zur Expedition!

Manchmal können Tiernamen durchaus wertend gegen eine elitär oder martialisch daherkommende Architektur eingesetzt werden. So findet man beim Berliner „Mäusebunker“ keinerlei entsprechenden äußeren Merkmale. Hier ist es eher die ehemalige Nutzung als Tierversuchslabor, die zu dieser Ironisierung führte. Bis 1981 nach Entwürfen von Gerd Hänska errichtet, wartet der Mäusebunker heute asbestverseucht auf seinen Abriss. Das Gebäude setzt allerdings so eindeutige Schlüsselreize, dass es zum heimlichen Instagram-Star avancierte. Exzentrische blaue Lüftungsrohre ragen wie Kanonen aus der pyramidenartigen Architektur. Anscheinend wollte man damit den erhöhten Frischluftbedarf für die Tierhaltung sicherstellen. Aber der kriegerische Ausdruck kann nicht unbeabsichtigt gewesen sein. „Mäusebunker“ nimmt sich dem gegenüber niedlich aus, ganz in der Tradition von Begriffen wie „Mäusekino“ für kleine Displays. Schlägt sich in diesem Kontrast harsche Kritik nieder? Oder ist es eher wie das Pfeifen im Wald angesichts der wuchtigen Überpräsenz? Warum, wann und wie genau Spitznamen verwendet werden, gehört in den Bereich der Oral History. Es lädt dazu ein, die so bezeichneten Exponate genauer unter die Lupe zu nehmen. In diesem Sinne: Auf zur nächsten Expedition!

Titelmotiv: Berlin, Kongresshalle (Bild: Farbkontrast, CC BY SA 3.0)

ganzes Heft als pdf

Sommer 19: Nicknames

Echo vom Bürgersteig

Echo vom Bürgersteig

LEITARTIKEL: Stefan Rethfeld über Architektur-Spitznamen.

So ein Theater

So ein Theater

FACHBEITRAG: Alexander Kleinschrodt nennt Bauten nach anderen Bauten.

Gib mir Tiernamen!

Gib mir Tiernamen!

FACHBEITRAG: Anke von Heyl über faunistische Artenvielfalt.

Im Gotteskäfig

Im Gotteskäfig

FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Sakralsynonyme.

St. Horten

St. Horten

PORTRÄT: Heinrich Otten über eine „Kaufhaus-Kirche“ in Ahaus.

"Abhängig von Bildern"

„Abhängig von Bildern“

INTERVIEW: Der Architekt Peter Busmann über Metaphern.

Nickname-Bilderrätsel

Nickname-Bilderrätsel

FOTOSTRECKE: Welcher Bau passt zu welchem Spitznamen-Bild?