Ahaus, St. Mariä Himmelfahrt (Bild: LWL-Denkmalpflege, Landschafts-und Baukultur in Westfalen, Foto: Angelika Brockmann-Peschel, 2017)

Im Gotteskäfig

von Karin Berkemann (19/3)

Geneigte Leserin, geneigter Leser, sehen Sie diesen Beitrag als „Text-Connection“ zum wundervollen Porträt von Heinrich Otten in diesem Themenheft. Darin führt er durch die Geschichte von St. Horten, vom modernen Schiff der Stadtpfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus. Abschließend empfiehlt er einen zweiten Spitznamen desselben Bauwerks zur weiteren Betrachtung: Gotteskäfig. Kirchen fordern offenbar wie kaum eine andere Baugattung zu Wortspielen heraus. Denn hier ließ man den Architekten gerade in den Nachkriegsjahrzehnten besonders viel Freiraum, ermutigte sie gar zu bildhaften Formschöpfungen. Da ist es bis heute einfach zu verlockend, derart bedeutungsschwere Bauten mit einem treffenden Spitznamen auf den Boden des Alltagslebens zurückzubringen – und damit gleich noch den ein oder anderen Vertreter des Bodenpersonals aus seinem selbstgewählten Gotteskäfig herauszuholen.

Die Rache der Haushälterinnen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Rolle der Frau in den beiden großen christlichen Konfessionen – ebenso wie im Bauwesen – bekanntermaßen keine gleichberechtigte. Nicht umsonst fanden sich unter den drei K, die man der weiblichen Seite zuordnete, neben den Kindern ebenso Kirche und Küche. Da mag es eine kleine Dosis sprachlicher Wiedergutmachung enthalten, wenn viele augenzwinkernde Spitznamen für Kirchenbauten dem Haushalt zuzuordnen sind: Schon Zeitgenossen fühlten sich bei St. Engelbert in Köln-Riehl, von Dominikus Böhm 1932 als eine Folge von Parabelbögen gestaltet, an eine Zitronenpresse erinnert. Für die Auferstehungskirche, bei der Otto Bartning 1929 drei kreisrunde Zylinder übereinanderstapelte, prägte sich der Begriff Tortenkirche ein.

Nicht die Form, sondern ein legales Dopingmittel stand Pate für Sankt Mokka: Die Bewohner des Eifelörtchens Schmidt hielten sich nach Kriegsende mit dem Schmuggel von Mokkabohnen aus dem nahen Belgien über Wasser. Dieses kleine Laster wusste der damalige Pfarrer geschickt in Spenden für den Wiederaufbau der Kirche St. Hubertus umzulenken. Im mondänen Berlin hingegen beschrieben die Großstädter ihre neue Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, deren kriegszerstörtem Turm Egon Eiermann einen Campanile und einen modernen Achteck-Bau zur Seite gestellt hatte, als Lippenstift und Puderdose. Mit diesen Konsumartikel-Vergleichen hatte das Wirtschaftswunder auch sprachlich in den Kirchbau Einzug gehalten.

Im Krieg der Konfessionen

Doch lange Jahre blieb die Kriegserfahrung im Kirchenbau lebendig, wurde von der Wiederaufrüstung im ideologischen Kampf der beiden Blöcke weiter befeuert. Noch während der Kriegsjahre richten sich die in den Städten verbliebenen Gläubigen inmitten von Trümmern ein, feierten ihre Gottesdienste buchstäblich in den Ruinen. Später wurden die steinernen Überreste oft in den Neubau eingebunden oder als Gedenkstätte inszeniert. Otto Bartning schließlich prägte das Behelfswort Notkirche positiv um und adelte damit seine Serie hölzerner Systembauten zum Ideal der Nachkriegszeit.

Wortwörtlich eine Bunkerkirche entstand in Düsseldorf-Heerdt. Hier wurde in einem Hochbunker des Zweiten Weltkriegs 1949 der römisch-katholische Gottesdienstraum Sankt Sakrament (so der offizielle Name!) eingerichtet. Der Architekt Philipp Wilhelm Stang ergänzte den Bestand dafür 1952 noch um einen betonsichtigen Glockenturm. Eine ebenso sinnfällige wie baukünstlerisch überzeugende Lösung, die heute zu Recht unter Denkmalschutz steht. Das Wort vom Gottesbunker wurde später auch auf viele der wehrhaften brutalistischen Neubauten der 1960er und frühen 1970er Jahre angewendet, in denen die Gemeindeglieder nach Geborgenheit suchten.

Mit Schwung zu den Sternen

Im Zeitalter des Weltraum-Wettrennens übertrug sich die Begeisterung für die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts auch auf die Kirchen. Ungezählte Neubauten der Nachkriegsmoderne wurden unter Seelenabschussrampe, Seilbahn Gottes oder Nonnenrutsche geführt. Nicht zuletzt sprachen die Münchener bei der prominent gelegenen Matthäuskirche, deren Neubau Gustav Gsaenger 1955 in schwungvolle Nierentisch-Formen hüllte, von Luthers Achterbahn. Seinem spaßfreien Reformatoren-Kollegen Calvin hätte man hier wohl höchstens einen Parkplatz gewidmet.

Die ernsthaftere Variante solcher Vergleiche wurzelte schon zur Bauzeit in den Bereichen „Zelt, Schiff, Wohnung“, wie Kerstin Wittmann-Englert in ihrem gleichnamigen Standardwerk herausarbeitete. Demnach lagen Bilder des „Unbehausten“ in den Nachkriegsjahrzehnten in der Luft, wurden teils bereits in der architektonischen Planung angelegt, teils später im Bauprozess darauf projiziert. Solche Formen und Vergleiche fielen im kirchlichen Umfeld auf besonders fruchtbaren Boden, steckt die Bibel doch voller Anspielungen auf die „christliche Seefahrt“ und das „wandernde Gottesvolk“. Mit dem Aufkommen der programmatisch nüchternen Gemeindezentren, das auch im Profanbau mit dem Ende unbegrenzter Formenfreiheiten zusammenfiel, versiegte die Flut an Bei- und Spitznamen.

Sankt Schildkröt und falsche Flundern

Natürlich sind da auch die Spitznamen, die ganz profan einer formalen Ähnlichkeit folgen: Sankt Schildkröt (nach der Kuppel der Christuskirche in Meerbusch-Büderich), die HO-Kirche (nach den Betonformsteinen von St. Joseph in Berlin) oder der Hohle Zahn (für den Turmstumpf der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin). Doch am Ende aller vergnüglichen Sprachspiele ist zur Nüchternheit zu raten. Allzu gerne entert das hauptamtliche Bodenpersonal Kirchen-Kosenamen – und nimmt sie zum Anlass für launige Predigten und sinnfällige Büttenreden, untermalt durch ein oder zwei Tiki-Küstenmacher-Karikaturen. In dieser pastoralen Sportart häufen sich traditionsgemäß Vergleiche aus dem maritimen Umfeld. Nicht umsonst sah der Hamburger Architekt Friedhelm Grundmann solche Zuschreibungen mit großer Gelassenheit: „Schon bei meinen Kirchen hieß es immer: ‚Das ist das Zelt, das Schifflein Christi‘. Ich habe dann nur geantwortet: ‚Es könnte auch ein Fisch sein. Vielleicht eine Flunder?'“

Literatur

Heß, Regina, Brutalismus, Multifunktionalismus, „forma materna“. Katholischer Kirchenbau zwischen Zweitem Vaticanum und Postmoderne, in: Dies. u. a. (Hg.), Kirche und Kunst. Kunstpolitik und Kunstförderung der Kirchen nach 1945. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft (Kunst und Politik 14), S. 97-111.

Kappel, Kai, Memento 1945? Kirchenbau aus Kriegsruinen und Trümmersteinen in den Westzonen und in der Bundesrepublik Deutschland, München/Berlin 2008.

Müller, Felix, Religiöse Kunst im Konflikt zwischen Urheberrecht und Sacheigentum (Geistiges Eigentum und Wettbewerbsrecht 123), Tübingen 2017.

Wittmann-Englert, Kerstin, Zelt, Schiff und Wohnung. Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne, Lindenberg im Allgäu 2006.

Titelmotiv: Ahaus, St. Mariä Himmelfahrt (Bild: LWL-Denkmalpflege, Landschafts-und Baukultur in Westfalen, Foto: Angelika Brockmann-Peschel, 2017).