Peter Busmann bei der Dani-Karavan-Vernissage in Köln (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 3.0, via wikimedia commons, 2011)

„Abhängig von Bildern“

Interview mit dem Architekten Peter Busmann über die Macht der Metaphern (19/3)

Die bekanntesten Werke des Architekten Peter Busmann – das Museum Ludwig und die Philharmonie – stehen in Köln. Heute wohnt der 85-Jährige beschaulich auf halbem Wege nach Bonn, mit malerischem Blick auf den Rhein. Immer noch ist er so streitbar, wie man es ihm oft nachgesagt hat. Vor Kurzem erst hat er sich für den Erhalt des von ihm gestalteten Rathauses in Siegburg stark gemacht. Erfolgreich, der Bau wird nach einem Bürgerentscheid nun saniert. Welche Zuschreibungen seine Entwürfe ausgelöst haben und wie er heute über solche Sprachbilder denkt, erläutert er im Gespräch mit moderneREGIONAL:

moderneREGIONAL: Herr Busmann, die von Ihnen entworfene Gesamtschule Bonn-Beuel wird von rotlackierten Metallverkleidungen geprägt. Das hat ihr den Namen „Ketchup-Schule“ eingebracht.

Peter Busmann: Die Schüler haben diese Bezeichnung damals gefunden. Meine eigenen Enkel kennen die Schule auch unter diesem Namen. Das finde ich okay. Rot ist eine aufreizende Farbe. Aber Erich Schneider-Wessling, mit dem ich das Büro BAUTURM gegründet habe, sagte immer: „Rot ist für mich neutral, nicht etwa Grau.“ Rot wie das Blut, das ist eine Farbe des Lebens. Naja, sie brauchen sich ja nur hier umzusehen … (zeigt auf das rotlackierte Bücherregal im Hintergrund)

mR: Das Rot hatten Sie nicht als Provokation eingesetzt?

PB: So etwas fiel uns eigentlich immer ganz selbstverständlich ein, ohne irgendwelche Absichten. Es ist dann natürlich ein wenig unser Markenzeichen geworden – nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Büro-Kollegen. Wir nannten das immer das „Bauturm-Rot“.

mR: Auch Ihr Kölner Museum Ludwig (geplant gemeinsam mit Godfried Haberer) hat damals polarisiert – dieses Mal wegen der gezackten Sheddächer …

PB: … da fällt mir sofort das herrliche Titelblatt des Zeichners Peter Gaymann ein: Vor dem Bauwerk fotografiert ein Hahn den anderen. Der eine: „Interessante Dachgestaltung“. Darauf der andere: „Aber irgendwie geklaut!“ Der Hahnenkamm als Anspielung auf das Museum Ludwig. Da war mir klar: Jetzt sind wir mit dem Bau in Köln angekommen.

mR: Manche sprachen auch von „Güterwaggons beim Gruppensex“. Wer hat dieses Bonmot in die Welt gesetzt?

PB: Der damalige Vorstandvorsitzende von Ford. Da habe ich schon ein bisschen geschluckt. Aber gut, das muss man akzeptieren. Wie Goethe bereits sagte: „Jedes Urteil eines Menschen über einen anderen ist auch ein Urteil über ihn selbst.“ (lacht) Die Bevölkerung hat das übrigens nicht aufgegriffen, ein Spitzname ist daraus nicht entstanden.

mR: Haben Sie mit anderen Bauten ähnliche Erfahrungen gemacht?

PB: Ja, bei der Kölner Musikhochschule. Hier herrscht wieder Rot vor. Aber im Inneren findet sich die Komplementärfarbe Grün – bei der Mensa und in den dortigen Sitzgruppen. Dafür sorgte damals auch der Künstler, der mit uns gearbeitet hat: Barna von Sartory. Er liebte dieses Grasgrün und hat das auch viel bei seinen Skulpturen verwendet. Ich weiß von Musikstudenten, die sagten: „Wir treffen uns ‚in der Grünanlage‘.“ (überlegt) Als Vorsitzender bei Wettbewerben habe ich oft richtig autoritär verboten, Metaphern zu verwenden. Sonst setzt sich irgendein Eindruck zu einem Entwurf fest, ob negativ oder positiv. Das muss doch ganz offen bleiben. Man ist sonst so abhängig von diesen Bildern.

mR: Der Journalist Stefan Rethfeld schreibt im Leitartikel zu diesem Heft, ein guter Gebäude-Spitzname müsse „taxitauglich“ sein.

PB: Sicher ist da immer etwas Volkstümliches. Beim Berliner Kanzleramt kann man ja durchaus an eine Waschmaschine denken. Oder „Zirkus Karajani“ für die Berliner Philharmonie – das ist die Berliner Schnauze. Wenn Taxifahrer oder wer auch immer so etwas kreieren, dann macht sich das breit. Es wäre doch abartig, wenn man dagegen anrennen würde. Das muss man einfach so stehen lassen.

mR: Rückblickend wirkt die Architektur der 1970er Jahren eher wie eine reine Expertenkultur. Stimmt dieser Eindruck?

PB: Kurz nach der Einweihung mussten wir Architekten uns zu Gebäuden wie dem Museum Ludwig immer einiges anhören. In Köln gab es einen bekannten Architekturkritiker, dem irgendjemand sagte: „Aber schauen Sie, das wird doch akzeptiert von der Bevölkerung, die sind da gerne.“ Darauf antwortete er: „Sprechen Sie etwa von der Abstimmung mit den Füßen?“ Das war diese Haltung: Was alle toll finden, kann nicht gut sein. Dazu habe ich mich öffentlich oft unheimlich bissig geäußert. Die sogenannten Experten muss man schon kritisch sehen, vor allem in der Verkehrsplanung. Ein Satz wurde immer wiederholt: „Nicht machbar!“

mR: Gibt es einen Gebäude-Spitznamen, den Sie besonders mögen?

PB: Auf Anhieb fällt mir nur ein Zitat von Karl Kraus ein: „Schlagfertig bin ich immer zehn Minuten später.“ (lacht) Dass Gebäude personifiziert werden, scheint mir besonders interessant. In Hamburg, wo ich herkomme, heißt die Michaeliskirche kurz „Michel“.

Das Gespräch führte Alexander Kleinschrodt.

Peter Busmann, geboren 1933, hat unter anderem bei Egon Eiermann Architektur studiert. Sein Denken und Entwerfen sei außerdem, wie er heute sagt, stark von dem Tischler, Pädagogen und Architekturkritiker Hugo Kükelhaus geprägt worden. Früh hat Busmann sich selbstständig gemacht, schloss sich dann aber ab den 1970er Jahren mit anderen Architekten zusammen: Er gehörte zu BAUTURM, in deren ehemaligem Kölner Haus bis heute das „Theater im Bauturm“ seinen Platz hat. Später entstand das Büro Busmann & Haberer, heute als BHBVT in Berlin tätig.

Titelmotiv: Peter Busmann bei der Dani-Karavan-Vernissage in Köln (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 3.0, via wikimedia commons, 2011)

Bildmotiv: Köln, Musikhochschule (Bild: Uta Winterhager, koelnarchtitektur.de)

Dieser Beitrag wir zeitgleich veröffentlicht auf koelnarchitektur.de.