Ahaus, St. Mariä Himmelfahrt, nach dem Umbau (Bild: historische Postkarte, Krapohl-Verlag, Schloss Hülchrath)

St. Horten

von Heinrich Otten (19/3)

Helmut Horten war Chef eines großen deutschen Warenhauskonzerns, jedoch kein Heiliger der katholischen Kirche. Von „St. Horten“ spricht man dennoch, wenn es im westfälischen Ahaus um die katholische Stadtpfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt geht. Spitznamen können witzig, überraschend, humorvoll sein. Das gilt auch für die spaßige Analogie zwischen den bekannten Vorhang-Wabenfassaden der Kaufhauskette Horten AG („Horten-Kacheln“) und den gerasterten Wänden des Kirchenschiffs von Ahaus, das 1965/66 nach Plänen des Architekten Erwin Schiffer entstand. Spitznamen sind aber erst wirklich treffend, wenn sie Grundkonflikte der Zeit knapp und präzise auf den Punkt bringen. Genau das gelingt mit St. Horten!

„Heutigwerdung“

Die Planungs- und Bauzeit des Schiffs war die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65), das der katholischen Kirche neue Impulse geben sollte. „Aggiornamento“ lautete ein Stichwort, das heißt „Heutigwerdung“ und Aktualisierung der traditionellen Glaubenswahrheiten. Das war sicher gut und sicher notwendig! Aber auch eine sichere Gelegenheit für Kirchenkreise, die den Geist von 1968 atmeten, ihre Anliegen aufzuschrauben: z. B. die Abschaffung des katholischen Milieus, der Volkskirche und des Traditionsbestands auf allen Feldern. An deren Stelle sollten ein (welt-)offenes Gemeindeverständnis und eine konsequente Säkularisierung treten – bei gleichzeitiger Institutionalisierung dank sprudelnder Kirchensteuereinnahmen. Kirche schaffte sich ab (als soziale Großfigur) und wuchs rasant (in Planstellen und Baustellen). Fortan gab es Streit in der katholischen Kirche.

Architektur war nur ein Nebenkriegsschauplatz dieses Streits, aber ein besonders öffentlicher. Mit Erwin Schiffers klarer, konsequenter, kubisch einfacher Neuplanung von St. Mariä Himmelfahrt ist die Idee des radikalen Bruchs mit der Vergangenheit auf den Punkt gebracht: Kirche soll nach dem Konzil – so eine verbreitete Meinung – vollkommen neu werden. Der Traditionsbruch lässt sich zwar nicht aus den Konzilstexten lesen, aber aus dem damaligen Zeitgeist. Und im Zeitgeist meinten manche auch den „Geist des Konzils“ zu erkennen.

Eine Reihe von Umbrüchen

Am Beispiel Ahaus wird eine ganze Reihe von Umbrüchen sichtbar: St. Horten bricht erstens mit der überörtlichen Kirchenbau-Tradition. Im Münsterland und weit darüber hinaus bevorzugte man bis in jene Jahre eine traditionelle Sachlichkeit, und dies nicht nur im Kirchenbau. Zweitens bricht St. Horten mit der Örtlichkeit des Ahauser Marktplatzes, denn die umgebenden Häuser mit geneigten Dächern vermitteln das Bild einer gewachsenen Altstadt. St. Horten bricht drittens mit dem spätgotischen Vorgängerbau, dessen Turm verblieb. Die neugotische Kirche entstand nach Brandschaden ab 1865, jedoch unter Einbeziehung erheblicher spätgotischer Elemente der Zeit von 1498 bis 1519: vor allem in Chor und seitlicher Kapelle. Und viertens bricht St. Horten mit jeder Bildlichkeit, die im katholischen Bereich besonders gepflegt wurde. Die Rasterfassade (mit einer Glasgestaltung von Georg Meistermann) erlaubt kein Gemälde, keine Skulptur, keine ikonographische Aussage. Der Raum will zuallererst Hülle sein für die sonntägliche Liturgie mit der Zentralstelle des Blockaltars.

Diese vier Brüche lassen sich als Modernisierung beschreiben, als überfälliges Abwerfen von Ballast, als Befreiung. So wurde es getan und so wird es getan. Allein: Hier wurde auch mit Menschen gebrochen, sogar mit vielen Menschen, die zuvor die sachlichen Traditionsbauten verwirklichten und sich darin wohlfühlten. Solchen, die sich in ihrer Altstadt zu Hause wussten. Und solche, die auch die Bautradition der Stadtkirche nebst Turm aus dem 16. Jahrhundert wichtig fanden. Schließlich solche, die ein Bild der Muttergottes und andere Bilder im Kirchenraum suchten. Das waren viele Menschen, die sich oft nicht spektakulär äußerten, vielfach Menschen, die man etwas pauschal als Kirchenvolk bezeichnete.

Widerworte

Im Falle von Ahaus aber gab es Widerworte, die es in sich hatten. Der Volksmund prägte den Spitznamen St. Horten. Dieser Kaufhaus-Vergleich trifft – über die Idee der Säkularisierung hinaus – ins christliche Mark. Denn die Bibel berichtet, wie Jesus die Händler und Geldwechsler durch Jesus Christus aus dem Vorhof des Tempels vertreibt: „Macht meines Vaters Haus nicht zu einem Kaufhaus!“ (Joh. 2, 16). Darauf baut auch ein Spottgedicht des Zeichners und Schriftstellers Robert Gernhardt: „Die Kirche St. Horten in Ahaus / wird noch in tausend Jahren / Entgeisterten davon künden / wie willfährig wir waren.“ Willfährigkeit bedeutet hier gedankenlose Bereitwilligkeit, bedeutet Dienstfertigkeit und Gefügigkeit. So wundert sich Gernhardt: „Traurig, was die sich trauen / Komisch, was die da machen“, um im letzten Absatz die fatale Diagnose zu stellen: „Von wegen Qual der Wahl / die Dummheit war total.“ Gemeint ist die Dummheit, das Eigene zu beseitigen zugunsten einer ungewissen und idealisierten Zukunft, die von anderen entworfen wurde.

Nicht willfährig war 1963/64 die staatliche Denkmalpflege. Sie äußerte erheblichen Widerstand gegen den Plan von Stadt, Kreis, Bistum und Pfarrgemeinde, das spät- und neugotische Kirchenschiff niederzulegen. Allerdings ohne Erfolg. Ironie der Geschichte: Der Neubau erlangt heute selbst denkmalpflegerischen Zeugniswert, in architekturhistorischer und in künstlerischer Hinsicht, aber auch als Dokument der kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der 1960er Jahre. Dabei blieb St. Horten nicht der einzige Spitzname, ein weiterer wäre genauso einen Essay wert: Gotteskäfig.

Titelmotiv: Ahaus, St. Mariä Himmelfahrt (Bild: Krapohl-Verlag, Schloss Hülchrath)