LEITARTIKEL: Mit leichtem Schaudern

Text von Kirsten Angermann, mit Fotografien der moderneREGIONAL-Leser (20/4)

Aktuell beschäftigen sich Architekturhistoriker und Denkmalpfleger intensiv mit der Postmoderne. Und schon schleicht sich bei den Experten ein leichtes Unbehagen ein. Denn bald geraten unausweichlich auch die 1990er Jahre in den Fokus, an die sich viele nur mit Schaudern erinnern. Gerade die Sparkassen bezeugen die Wiedervereinigungseuphorie und den Bauboom dieses Jahrzehnts. „Sparkassenarchitektur“ ist dabei kein fester Fachbegriff, gleichwohl wissen alle irgendwie, was gemeint ist. Widersprüchlicherweise wird diesen Räumen mal zu viel, mal zu wenig Gestaltungsambition vorgeworfen. Sie gelten als bloßer Abgesang auf eine einst stolze Bauaufgabe. Lag der Schwanengesang vielleicht noch in den 1980er Jahren, scheinen die 1990er schon im Niedergang begriffen.

Idar-Oberstein, Oberstein, Sparkasse (Bild: Gregor Zoyzoyla, 2020)

Unter den Sparkassen des 20. Jahrhunderts sind alle Stile vertreten: Idar-Oberstein, Oberstein, Sparkasse (Bild: Gregor Zoyzoyla, 2020)

Von sachlich bis spätmodern

Für das 20. Jahrhundert lassen sich, zunächst allgemein betrachtet, durchaus wegweisende Banken und Finanzgebäude ausmachen: allen voran sicher Wagners Wiener Postsparkassenamt von 1906, aber auch die Amsterdamer Börse von Berlage (1898–1903). Für den International Style steht das Bankgebäude der Manufacturers Trust Company von Skidmore, Owings und Merill in New York – errichtet 1954 nach dem Leitbild einer transparenten Moderne, inklusive eines öffentlich einsehbaren Tresors. Stilbildend sind auch Scarpas Banca Popolare (1974–81) in der Altstadt von Verona und die postmoderne Vielfalt der Frankfurter Landeszentralbank Hessen (Jourdan und Müller, 1988). Blickt man auf die 1990er Jahre, so sind ebenfalls noch prägende Gebäude zu nennen, etwa der Commerzbank Tower Frankfurt (1997) mit ersten nachhaltigen Ansätzen im Hochhausbau.

Für kommunale Sparkassen gilt: Im 18. Jahrhundert wurden sie im Bestand, häufig in Rathäusern untergebracht – in Berlin etwa in der Gerichtslaube. Eigene Gebäude entstanden vorrangig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Allein zwischen 1840 und 1860 errichtete man in Deutschland über 800 Sparkassen, oftmals in den Stadtzentren oder als regionale Kreissparkassen. Bis zum Ersten Weltkrieg finden sich hier die verschiedenen Historismen, etwa am Sitz der Nassauischen Sparkasse in Wiesbaden (1860–63). Für die Zwischenkriegszeit lassen sich die Sparkasse am Erfurter Fischmarkt herausgreifen (1935, mit Verbindung zum Rathaus im Stil der Neuen Sachlichkeit) oder das Alexanderhaus von Behrens am Alexanderplatz (1932, ein Stahlbetonskelett, in das die Berliner Sparkasse einzog).

Wuppertal, Sparkassenturm (Bild: onnola, CC BY SA 2.0, 2016)

Heute steht der Schneider-Esleben-Bau unter Denkmalschutz: Wuppertal, Sparkassenturm und Schwebebahn (Bild, nach einem Tipp von Kerstin Jacquelin: onnola, CC BY SA 2.0, 2016)

Qualitätsunterschiede

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden frühe Wiederaufbauten in die bestehende Umgebung (siehe Rottenburg) oder in die traditionelle Formensprache einer Region (etwa in Emden) eingeordnet. Die Nachkriegsmoderne sah die Hauptsitze der großen Sparkassen hingegen als zeitgenössische Büro- und Geschäftsbauten, etwa beim bereits zum Denkmal gewordenen Sparkassenturm von Schneider-Esleben in Wuppertal. Die 1970er Jahre mit ihren polygonalen Grundrissformen und die 1980er Jahre der Postmoderne, z. B. in Gestalt der Filiale Arndtstraße in Bonn (Erlen und Partner, 1986), sind im Anschluss ebenso vertreten.

Doch denkt man an die vielen Kreissparkassen der 1990er Jahre, die insbesondere in den neuen Bundesländern allerorts aus dem Boden schossen, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Hier entstand konsequente Mittelmäßigkeit. Überbetonte Ecken, seltsame Dachaufbauten, Galerien und Passagen an merkwürdigen Stellen, Gaubenorgien – die letzten Aufschreie der Postmoderne machen diese Sparkassen durchaus zur Attraktion. Man kann so wenig wegschauen wie bei einem gerade passierenden Missgeschick. Unvorstellbar, diese Gebäude architekturgeschichtlich und gar denkmalkundlich zu behandeln, oder?

Sparkasse Markgröningen (Bild: Jiří Hönes)

In prominenter Lage, von eigenwilliger Schönheit: Markgröningen, Sparkasse (Bild: Jiří Hönes)

Landeszentrale vs. Provinzfiliale

Es ist sicher unfair, große Konzern- und Landeszentralbanken mit regionalen Filialen zu vergleichen. Immerhin gibt es auch hier spannende Projekte wie die Sparkassenerweiterung in Kiel von Bote Richter Teherani (1996) oder in Senftenberg von Heinle, Wischer und Partner (1999). Zudem fehlt für die 1990er Jahre einfach eine Zäsur, die sich leicht historisieren ließe. Der Mauerfall machte die 1980er Jahre wenigstens zu einer in sich abgeschlossenen Epoche. Oder liegt es an der Bauaufgabe „Sparkasse“? Ursprünglich sollte sie die Rücklagen des ärmeren Teils der Bevölkerung sichern – ein Image, das zum größten Teil erhalten blieb, auch wenn die Sparkassen längst ihre Bankgeschäfte ausgedehnt hatten.

Wie andere Bank- und Unternehmenssitze waren auch Sparkassengebäude immer eine Visitenkarte. Der Wiedererkennungswert und die Formensprache gehörten zur Marketingstrategie. Für die Architekten galt es, einen gewagten Spagat zu vollziehen: aus bewahrender Bodenständigkeit und zukunftsweisender Modernität, zwischen Massengeschmack und Markenimage. Das Bauwerk musste Sicherheit ausstrahlen, ohne dabei zu teuer zu wirken. Insbesondere auf dem Land gehörten Sparkassen zudem oft zu den wenigen öffentlichen Gebäuden, waren Teil der Alltagsgeschichte und potenziell identitätsstiftend.

Damit bleibt es unfair, sich vor den 1990ern zu gruseln. Noch fehlt – wie gewöhnlich bei der Annäherung an die jüngste Vergangenheit – das Wissen um die Zeit und die besonderen Entstehungsbedingungen dieser Baugattung. Damals hatten die Sparkassen vorrangig eigene Innenarchitekten angestellt. Für die Hochbauten hingegen wurden häufig Wettbewerbe ausgeschrieben. Neben überregional bekannten Architekten kamen so auch regional ansässige Büros zum Zug. Welchen Einfluss dies auf die gestalterische Qualität der einzelnen Filialen hatte, wird die weitere Forschung noch in den Blick nehmen müssen.

Moosinning, Sparkasse (Bild: Filmstill aus "Unser Dorf soll hässlich werden" von Dieter Wieland)

Gerade im ländlichen Raum gehörten Sparkassen oft zu den wenigen öffentlichen, identitätsstiftenden Orten: Moosinning, Sparkassenfiliale in einem Gebäude mit dem Rathaus (Bilder, nach einem Tipp von Fabian Schmerbeck: Filmstills aus „Unser Dorf soll hässlich werden“ von Dieter Wieland, in dem der Bau als Negativbeispiel vorgeführt wird)

Das Ende der Filialen

In den 1990er Jahren wurden vorerst die meisten neuen Sparkassen errichtet. Dieser Bauboom nach der Wende fiel mit der letzten Hochzeit der Filialen zusammen. Heute dürften die meisten Kunden die Websites ihrer Sparkasse besser kennen als deren Gebäude. Mit dem Einzug des Onlinebanking begann auch der Auszug der Filialen. Viele Sparkassengebäude aus den 1990ern wurden bereits wieder aufgegeben, umgenutzt oder gar abgerissen. Dieses Jahrzehnt ist somit das letzte, in dem sich das Image der Sparkasse noch flächendeckend über ihre Gebäude vermitteln konnte. Daher müssen sich Architekturhistoriker und Denkmalkundler mit dieser Epoche und den vielen ländlichen Filialen dieser Zeit auseinandersetzen. Dazu gehören zwangsläufig auch mediokre Gebäude. Doch will man Architektur- und Kulturgeschichte nicht nur entlang der urbanen Spitzenbauten erzählen, dürfen die Alltagsbauten nicht ausgelassen werden. Daher könnten einige dieser Sparkassen am Ende auch denkmalwürdig sein – allem Schaudern zum Trotz.

Merzenich, Sparkasse (Bild: Jascha Braun)

Von Geschichte umzingelt: Merzenich, Sparkasse (Bild: Jascha Braun)

Literatur

Muschalla, Robert, Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend, hg. für das Deutsche Historische Museum, Berlin 2018.

Biering, Hanns/Lorenz, Peter, Banken, Sparkassen. Architektur, Planung, Einrichtung, Leinfelden-Echterdingen 1988.

Ackermann, Kurt und Seidel, Bert: Sparkassen/Banken (Architektur Wettbewerbe Nr. 77), Stuttgart 1974.

Wangen im Allgäu, Kreissparkasse und Stadtmauer (Bild: Andreas Praefcke, CC BY SA 3.0, 2011)

Historie trifft Moderne: Wangen im Allgäu, Kreissparkasse an der Stadtmauer (Bild: Andreas Praefcke, CC BY SA 3.0, 2011)

Eine Nutzung, zwei Häuser, zwei Stilepochen: Bielfeld, Sparkassenfiliale in der Obernstraße (Bild, nach einem Tipp von Knut Stegmann: Barbara und Harald Bollhöfener, via bollhoefener-online.de)

Auf die Details kommt es an: Schweinfurt, Hauptstelle der Sparkasse Schweinfurt-Haßberge (Bilder: Martin Bredenbeck, 2020)

Kunstvoll und denkmalgeschützt: Schweinfurt, Sparkasse in der Carl-Orff-Straße (Bild: Tilman2007, CC BY SA 4.0, 2019)

Formvollendet gab es auch: Düsseldorf, Paul Schneider-Esleben, Hauptverwaltung der Commerzbank, Modell der Erweiterung (Bild, nach einem Tipp von Martin Pozsgai: Architekturmuseum der TU München, CC BY NC ND 4.0, via europeana.eu)

Ludwigshafen, Versicherungskammer Bayern (Bild: Tobias Nagel, 2020)

Fließende Übergänge vom Bank- zum Bürohaus: Ludwigshafen, Versicherungskammer Bayern (Bild: Tobias Nagel, 2020)

Titelmotiv: Bayreuth, Sparkasse am Meranierring (Bild: Gerd Belke, 2020)

Herbst 2020: Schöner sparen

LEITARTIKEL: Mit leichtem Schaudern

LEITARTIKEL: Mit leichtem Schaudern

Kirsten Angermann über spätmoderne „Sparkassenarchitektur“ – mit Fotografien der mR-Leser.

FACHBEITRAG: Rotierende Röhren

FACHBEITRAG: Rotierende Röhren

Klaus Jan Philipp über den dramatischen Auftritt der Kreissparkasse Ludwigsburg.

FOTOESSAY: Monetäre Interieurs

FOTOESSAY: Monetäre Interieurs

Raffael Dörig über die Bank-Innenaufnahmen des Fotografen Beat Jost.

FACHBEITRAG: Strifflers Banken

FACHBEITRAG: Strifflers Banken

Eva Seemann über bislang übersehene Bauten des Architekten Helmut Striffler.

FOTOESSAY: Bodenständige Extravaganz

FOTOESSAY: Bodenständige Extravaganz

Jiří Hönes porträtiert Sparkassen im Raum Stuttgart.

FACHBEITRAG: Die Geldmaschine

FACHBEITRAG: Die Geldmaschine

Eva Dietrich über ein besonderes Relief in Dortmund-Sölde.

FACHBEITRAG: Kleinstädtisch urban

FACHBEITRAG: Kleinstädtisch urban

Johann Gallis und Albert Kirchengast über die brutalistische Sparkasse von Mattersburg.

FACHBEITRAG: Subtiler Wechsel

FACHBEITRAG: Subtiler Wechsel

Christoph Klanten über seine Kindheitserinnerungen an die Sparkasse Bottrop.

SPOILER: Best of 1990s

SPOILER: Best of 1990s

moderneREGIONAL startet 2021 ein Online-Projekt zur Architektur der 1990er Jahre.

FACHBEITRAG: Rotierende Röhren

Text von Klaus Jan Philipp mit Fotografien von Thomas Fütterer (20/4)

Die Kreissparkasse Ludwigsburg gehört zu den größten Sparkassen Deutschlands. Dies erweist sich auch an ihrem Hauptgebäude am zentral gelegenen Schillerplatz der ehemaligen, auf Schachbrettraster errichteten Garnisonsstadt. Drei Gebäude sind zu einem – fast die gesamte Platzkante belegenden – Komplex zusammengefasst: Der 1953 eingeweihte (ursprünglich) mit Muschelkalkplatten bekleidete Rasterbau und der 1974 fertiggestellte Erweiterungsbau mit rotem Backsteinsockel, brutalistischen Sichtbetonstützen, Natursteinplatten und vorgesetzter Aluminiumkonstruktion für die Rollladen markieren den Beginn. 1997 folgte der die beiden Altbauten verbindende Glasbau nach dem Entwurf des Architekturbüros Rümelin/Schoch/Zabel.

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Kreissparkasse Ludwigsburg, Zustand, bevor die Fassade des links zu sehenden 1950er-Jahre-Baus gestrichen wurde)

Stilgeschichte auf dichtem Raum

Idealtypisch lässt sich hier die Geschichte des Sparkassenbaus auf dichtem Raum nachvollziehen. Der erste Bau und seine späteren Erweiterungen folgen jeweils dem typischen Zeitstil in Konstruktion, Formensprache und Materialität: die Rasterfassade der 1950er Jahre, die für die 1970er Jahre charakteristische, feingliedrige, vor die Fassade gesetzte Verschattung und die ebenso typischen Abkantungen im 45-Grad-Winkel. Für die 1990er Jahre steht der Glasbau mit seinen mit Argon gefüllten Isoliergläsern für die beheizte Stahlfassaden-Konstruktion, der auf die verschärfte Wärmeschutzverordnung von 1994 reagiert. Die Bauten sind jedoch nicht nur Kinder ihrer jeweiligen Zeit, sondern präsentieren auch das sich wandelnde Selbstverständnis, wie eine Bank aussehen müsse.

Grundsätzlich soll eine Bank Solidität vermitteln. Wem man sein Geld aushändigt oder von wem man sich Geld leiht, der muss vertrauenswürdig, eher konservativ sein. Dies sollte sich auch in der Architektur ausdrücken: Das Bankgebäude will selbst einen Wert darstellen, wie es die Muschelkalkfassade des 1950er-Jahre-Baus tat, der für Haltung der Adenauer-Ära steht – „Keine Experimente“. Vergleichbare Solidität, vielleicht ein wenig frischer, zeigt auch der Bau aus den 1970er Jahren. Der konservative Naturstein und das moderne Material Aluminium belegen eine gewisse Offenheit gegenüber neuen Ideen. Hier zeigt sich die einer Bank wie ihrem Gebäude inne liegende Dialektik. Sie soll ebenso Sicherheit vermitteln wie Offenheit für neue, gewinnbringende Finanzprodukte zum Wohle des Kunden und der Bank! Dieses sowohl vertrauenswürdige als auch risikofreudige Agieren ist freilich nicht einfach zu finden, wenn das Gebäude und seine Architektur einen gewissen Anspruch erfüllen, also auch gute Architektur sein will.

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Verantwortlich für den Glasbau der Kreissparkasse war Klaus-Jürgen Zabel (* 1928). Er verteidigte sein Werk am 26. März 1998 vor dem ersten Ludwigsburger Architekturquartett, das sich schonungslos den zu besprechenden Bauten zuwandte. Von 1946 bis 1951 studierte er Architektur an der Technischen Hochschule Stuttgart und arbeitete eng zusammen mit Prof. Hans Volkart, einem Schüler von Paul Bonatz. 1959 wurde Zabel mit einer Arbeit über Bibliotheksbau zum Dr.-Ing. promoviert. Dies steht in Zusammenhang mit seiner Beteiligung an der Universitätsbibliothek Stuttgart, deren Projektleiter er unter Volkart war.

Der Schöpfer des Glasbaus

1972 wurde Zabel zum Professor für Baukonstruktion und Entwerfen an die Hochschule für Technik Stuttgart berufen, deren Rektor er von 1985 bis 1993 war. Neben der Lehre und seinem Büro engagierte er sich auch berufspolitisch und leitete den BDA Baden-Württemberg von 1986 bis 1990 als Landesvorsitzender. Recht erfolgreich arbeitete auch sein Architekturbüro, das er ab den 1980er Jahren mit Rolf Rümelin und weiteren Partnern führte.

Der Erweiterungsbau der Kreissparkasse Ludwigsburg ist ohne Zweifel Zabels auffälligstes Werk: Der Glasbau besteht über einem eher konventionellen, ebenfalls gläsernen Erdgeschoss mit zentral angeordneter Drehtür, die durch das auskragende Vordach als metallener Zylinder durchgesteckt ist, aus einer großen ein- und ausschwingenden Glasfront. Diese ondulierte Wand, durch die drei Geschossdecken hindurch scheinen, verleiht dem Gebäude eine offene einladende Bewegung. Die Bank soll keine Festung sein, sondern ist ein transparenter Ort der Kommunikation.

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Außen: dynamisch

Die in der Ludwigsburger Glasfront vorbereitete Dynamik wird verstärkt und zugleich konterkariert durch Röhren, die schon im Eingangsmotiv angedeutet sind. Aggressiv wie ein Fremdkörper schiebt sich eine horizontale zum gegenüberliegenden Bau verlaufende Röhre vor die Fassade. Zwei weitere Röhren stehen als verglaste Fahrstühle vertikal vor der tiefen Seite der Fassade, die dann nach einem weiteren Richtungswechsel in die gerasterte und klare Aluminium-Fassade des Baus zur Schulgasse mündet. Die horizontale Röhre dockt auf dem Niveau des ersten Obergeschosses an die Fassade an, schiebt sich jedoch noch ein undefiniertes Stück weiter nach vorn. So erscheint sie wie ein zufällig abgeschnittenes Element, das dann auf der anderen Seite gleichsam brutal in die Fassade des Altbaus der 1970er Jahre eingeschnitten ist.

Die beiden Fahrstuhlröhren sind demgegenüber disziplinierter, da funktional begründet. Dennoch erhalten sie durch ihre Doppelung eine enorme Kraft und Bedeutung, die diese Nebenfassade gleichsam als geometrisch gebändigte Hauptfassade erscheinen lassen. Der Übergang des Glasbaus in die von Aluminiumraster und -paneelen bestimmten Seitenfassade ist abrupt – fast so, als hätten beide Bereiche nichts miteinander zu tun. Allerdings scheint hier die elegante Wendeltreppe aus dem Inneren hindurch und verweist geradezu didaktisch auf die Einheit beider Bereiche. Die Dynamik des Glasbaus ist wirksam sowohl aus der Fernsicht als auch auf Erdgeschossniveau. Hier drängt die auskragende, nur von einer äußerst schlanken Stütze getragene Ecke vor den Fahrstuhlröhren, frei und kraftvoll in den Raum. Alles gerät in Bewegung, die keinen Anfang hat und kein Ende findet, sondern über alle Achsen rotierend und sich brechend an den Röhren immer wieder von vorn beginnt.

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Innen: geradezu brav

Im Innern ist es ruhiger, geradezu brav! Das Foyer ist nicht besonders hoch – den über alle Geschosse reichenden Luftraum zwischen Glasfassade und Geschossdecken muss man suchen, weil er zu schmal, eigentlich nur eine Fuge ist. Im Gegensatz zur aufgeregten Fassade herrscht hier wieder Ordnung, es ist aufgeräumt und klar. Die stählerne Wendeltreppe nimmt vielleicht noch den Schwung des Äußeren auf, ansonsten wird es gediegen. Weißer Verputz, edle Hölzer und leicht spiegelnder, grau-blauer Krastaler Marmor vermitteln wieder die Solidität, die man in einer Bank erwarten darf. Die oben definierte Dialektik ist erfüllt: Innovation und Tradition kommen ins Gleichgewicht. Der Kunde wird durch die transparente Architektur vielleicht aktiviert, doch mehr zu wagen, als er eigentlich wollte. Architektur wird zum Verkaufsaktivator.

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Aufbruch und Regelverletzung

Es wäre wohlfeil, die Ludwigsburger Kreissparkasse als modisches Patchwork eines schwäbischen Provinzarchitekten abzutun, der sich an Motiven wie der ondulierten Eingangswand der Stuttgarter Staatsgalerie von James Stirling und den Röhren des Centre Pompidou in Paris von Renzo Piano bedient und diese frei kombiniert. Betrachtet man jedoch den Glasbau im Kontext der disziplinierten Rasterstadt Ludwigsburg, so steht dessen dramatischer Auftritt für Aufbruch und Regelverletzung. Er macht auf die Bank durch seine unkonventionellen, irritierenden Formen aufmerksam, ist jedoch zugleich gediegen, vor allem in der Präzision der Konstruktion sowie durch die wertigen Materialien und ihre sinnvolle Fügung. Der Bau ist kein Meisterwerk, aber er vermittelt auf besondere Weise das Selbstverständnis der Bank: solide, modern und innovativ.

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Titelmotiv: Ludwigsburg, Kreissparkasse (Bild: Thomas Fütterer, 2020)

Herbst 2020: Schöner sparen

LEITARTIKEL: Mit leichtem Schaudern

LEITARTIKEL: Mit leichtem Schaudern

Kirsten Angermann über spätmoderne „Sparkassenarchitektur“ – mit Fotografien der mR-Leser.

FACHBEITRAG: Rotierende Röhren

FACHBEITRAG: Rotierende Röhren

Klaus Jan Philipp über den dramatischen Auftritt der Kreissparkasse Ludwigsburg.

FOTOESSAY: Monetäre Interieurs

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Raffael Dörig über die Bank-Innenaufnahmen des Fotografen Beat Jost.

FACHBEITRAG: Strifflers Banken

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Eva Seemann über bislang übersehene Bauten des Architekten Helmut Striffler.

FOTOESSAY: Bodenständige Extravaganz

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Jiří Hönes porträtiert Sparkassen im Raum Stuttgart.

FACHBEITRAG: Die Geldmaschine

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Eva Dietrich über ein besonderes Relief in Dortmund-Sölde.

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FACHBEITRAG: Subtiler Wechsel

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Christoph Klanten über seine Kindheitserinnerungen an die Sparkasse Bottrop.

SPOILER: Best of 1990s

SPOILER: Best of 1990s

moderneREGIONAL startet 2021 ein Online-Projekt zur Architektur der 1990er Jahre.

FOTOESSAY: Monetäre Interieurs

von Raffael Dörig, mit Fotografien von Beat Jost (20/4)

Das Objekt meiner Begierde war eine bunte Kugel mit Kulleraugen: eine Sparbüchse, ausgestellt in einer Bankvitrine im Dorf meiner Kindheit. Um sie zu bekommen, nahm ich all meinen Mut zusammen und betrat zum ersten Mal allein die Filiale. Der bunten Kugel begegnete ich wieder – in Schwarz-Weiß – beim Sichten von rund 60.000 Negativen des Berner Sach- und Werbefotografen Beat Jost. Wir bereiteten 2019 die Publikation und Ausstellung „Dinge, Häuser, Menschen“ im Kunsthaus Langenthal vor.

Gewerbebank Baden, 1972 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Milkakuh und Banktresore

Stets der sachlichen Tradition verpflichtet, war Jost mit seinen handwerklich brillanten Bildern von den 1960er bis 1990er Jahren ein gefragter Mann. Er fotografierte die allererste Milkakuh-Kampagne und erlangte Meisterschaft in der hohen Kunst des Speiseeis-Porträts. Einer seiner wichtigsten und langjährigsten Auftraggeber war jedoch die Wiedemar AG (ab 1932: Vidmar), die in Köniz bei Bern seit 1862 Tresore, Registraturanlagen und Stahlmöbel herstellte. Von 1963 bis zum Ende der Produktion in Köniz 1989 fotografierte Jost nicht nur einzelne Möbel in seinem Studio, sondern auch von Wiedemar ausgestattete Räume in Industriebetrieben und Banken. So findet sich in seinem Archiv ein ganzes Panorama der nachkriegsmodernen Schalterhallen-Architektur.

Ersparniskasse Biel, 1974 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Werbung vs. Sicherheit

Sicherheitsvorgaben wurden damals auf ganz unterschiedliche Weise umgesetzt: Demonstratives Zeigen (Hier ist Ihr Geld sicher!) trifft auf eine architektonische Rhetorik von Transparenz und Offenheit. Für die Kunden (und für potenzielle Bankräuber) sollen die technisch ausgeklügelten, mechanischen Sicherheitsfeatures unsichtbar bleiben. Diese gehörten jedoch zur Spezialität des Auftraggebers, entsprechend hat sie Beat Jost oft in Szene gesetzt. Im science-fiction-artigen Schalter der Ersparniskasse Biel (1974) beispielsweise steht – angesichts der fehlenden Panzerglasscheibe geradezu unschweizerisch riskant – die Bargeldkasse mit Bündeln von Tausendernoten offen. Auch die Fotografie mit der Sparbüchse meiner Kindheit soll eigentlich für die Schaltermechanik werben.

Kreditkasse Lyss, 1979 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Transparenz vs. Diskretion

Ein weiteres Spannungsfeld, das an den Interieurs ablesbar ist, betrifft die Diskretion. In manchen Jost-Fotografien stehen klare Linien und durchgehende Glasfronten für Transparenz. Andernorts betonen Kleinteiligkeit und Sichtschutz deutlich den Respekt vor der Privatsphäre. Auf besonders freundliche, orange, abgerundete Weise ist dies etwa in der Bank in St. Moritz (1976) der Fall. Die Kreditkasse Lyss (1979) wiederum präsentiert mit ihrem Kopfsteinpflaster den Kundenbereich als quasi öffentlichen Raum – und sorgt sogleich mit integrierten Pflanzentöpfen, markanten Rahmungen und hochgezogenen Schalterablagen für diskrete Vereinzelung.

Bank Langenthal, 1976, Trix und Robert Haussmann (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Nischen und Vitrinen

Die diskrete Unterteilung schaft Raum für allerlei Nischen und Vitrinen, obwohl Bankprodukte nicht nach Schaufenstern verlangen. Besonders prominent begegnen sie etwa in der Bank Langenthal (1976): Glasvitrinen sind mit historischen Fotografien der umliegenden Gebäude bestückt. Die Innenarchitektur der imposanten Schalter-Insel stammt übrigens vom Designerpaar Trix und Robert Haussmann, auf deren Sesseln man auch beim Beratungsgespräch Platz nahm. Haussmann-Sitzmöbel sieht man ebenso auf weiteren Bildern von Beat Jost. Zudem fotografierte er in der Gewerbebank Baden (1972), wo die Haussmanns u. a. markant verspiegelte Innenräume schufen. Doch Jost wurde hier von seinem Auftraggeber Wiedemar in den Tresorraum geschickt.

Gewerbebank Baden, 1972 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Makellose Neuheit

„Der total rote Raum erzeugt die Ambiance einer utopischen technischen Welt“, schrieb die Zeitschrift „Werk“ damals über den Tresorraum der Gewerbebank Baden. Leider sind die Fotos schwarz-weiß – und die rote Utopie ist längst ersetzt, so wie wohl die meisten der hier gezeigten Räume. In der reichen Schweiz, zumal in der finanzstarken Bankenbranche, sind die Halbwertszeiten von Inneneinrichtungen ausgesprochen kurz. Umso wertvoller sind die Fotografien von Beat Jost, die uns die Räume im Zustand der makellosen Neuheit und Zukunftsfreude bewahren.

Die Publikation „Dinge, Häuser, Menschen – Beat Josts Atelier für Werbefotografie 1962-2002“ kann direkt beim Kunsthaus Langenthal bestellt werden.

Bankschalter-Prototyp, Wiedemar AG, 1971 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Schweizerischer Bankverein, Thun, 1974 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Ort unbekannt, ca. 1972, mit Haussmann-Sesseln (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

(Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Bank in St. Moritz, 1976 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Ersparniskasse Biel, 1974 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Spar- und Leihkasse Gstaad, 1976 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Schweizerischer Bankverein, Thun, 1974 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Titelmotiv: Bank in St. Moritz, 1976 (Foto: Beat Jost, Copyright: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Herbst 2020: Schöner sparen

LEITARTIKEL: Mit leichtem Schaudern

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Raffael Dörig über die Bank-Innenaufnahmen des Fotografen Beat Jost.

FACHBEITRAG: Strifflers Banken

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Eva Seemann über bislang übersehene Bauten des Architekten Helmut Striffler.

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Jiří Hönes porträtiert Sparkassen im Raum Stuttgart.

FACHBEITRAG: Die Geldmaschine

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Eva Dietrich über ein besonderes Relief in Dortmund-Sölde.

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Johann Gallis und Albert Kirchengast über die brutalistische Sparkasse von Mattersburg.

FACHBEITRAG: Subtiler Wechsel

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Christoph Klanten über seine Kindheitserinnerungen an die Sparkasse Bottrop.

SPOILER: Best of 1990s

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