Bayreuth, Sparkasse am Meranierring (Bild: Gerd Belke, 2020)

LEITARTIKEL: Mit leichtem Schaudern

Text von Kirsten Angermann, mit Fotografien der moderneREGIONAL-Leser (20/4)

Aktuell beschäftigen sich Architekturhistoriker und Denkmalpfleger intensiv mit der Postmoderne. Und schon schleicht sich bei den Experten ein leichtes Unbehagen ein. Denn bald geraten unausweichlich auch die 1990er Jahre in den Fokus, an die sich viele nur mit Schaudern erinnern. Gerade die Sparkassen bezeugen die Wiedervereinigungseuphorie und den Bauboom dieses Jahrzehnts. „Sparkassenarchitektur“ ist dabei kein fester Fachbegriff, gleichwohl wissen alle irgendwie, was gemeint ist. Widersprüchlicherweise wird diesen Räumen mal zu viel, mal zu wenig Gestaltungsambition vorgeworfen. Sie gelten als bloßer Abgesang auf eine einst stolze Bauaufgabe. Lag der Schwanengesang vielleicht noch in den 1980er Jahren, scheinen die 1990er schon im Niedergang begriffen.

Idar-Oberstein, Oberstein, Sparkasse (Bild: Gregor Zoyzoyla, 2020)

Unter den Sparkassen des 20. Jahrhunderts sind alle Stile vertreten: Idar-Oberstein, Oberstein, Sparkasse (Bild: Gregor Zoyzoyla, 2020)

Von sachlich bis spätmodern

Für das 20. Jahrhundert lassen sich, zunächst allgemein betrachtet, durchaus wegweisende Banken und Finanzgebäude ausmachen: allen voran sicher Wagners Wiener Postsparkassenamt von 1906, aber auch die Amsterdamer Börse von Berlage (1898–1903). Für den International Style steht das Bankgebäude der Manufacturers Trust Company von Skidmore, Owings und Merill in New York – errichtet 1954 nach dem Leitbild einer transparenten Moderne, inklusive eines öffentlich einsehbaren Tresors. Stilbildend sind auch Scarpas Banca Popolare (1974–81) in der Altstadt von Verona und die postmoderne Vielfalt der Frankfurter Landeszentralbank Hessen (Jourdan und Müller, 1988). Blickt man auf die 1990er Jahre, so sind ebenfalls noch prägende Gebäude zu nennen, etwa der Commerzbank Tower Frankfurt (1997) mit ersten nachhaltigen Ansätzen im Hochhausbau.

Für kommunale Sparkassen gilt: Im 18. Jahrhundert wurden sie im Bestand, häufig in Rathäusern untergebracht – in Berlin etwa in der Gerichtslaube. Eigene Gebäude entstanden vorrangig in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Allein zwischen 1840 und 1860 errichtete man in Deutschland über 800 Sparkassen, oftmals in den Stadtzentren oder als regionale Kreissparkassen. Bis zum Ersten Weltkrieg finden sich hier die verschiedenen Historismen, etwa am Sitz der Nassauischen Sparkasse in Wiesbaden (1860–63). Für die Zwischenkriegszeit lassen sich die Sparkasse am Erfurter Fischmarkt herausgreifen (1935, mit Verbindung zum Rathaus im Stil der Neuen Sachlichkeit) oder das Alexanderhaus von Behrens am Alexanderplatz (1932, ein Stahlbetonskelett, in das die Berliner Sparkasse einzog).

Wuppertal, Sparkassenturm (Bild: onnola, CC BY SA 2.0, 2016)

Heute steht der Schneider-Esleben-Bau unter Denkmalschutz: Wuppertal, Sparkassenturm und Schwebebahn (Bild, nach einem Tipp von Kerstin Jacquelin: onnola, CC BY SA 2.0, 2016)

Qualitätsunterschiede

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden frühe Wiederaufbauten in die bestehende Umgebung (siehe Rottenburg) oder in die traditionelle Formensprache einer Region (etwa in Emden) eingeordnet. Die Nachkriegsmoderne sah die Hauptsitze der großen Sparkassen hingegen als zeitgenössische Büro- und Geschäftsbauten, etwa beim bereits zum Denkmal gewordenen Sparkassenturm von Schneider-Esleben in Wuppertal. Die 1970er Jahre mit ihren polygonalen Grundrissformen und die 1980er Jahre der Postmoderne, z. B. in Gestalt der Filiale Arndtstraße in Bonn (Erlen und Partner, 1986), sind im Anschluss ebenso vertreten.

Doch denkt man an die vielen Kreissparkassen der 1990er Jahre, die insbesondere in den neuen Bundesländern allerorts aus dem Boden schossen, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Hier entstand konsequente Mittelmäßigkeit. Überbetonte Ecken, seltsame Dachaufbauten, Galerien und Passagen an merkwürdigen Stellen, Gaubenorgien – die letzten Aufschreie der Postmoderne machen diese Sparkassen durchaus zur Attraktion. Man kann so wenig wegschauen wie bei einem gerade passierenden Missgeschick. Unvorstellbar, diese Gebäude architekturgeschichtlich und gar denkmalkundlich zu behandeln, oder?

Sparkasse Markgröningen (Bild: Jiří Hönes)

In prominenter Lage, von eigenwilliger Schönheit: Markgröningen, Sparkasse (Bild: Jiří Hönes)

Landeszentrale vs. Provinzfiliale

Es ist sicher unfair, große Konzern- und Landeszentralbanken mit regionalen Filialen zu vergleichen. Immerhin gibt es auch hier spannende Projekte wie die Sparkassenerweiterung in Kiel von Bote Richter Teherani (1996) oder in Senftenberg von Heinle, Wischer und Partner (1999). Zudem fehlt für die 1990er Jahre einfach eine Zäsur, die sich leicht historisieren ließe. Der Mauerfall machte die 1980er Jahre wenigstens zu einer in sich abgeschlossenen Epoche. Oder liegt es an der Bauaufgabe „Sparkasse“? Ursprünglich sollte sie die Rücklagen des ärmeren Teils der Bevölkerung sichern – ein Image, das zum größten Teil erhalten blieb, auch wenn die Sparkassen längst ihre Bankgeschäfte ausgedehnt hatten.

Wie andere Bank- und Unternehmenssitze waren auch Sparkassengebäude immer eine Visitenkarte. Der Wiedererkennungswert und die Formensprache gehörten zur Marketingstrategie. Für die Architekten galt es, einen gewagten Spagat zu vollziehen: aus bewahrender Bodenständigkeit und zukunftsweisender Modernität, zwischen Massengeschmack und Markenimage. Das Bauwerk musste Sicherheit ausstrahlen, ohne dabei zu teuer zu wirken. Insbesondere auf dem Land gehörten Sparkassen zudem oft zu den wenigen öffentlichen Gebäuden, waren Teil der Alltagsgeschichte und potenziell identitätsstiftend.

Damit bleibt es unfair, sich vor den 1990ern zu gruseln. Noch fehlt – wie gewöhnlich bei der Annäherung an die jüngste Vergangenheit – das Wissen um die Zeit und die besonderen Entstehungsbedingungen dieser Baugattung. Damals hatten die Sparkassen vorrangig eigene Innenarchitekten angestellt. Für die Hochbauten hingegen wurden häufig Wettbewerbe ausgeschrieben. Neben überregional bekannten Architekten kamen so auch regional ansässige Büros zum Zug. Welchen Einfluss dies auf die gestalterische Qualität der einzelnen Filialen hatte, wird die weitere Forschung noch in den Blick nehmen müssen.

Moosinning, Sparkasse (Bild: Filmstill aus "Unser Dorf soll hässlich werden" von Dieter Wieland)

Gerade im ländlichen Raum gehörten Sparkassen oft zu den wenigen öffentlichen, identitätsstiftenden Orten: Moosinning, Sparkassenfiliale in einem Gebäude mit dem Rathaus (Bilder, nach einem Tipp von Fabian Schmerbeck: Filmstills aus „Unser Dorf soll hässlich werden“ von Dieter Wieland, in dem der Bau als Negativbeispiel vorgeführt wird)

Das Ende der Filialen

In den 1990er Jahren wurden vorerst die meisten neuen Sparkassen errichtet. Dieser Bauboom nach der Wende fiel mit der letzten Hochzeit der Filialen zusammen. Heute dürften die meisten Kunden die Websites ihrer Sparkasse besser kennen als deren Gebäude. Mit dem Einzug des Onlinebanking begann auch der Auszug der Filialen. Viele Sparkassengebäude aus den 1990ern wurden bereits wieder aufgegeben, umgenutzt oder gar abgerissen. Dieses Jahrzehnt ist somit das letzte, in dem sich das Image der Sparkasse noch flächendeckend über ihre Gebäude vermitteln konnte. Daher müssen sich Architekturhistoriker und Denkmalkundler mit dieser Epoche und den vielen ländlichen Filialen dieser Zeit auseinandersetzen. Dazu gehören zwangsläufig auch mediokre Gebäude. Doch will man Architektur- und Kulturgeschichte nicht nur entlang der urbanen Spitzenbauten erzählen, dürfen die Alltagsbauten nicht ausgelassen werden. Daher könnten einige dieser Sparkassen am Ende auch denkmalwürdig sein – allem Schaudern zum Trotz.

Merzenich, Sparkasse (Bild: Jascha Braun)

Von Geschichte umzingelt: Merzenich, Sparkasse (Bild: Jascha Braun)

Literatur

Muschalla, Robert, Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend, hg. für das Deutsche Historische Museum, Berlin 2018.

Biering, Hanns/Lorenz, Peter, Banken, Sparkassen. Architektur, Planung, Einrichtung, Leinfelden-Echterdingen 1988.

Ackermann, Kurt und Seidel, Bert: Sparkassen/Banken (Architektur Wettbewerbe Nr. 77), Stuttgart 1974.

Wangen im Allgäu, Kreissparkasse und Stadtmauer (Bild: Andreas Praefcke, CC BY SA 3.0, 2011)

Historie trifft Moderne: Wangen im Allgäu, Kreissparkasse an der Stadtmauer (Bild: Andreas Praefcke, CC BY SA 3.0, 2011)

Eine Nutzung, zwei Häuser, zwei Stilepochen: Bielfeld, Sparkassenfiliale in der Obernstraße (Bild, nach einem Tipp von Knut Stegmann: Barbara und Harald Bollhöfener, via bollhoefener-online.de)

Auf die Details kommt es an: Schweinfurt, Hauptstelle der Sparkasse Schweinfurt-Haßberge (Bilder: Martin Bredenbeck, 2020)

Kunstvoll und denkmalgeschützt: Schweinfurt, Sparkasse in der Carl-Orff-Straße (Bild: Tilman2007, CC BY SA 4.0, 2019)

Formvollendet gab es auch: Düsseldorf, Paul Schneider-Esleben, Hauptverwaltung der Commerzbank, Modell der Erweiterung (Bild, nach einem Tipp von Martin Pozsgai: Architekturmuseum der TU München, CC BY NC ND 4.0, via europeana.eu)

Ludwigshafen, Versicherungskammer Bayern (Bild: Tobias Nagel, 2020)

Fließende Übergänge vom Bank- zum Bürohaus: Ludwigshafen, Versicherungskammer Bayern (Bild: Tobias Nagel, 2020)

Titelmotiv: Bayreuth, Sparkasse am Meranierring (Bild: Gerd Belke, 2020)

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