Flöha/Sachsen, Samuel-von-Pufendorf-Gymnasium, 1996, Büro Allmann, Sattler, Wappner, München (Bild: André Karwath, CC BY SA 2.5, 2008)

SPOILER: Best of 1990s

von Karin Berkemann (20/4)

Wo die Bauhistoriker ein leicht wohliges Schaudern überkommt, da warten die Kulturdenkmale der kommenden Jahre. Doch während viele Inventarisationsprojekte noch mit den 1970er Jahren beschäftigt sind und die 1980er Jahre in der Forschung erst langsam Beachtung finden, liegen die Architekturen der 1990er Jahre allzu oft im wissenschaftlichen Niemandsland. Dabei treffen sich in der Bundesrepublik der Nachwendezeit sehenswerte Strömungen: die exaltierte Postmoderne und der wiederentdeckte Internationale Stil, die behutsame Umnutzung und das ökologische Siedlungsexperiment. Mit dem Projekt „Best of 90s“ will moderneREGIONAL ab 2021 ausgewählte Bauten dieser Architekturwende virtuell vorstellen und neu ins öffentliche Bewusstsein rücken. Damit kann eine Grundlage geschaffen werden, um das Bauen der 1990er Jahre vorausschauend und wertschätzend zu sichten – bevor Sanierungsstau und Gentrifizierungswelle für unwiderrufliche Verluste sorgen.

Deutscher Bauherrenpreis 1992: Ingolstadt, Hindenburgstraße 55–61, 1990 Umgestaltung eines Wohnbaus von 1974, Büro Thomas Sieverts, Bonn/Büro Elfinger, Zahn und Partner, Ingolstadt (Bildquelle: stadtplanungsamt-ingoldstadt.de)

Die Auswahl

„Best of 90s“ sichtet zwischen 1990 bis 1999 fertiggestellte Bauten in der frisch wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland nach klaren Kriterien: Für das Online-Format werden je Bundesland ein Beispiel für den Neubau und ein Beispiel für das Bauen im Bestand ausgewählt. Dabei sollen sich die unterschiedlichen Gattungen (z. B. öffentliches Bauen, Industriebauten, Wohnbauten) sowie die verschiedenen Jahre annähend gleichmäßig wiederfinden. Für ein dreijähriges Projekt bietet es sich an, zunächst dem Blick des Untersuchungszeitraums zu folgen. Dieser Ansatz muss dann aus heutiger Perspektive kritisch überprüft und ergänzt werden. Daher sollen in den 1990er Jahren – bei regelmäßig, bundesweit und objektbezogene ausgeschriebenen Preisen – prämierte (Um-)Bauten in die engere Wahl kommen.

Um nicht dem einseitigen Blick eines Auslobers (häufig Industrie- oder Interessenverbände) zu erliegen, werden hierfür verschiedene Preise kombiniert. Darüber hinaus beraten und begleiten fachkundige „Paten“ aus den einzelnen Bundesländern – zugesagt haben bereits Kirsten Angermann (Uni Weimar/ICOMOS) für Thüringen, Dr. Martin Bredenbeck (LVR-Amt für Denkmalpflege) für NRW und Dr. Andreas Butter (IRS Erkner) für Brandenburg – das Projekt, um mögliche Schieflagen zu vermeiden. Sie werden nicht allein in die Objektauswahl einbezogen, sondern können in einem Fachbeitrag oder Porträt selbst zu Unrecht bislang unterschätzte Beispiele aus ihrem Bundesland vorstellen. So fügt sich die Perspektive der Bauzeit mit dem heutigen fachlichen Urteil zu einem runden Bild.

Deutscher Bauherrenpreis 1994/Hugo-Häring-Preis: Karlsruhe, Ökologische Siedlung Geroldsäcker, 1993, Büro Löffler + Schneider, Karlsruhe (Bildquelle: loeffler-schmeling-architekten.de)

Die Präsentation

Die sich so ergebenden Auswahl von insgesamt 32 Objekten (zwei Objekte je Bundesland) wird über gut 2,5 Jahre hinweg online veröffentlicht: ein Bauporträt je Monat. Dafür wird bewusst das Online-Format gewählt. So kann moderneREGIONAL kostengünstig und breitenwirksam auf sein bereits geknüpftes Netzwerk zurückgreifen. Durch den Veröffentlichungsrhythmus wird stufenweise eine eigene Leserschaft aufgebaut, die Aufmerksamkeit für das Vorhaben wachgehalten und ein transparenter Einblick in die Arbeitsverläufe gegeben. Zusätzlich können die Paten ihren heutigen Blick in einer offenen Textform einbringen: Überblicksartikel zu weiteren, bislang unbeachtet gebliebenen Bauten dieser Ära aus dem jeweiligen Bundesland, Interviews mit Architekten und Bewohnern, Fotostrecken o. ä. Am Projektende sollen somit rund 50 Beiträge online stehen.

In dieser ausgewogenen Mischung ist das Projekt bewusst „coronaproof“ gehalten: Das bundesweite Netzwerk der Paten und mR-Autoren stellt den Zugang zu den Bauten sicher, selbst wenn der Bewegungsradius zweitweise eingeschränkt werden sollte. Zudem kann das Online-Format flexibel auf neue Entwicklungen reagieren, z. B. Objekte aus einzelnen Bundesländern vorziehen oder zurückstellen bzw. die offener gehaltenen Texte der Paten (Interviews, Fachbeiträge o. ä.) einstreuen. Im Mittelteil und am Ende des Projektzeitraums soll das Projekt im Kreis der Paten evaluiert werden: Wie ist die Resonanz? Wie lassen sich die gewonnen Ergebnisse verstetigen? Gemeinsam mit den Paten und weiteren Projektpartnern besteht zudem die Option, die Inhalte gebündelt in Druckform und/oder als (Wander-)Ausstellung zugänglich zu machen.

Flöha/Sachsen, Samuel-von-Pufendorf-Gymnasium, 1996, Büro Allmann, Sattler, Wappner, München (Bild: André Karwath, CC BY SA 2.5, 2008)

Bild/Titelmotiv: Architekturpreis Beton 1997/Deutscher Architekturpreis 1997: Flöha/Sachsen, Samuel-von-Pufendorf-Gymnasium, 1996, Büro Allmann, Sattler, Wappner, München (Bild: André Karwath, CC BY SA 2.5, 2008)

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