Dormund-Sölde, Sparkasse (Bild: Eva Dietrich)

FACHBEITRAG: Die Geldmaschine

von Eva Dietrich (20/4)

Wer moderne Bankgebäude mit einem Blick fürs Detail betrachtet, wird in den meisten Fällen auf ein Kunstwerk stoßen. Skulpturen und Plastiken, aber auch Reliefs, Mosaike und Wandbilder unterbrechen kurz die Geschäftigkeit des Alltags. In Sölde, einem Vorort im Osten Dortmunds, gibt es ein fast postmodern anmutendes Relief zu entdecken. Hier wird das schnöde Finanzwesen zum stilvollen Perpetuum mobile, zur Geldmaschine.

Dortmund-Sölde, Sparkasse, Nordansicht, Planzeichnung mit skizziertem Relief, Februar 1968 (Bild: Bauakte Sölder Straße 93, Bauaktenarchiv des Stadtplanungs- und Bauordnungsamts der Stadt Dortmund)

Planwechsel

Im Zentrum von Sölde – direkt neben dem Kriegerdenkmal, gegenüber der evangelischen Nachkriegskirche – wurde 1968 eine provisorische Sparkassenfiliale durch einen Neubau ersetzt: ein zeittypischer Flachdachbau mit unterschiedlichen Geschosshöhen für eine Geschäftsstelle und zwei Wohnungen. Für die Planung konnte der Dortmunder Architekt Günter Gehrmann gewonnen werden. Bereits im Bauantrag zeigt die Nordansicht ein Kunstwerk: An der Seitenfassade des Haupteingangs ist eine Skizze eingefügt, welche die Grundzüge des späteren Reliefs wiedergibt.

Für das Kunstwerk wurde der architektonisch bevorzugte Standort im Norden später gegen die stärker frequentierte Ostfassade ausgetauscht. Als der Neubau fertiggestellt war, platzierte man links des Haupteingangs ein ca. 2 x 3 Meter großes, aus mehreren Travertinplatten zusammengesetztes Relief. Der Titel der Arbeit – „Das Geld treibt die Wirtschaft“ – ist nur der Literatur zu entnehmen. Auf ein Schild wurde verzichtet, denn der Sinn der Darstellung lässt sich auch direkt erschließen, zumindest für Dortmunder.

Dortmund-Sölde, Sparkasse, Relief (Bild: Eva Dietrich)

„Das Geld treibt die Wirtschaft“

Linear abstrahierte Formen stehen in drei Bereichen für das Zusammenspiel von Finanzwesen, Industrie und Wirtschaft: In der rechten Bildhälfte findet sich ein typisches Industriemotiv mit einem Fördergerüst und zwei großen rauchenden Schornsteinen. Sie verweisen auf Dortmund als Standort von Zechen und Kokereien. Der nach unten offene Rundbogen am rechten oberen Bildrand erinnert Einheimische an das identitätsstiftende Dortmunder U, das Gär- und Lagerhochhaus der Union-Brauerei. Links hinter den Schloten schaut ein Turm mit einem runden Aufsatz hervor, der einen Wasserhochbehälter darstellen könnte (wenngleich das nahegelegene sog. Lanstroper Ei eine ovale Form hat).

In der linken unteren Bildecke ist eine große Hängebrücke nicht ohne Weiteres nach Dortmund zu verorten. Dafür vermittelt sie einen großstädtischen Eindruck und verbindet die beiden Bildhälften. Links oben verweisen große Kolben und Zylinder auf eine chemische Fabrik, wenngleich dies ein in Dortmund nicht präsenter Industriezweig ist. Verbunden werden die drei Bereiche durch Transmissionsriemen: Der Titel „Das Geld treibt die Wirtschaft“ wird hier zum wechselseitigen Produktionsprozess erweitert. Die Sparkasse wird zur „Geldmaschine“.

Dormund-Sölde, Sparkasse (Bild: Eva Dietrich)

Dortmund-Sölde, Sparkasse, Nordostansicht mit Relief (Bild: Eva Dietrich)

Modern und betriebsam

Ein wichtiges Motiv des Reliefs steht hier noch aus: das Hochhaus, bekrönt vom typischen, allerdings überproportional großen Sparkassenlogo, in der linken unteren Bildhälfte. Diese Darstellung bezieht sich auf die frisch fertiggestellte Hauptverwaltung der Sparkasse Dortmund (1968/69, Hanns Dustmann) in der – wie man damals wohl gesagt hätte – „City“. Damit unterstreicht das Relief auch das moderne, betriebsame Image der Sparkasse Dortmund. Die zeittypisch moderne Filiale im Vorort Sölde positioniert sich selbstbewusst als „kleiner Bruder“ der Hauptstelle.

Der Entwurf für dieses Relief stammt vom Künstler Herbert Volwahsen. 1906 in Oberschlesien geboren, absolvierte er zunächst eine Ausbildung an der Holzschnitzschule Bad Warmbrunn im Riesengebirge, um 1925 bis 1931 an der Kunstakademie in Dresden Bildhauerei zu studieren. Von 1935 bis 1953 hatte er ein Atelier im Künstlerhaus Dresden-Loschwitz, wo er neben freien Arbeiten auch zahlreiche Auftragswerke für Kirchen schuf. 1953 flüchtete der Bildhauer aus der DDR und wurde 1956 Fachbereichsleiter für Plastik an der Werkkunstschule Bielefeld. 1964 berief man ihn als Professor an die Fachhochschule Dortmund, wodurch sicherlich der Kontakt zu ortsansässigen Künstlern, Architekten und Institutionen entstand. Im Ruhestand zog er nach Murnau, wo er 1988 verstarb. Bekannt wurde Volwahsen hauptsächlich durch Skulpturen, während Reliefs in seinem Oeuvre eine Ausnahme blieben.

Dormund-Sölde, Sparkasse (Bild: Eva Dietrich)

Dortmund-Sölde, Sparkasse, Ostansicht (Bild: Eva Dietrich)

Zwei junge Bildhauer

Ausgeführt wurde das Kunstwerk von den jungen Bildhauern Jan Bormann und Theo Uhlmann. Beide waren an der Fachhochschule Dortmund tätig und wurden sicherlich über Volwahsen vermittelt. 1939 in Dortmund geboren, schuf Bormann zahlreiche Skulpturen im öffentlichen Raum und wurde später besonders durch seine Landmarken-Kunstwerke im Ruhrgebiet bekannt.

Theo Uhlmann (* 1932 in Südkirchen, + 2001 in Dortmund) war auch später für die Dortmunder Sparkasse tätig: Für eine Filiale in Dortmund-Kley schuf er um 1975 die Stahlskulptur „Geldbaum“, 1978 für eine Filiale in Dortmund-Lütgendortmund ein reliefartiges Kunstwerk aus Stahl und Edelstahl. 1988 wurde an der Hauptverwaltung seine Skulptur „Drei Musen“ aufgestellt.

Dortmund-Sölde, Sparkasse, Planzeichnung, Nordansicht, Februar 1968 (Bild: Bauakte Sölder Straße 93, Bauaktenarchiv des Stadtplanungs- und Bauordnungsamts der Stadt Dortmund)

Die Zeit der Kokereien ist vorüber

Die Zeiten, in denen Dortmund von Zechen und Kokereien geprägt wurde, sind lange vorbei. So dient das Relief in Sölde wohl heutzutage als „Historienbild“. Ironischerweise kann man bei der Sparkassen-Zweigstelle Sölde inzwischen wirklich von einer „Geldmaschine“ sprechen: Die Filiale wurde 2016 zu einem Selbstbedienungsstandort mit Geldautomat umgebaut.

Dortmund-Sölde, Sparkasse, Planzeichnung, Ostansicht, Februar 1968 (Bild: Bauakte Sölder Straße 93, Bauaktenarchiv des Stadtplanungs- und Bauordnungsamts der Stadt Dortmund)

Literatur

Zänker, Jürgen u. a., Öffentliche Denkmäler und Kunstobjekte in Dortmund. Eine Bestandsaufnahme, Dortmund 1984, 2. Auflage 1990, S. 197.

Kunst im öffentlichen Raum: auf: dortmund.de (www.dortmund.de/de/freizeit_und_kultur/museen/kior/alle_kunstwerke/index.html, abgerufen am 11. September 2020).

Titelmotiv: Dortmund-Sölde, Sparkasse, Nordostansicht mit Relief (Bild: Eva Dietrich)

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