Mannheim-Lindenhof, Sparkasse (Bild: Eva Seemann)

FACHBEITRAG: Strifflers Banken

von Eva Seemann (20/4)

Aus einer Tankstelle wurde 1985 eine Sparkasse: In Mannheim-Lindenhof nahm die neu errichtete dreiteilige Flachdachanlage mit erhöhtem Mittelteil – so die stadtplanerische Vorgabe – ausdrücklich Bezug auf den Vorgängerbau. Nun befindet sich im Erdgeschoss der Kundenbereich, im halbrund überdachten Obergeschoss sind Sitzungs- und Aufenthaltsräume untergebracht. Der Entwurf für diese kreative Lösung stammt vom Architekten Helmut Striffler (1927-2015). In Ludwigshafen geboren, reüssierte sein Mannheimer Büro eigentlich vor allem mit Kirchen und Gemeindezentren. Doch bis heute werden diese beiden Städte auch von Strifflers Banken geprägt. So lohnt ein Blick auf weitere Beispiele, Neubauten und Umbauten, die zugleich eine kleine Striffler-Stilgeschichte bilden – von der klaren internationalen Moderne der Landeszentralbank (LZB) in Ludwigshafen bis zur verspielten Postmoderne der Filiale in Mannheim-Lindenhof.

Saarlouis, ehemalige Landeszentralbank (Bild: Robert Häusser/striffler-architekten.de)

Gleich zwei Landeszentralbanken

In den 1970er und 1980er Jahren erhielt Striffler den Auftrag für gleich zwei Landeszentralbanken: in Ludwigshafen und in Saarlouis. Die 1988 fertiggestellte Filiale in Saarlouis ist inzwischen wieder geschlossen, wurde umgebaut und wechselte mehrmals den Besitzer. Doch die LZB Ludwigshafen erfüllt seit 1977 ihren ursprünglichen Zweck. Landeszentralbanken wurden 1948 als Nachfolger der Deutschen Reichsbank nach dem Vorbild der US-amerikanischen Federal Reserve gegründet. Bis 2002 dienten sie als unabhängige Zentralbanken mit Haupt- und Nebenstellen. Als Teil eines zweistufigen föderalen Systems waren sie der Bank des jeweiligen Bundeslands untergeordnet.

1957 vereinigte man die Landeszentralbanken mit der Bank Deutscher Länder zur Deutschen Bundesbank. Einzelne Filialen wurden 1992 zusammengelegt, so dass neun Landeszentralbanken für 16 Bundesländer übrigblieben. Diese versorgten Sparkassen und Bankfilialen mit Geld. Hier konnten große Firmen, in Ludwigshafen etwa die BASF, die Gehälter für ihre Mitarbeiter auszahlen lassen. Hierher brachten viele Einzelhändler ihre Einnahmen einer Woche. Dieser Gelddurchlauf wurde von der Frankfurter Bundesbank unter Polizeischutz z. B. nach Ludwigshafen transportiert und in den Lagertresor geräumt. Von dort kam der Tagesbedarf in den Tagestresor und schließlich an den Bankschalter.

Ludwigshafen, Landeszentralbank (Bild: Eva Seemann, 2020)

Ludwigshafen, Landeszentralbank (Bild: Eva Seemann, 2020)

Tresor mit Aufzug

Dieses umfangreiche Raumprogramm musste in Ludwigshafen auf einem kleinen Grundstück untergebracht werden. Schon der Architektenwettbewerb sah vor, den Altbau bis zur Inbetriebnahme des Neubaus zu erhalten. Neben der eigentlichen Bank sollten ausreichend Parkplätze und Tiefgaragen entstehen, zudem ein Verkehrshof für die Geldtransporter. Daher orientierte sich Striffler an einem älteren Projekt: am Zentrum Mannheim-Vogelstang (1969). Hier überlagern sich die verschiedenen Funktionsbereiche (Einkaufszentrum, Ärztehaus, Bürotrakt). Teils ruhen die Riegelbauten auf Stützen, teils werden sie durch Rampen und eine Straßenbahnstation im Erdgeschoss erschlossen. Was nach außen getrennt wirkt, ist im Inneren miteinander verbunden – in Mannheim-Vogelstang ebenso wie in Ludwigshafen.

Das Konzept mehrerer Ebenen übertrug Striffler in Ludwigshafen sogar auf den Tresor. Damit machte er aus der Not eine Tugend: Das Erdgeschoss war für die Geldtransporter über große Tore zugänglich. Mit einem Aufzug gelangte das Geld nach oben in die Schalterhalle und in den Kundenbereich. Somit war der Tresorraum vom restlichen Betrieb abgeschottet. Der Kundenbereich im Obergeschoss konnte von der Straße nicht eingesehen werden. Entsprechend wurde auf Milchglas verzichtet – und die Mitarbeiter hatten freie Sicht auf den Rhein. Über beide Geschosse hinweg erhielt die Fassade größtenteils verspiegelte Glasfronten, die zusätzlich vor neugierigen Blicken schützten. An den Bankschaltern installierte man beheizbare Edelstahlplatten, um die Unterarme beim langen Geldzählen zu schonen. Heute ist die LZB Ludwigshafen technisch aufgerüstet und mit Geldzählmaschinen ausgestattet. Das Gebäude erhielt beim „Staatspreis für Architektur und Städtebau des Landes Rheinland-Pfalz“ 1982 eine Anerkennung.

Mannheim, Sparkasse am Paradeplatz (Bild: K. Berkemann, 2020)

Mannheim, Hauptfiliale der Sparkasse am Paradeplatz (Bild: Karin Berkemann, 2020)

Kreativ und mitarbeiterfreundlich

Schon in Ludwigshafen war es Striffler 1977 geglückt, die strengen Vorgaben des Auftraggebers in einen höchst praktikablen und mitarbeiterfreundlichen Neubau zu übersetzen. Ähnlich hatte er in Mannheim-Lindenhof das schmal zulaufende, annähernd dreieckige Grundstück einer Tankstelle 1985 kreativ einer neuen Nutzung zugeführt. Am Mannheimer Paradeplatz schließlich verlieh er der Hauptfiliale der Sparkasse 1981 ein neues Gesicht. Im Quadrat D 1 entstand 1953 der Ursprungsbau, für dessen Umgestaltung 1971 ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben wurde. Am Ende wurde Striffler beauftragt: Er behielt die vorgefundene Fensterachsen- und Pfeilergliederung bei, verkleidete die Kalksteinfassade aber mit roten, von Edelstahlprofilen gerahmten Granitplatten.

Zentral in der Innenstadt gelegen, kam der Sparkassen-Hauptfiliale ein höchst öffentlicher Charakter zu. Dies berücksichtigte Striffler auch bei der Gestaltung der Innenräume. Wie auf einem Marktplatz, einer Agora (ein zur Bauzeit beliebtes Motiv im Profan- und Kirchenbau), wurden „Kundeninseln“ mit Baldachinen geschaffen. So bildeten sich kleine Teilräume innerhalb der übergeordneten Kundenhalle. 2021/22 soll die Sparkasse, die bis heute die Formen von 1981 zeigt, abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Auch für die Striffler-Fililale in Mannheim-Lindenhof sind die Tage gezählt.

Mannheim, Hauptfiliale der Sparkasse am Paradeplatz, Grundriss

Kunst verbindet

Strifflers Banken werden nicht nur durch die ihm eigene Formensprache und zeittypische Materialien verbunden – bei vielen der hier vorgestellten Beispiele wurden zudem bildende Künstler einbezogen. In Ludwigshafen steht auf einem sechs Meter hohem Pfeiler die monumentale bronzene Freiplastik „Große Zwei XVIIIa“ von Fritz Koenig, mit dem Striffler mehrfach zusammenarbeitete. In dieser wenig belebten städtebaulichen Umgebung betont das kraftvolle Bildwerk „die kategorische Differenz zwischen (wortwörtlich) ‚hoher‘ Kunst und unserer Alltagswirklichkeit in Gestalt von Verkehr, Kommerz, Bürowelt“. In Saarlouis wurde Franz Bernhard aus Jockgrim mit der Ausgestaltung der Treppenhalle beauftragt. Und in Mannheim-Lindenhof erinnern die plastischen Arbeiten von Otto Herbert Hajek vieleicht auch an die einstigen Zapfsäulen der ehemaligen Tankstelle.

Ludwigshafen, Landeszentralbank (Bild: Eva Seemann, 2020)

Literatur

Flagge, Ingeborg (Bearb.), Helmut Striffler. Licht-Raum-Kunst. Eine Ortsbestimmung, hg. von der Kunsthalle Mannheim, Stuttgart 1987 (hierin S. 135 das Zitat aus dem letzten Absatz des Beitrags).

Paetz, Eberhard, Professor Helmut Striffler 65, Darmstadt 1993, S. 560-561, 563-564.

Schenk, Andreas, Architekturführer Mannheim, hg. von der Stadt Mannheim, Berlin 1999, S. 53, 218.

Titelmotiv: Mannheim-Lindenhof, Zweigstelle Stadtsparkasse (Bild: Eva Seemann)

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