Garbsen, "Auf der Horst", 2016 (Bild: Karin Berkemann)

INTERVIEW: Wohnen am Planetenring

„Nehmen wir doch die Sterne!“ 51 Jahre Planetenviertel Garbsen

Die Gründungslegende, zumindest wie sie der Architekt Eberhard Kulenkampff (* 1927) im Jahr 1990 erzählte, ist eine poetische: Als die Planer der Trabantenstadt für 10.000 Menschen vor den Toren Hannovers in den frühen 1960er Jahren zusammensaßen, kam die Frage nach den Straßennamen auf. „Eigentlich braucht man ja für alles einen glücklichen Stern, der darüber steht“, so die Idee, „nehmen wir doch die Sterne!“ Damit holten sie den Himmel herab auf diesen „Hügel voller Menschen“ und setzten neue Häuser an den Orionhof und den Planetenring. Folgerichtig startet dieser Rundgang durch Garbsens „Planetenviertel“, das offiziell „Auf der Horst“ heißt, am betonherben Marshof und endet im futuristischen Planetencafé. Mit von der Partie sind Ingrid Hahne (* 1937, Versicherungskauffrau, Erstbewohnerin), Rose Scholl (* 1957, Stadtarchivarin von Garbsen) und nicht zuletzt Prof. Dr. Axel Priebs (* 1956, Dezernent für Umwelt, Planung und Bauen der Region Hannover).

„Futuristisch war hier gar nichts“

„Futuristisch war hier gar nichts“, da lässt Priebs keine Retroromantik gelten. Natürlich, auch er sei mit Zeitschriften wie „Hobby“ aufgewachsen, wo jede Woche vom Wohnen auf dem Mars geträumt wurde. Aber in Garbsen, so Priebs, bestand die einzige Utopie darin, eine gute Siedlung zu bauen. Eine Handvoll pragmatischer Planer hätte sich dafür verantwortlich gefühlt, kostengünstig qualitätvollen Wohnraum zu schaffen. Wenn überhaupt, dann läge genau darin der Futurismus. Viele der neuen Bewohner wurden von der Stadt Hannover, die den Löwenanteil des Projekts finanzierte, nach Garbsen in Sozialwohnungen verlegt. Sie kamen aus Notlagern, weiß Rose Scholl aus Akten und Gesprächen, wo teils noch „Flüchtlinge und Vertriebene“ unter provisorischen Verhältnissen lebten. „Auf der Horst“ hatten sie auf einmal eine moderne Bleibe. „Das war ein Quantensprung“, bringt es Priebs auf den Punkt.

Ingrid Hahne nickt. Als sie mit ihrem Mann am 6. September 1965 als eine der ersten ins Viertel zog, hat sie es in ihrer Nachbarschaft selbst erlebt. In den dreigeschossigen Plattenbauten gab es Familien, die mit so viel Moderne zunächst nicht klar kamen. „Einige wussten nicht, wie man eine Zentralheizung bedient. Dann haben sie sich die Kohlen in der Wanne angezündet.“ Das Ehepaar Hahne wohnte in einem der Eigentumsobjekte, einem eingeschossigen flachgedeckten Atriumshaus. Es war Liebe auf den ersten Blick. Zu schaffen machte ihr nur der schlechte Ruf, den man in Hannover mit ihrer neuen Heimat verband. Als sie hier ihre erste Couchgarnitur erstehen wollte, war der Fachverkäufer solange freundlich, bis er beim Ausfüllen des Bestellscheins die Adresse hörte. Das Ehepaar Hahne verließ den Laden unter Protest und gab sein Geld woanders aus.

„Ist doch schön“

Alt werden könne man hier wunderbar, meint Hahne: „In meinem Haus finden Sie keine einzige Stufe.“ Und erst die gute Anbindung nach Hannover. „Ich steige in die Straßenbahn und bin in 20 Minuten mitten in der Stadt.“ Ansonsten habe sie alles – die Natur und die Geschäfte und die Freunde – fußläufig vor der Tür. In die Nachbarschaft, die schon einmal vor 50 Jahren voller Kinder war, ziehen wieder junge Familien. „Die haben ganz eigene Ideen, die bauen an und um. Ist doch schön.“ Zu ihrer Zeit sei es hier rigide zugegangen. Die Wohnungsbaugesellschaft „Neue Heimat“ stoppte jede Veränderung. 1967, als Eintracht Braunschweig Fußballmeister wurde (Anmerkung der Redaktion: Wir habe es dreifach gegengeprüft, es scheint zu stimmen), wohnte einer der Spieler in der Straße. Vor lauter Begeisterung strichen die Fans seine Wohnungstür nachts in den Vereinsfarben. Gleich am Morgen kamen Leute von der Neuen Heimat und pinselten wieder alles auf Standardweiß.

Das einheitliche Erscheinungsbild der Häuser, das langsam verloren geht, schätzt Priebs als Planer eigentlich sehr. „Aber es spricht doch auch für die Siedlung, wenn sich die Menschen hier zu Hause fühlen und etwas Eigenes gestalten wollen.“ Insgesamt habe sich viel getan. Das Einkaufszentrum, das einige Jahre leerstand, ist wieder mit Leben gefüllt. Die Sozialarbeiter, die jetzt projektbezogen hier tätig sind, sorgen für Ausgleich. Und viele Wohnblöcke werden saniert und gedämmt. „Was wollen Sie da groß kaputt machen, solange die Grundform bleibt?“ Denn das Besondere sei die Siedlungsstruktur: wie Bauklötze, die grüne „Höfe“ umfangen. Nicht zu hoch, nicht zu dicht.

„Mit leuchtenden Augen“

Was Rose Scholl am Planetenviertel beeindruckt? Dass hier Menschen heimisch geworden sind. Als sie 2015 eine Ausstellung über die Siedlung erarbeitete, war sie völlig überrascht: „Da blätterten ständig Menschen mit leuchtenden Augen in den historischen Fotos, die wir ausgelegt hatten.“ Die Begeisterung war so ansteckend, dass daraus ein Buch, eine Art Chronik, geworden ist, das im September erscheint (kaufen!). Man ist wieder stolz darauf, hier zu wohnen. Manches läuft seit Jahrzehnten gut, manches brauchte einen kleinen Schubs, manches muss noch. Das Viertel ist bunter geworden, nicht nur an den Häusern. Inzwischen leben hier 76 Nationen, das geht nicht immer reibungslos. Doch vor 50 Jahren machten die Planer den Menschen ein Geschenk: Maßststäbliche Bauten, eine gute Infrastruktur – und auch die klangvollen Straßennamen helfen, sich mit dem Ort zu identifizieren. Mit den unvermeidlichen Widersprüchen. Während die herbe Waschbetonplatte unter farbig aufgewerteter Dämmplatte verschwindet, schmückt sich das neue „Planetencafé“ mit Retrodesign. Zukunft sieht eben für jede Generation anders aus.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (16/3).

Rundgang

Ein Rundgang durch die „alte“ Siedlung „Auf der Horst“ mit Fotos von Rudolf Guthmann (1887-1972) aus dem Stadtarchiv Garbsen und durch die Siedlung heute …

Links und Literatur

50 Jahre Leben Auf der Horst. Bewohnerportraits, Garbsen 2016.

Hoffmann, Gretl, Reiseführer zur modernen Architektur. Deutschland. Bundesrepublik und West-Berlin. Daten und Anschriften zu rund 1000 Bauten von 1900 bis heute, Stuttgart 1968.

Auf der Horst. Ein Wegweiser für Bewohner, hg. vom Beirat Auf der Horst, zusammengestellt und bearbeitet vom Presseamt der Landeshauptstadt Hannover, Hannover 1965.

Ausstellungsprojekt „Sternstunden. 50 Jahre Leben auf der Horst“.

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