Berlin-Pankow, Rundlokschuppen (Bild: Doris Antony, CC-BY-SA 3.0)

PORTRÄT: Rundlokschuppen

von Daniel Bartetzko (17/1)

Die von England ausgehende Industrialisierung erfasste Mitte des 19. Jahrhunderts auch Deutschland. Ihr Tempo war enorm, und so wurde manch technologische Entwicklung nach wenigen Jahren wieder verworfen. Das Schienennetz der Eisenbahn wuchs damals gleichfalls in großer Geschwindigkeit. Schneller und länger wurden die Personen- und Güterzüge – und mit ihnen die urgewaltigen Dampflokomotiven. Dadurch endete die eigentlich neue, erst nach 1860 entstandene Baugattung der Rundlokschuppen noch vor der Jahrhundertwende: Die immer größeren Lokomotiven mit Schlepptender benötigten mehr Platz, als ein derartiger Bau bieten konnte. Der letzte Rundlokschuppen Deutschlands wurde 1893 in Berlin-Pankow errichtet. Bis 1997 blieb er in Betrieb und steht als einer von zwei Überlebenden noch heute.

Schwedler und seine Kuppel

Nach 1900 entstanden nur noch Ringlokschuppen, vor deren Toren eine Drehscheibe lag. Der Rundlokschuppen hingegen einte eine mittige Drehscheibe und strahlenförmig angeordnete Abstellgleise unter einem Dach. So entstanden eindrucksvolle Bauwerke mit zeittypisch ornamentierten Backsteinwänden, kleinteiligen Eisenfenstern und aufwendig konstruierten Stahlkuppeldächern. Diese Dächer der Reichsbahn-Rundlokschuppen gehen zurück auf den Ingenieur Johann Wilhelm Schwedler (1823-94).

1863 wurde die stählerne „Schwedlerkuppel“ erstmals beim Berliner Gasbehälter an der Holzmarktstraße umgesetzt. Auch das Dach der Berliner Neuen Synagoge (1863, rekonstruiert in den frühen 1990er Jahren) in der Oranienburger Straße ist eine Schwedler-Planung. Dank seiner Stellung als Eisenbahn-Baumeister und oberster preußischer Baubeamter gewann Schwedler „für den Bereich der Ingenieurbauten eine Bedeutung im preußischen Staatsbauwesen, die nur derjenigen vergleichbar ist, die Schinkel ein halbes Jahrhundert zuvor […] zugekommen war“, schrieb der Bauingenieur Werner Lorenz 1997 in der Zeitschrift „Stahlbau“.

Nur noch zwei in Deutschland, beide in Berlin

Das ein Jahr vor Schwedlers Tod fertiggestellte Bauwerk in Pankow bot 24 Lokomotiven Platz: Dieser letzte von 25 gebauten Rundlokschuppen ist somit auch der größte. Sein Dach überspannt rund 40 Meter; das umlaufende Pultdach, unter dem die Lokomotiven warteten, wird über der Drehscheibe von der Kuppel bekrönt. Die filigrane Eisen-Fachwerk-Konstruktion ist aus radial bogenförmigen Sparren und sie verbindenden horizontalen Ringen gefügt. Zwischen den Hauptträgern in der Kuppelfläche liegen aussteifende Kreuzglieder. Diese Konstruktion, bei der jeder konzentrische Ring ein festes System bildet, ist selbst bei ungleichen Belastungen standfest. Bemerkenswert ist auch das geringe, noch heute zeitgemäße Gewicht des Dachs von nur rund 30 Kilogramm pro Quadratmeter.

Nachdem die meisten Dampfloks ausgemustert waren, diente der Rundlokschuppen zur Instandsetzung und als Materiallager. Das umgebende BW (Betriebswerk) Pankow-Heinersdorf wurde nach 1945 von der DDR-Reichsbahn weitergenutzt, zuletzt war die Rarität in Besitz der Deutschen Bundesbahn: Heute existieren in Deutschland nur noch zwei derartige Rundhäuser, beide in Berlin – eins im BW Rummelsburg (1875) und jenes in Pankow. Das drittletzte deutsche Exemplar wurde 1978 in Paderborn abgerissen. Weitere Rundlokschuppen finden sich heute noch in Polen (Piła/Schneidemühl; Bydgoszcz/Bromberg; Tczew/Dirschau) und im russischen Tschernjachowsk (früher Insterburg). Sie alle sind als technische Denkmäler anerkannt, teils restauriert und umgenutzt. Die deutschen Schuppen sind dem Verfall bzw. dem Abbruch preisgegeben.

Abgedeckt und eingekreist

Die Bahn interessierte sich wenig für die beiden Technik-Denkmäler, schützte sie nicht gegen Vandalismus. Für den Schuppen in Rummelsburg liegt bereits ein Abrissantrag vor: Der von genutzten Gleisen umgebene Bau befindet sich in desolatem Zustand. Das Dach ist fast komplett abgedeckt – und gibt ausgerechnet jetzt den faszinierendsten Blick auf die Schwedlerkuppel frei. Die bauliche Grundsubstanz scheint noch immer rettbar, eine Umnutzung jedoch problematisch, da ein gefahrloser Zugang auf dem Gelände kaum möglich ist.

In Pankow stehen die Chancen besser – eigentlich. Das Betriebswerk gehört seit 2009 dem Unternehmer Kurt Krieger (Möbel Höffner), der auf dem Areal bis zu 1.000 Wohnungen, ein Einkaufszentrum und ein Möbelhaus bauen möchte. In das ambitionierte Projekt („Pankower Tor“) sollte der Lokschuppen einbezogen werden: als Mehrzweckhalle oder als Teil einer Schule. Wenige Jahre später ist hiervon keine Rede mehr. Offenbar hofft der Eigner, mit dem fortschreitenden Verfall auch das (Abbruch-)Recht zu erlangen. Das Bezirksamt Pankow hat Kurt Krieger im November 2016 eine Frist zur Notsicherung gesetzt, sie würde alleine 390.000 Euro kosten. Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) rechnet mit dem Widerstand des Besitzers. Im Notfall werde der Bezirk das Geld aber vorschießen – „mit Unterstützung des Senats“, so der Stadtrat gegenüber der Berliner Zeitung. Man kann nur hoffen, dass diese politische Entschlossenheit Bestand hat: Schon der Abbruch des Rummelsburger Lokschuppens wäre frevelhaft. Wenn in Pankow der dann letzte Rundlokschuppen Deutschlands auch noch dem Erdboden gleichgemacht würde, darf man dies mit Recht einen Skandal nennen …

Rundgang

Titelmotiv: Einer der letzten seiner Art: der Rundlokschuppen in Berlin-Pankow (Bild: Doris Antony, CC BY SA 3.0)

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