Was würde Martin Scorsese dazu sagen?

Noch zu Beginn des Jahres lobte Felix Torkar die an der US-amerikanischen Ostküste gelegene Metropole Boston für ihren Umgang mit den Bauwerken des Brutalismus. Was derzeit in der Stadt diskutiert wird, dürfte die Fachwelt dagegen in Sorge versetzen. Paul Rudolphs Government Service Center in Boston soll nach dem Willen der Massachusetts Division of Capital Asset Management and Maintenance, der Bau- und Vermögensverwaltung von Massachusetts, an Investoren verkauft und durch einen Neubau ersetzt werden, wie der Boston Globe berichtet.

Der ab 1962 entworfene und bis 1971 realisierte Gebäudekomplex besteht aus zwei Teilen. Vom Abriss bedroht ist das an der Kreuzung von Cambridge Street und New Chardon Street gelegene Charles F. Hurley Building. Es fungierte bisher als Diensitz verschiedener Behörden. Gegen diesen Vorstoß wendet sich eine Petition, die unter anderem von der Paul Rudolph Heritage Foundation unterstützt wird. In Martin Scorseses Blockbuster „The Departed“ aus dem Jahr 2006 spielt das Government Service Center neben Leonardo DiCaprio, Jack Nicholson und anderen Leinwandgrößen eine architektonische Hauptrolle als Polizeiquartier. Und wer weiß – vielleicht trägt Hollywood ja zur Erhaltung von Rudolphs Werk bei? (mk, 7.12.19)

zur Online-Petition zum Erhalt des Boston Gouvernment Service Center

Boston, Government Service Center (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 2.0)

„Überm See“ wird gebetet

Seit 50 Jahren wird in Olpes Stadtteil Sondern zwischen „Überm See“ und der Franz-Hitze-Straße die Messe gefeiert. Hier am Biggesee, einem in der Nachkriegszeit angelegten Stausee, entstand zwischen 1966 und 1969 – nach Plänen des Architekten und Essener Stadtbaurats Herman Gehrig – die katholische Kirche St. Maria Hilfe der Christen. Der verklinkerte Saalbau mit Betonglas- und Bleiglas-Fenstern erhebt sich über einem polygonalen Grundriss.

Obwohl das kleine Sondern keine 500 Einwohner zählt, bietet die Kirche satte 345 Sitzplätze. Eine Besonderheit ist zudem die Erweiterungsmöglichkeit durch ein bestuhlbares Atrium, das sich zum östlich gelegenen Biggesee orientiert. Dabei waren die Arbeiten holprig verlaufen: Kurz nach dem Baubeginn verstarb Gehrig und der lokale Architekt Heribert Klein musste sein Werk vollenden. Für die Kirchenglocken fehlte zunächst das Kapital. Erst seit 2003 läutet es aus dem skulpturalen Campanile. Umso mehr darf man sich bei einem Besuch über den 50. Kirchengeburtstag freuen und das gelungene Baukunstwerk bestaunen. (mk, 30.11.19)

Olpe-Sondern, St. Maria Hilfe der Christen (Bild: pv-olpe.de)

Die Rathauspassagen – Träume in Beton

Es wird kälter und das bunte Herbstlaub weicht langsam der Monochromie des Winters. Das muss für Architekturfans aber kein Grund für einen Winterblues sein: Die Initiative Offene Mitte Berlin veranstaltet am 26. November um 18 Uhr einen Filmabend, der sich den Berliner Rathauspassagen widmet. Die Veranstaltung ist Teil der Ausstellung zum 50. Jubiläum des benachbarten Fernsehturms. Gezeigt wird Oliver Päßlers dokumentarischer Film „Straße Nummer Eins“, der die Geschichte der Rathauspassagen bis in die jüngste Vergangenheit verfolgt und dabei auch Erbauer und Bewohner zu Wort kommen lässt. Nach dem Film folgt ein Gespräch mit dem Architekten Dietmar Kuntzsch, der im Planungskollektiv entscheidend an den Rathauspassagen mitwirkte.

Der zwischen 1967 und 1972 nach Entwürfen eines Kollektivs um Heinz Graffunder entstandene Komplex weist konzeptionelle Parallelen zu Le Corbusiers Unités auf. Neben Wohnungen gab es hier auch Arztpraxen, Büros, Gemeinschaftsträume und nicht zuletzt eine Vielzahl von Geschäften, die die Rathauspassagen zu einem der wichtigsten Einkaufszentren der DDR machte. Wer dabei nun an fantasielose Architektur der Standardisierung denkt, der irrt. Die baukünstlerische Ausstattung samt Fayencen und Springbrunnen wirkte fast so, als ob sie mit den absolutistischen Zeugnissen des alten Berlin wetteifern wollte. (mk, 23.11.19)

Berlin, Rathauspassagen (Bild: Initiative Offene Mitte Berlin)