LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

von Jürgen Tietz (22/2)

„Bleiben Sie gesund!“ Mit diesem herzlichen Wunsch endeten während der Corona-Pandemie zahlreiche Gespräche, egal ob sie vor Ort geführt wurden oder digital. Die Pandemie hat der gesamten Gesellschaft verdeutlicht, was all jene schon vor Ausbruch der SARS-CoV-2 Pandemie leidvoll erfahren hatten, die an einer schweren Krankheit leiden: Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist kostbar und ein verletzliches Gut. Doch seit Anfang 2020 lagen Krankheit und Tod für alle im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft. Mit den Aerosolen, die wir einatmen, nahmen wir zugleich jene Coronaviren auf, die bisher allein in Deutschland über 100.000 Menschen das Leben gekostet haben.

Zürich, Universitätsspital, Rämitrakt

Zürich, Universitätsspital, Rämitrakt (Bild: Roland zh, CC BY SA 3.0, 2011)

Weil Stadtluft krank machte

Mit der Pandemie rückte zugleich die zentrale Rolle in den Blick, die gesundheitliche Überlegungen für Architektur und Stadtplanung seit der frühen Moderne besitzen. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Für die Verwendung von gesunden Baustoffen ebenso wie für die Art und Weise, wie wir in Stadt und Land bauen und unser räumliches Umfeld gestalten. In Europa betrafen die Maßnahmen zu gesundheitlichen Aspekten neben den Mietskasernen des 19. Jahrhunderts besonders die Altstädte. Sie waren eben keine Postkartenidyllen, wie es die fast schon mythisch anmutende Erzählung der ‘kompakten europäischen Stadt’ nahelegt. Viele Altstädte waren in erster Linie eng und unhygienisch. Nicht umsonst galten sie seit Jahrhunderten als Hort von Krankheiten und Seuche. Stadtluft mochte zwar frei machen, aber eben auch krank. Dagegen bezog die architektonische Moderne des 20. Jahrhunderts kraftvoll Position. Gesunde und hygienische Wohn- und Arbeitsverhältnisse wurden für sie zentraler Antrieb im Kampf gegen Verelendung und Dreck in vielen heruntergekommenen Altstädten und Mietskasernen, in denen Krankheitserreger der Cholera, Tuberkulose und Diphtherie einen idealen Nährboden vorfanden.

Der weite Bogen einer ‘gesunden’ Baukunst reicht von der Reformarchitektur um 1900 über das Neue Bauen der 1920er Jahre bis hin zu den durchgrünten und aufgelockerten Siedlungsstrukturen der Nachkriegsmoderne. Zugleich rückte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine bessere Versorgung der Kranken selbst immer stärker in den Blickwinkel. Beispielhaft dafür stehen die in einer weitläufigen Parklandschaft gruppierten Pavillonkrankenhäuser, wie sie Berlins Stadtbaurat Ludwig Hofmann beim Rudolf-Virchow-Klinikum (1899–1906) in Berlin-Wedding realisierte. Kompakter in der Form waren jene Spitalbauten der 1920er und frühen 1930 Jahren, wie sie der in Berlin und der Schweiz aktive Otto Rudolf Salvisberg verwirklichte. Großzügige Terrassen für die Luftbäder der Kranken inklusive. Vorbildhaft war aber auch der 1942/45 nach Entwurf der Architekten Häfeli, Moser, Steiger, errichtete Rämitrakt des Zürcher Universitätsspitals, der bis heute als „eines der Hauptwerke der modernen Architektur der Schweiz“ gilt.

Braunlage, Sanatorium Dr. Barner (Bild: historsiche Postkarte)

Braunlage, Sanatorium Dr. Barner (Bild: historische Postkarte)

Neue Nervenleiden

In der Zeit um 1900 traten zunehmend neue Krankheitsbilder auf, nervöse Nervenleiden, die mit den Folgen von Industrialisierung, Verstädterung und einer generellen Beschleunigung des Lebens in der Moderne in Zusammenhang gebracht wurden. Der medizinisch begleitete Kuraufenthalt, im Besonderen für die wohlhabende Großstädter und Großstädterinnen, entwickelten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem wichtigen Fluchtpunkt. Ein wenig von dieser Zauberberg-Atmosphäre, die Thomas Mann so unvergleichlich beschrieben hat, lässt sich noch heute in dem großartigen Sanatorium Barner in Braunlage erahnen. Der gelernte Tischler Albin Müller (1871–1941), der sich bald nur noch Albinmüller nannte, wurde dort schnell vom Gast des Sanatoriums, das er 1903 erstmals besuchte, zu dessen Gestalter. Mit seinen Entwürfen verwandelte er das „Rekonvaleszentenheim für die gehobenen Stände“ vor dem Ersten Weltkrieg in ein Gesamtkunstwerk der Gesundheitsarchitektur. In den letzten Jahren ist es David Chipperfield Architects gelungen, dieses herausragende Denkmal der modernen Gesundheitsarchitektur mit liebevoller Behutsamkeit zu restaurieren. Nicht nur die Linoleum-Böden und Lincrusta-Tapeten im schönsten Jugendstildekor vermitteln dort einen Eindruck vom Aufblühen einer keimfreien, hygienischen Moderne. Positiven Einfluss auf die Gesundheit versprach auch die ‘Luftbadehütte’, die Albinmüller in Holz-Fertigbauweise im Garten des Sanatoriums errichtete.

Die Gesundheit in den Blick zu nehmen, bedeutete einerseits, hygienische Materialien zu verwenden, wie sie eben jenes Naturmaterial Linoleum bot, das Keimen, Bakterien oder Viren keinen zusätzlichen Nährboden lieferte. Zum anderen bedeutete es, das Verhältnis zwischen städtischer Architektur und natürlicher Umgebung neu zu ordnen. Statt immer engere und dunklere Innenstädte zu schaffen, ging es nun um Sonne, Licht und Luft in gut durchlüfteten Wohnzeilen, die dafür in Ost-West-Richtung und mit ausreichendem Abstand positioniert wurden. Parallel zur Industrialisierung, Technisierung und Normierung des Bauens wurde das Verhältnis von Mensch und Natur als wichtiger Aspekt für körperliches Wohlbefinden und Gesundheit erkannt. Mit Wirkungen, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Während der aktuellen Pandemie offenbarte sich für die Stadtbewohner die hohe Bedeutung, die weitläufigen innerstädtischen Parkanlagen zukommt. Wer in den Zeiten des Lockdowns ohne Garten oder Terrasse auf engstem Raum bei Homeoffice und Homeschooling die Tage zubringen musste, der war froh, wenigstens zeitweilig in die städtischen Grünanlagen ausweichen zu können. So gut besucht waren die Parks vielfach, dass dort die geforderte soziale Distanz, die ja vor allem eine räumliche Distanz meinte, kaum zu wahren war.

Berlin-Charlottenburg, Park Lietzensee (Bild: historische Postkarte, Zenodot-Verlag, PD, via wikimedia)

Berlin-Charlottenburg, Park Lietzensee (Bild: historische Postkarte, 1908, Zenodot-Verlag, PD, via wikimedia commons)

Gesundes Grün

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaßen die gerade neu angelegten öffentlichen Grünanlagen und weitläufigen Volksparks eine wichtige Funktion beim Erhalt der Gesundheit wie der Freizeitgestaltung der unterschiedlichen Bevölkerungsschichten.

In Berlin ist die Entstehung der großen Volksparks wie dem Friedrichshain (seit 1846) oder dem Humboldthain (seit 1869) mit den Namen bedeutender Gartenkünstler wie Peter Joseph Lenné oder seinem Schüler Adolf Meyer verbunden. Eine Entwicklung, die sich in der Moderne mit den Arbeiten von Erwin Barth fortsetzte, erster Gartendirektor des Berlin benachbarten Charlottenburg. Zu Barths Werken zählen die malerischen Anlagen des heutigen Mierendorfplatzes (1911/12) sowie des Parks am Lietzensee (1919/20). Erst Ende der 1970er Jahre gerieten diese Parkanlagen ins Blickfeld der sich damals konstituierenden Gartendenkmalpflege. Inzwischen werden sie im stets neu auszulotenden Widerstreit der Nutzungs- und Erhaltungsinteressen durch Parkpflegewerke geschützt.

Berlin-Steglitz, Benjamin-Franklin-Klinikum (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2018)

Berlin-Steglitz, Benjamin-Franklin-Klinikum (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2018)

Eine besondere Bauaufgabe?

Sonderbauaufgaben wie Krankenhäuser, Altenwohnen, Kur- und Freianlagen oder Apotheken beschritten innerhalb der Architekturgeschichte keine Sonderwege. Vielmehr waren sie jeweils Kinder ihrer Zeit, mal besser, mal schlechter, mal aber auch sensationell wie das Klinikum in Aachen, das zu den besonderen High-Tech-Bauten Europas zählt. Wie sehr an Gesundheitsbauten zugleich Zeitgeschichte ablesbar ist, verdeutlicht auch das Klinikum Benjamin-Franklin in Berlin-Steglitz, das heute zum FU-Campus der Charité gehört. 1968 nach Entwurf der beiden Amerikaner Curtis und Davis sowie ihres deutschen Kontaktarchitekten Mocken errichtet, galt es als ein Meilenstein der Krankenhausplanung. Dem Mitteltrakt des Klinikums mit den Behandlungsräumen waren seitlich zwei fünfgeschossigen Bettenhäuser für ursprünglich 1426 Patienten und Patientinnen angegliedert. Wie schwierig sich hier ein denkmalgerechter Umgang darstellt, wird nicht nur an den zauberhaften, aber dringend sanierungsbedürftigen ‘Betonwirbeln’ der vorgesetzten ‘brise soleil’ deutlich. Es zeigt sich auch in den steigenden Anforderungen an die Ausstattung der Zimmer, die sich seit der Erbauung ebenso grundlegend gewandelt haben wie die technische Ausrüstung der Behandlungs- und Operationssäle. Der bemerkenswerte medizinische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte geht mit einer Verbesserung der gesundheitlichen Vorsorge und Behandlung einher, die der gesamten Gesellschaft zugutekommt. Zugleich spiegelt sich in ihm ein tiefgreifender Wandel der Gesundheitsarchitektur. Ihre zumeist weit umfangreicheren funktionalen und technischen Anforderungen, können für die denkmalgerechte Erhaltung und Weiterentwicklung an Gesundheitsbauten der Moderne unter Umständen hohe Hürden darstellen, die nur durch gelegentlich schmerzhafte Kompromisse überwunden werden können.

Titelmotiv: Aachen, Klinikum (Bild: Klinikum der RWTH Aachen)

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LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

Jürgen Tietz über die große Verheißung der Moderne.

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

Oliver Sukrow über Kurorte und ihre Architektur in der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

Peter Liptau über ein “zukunftsoffenes Krankenhaus” des Architekten Robert Wischer.

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

Gerhard Kabierske über einen Karlsruher Bau von Reinhard Gieselmann.

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

Karin Berkemann über einen der ersten Bauten der Postmoderne in Deutschland.

INTERVIEW: "Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum"

INTERVIEW: “Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum”

Die Architektin Petra Wörner (wtr) über die Sanierung des Aachener Klinikums.

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

Peter Raaf besuchte Kuranlagen der 1930er bis 1950er Jahre.

Der Best-of-90s-Beitrag

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

von Oliver Sukrow (22/2)

Wer heute an Kurorte denkt, sieht vor dem inneren Auge prächtige Trinkhallen, und luxuriöse Hotels der Belle Époque in Wiesbaden oder Karlovy Vary. Als ‘playgrounds’ der Eliten blieben die Kurorte im 19. Jahrhundert eingebunden in allerlei Transformationsprozesse, kurz: Sie waren Orte der Moderne. Ihre herausragende Stellung spiegelte sich auch in ihrer Urbanistik und Landschaftsarchitektur wider, die bis heute vom harten Wettbewerb um das internationale Kurpublikum zeugen. Kaum beachtet wird aber, dass diese Baugeschichte nicht 1918 endet. Vielmehr findet sich hier die Vielfalt baulich-funktionaler Lösungen von der klassischen Moderne über die Zwischenkriegszeit bis zur Postmoderne. Der folgende Beitrag stellt einige ausgewählte Beispiele der Neu- und Umbauten von Gesundheitsarchitekturen in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor, die nach 1945 entstanden und heute zumeist in Vergessenheit geraten, abgerissen worden oder von Zerstörung bedroht sind.

Bad Wildbad, Neue Trinkhalle, Otto Kuhn und Reinhold Schuler, 1933-1934 (Bild: © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, Fotothek)

Bad Wildbad, Neue Trinkhalle, Otto Kuhn und Reinhold Schuler, 1933–1934 (Bild: © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, Fotothek)

Moderne Kurorte ohne Lobby

Angesichts einer nostalgischen, an touristischer Vermarktung orientierten Rückschau auf die Blütezeit der europäischen Kurorte wird oft vergessen, dass etliche Großprojekte erst im Laufe des 20. Jahrhunderts umgesetzt wurden – etwa die Trinkhalle in Bad Wildbad (Otto Kuhn und Reinhold Schuler, 19331934) oder die modernistischen Kuranlagen im mährischen Luhačovice („Neue Kolonnade“ und Vincentka-Quelle, Oskar Poříska, 19461952). Erst unlängst geriet diese kaum beachtete Epoche noch einmal kurz in das Blickfeld der Denkmalpflege, als 2019 trotz breiter Proteste der Abriss der Kuranlagen von Bad Neuenahr (Hermann Weiser, 19331938) genehmigt wurde.

Bezeichnenderweise werden die Kurortarchitektur und das 19. Jahrhundert nicht nur im kulturellen Gedächtnis gleichgesetzt, sondern auch in der ‘heritage community’: Als 2021 die „Great Spas of Europe“ in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen worden sind, wurde deutlich, dass (im Moment) nur jene Epoche und dessen bauliche Erzeugnisse ‘welterbewürdig’ sind. Die Geschichte der Kurorte im 20. Jahrhundert ist und bleibt deswegen ein vernachlässigtes Kapitel der Architekturgeschichtsschreibung. Wenn also bereits die modernistischen Kuranlagen aus den 1930er und 1940er Jahren weitgehend unbekannt geblieben sind, so gilt dies in umso stärkeren Maßen für jene therapeutische Infrastruktur, die in den 1960er und 1970er Jahren für den letzten großen Bauboom in den Kurorten sorgte. Diese Epoche hat weder eine Lobby, noch wird sie gegenwärtig als Chance für die Zukunft der Kurorte angesehen. Vielerorts werden ihre Überreste vernachlässigt und abgerissen.

Luhačovice, Vincentka-Quelle, Trinkhalle, Oskar Poříska, 1946–1952 (Bild: © Wikipedia Commons)

Luhačovice, Vincentka-Quelle, Trinkhalle, Oskar Poříska, 1946–1952 (Bild: Luhačovice 2021, CC0 1.0, 2021)

Die Schweizer „Bäder-Erneuerung“

Im Unterschied zu den meisten mittel- und osteuropäischen Kurorten hatten die Heilbäder der Schweiz nach 1945 nicht unter Kriegszerstörungen zu leiden. Vielmehr wurde bereits in den 1940er Jahren eine „generelle Planung einer schweizerischen Bäder-Erneuerung“ angeregt. Hier tat sich der Zürcher Architekt und Planer Armin Meili (18921981) hervor. In seinem Buch „Bauliche Sanierung von Hotels und Kurorten“ (1945) argumentierte er, dass die Kurorte in der Schweiz mittels staatlicher Subventionen systematisch und großzügig modernisiert werden müssten. Jedem Heilbad sollten dafür zwei bis drei Architekten zugeteilt werden, die das Projekt mit den Behörden vorantreiben sollten. Meilis Konzept nahm die Entwicklungen außerhalb der Schweiz um Jahrzehnte vorweg. Damit stand die Bauaufgabe ‘Kurort’ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr wohl auf der Agenda. Als Teil der Regionalplanung sollte die schweizerische „Bäder-Erneuerung“ den Binnentourismus ankurbeln und die Bauwirtschaft stärken.

Drei Jahrzehnte nach Meili legte der ebenfalls in Zürich wirkende Architekt Otto Glaus (19141996) eine umfassende Arbeit über „Planen und Bauen moderner Heilbäder“ (1975) vor. Darin sprach er von einer „offene[n], verglaste[n] Halle und Korridore[n], die den Ausblick in die Natur voll freigeben“ und so der „heutigen Lebensform“ entgegenkommen. Mitunter sind die hier von Glaus vorgestellten Kurbauten der 1950er bis 1970er Jahre noch erhalten, viele wurden aber inzwischen abgerissen oder umgestaltet. Mit den jüngsten Verlusten setzt sich eine Tradition fort, die bereits die historistischen Kurbauten des 19. Jahrhunderts in der Nachkriegszeit getroffen hatte. Auch diese wurden Neubauten geopfert, beispielsweise die Alte Trinkhalle Bad Wildbad (18781959), das Alte Kurhaus (19501953) und sein Nachfolger in Bad Homburg vor der Höhe (19821984, Architektengemeinschaft Fischer-Glaser-Kretschmer) oder die Wandelhalle in Badenweiler (1853), die 1972 bei der Errichtung des neuen Kurhauses (19701972, Klaus Humpert/Staatliches Hochbauamt Freiburg im Breisgau) transloziert wurde.

Baden/Aargau, Thermalschwimmbad, Otto Glaus, 1963–1969, abgerissen 2017 (Foto: Comet Photo AG, Zürich, 1969, Bild: © ETH-Bibliothek Zürich, Com_M18-0023-0002-0009, CC BY-SA 4.0.)

Baden/Aargau, Thermalschwimmbad, Otto Glaus, 1963–1969, abgerissen 2017 (Foto: Comet Photo AG, Zürich, 1969, Bild: © ETH-Bibliothek Zürich, Com_M18-0023-0002-0009, CC BY-SA 4.0)

Neubauten in der Schweiz

Glaus wirkte auch bei zahlreichen Neubauten in Kurorten mit. In Baden/Aargau standen in den 1960er Jahren die Zeichen auf Neuanfang im örtlichen Bäderbetrieb. Zwischen 1963 und 1969 gestaltete Glaus ein Thermalschwimmbad, den brutalistischen Staadhof, als Hotel, Therapiezentrum und Trinkhalle. Alle drei Bauten wurden bis 2017 abgerissen, Ende 2021 sollte eine Therme von Mario Botta eröffnet werden. Als ein System von begrünten Innenhöfen und kleinen Plätzen mit kubischen, tief in den Baugrund versenkten Baukörpern öffnete sich die Anlage den Besucher:innen ab 1965. Durch bodentiefe Fenster war die Anbindung an den Kurpark und das historische Bäderquartier gegeben. Um öffentlichen Raum zu erhalten, verlegte Gaus die Bauten unter das Straßenniveau und ließ zusätzlich Dach- und Atriumgärten anlegen. Gemeinsam mit dem Staadhof und der Trinkhalle bildete das Thermalbad ein zentrales Ensemble, das sich den Bedürfnissen der promenierenden Kurgäste anpasste.

Ein ähnliches Prinzip von im Kurpark verteilten, eingeschossigen Pavillons mit großen Glasflächen verwirklichte Glaus ab 1956 mit der Neuplanung des Kurzentrums von Bad Ragaz (Sankt Gallen). In der Tradition von Mies van der Rohe oder Richard Neutra ermöglichte Glaus Fern- und Ausblicke in die Landschaft, gleichzeitig aber auch eine kombinierte Verdichtung der Therapie- und Sportfunktionen. Als Städteplaner schlug Glaus für Bad Ragaz neue Kultur-, Sport-, Laden-, Betriebs-, Hotel- und Bäderzonen vor.

Bad Dürrheim, Neues Kurmittelhaus, 1955-1958 (Foto: Willy Pragher, 1959, Bild: © Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg, Fotosammlung Willy Pragher, W 134 Nr. 055205)

Bad Dürrheim, Neues Kurmittelhaus, 19551958 (Foto: Willy Pragher, 1959, Bild: © Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg, Fotosammlung Willy Pragher, W 134 Nr. 055205)

Bäderbauten in Südwestdeutschland

In Bad Dürrheim beispielsweise wurden die Kuranlagen ab 1955 erweitert. Die seit 1851 für den Badebetrieb genutzte Sole wurde bis 1972 in der städtischen Saline gefördert. 1937 eröffnete das Kurhaus, das sich symmetrisch, begleitet von zwei offenen Wandelhallen, zum Kurpark mit vorgelagertem Parterre öffnet. Von 1955 bis 1958 wurde das Kurmittelhaus vom Land Baden-Württemberg im Süden des Kurparks errichtet, von 1966 von 1968 das Sole-Mineral-Hallenbad. Beide wurden mittels einer Wandelhalle mit dem Kurhaus verbunden. Das zweigeschossige Kurmittelhaus mit vorgelagerter Wandelhalle barg in seiner Mitte einen deutlich hervorgehobenen Inhalationsgang, begleitet von Einzelkabinen und vom Bewegungsbad. Dieses öffnete sich durch verglaste Fassadenflächen zum Kurpark, während im Inneren eine offene Betondecke auf Stützen das Becken überspannte. In den zwei rechtwinklig angeordneten Seitentrakten befanden sich eine Inhalationshalle und die Kinderabteilung.

Viele Kurorte fokussierten sich auf große Baukomplexe. Damit wollte man sich nicht nur stilistisch, sondern auch funktional von der Bäderarchitektur des 19. Jahrhunderts abgrenzen und einen aktiven Gesundheitstourismus etablieren. Teilweise modernisierte man dafür die historischen Kuranlagen, meistens aber, vor allem in den 1960er/70er Jahren, wurden sie abgerissen oder transloziert – zugunsten großer Komplexzentren. Nicht von ungefähr gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den multifunktionalen Kurarchitekturen und anderen Bauaufgaben wie Stadthallen, Kultur- und Freizeitzentren oder Großwohneinheiten. In der Nachkriegszeit wurden viele Funktionen in einem Gebäude oder Komplex konzentriert. Dadurch verlor die umgebende therapeutische Landschaft an Bedeutung: Es blieben Grünanlagen, Parkplätze und Erschließungsflächen. Diese Tendenzen verbinden die Kurzentren mit den Einkaufsmalls oder kommunalen Kulturhäusern der 1960er bis 1980er Jahre.

Bad Rappenau, Kurmittelhaus und Sole-Hallenbad, 1965-1967, Rudolf und Ingeborg Geier (Bild: © Wikipedia Commons)

Bad Rappenau, Kurmittelhaus und Sole-Hallenbad, 19651967, Rudolf und Ingeborg Geier (Bild: p.schmelzle, CC BY SA 3.0, 2008)

Zweimal Baden-Württemberg

In Bad Rappenau wurden das Kurmittelhaus und das Sole-Hallenbad durch die Stuttgarter Architekt:innen Rudolf und Ingeborg Geier von 1965 bis 1967 in zwei komplementären Gebäuden untergebracht. Während das quaderförmige Hallenbad konventionell wirkt, weist das Kurmittelhaus einen polygonalen Grundriss auf. Um den zentralen Personalbereich wurden konzentrisch Ruhekabinen, Solewannen und Fangokabinen angeordnet. In Bad Wildbad beschränkte man die Modernisierung der Kuranlagen nicht nur auf die Therapiegebäude, sondern griff auch in den zumeist seit dem 19. Jahrhundert landschaftlich gestalteten Außenraum ein. Zwischen 1964 und 1968 errichtete die Staatliche Hochbauleitung Wildbad (Dengler/Walther) ein Thermal-Bewegungsbad aus zwei Gebäudetrakten auf sechseckigem Grundriss: einer für Kurgäste, der andere für Tagesbesucher:innen.

Oberhalb des historischen Kurzentrums, am Hang gelegen, nimmt der gestaffelte Baukörper des Thermal-Bewegungsbads eine raumbeherrschende Stellung innerhalb des gärtnerisch gestalteten Enztals ein. Die streng-geometrischen Formen, Betonoberflächen des skulptural gehaltenen Thermalbads setzten einen Kontrast zur historistischen Bäderarchitektur aus dem 19. Jahrhundert. Bad Wildbad zeigt bis heute Elemente der landschaftlichen Kurparkgestaltung aus der Nachkriegszeit, die unter anderem auf Walter Rossow (19101992) zurückzuführen sind. Er schuf hier ab 1962 vier Zonen: der Kurbereich in der Nähe der Bäder, der Erholungsbereich um das Kurhaus, ein ‘wilder’ Bereich mit Aussichtsfelsen und Flussterrassen an der Enz sowie der Sportbereich, der in die ländliche Umgebung vermitteln sollte. Ein weiteres Element dieser Maßnahmen waren die „Enzkolonnaden“ mit Gastronomie und Einzelhandel, zwischen dem ehemaligen Grandhotel „Quellenhof“ (heute Reha-Klinik) und dem historischen Kurhaus (Otto Kuhn, 19081910) gelegen.

Bad Gastein, Felsenbad, Gerhard Garstenauer, 1967–1968 (Bild: historische Abbildung, 1974, via hiddenarchitecture.net)

Alpiner Brutalismus

Die Herausforderung, die therapeutische Infrastruktur landschaftlich einzubetten, stellte sich nicht nur im Mittelgebirge, sondern auch in den Alpen. Dort wurden die Heilmittel Wasser, Terrain und Luft bereits im 19. Jahrhundert mit außergewöhnlichen Lösungen erleb- und nutzbar gemacht. Der Bautyp Sanatorium etwa wurde immer mehr durch Fenster, Balkone, Veranden, Loggien und Sonnendächer zur umgebenden Landschaft geöffnet und ‘entmaterialisiert’. Auf ganz andere Weise löste Gerhard Garstenauers Felsenbad Gastein (19671968) das Problem im Salzburger Land. Wegen eines schwierigen Bauplatzes wurde ein Teil des rückwärtigen Berges gesprengt, um die Felsenfront als Hintergrund der Schwimmhalle zu nutzen. Der brutalistische Bau geht dadurch einen ‘Dialog’ mit dem anliegenden Naturstein ein, der so als namensgebendes Herzstück der Kuranlage vorgeführt wird.

Ob in Bad Ragaz, Bad Wildbad oder Bad Gastein: Natur, Kunst und Architektur gehen auch in den Kurorten des 20. Jahrhunderts eine wechselseitige Verbindung ein. In Zeiten einer Wiederentdeckung „heilsamer“ Räume und Landschaften wird es umso wichtiger sein, auch die baulichen Zeugnisse des zweiten Aufbruchs der „Spas of Europe“ zu erhalten und zu nutzen. Ob es aber zu einer Renaissance der Kurorte und damit einer Wertschätzung der modernen Kurortarchitektur kommt, bleibt offen.

Literatur

Meili, Armin, Bauliche Sanierung von Hotels und Kurorten: Schlussbericht, Zürich 1945.

Situation der europäischen Kurorte in Gegenwart und Zukunft: Fachreferate der Jahrestagung 1968 in Badgastein, hg. vom Österreichischen Heilbäder- und Kurorteverband, Wien 1968.

50 Jahre Verband Schweizer Badekurorte (Die Schweiz – Suisse – Svizzera – Switzerland. Offizielle Reisezeitschrift der Schweiz 47, 1974, 11), hg. von der Schweizerischen Verkehrszentrale, Zürich 1974.

Hain, Karl, Oberösterreichisches Kurortekonzept: Bestandsaufnahme und Programm, Linz 1974.

Glaus, Otto, Planen und Bauen moderner Heilbäder, Zürich 1975.

Lüdtke, Lothar F./Stockburger, Dieter: Untersuchung über Situation und anzustrebende Entwicklungsrichtung in den Heilbädern, Heilklimatischen Kurorten und Kneippkurorten Baden-Württembergs unter besonderer Berücksichtigung der wirtschaftlichen Auswirkungen, München 1976.

Garstenauer, Gerhard, Bauten und Projekte im Gasteinertal, Salzburg 1979.

Der Autor bietet mit diesem Beitrag einen Blick in die Werkstatt eines laufenden Forschungsprojekts, zu dem er weiterhin jeweils aktuelle Ergebnisse publizieren wird.

Badenweiler, Wandelhalle, 1853, Abbrucharbeiten im Kurpark für die Errichtung des neuen Kurhauses, 1972 (Bild: © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, Fotothek)

Badenweiler, Wandelhalle, 1853, Abbrucharbeiten im Kurpark für die Errichtung des neuen Kurhauses, 1972 (Bild: © Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, Fotothek)

 1957, S. 315)

Bad Ragaz, Kurzentrum, Otto Glaus, ab 1956 (Bildquelle: Neue Bäderanlage und Hotelumbau in Bad Ragaz. Architekt Otto Glaus, in: Das Werk. Architektur und Kunst 44, 1957, S. 315)

Bad Wildbad, Thermal-Bewegungsbad, B. Dengler und W. Walther, 1964-1968 (Bildquelle: Otto Glaus, Planen und Bauen moderner Heilbäder, Zürich 1975, S. 72)

Bad Wildbad, Thermal-Bewegungsbad, B. Dengler und W. Walther, 1964-1968 (Bildquelle: Otto Glaus, Planen und Bauen moderner Heilbäder, Zürich 1975, S. 72)

Bad Wildbad, Kurpark, ab 1962, Walter Rossow, Flussterrassen an der Enz und Aussichtsfelsen (Bild: Oliver Sukrow)

Bad Wildbad, Kurpark, ab 1962, Walter Rossow, Flussterrassen an der Enz und Aussichtsfelsen (Bild: Oliver Sukrow)

Titelmotiv: Bad Rippoldsau, Kurhauscafé (Bild: Oliver Sukrow)

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LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

LEITARTIKEL: Bauen und Pflegen für das Wohlbefinden

Jürgen Tietz über die große Verheißung der Moderne.

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

FACHBEITRAG: Opas Heilbad ist tot!

Oliver Sukrow über Kurorte und ihre Architektur in der Nachkriegsmoderne.

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

Peter Liptau über ein “zukunftsoffenes Krankenhaus” des Architekten Robert Wischer.

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

FACHBEITRAG: Brutalismus für Betagte

Gerhard Kabierske über einen Karlsruher Bau von Reinhard Gieselmann.

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

PORTRÄT: Bahnhof-Apotheke Lübbecke

Karin Berkemann über einen der ersten Bauten der Postmoderne in Deutschland.

INTERVIEW: "Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum"

INTERVIEW: “Nach wie vor verliebt in dieses Klinikum”

Die Architektin Petra Wörner (wtr) über die Sanierung des Aachener Klinikums.

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

FOTOSTRECKE: Auf Kur mitten im Krieg

Peter Raaf besuchte Kuranlagen der 1930er bis 1950er Jahre.

Der Best-of-90s-Beitrag

FACHBEITRAG: Das Bundes­­wehr­­kranken­haus in Ulm

von Peter Liptau (22/2)

Über der Stadt Ulm, auf dem Eselsberg und zumindest ursprünglich mitten im Grünen steht das Bundeswehrkrankenhaus, das von 1974 bis 1979 durch das Büro Heinle, Wischer und Partner errichtet wurde. Insbesondere der Architekt Robert Wischer (1930–2007) war es, der nicht nur das Haus in Ulm nach seinem Prinzip des „zukunftsoffenen Krankenhauses“ plante. Es sollte jederzeit flexibel auf den Fortschritt reagieren können, ohne dass große An- und Umbauten nötig sind. Diese Strukturen haben sich in den letzten Jahren in der Sanierungsphase, die ebenfalls vom Büro Heinle, Wischer und Partner durchgeführt wurde, als nützlich erwiesen.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Schema der Gebäudestruktur (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Das zukunftsoffene Krankenhaus

Robert Wischer wollte ursprünglich Medizin studieren – und wurde Architekt. Dies sind selbstredend beste Voraussetzungen für einen Krankenhausbauer. Für diese gemeinwesenorientierten, rund um die Uhr geöffneten Hochleistungsarchitekturen braucht es einen gesundheitsfördernden Lebensraum. Dennoch gab es für Wischer bis dato kein überzeugendes Konzept für zukunftsoffene Krankenhäuser, deshalb entwickelte er eine eigene Theorie.

Schon der römische Architekturtheoretiker Vitruv habe gefordert: Gebäude müssen ebenso langfristig brauchbar wie dauerhaft in Material und Ästhetik sein. Wischer ergänzte die Funktionsoffenheit. Insbesondere ein Krankenhaus folge vier Kriterien: 1) Der Ort ist dauerhaft und bleibt über Jahrhunderte bestehen. 2) Die konstruktive, elementare, technische und logistische Struktur ist langfristig, sie erstreckt sich über 50 bis 100 Jahre. 3) Der raumbildende Ausbau und die ihn ergänzende technische Ausstattung sind für 20 bis 40 Jahre von mittelfristiger Gültigkeit. 4) Bewegliche Dinge können alle 5 bis 30 Jahre ausgewechselt werden.

Vor diesem Hintergrund plante Wischer seine eigenen Krankenhäuser. In Ulm wurden die Systeme für die technischen Installationen und den Innenausbau nahezu unabhängig in eine stählerne Tragstruktur eingesetzt. Für diese konstruktive Innovation erhielt das Büro Heinle, Wischer und Partner 1979 den Europäischen Stahlbaupreis.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Lichthof (Bild: Peter Liptau)

Auf dem grünen Hügel

Als das Land Baden-Württemberg die Medizinisch-Naturwissenschaftliche Hochschule in Ulm plante, entschied der Bundestag, dass hier auch ein Bundeswehrkrankenhaus mit 620 Betten entstehen sollte. Letzteres war zugleich als Lehrkrankenhaus für die Universität gedacht, das etwa ein Drittel seiner Kapazität für die Behandlung von Zivilist:innen bereitstellte.

Das Ensemble sollte sich „unaufdringlich in die Natur“ einfügen und „adäquat und in solider, zurückhaltender, im guten Sinne konservativer Gestaltung“ ausfallen. Auch deshalb wurde die Krankenhaus-Cafeteria zum beliebten Ausflugsziel für Spaziergänger:innen, die den Weg ins Naherholungsgebiet auf sich nahmen. Von Vorteil war und ist dabei natürlich der unverbaute Weitblick, der bei guten Wetterverhältnissen bis zu den Alpen reicht.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus (Bild: Peter Liptau)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Außeninstallation samt Grünflächengestaltung des Künstlers Kurt Georg Pfahler (Bild: Peter Liptau)

Jedem Zimmer sein Kunstdruck

Die Kunst am Bau sollte „die Menschen ansprechen, sie nachdenklich machen oder auch aufmuntern“. Dazu gehört in Ulm eine große Außeninstallation samt Grünflächengestaltung des Künstlers Kurt Georg Pfahler. Hinzu kommt die hochwertige Ausstattung der Innenräume: Plastiken des Künstlers Alfonso Hüppi im Lichthof sowie eine umfassende Kunstsammlung die es ermöglicht, dass jedes Krankenzimmer einen originalen Kunstdruck erhält.

Um das Bettenhochhaus herum gliedern sich – eingebettet in die Grünanlage, durch die Geländemodellierung teils unsichtbar – niedrigere Bauten für Ambulanzen, OP-Bereiche, Sozialräume, Labor, Bettenzentrale usw. Mit dieser Aufteilung reagierte Wischer darauf, dass bei solchen hoch technisierten Funktionsbauten mit einem höheren Anpassungsbedarf zu rechnen ist. Man wollte eventuelle An- und Umbauten vereinfachen und hielt dafür prophylaktisch Freiflächen bereit. Darauf befand sich u. a. eine Sportanlage für Soldat:innen, aber auch für die Patient:innen.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus (Bild: privat)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Lichthof (Bild: privat)

Im Luftraum

Die Pflegestationen befinden sich allesamt im Bettenhochhaus, wo mit weniger Anpassungsnotwendigkeit zu rechnen ist. Den Mittelpunkt bildet der Eingangsbereich mit seinem Lichthof als verbindendes Element: Mehr einem botanischen Garten als einem Krankenhausfoyer gleichend, betritt man das Haus auf Ebene 0. Hier erschließt sich ein glasgedeckter Luftraum, der sich nach unten bis zur Ebene -1 erstreckt, wo die meisten Funktionen und Ambulanzen liegen. Im Lichthof der Ebene -1, eingebettet in reichhaltiges Grün, gliedern „brutalistische, angeschrägte Kuben“ einen langen Raum. Über diesen ‘Graben’ verlaufen mehrere Brücken, welche die Ebene 0 des Haupthauses mit dem Nebengebäude der Fachabteilungen verbinden.

Das Bundeswehrkrankenhaus zeigt sich bis heute in seiner ursprünglichen Gestaltung: Die hinterlüftete Vorhangfassade mit eingestellten Brüstungselementen wurde seinerzeit mit bronzefarben eloxierten Aluminiumplatten verkleidet. Sie sind vor den Krankenzimmern so niedrig gehalten, dass die Patient:innen auch aus dem Bett heraus sehen können, was sich draußen auf Bodenhöhe abspielt. Vor der Verglasung liegt der Sonnenschutz aus Aluminiumlamellen, die automatisch bedient und von den Zimmern aus separat gesteuert werden können. In den vollklimatisierten Räumen lassen sich aus psychologischen Gründen einzelne Fensterflügel öffnen. Die Fassadenaufteilung selbst ergibt sich aus dem Raster der inneren Tragstruktur.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus (Bild: Peter Liptau)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Fassadenstruktur mit Sonnenschutz (Bild: Peter Liptau)

Streng nach dem Raster

In Ulm folgt der Aufbau den von Wischer proklamierten Prinzipien des „zukunftsoffenen Krankenhauses“: 1) Das Konstruktionssystem dient als tragende Struktur in einem dreidimensionalen, einheitlichen Raster mit minimalen baulichen Bindungen (Stützen, Aussteifungswände, Schächte). 2) Das Ausbausystem verfügt über verschiedene Variationsmöglichkeiten (Wand, Decke, Fußböden). 3) Das technische System für alle räumlichen Funktionen gestattet künftige Änderungen und ein entflochtenes Ordnungssystem – beispielsweise durch adaptive Energieanschlüsse.

Das Ausbausystem im Innern beruht auf einem Raster von 120 Zentimetern. Alle Elemente sind ein Vielfaches oder ein Teil davon (60 Zentimeter, 30 Zentimeter, 240 Zentimeter etc.). Auch die Raster aller tragenden Stützen sind identisch. In den Flachbauten wurden leicht zu versetzende Elemente aus kunststoffbeschichteten Stahlblechen eingesetzt, da mit einer dynamischeren Nutzung zu rechnen ist.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Schema der Installationen (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Stützen und Schächte

In den Untergeschossen 5 bis 2 finden sich Stützen, Wände und Decken aus Stahlbeton. Oberirdisch geht die Struktur dann in eine reine Stahlskelettkonstruktion über. Insgesamt birgt das Hochhaus sechs Schächte für die Installationsstränge. In den Geschossen verlaufen die Leitungen horizontal in den abgehängten Decken: Wasser, Abwasser, Heizung für das jeweils darüberliegende Stockwerk, Luft, Elektroinstallation und medizinische Gase. Diese Decken umfassen ein Schienensystem, in das Verkleidungsplatten, Beleuchtungspaneele und technische Energieauslässe eingefügt sind. In den Stationen bestehen die Wandelemente aus 15 Zentimeter starken Gipskartonwänden, die mit Glasfasertapete beschichtet und unterschiedlich gestrichen wurden. Die Fußböden sind nahezu vollständig in PVC ausgeführt, mit Ausnahme der Treppenhäuser, Nassbereiche und Küchen. Für die Nassbereiche der Zimmer wurden vorgefertigte Nasszellen eingesetzt, die am Stück angeliefert werden konnten.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Tresen mit Kleinförderanlage (Bild: privat)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Tresen mit Kleinförderanlage (Bild: privat)

Entlang der Kleinförderanlage

Zur Ausstattung gehören auch modernste technische Einrichtungen. Neben den sammelgesteuerten Aufzügen und einer automatischen, über zwei Kilometer langen Wagentransportanlage (z. B. für Essens- und Wäschewagen) verfügt das Haus auch über eine sogenannte Kleinförderanlage. Hier fahren 80 Metallkörbe mit Eigenantrieb über insgesamt 1700 Meter Schienen zu 32 Stationen. Dies ermöglicht bis heute eine schnelle Übermittlung von Befunden, Laborproben, Blutkonserven etc. Ein Hauptschienenstrang verläuft durch die Haupteingangshalle und macht die Modernität des Hauses damit für die Besuchenden sichtbar. Die bronzefarbenen Platten der Aluminiumfassade finden sich im Inneren wieder – als Verkleidung der Konstruktionsstützen. Auch die Aufzugsschächte zeigen sich in dieser Optik.

Das Gebäude erhielt ein Haustelefon und eine moderne zentrale Computeranlage. Eine Neuerung war außerdem der Patientenruf, der nicht nur über ein Warnlicht im Flur und ein akustisches Signal funktionierte, sondern auch eine Hör-Sprechverbindung zwischen Patient:innen und Pflegepersonal herstellte, u. a. über ein sogenanntes Hör-Sprech-Kissen.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Innenraum, 1981 (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Gerüstet für den Kriegsfall

Selbstverständlich handelt es sich beim Bundeswehrkrankenhaus um ein Militärkrankenhaus, dessen Ausstattung in der Hochzeit des Kalten Krieges auch für den Ernstfall geeignet sein sollte. In den zeitgenössischen Publikationen ist hierzu selbstverständlich nichts zu lesen, dennoch ist das Wissen darüber mittlerweile nach außen gedrungen. Beispielsweise befindet sich unter dem Gebäude eine weitreichende mehrgeschossige Bunkeranlage, wohin man den gesamten Krankenhausbetrieb hätte auslagern können. Zudem wurden der Lichthof und der Eingangsbereich großzügig geplant, um hier im Kriegsfall mehrere hundert Krankenbetten aufzustellen. Durch die Klimaanlage entsteht ein leichter Überdruck, der etwa beim Einsatz chemischer Waffen einer Kontaminierung entgegenwirken sollte.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Pflegestützpunkt, 1981 (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Modernisieren im laufenden Betrieb

Schaut man sich das Bundeswehrkrankenhaus heute von außen an, fällt vor allem der neue Hubschrauberlandeplatz über (nicht auf) dem Dach ins Auge. Dieser ersetzte erst in den vergangenen Jahren den nördlich des Ensembles gelegenen Landeplatz auf Bodenniveau. Ansonsten zeigt sich das Haus weitestgehend in seiner ursprünglichen Gestaltung, was an den langlebigen Materialien liegen mag, aber auch an seiner programmatischen Variabilität. Wesentlich war aber vor allem, dass die Sanierung vom Erbauerbüro Heinle, Wischer und Partner durchgeführt wurde. Die Modernisierungen blieben fast unsichtbar: Wie es Wischer voraussagt hatte, wurde nach knapp 30 Jahren eine Renovierung fällig. Dafür sanierte man die einzelnen Funktionseinheiten nicht an ihrem Standort, sondern ließ sie an neuen Orten neu entstehen. So wurde ein OP-Trakt mitsamt Notfallambulanz im Souterrain errichtet, womit die ehemals dort befindlichen Sozialräume (inklusive einer Kegelbahn!) wiederum andere verschobene Abteilungen aufnehmen konnten.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Pflegestützpunkte und Anmeldungen nach der Sanierung (Bild: Heinle, Wischer und Partner, Yogi Hild)

Die gesamte Sanierungsphase dauerte 20 Jahre und brachte nur sehr geringe Einschränkungen für den laufenden Betrieb. Auch die Gestaltung wurde überarbeitet. Dabei blieb der ursprüngliche Farbkanon erhalten, jedoch durch hellere Farbwerte aufgelockert. Anmeldetresen und Mobiliar wurden passend erneuert. Die öffentlichen Räume wie Eingangsbereich, Cafeteria und auch die Notfallambulanz wurden vom italienischen Designer Giulio Ridolfo in ihren Farbtönen entwickelt. Mit dieser Sanierung folgt das Krankenhaus tatsächlich der Prognose Robert Wischers und erweist sich weiterhin als „zukunftsoffenes Krankenhaus“. Eine Ehre, die einem weiteren bedeutenden Bau seines Büros wohl nicht mehr zuteilwird: Das Krankenhaus der Universität Göttingen, das fast noch konsequenter der Rasterbauweise folgt, steht aktuell wegen angeblich zu hoher Sanierungskosten auf der Abschussliste.

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Grundriss, Ebene 0 (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Grundriss der Ebene 0 (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Nasszelle auf einem Wagen (Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Ulm, Bundeswehrkrankenhaus, Nasszelle auf einem Wagen beim Bau 1979
(Bild: Heinle, Wischer und Partner)

Titelmotiv: Bundeswehrkrankenhaus von Westen aus gesehen (Bild: Peter Liptau)

Quellen (Auswahl)

Vom Unikat zum Stadtbaustein – Gedanken zur Entwicklung des Krankenhauses, hg. von Heinle, Wischer und Partner, Stuttgart u. a. 2008.

Teuffel, Gert A. (Bearb.), Bundeswehrkrankenhaus Ulm, hg. von Heinle, Wischer und Partner, Stuttgart 1981.

Archiv des Bundeswehrkrankenhauses, Ulm.

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