Insel mit Zapfsäule

von Till Schauen (19/1)

Fluchtpunkt und Ausgangspunkt für Fluchten, Treffpunkt und Transit-Stützpunkt, Supermarkt oder Ort der Erlösung aus der Not. Das leuchtende Logo in der Nacht verspricht ein baldiges Ende für allerlei Qual: „Hurra, wir bleiben doch nicht liegen!“ – „Die Party ist gerettet!“ – „Mama, ich muss soo nötig!“ Wer Auto fährt, begegnet Tankstellen. Insofern kommt so gut wie jede Person im westlichen, automobil geprägten Kulturkreis mit ihnen in Berührung. Sie sind die zentrale Immobilie zur Mobilie.

Zwischenstopp für Drei

Die Grundzüge ihrer Gestaltung sind seit der Frühzeit unverändert: Insel mit Zapfsäule, verglastes Häuschen, Wetterschutz. Ach ja: großes Logo. Es stimmt, dieses Ensemble hat über die Jahrzehnte und in allen Regionen Varianten entwickelt – im wesentlichen aber ist es seit den 1920er Jahren gültig, genau wie das Automobil, das seine Grundform etwas früher fand. Wie passend.

Wie das Auto entwickelte die Tankstelle einen ganzen Katalog an Nebenfunktionen, manche nur mittelbar mit dem eigentlichen Zweck verbunden. Nicht zuletzt deswegen ist die Tankstelle ein Kino-Topos geworden, zu finden, wenn es um projiziertes Fortwollen geht. Das zeigt sich bereits an einem ihrer frühesten Kino-Auftritte: „Die Drei von der Tankstelle“ von 1930. Drei adrette Burschen betreiben die ebenso adrette „Kuckuck“-Station und lassen sich das Leben nicht verdrießen, obwohl es böse war zu ihnen. Und natürlich ist die Tankstelle nur Zwischenstopp, auch für die Drei.

Weg hier! Die zehrende Sehnsucht nach dem Besseren, Sinnvolleren, Glamouröseren bildet den ideellen Gegenpol zum nicht minder brennenden „Schnell hin!“ drängender Bedürfnisse, wie eingangs angerissen. Beide Pole sind von großer Kraft, zwischen ihnen schwebt die Tankstelle als ewiger Nicht-Ort: reinfahren, vollgurgeln, zahlen, weiter.

Von gestaltungsfrei bis kunstvoll

Tankstellen kann man gestaltungsfrei anlegen, auch ein zehnjähriges Kind kann mit Lego eine funktionale Zapfstation bauen. Umso interessanter ist es, solch eine Anlage zu gestalten. Die fiktive „Kuckuck“-Tankstelle ist Bauhaus-inspiriert in ihrer Klarheit, das Wetterdach bleibt aus filmtechnischen Gründen klein, aber mit ihren großen Fensterflächen und der geschickten Aufteilung würde sie noch heute verdienten Zuspruch bekommen – selbst wenn die üppigen Blumenkübel wahrscheinlich der Funktionslogik zum Opfer fielen. Tatsächlich brachte die erste Blüte der Tankstelle nach Weimarer Art ähnliches hervor, wenngleich nicht viele Exemplare überlebt haben. Die Shell-Tankstelle in Kamenz (um 1930) ist eins der raren Beispiele neben den Service-Einheiten früher Parkhäuser, etwa den 1929/30 errichteten Kant-Garagen in Berlin.

Häufiger erhalten sind Tankstellen nach Gusto Drittes Reich, die die Niedlichkeit und Ornamentik völkischer Formvorstellungen mit dem aufkommenden Massen-Individualverkehr kombinierten. Besonders Autobahntankstellen jener Zeit wirken deshalb monströs: Man beachte die Raststätten Rhynern an der A 2, Reinhardshain an der A 5 und besonders das Rasthaus am Chiemsee. Trutzigkeit funktioniert allerdings nur bedingt, wenn man Kundschaft anziehen möchte. Im Sinne eines Zeitgefühls, das Sehnsüchte nach einem besseren Dasein kristallisiert, passen sie aber durchaus, Faust-aufs-Auge-mäßig.

Die reine Funktion

Interessanterweise entstanden parallel, anno 1942, gleich drei Tankstellen-Baumuster in funktional-klarem Stil, die genau deswegen zwar nicht den Segen des Regimes erhielten, aber trotzdem gebaut wurden. Ein Exemplar ist erhalten, direkt an der A 12, Abfahrt Fürstenwalde-West. Dieser Bau schlägt die Brücke zwischen Weimar und der spannungsvollen Moderne der 1950er Jahre mit vielerlei eleganten Formen, durchaus frei von dem Biederbarock, den man der Adenauerzeit gern nachsagt. Manches ging sogar in Serienfertigung wie der Caltex-Typ 3, eine Stahlkonstruktion mit kraftvollem Gegensatz aus geschwungenem Dach und kantigem Kassenhaus. Aus dieser Epoche sind viele Anlagen erhalten, wenngleich die wenigsten in ihrer Urfunktion – klassische Nachnutzer sind Werkstätten, Fähnchenhändler (ihrerseits inzwischen am Aussterben) oder Kleingewerbe-Experimente vom Schlage „Moni’s Lädchen“.

Tja, und die Umweltschutz-Gesetzgebung. Viele Winz-Tanken sind an neuen Rechtsbestimmungen eingegangen. Angesichts ihrer Reste dürfen wir heute romantisch verklärt seufzen und uns vorstellen, wie nett sich hier wohl rast-tanken ließe. Auf vergiftetem Boden versteht sich, was wir als Reisende nicht merken würden. Wohl aber die Nachbarschaft – und schon haben wir noch ein Spannungsfeld, diesmal ein nostalgisch-dialektisches: die Erleichterung übers Verschwinden des Zurückgewünschten.

„Tanken als Erlebnis“

Im Unterschied zum (ähnlich strukturierten) Tante-Emma-Laden ist die Kleintanke wirklich perdu. Tatsächlich haben ausgedehnte Tankanlagen vielerorts Tante Emmas Rolle übernommen für kleinteiligen Alltagsbedarf, wenn der Weg zum Aldi am Stadtrand sich nicht lohnt oder sonst nix mehr offen hat. Das ist freilich erst ein Nachwende-Phänomen, wenngleich die ersten Experimente mit „Tanken als Erlebnis“ schon in den 1970er Jahren begannen. Das war damals aus der Not geboren, denn mit dem Ölpreisschock 1973 und der aufkommenden Umweltschutzbewegung wandelte sich das Image des Benzins. Nach gut 50 Jahren einer seligen Existenz als Gewährsmittel für freies Fortkommen war es plötzlich teuer, gefährlich und schmutzig obendrein.

Angeschoben von Ölscheichs und Müsli-Freaks begann die westeuropäische Tankstelle ab den 1980ern einen fundamentalen Wandel zum Lifestyleangebot („Stylisher Thermobecher zum Wiederverwenden. Erstfüllung gratis!“) mit Croissant („Laugen oder Butter?“), Zeitschriftenwand und ntv im Dauerbetrieb. Dieser Wandel ist nicht vollendet, inzwischen aber von einem anderen Moment getrieben, denn das Ende des Treibstoff-Konsums ist absehbar. Kurioserweise wird dieses Ende für viele Tankstellen wahrscheinlich nicht das Aus bedeuten.

Eine Frage des Überlebens

Ganz nebenbei nämlich gewann die Tankstelle eine ungeplante Zusatz-Funktion: als Versammlungsort für Cliquen. Früher waren dies vor allem junge Leute: Die schnelle Jugend der 1980er und 1990er schätzte ihre Fahrzeuge nicht zuletzt als Symbol eines „Ich-kann-jederzeit-nach-Hollywood-reiten“, ohne jemals dorthin aufzubrechen. Die örtliche Tanke war ein natürlicher Anlaufpunkt, sie bot genug Platz für freitägliche Mini-Motorshows und hatte Getränke, Tabak und Ähnliches greifbar. Außerdem kamen ständig andere Autofahrer vorbei, denen man finstere Blicke zuwerfen konnte. In dieser Hinsicht erwarb die Tankstelle zum ersten Mal eine Eigenschaft, die sie aus dem Nicht-Ort-Nirwana in die Welt zurück holte: Für solche Cliquen ist sie das Zentrum des eigenen Territoriums.

Daran anknüpfend, entwickeln Tankstellen inzwischen gezielt das Konzept des Szene-Treffpunkts, weshalb Straßenarbeiter aller Couleur sie inzwischen als Begegnungsort akzeptieren: Kurierfahrer, Paketboten, Asphaltierer, Taxler. Und gut so! Benzin und Diesel werden in naher Zukunft Nebenangebote werden, die überdachten Freiflächen womöglich bestuhlt zum Besuch einladen, oder zum Boulespiel, Skaten, Nachbarschafts-Hökern. Die Tankstelle als architektonisches Genre könnte überleben, wenn ihr die Wandlung zum Stadtteil-Zentrum gelingt. Mit dem ursprünglichen Spannungsmoment einer solchen Einrichtung wird das dann wenig zu tun haben.

Titelmotiv: Dorsten, ehemalige Tankstelle, heute Schnellimbis (Bild: Sebastian Louven, CC BY SA 3.0, 2012)

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Winter 19: Station machen

Insel mit Zapfsäule

Insel mit Zapfsäule

LEITARTIKEL: Till Schauen über neue Treffpunkte.

Das Caltex-System

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FACHBEITRAG: Ulrich Biene unter frei schwingenden Dächern.

Die Shell-ODK und -ODZ

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FACHBEITRAG: Peter Huber über moderne Tankstellen-Typen.

Die Minol-Story

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FACHBEITRAG: Daniel Bartetzko über eine ostdeutsche Kultmarke.

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"Dem Abriss geweiht"

„Dem Abriss geweiht“

INTERVIEW: Joachim Gies und sein Foto-Projekt „Abgetankt“.

Best of #schönetankstelle

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FOTOSTRECKE: Unsere LeserInnen haben zur Kamera gegriffen.

Das Caltex-System

von Ulrich Biene (19/1)

Der Marshallplan ging auf – die westdeutsche Wirtschaft beginnt in den 1950er Jahren dynamisch zu wachsen. Für drei internationale Konzerne Grund genug, den bundesdeutschen Markt scharf in den Blick zu nehmen. Während der Benzol-Verband B. V. Aral, die Gasolin AG, aber auch Shell und Esso bereits seit der Währungsreform zugelegt haben, engagieren sich nun auch die „Compagnie Financiere Belge des Pétroles“ aus Brüssel über ihre deutsche Tochter Purfina und die französische „Compagnie Française des Pétroles“ über die Deutsche Total-Treibstoff-Gesellschaft mbH. Und dann kommt 1956 noch William F. Bramstedt und bläst zum Angriff. Der deutschstämmige Bramstedt – seit 1950 Präsident der California Texas Oil Company (Caltex) – will das Feld nicht anderen überlassen.

Keine Tankstelle ohne Konzept

Das Mineralölgeschäft boomt weltweit: Der deutsche Markt verspricht reichlich Wachstum und kristallklar kalkulierbaren Profit. Rund 22.000 Tankstellen – viele davon neu gebaut und wie aus dem Ei gepellt – stehen zu diesem Zeitpunkt bereits in den Städten, aber auch an Landes- und Bundestraßen. Tatsächlich traut man Caltex den amerikanischen Markt-Macher-Mut zu. 4.000 weitere Stationen hält man für möglich. Die Maßlosigkeit der Automobilität scheint seinerzeit schier grenzenlos.

Doch keine Tankstelle ohne Konzept: Der freie Architekt Willy H. Weisensee ist es, der 1956 das Caltex-Projekt in seine Hände nimmt. Anfangs geht es um bescheidene 100 typengleiche Bauten, die der neuen US-Marke einen eigenständigen Auftritt an deutschen Straßen vermitteln sollen. Anders als bei Esso oder Gasolin plante Weisensee weitgehend ohne feste Rahmenbedingungen. Die Shell-Bautypen hingegen erstrahlten zumeist im gelbroten Corporate-Design. Und bei Esso wurden mit dem Neustart nach der Währungsreform 1948 gleich Vorgaben aus den USA berücksichtigt.

Wiedererkennungseffekt

Inzwischen hat Caltex in Hannover 1956 seine Deutschland-Zentrale begründet. Bei der Individualisierung des Gebäudekonzepts kann Weisensee einen unbelasteten Vorschlag unterbreiten: Vor allem das freikragende Dach, das es in dieser Ausprägung nirgendwo anders zu sehen gibt, unterscheidet sich klar von bekannten Marken à la Aral, Esso, Shell, Rheinpreußen oder Gasolin. Weisensee macht sich ein Prinzip zu eigen, das bereits bei Schlichtbauten wie Wellblech-Firmengaragen umgesetzt wird. Im Massivbau findet es hingegen nur selten Anwendung, weil es sich als kostspielig erweist.

Dafür gelingt Caltex mit dem wachsenden Stationsnetz wirkliche Individualisierung: Das Betondach legt sich wie ein schützendes Tuch über Tankwarthäuschen und Tankinsel. Die dominanten Flanken tragen die Konstruktion und werden zum Hingucker. Dieser Wiedererkennungseffekt ist für Caltex unerlässlich, weil man erst noch Vertrauen aufbauen muss. Caltex startet seinerzeit bei null und muss sich gegen die großen Marken Esso, Shell und Aral durchsetzen, die bereits vor dem Krieg den Tankstellenmarkt beherrschten.

Die Farbe macht den Unterschied

Der modulare Caltex-Bautyp sieht eine immer gleiche Tankstelle vor, die rechts- oder linksseitig durch eine Wagenpflegehalle ergänzt werden kann. Die optische Kraft entwickelt sich freilich am ehesten, wenn das Ensemble von Dach, Tankwarthäuschen und Tankinsel ganz ohne Anbauten einen Hauch von architektonischer Ungewöhnlichkeit versprüht. Noch während der Bauphase der ersten Standorte erfährt das Konzept eine markengerechte Normierung. Es entstehen Standardpläne, dazu Empfehlungen für die Ausrüstung von Tanksäulen, Ölschrank und Beleuchtung, aber auch für die farbliche Ausgestaltung.

Die deutsche Caltex-Zentrale befindet sich dabei in einer leicht misslichen Situation: Nahezu alle Farben sind bereits verteilt! So zeigen die ersten Tankfahrzeuge ein helles Rot mit weißem Caltex-Schriftzug und geraten schnell in Verwechslungsgefahr: Der Gasolin-Fuhrpark kontrastiert das Rot zumindest noch durch weiße Lackflächen. Esso unterscheidet sich allenfalls durch den dunkleren Rotton. So fällt die Entscheidung bei den Caltex-Tankstellen schließlich zu Gunsten einer weiß-grünen Gestaltung. Der umlaufende Sockel – vielerorts farblich entsprechend gefliest – sowie die Fenster und Tore erscheinen grün lackiert. An der Gebäudeoberseite verlaufen drei schmale, grüne Streifen, die zwischendurch von einem Stern akzentuiert werden. Der Markenaufsteller steht dann auf einer massiven Betonstele unmittelbar am Straßenrand, zumeist in der Grundstücksmitte. Hier gibt Caltex das Marken-Statement ab: Roter Stern im schwarzen Rund, inmitten der dominante Schriftzug.  

Der Urtyp steht in Gevelsberg

In Gevelsberg entsteht Ende der 1950er Jahre an der Hasslinghauser Straße ein mustergültiger Tankstellentyp ganz nach dem Geschmack der Hannoveraner Zentrale. Zwei Zapfsäulen nehmen auf der Tankinsel rechts und links das verschlossene Ölkabinett in die Mitte – das Servicetrio kann von beiden Seiten angefahren werden. Passend dazu verlaufen unter dem Dach zwei Neon-Bänder und sorgen für ausreichende Helligkeit. Anfangs zählt auch eine rechtsseitig angebaute Halle für die Wagenpflege dazu. Bis heute entfaltet das einwandfrei restaurierte Objekt noch seine ganze zeitgenössische Aura.

Zwar können Autofahrer bis in die späten 1960er Jahre über 800 Caltex-Standorten nutzen. Doch bereits zu Jahrzehntbeginn entstehen immer mehr konventionelle Stationen, die sich vom definierten Tankstellentyp entfernen und trotzdem Caltex im Schilde führen. Denn der deutsche Mineralölmarkt gerät während der weiterhin boomenden Wirtschaftswunderjahre deutlich unter Druck – ein Überangebot lässt den Benzinpreis bröckeln. Hinzu kommen erste „freie“ Stationen, die von den Überkapazitäten der Raffinerien profitieren können, und damit zusätzlich Dampf im Kostenkessel machen. Eine erste Konsolidierungswelle kostet erst die Nitag, dann auch Rheinpreußen die Markenexistenz.

Vom Ende einer Marke

Und schließlich kommt 1969 das Ende der Marke Caltex in Deutschland. Nach und nach verschwindet der Stern und muss dem blau-weiß-roten Sergeanten-Ärmelabzeichen weichen. Fortan prangt die Marke Chevron über 850 deutschen Stationen. Hintergrund war ein Konzerndeal zwischen den beiden nordamerikanischen Caltex-Eigentümern: Texaco ließ sich auszahlen, Standard Oil übernahm das Geschäft in Alleinregie. In Deutschland hatte Texaco längst Platz gegriffen, obwohl die beiden Mineralölgiganten seit den 1930er Jahren auf Auslandsmärkten alles gemeinsam gestalten wollten. Die Deutsche Erdöl AG (DEA) und Rheinpreußen waren bereits unters Texaco-Dach gewandert. Chevron ging eigene Wege. Ein gutes Dutzend ehemaliger Caltex-Stationen blieb bis heute erhalten – die meisten überlebten durch eine werkstatt- oder zumindest automobilnahe Nutzung.

Literatur und Quellen

Schütze, Karl-Robert Schütze, Mannheimer Geschichtsblätter 30, 2015, S. 10-20.

Der Spiegel 25, 1956 , S. 22 .

Der Spiegel 17, 1969, S. 54 f.

Titelmotiv: Hannover, ehemalige Caltex-Tankstelle (Bild: PD)

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Winter 19: Station machen

Insel mit Zapfsäule

Insel mit Zapfsäule

LEITARTIKEL: Till Schauen über neue Treffpunkte.

Das Caltex-System

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FACHBEITRAG: Ulrich Biene unter frei schwingenden Dächern.

Die Shell-ODK und -ODZ

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FACHBEITRAG: Peter Huber über moderne Tankstellen-Typen.

Die Minol-Story

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FACHBEITRAG: Daniel Bartetzko über eine ostdeutsche Kultmarke.

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"Dem Abriss geweiht"

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INTERVIEW: Joachim Gies und sein Foto-Projekt „Abgetankt“.

Best of #schönetankstelle

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Die Shell-ODK und -ODZ

von Peter Huber (19/1)

Die Schwarzwälder Firma Faller legt aktuell in ihrer Klassik-Serie das Modell B-217 neu auf: eine Shell-Tankstation Typ ODZ 1, die erstmals 1958 erschien. Damit kam der Bausatz nur fünf Jahre nach seinem großen Vorbild, der Shell-Typentankstelle, auf den Markt. Die Wiederauflage dieses seit rund 20 Jahren nicht mehr produzierten Faller-Modells ist wohl seinem 60-jährigen Jubiläum geschuldet, zeigt aber auch die neue Wertschätzung von Systemtankstellen der Nachkriegszeit.

Die Muschel als Marke

Das westdeutsche Wirtschaftswunder und die damit einhergehende Massenmobilität erforderten eine flächendeckende Treibstoffversorgung. Als die Alliierten den Treibstoffverkauf 1951 freigaben, konnten die erstarkenden Mineralölkonzerne ein engmaschiges Netz von Kleintankstellen aufbauen. Dafür entwickelten sie standardisierte Typen-Bauten, die einfach zu errichten und problemlos zu erweitern waren. Bei dieser Bauweise wurden Einzelmodule frei miteinander kombiniert.

Die Standorte der neuen Tankstellen wurden häufig per öffentlichem Beschluss an Ortsrändern oder Ausfallstraßen festgelegt. In diesen Bereichen kam es daher schnell zu einer Ansammlung von Stationen verschiedenster Mineralölanbieter. Um sich von den Mitbewerbern abzusetzen, entwickelten die einzelnen Konzerne ein auffälliges Corporate Design. Sie entwarfen weithin sichtbare Logos mit prägnanten Schriftzügen, Unternehmensfarben und Firmensymbolen. Seit dem späten 19. Jahrhundert nutzte Shell die Kammmuschel als Markenzeichen. Das gelb-rote Logo wurde seit  den 1930er Jahren verwendet, später weiter angepasst und bis heute beibehalten. 1958 zeigte Shell eine gelbe Muschel mit rotem Firmenschriftzug – als weithin sichtbare Leuchtreklame auf dem Dach des Kassenhauses.

„Vollkommene Bauformen“

Die Deutsche Shell-Aktiengesellschaft präsentierte im Mai 1953 ihre Tankstellen-Entwürfe in einer Broschüre. Im Vorwort betonte der Konzern seinen hohen architektonischen Anspruch. Man wollte „vollkommene Bauformen“ erschaffen, „die sich harmonisch in das Bild unserer Städte und Landschaften einordnen“. Shell entwarf in dieser Zeit zwei Kiosk-Typen und eine Produktlinie für Tankstationen. Die Kiosk-Typen waren für Standorte gedacht, an denen Werkstatt und Pflegehalle in bestehende Gebäude intergiert werden sollten und der Kiosk mit Tankinsel frei platziert werden konnte. Die größeren Stationen der Typen ODK und ODZ waren eigenständige Tankstellen mit Tankinsel, Verkaufsraum und daran ansetzbaren Pflegehallen. Als mittelgroße Station mit Verkaufsraum und Pflegehalle sollte die ODZ vollständig in einem Zug fertiggestellt werden. Die ODK hingegen wollte man sukzessive nach einem vorgegebenen Baukastensystem weiterentwickeln und in verschiedenen Varianten sowie Größen ausbauen.

Die Shell-ODK

Die Grundausstattung einer ODK-Station enthielt nur alle unbedingt erforderlichen Räume. Im vorderen Bereich befand sich der umseitig verglaste Verkaufs- und Kundenraum. Der Bau wurde auf einem trapezförmigen, nach vorne schmäler werdenden Grundriss errichtet und besaß abgerundete Ecken. An den Verkaufsraum wurde nach hinten ein massiver Anbau angesetzt, der einen Magazin- und Lagerbereich sowie eine von außen zugängliche WC-Anlage enthielt. Die Heizung und der Kompressor konnten entweder im Magazinraum oder aber auch in einem optionalen Keller unter dem Anbau untergebracht werden.

Die Varianten ODK I und II

Die ODK-Grundform konnte durch eine Pflegehalle mit Wagenhebestand, Geräteschrank und Personalumkleiden zum Typ ODK I erweitert werden. In folgenden Ausbauschritten ließ sich die Tankstelle zur ODK II in verschiedenen Varianten fertig ausbauen. Dabei wurde eine zweite Pflegehalle ergänzt und in die bestehende Pflegehalle ein Ölraum, ein Akku-Laderaum sowie ein Personal-WC einbezogen. Der Magazinbau erhielt zusätzlich einen Kundenwaschraum sowie eine Lagererweiterung. Nachdem die Erweiterungsbauten ausschließlich am rückwärtigen Magazinbau angesetzt wurden, blieb der dreiseitig verglaste Verkaufsraum bei allen Varianten immer freistehend.

Bei den Tankstellentwürfen der frühen 1950er Jahre wollten die Konzerne aus Kostengründen auf eine Überdachung der Tankinsel verzichten, so auch auf den Shell-Schaubildern. Aufgrund des nachdrücklichen Einspruchs von Tankwarten und Kunden widmeten sich die Ölfirmen aber fortan mit größter Sorgfalt der Gestaltung der Schutzdächer. Viele Tankstellen erhielten nachträglich Schutzdächer, häufig freistehende Schwingendächer.

Vom Vorbild der Faller „ODZ 1“

Die Pflegehallen aller Shell-Tankstellentypen wurden innen und außen mit leicht zu reinigenden Fliesen verkleidet, weil die Konzerne hier die Sauberkeit und Sterilität von Laborgebäuden anstrebten. Auch auf den Schaubildern von 1953 sind Magazinanbau und Pflegehalle mit Außenfliesen ausgestattet. Die Glasfassaden der Kundenräume wurden 1953 als senkrecht stehende Scheiben mit abgerundeten Eckscheiben dargestellt. Wohl ab 1958 etablierte man ein neues Fassadensystem mit einer sich nach oben aufweitenden Verglasung. Anstelle der rundbogigen Eckgläser wurden fortan die polygonalen Ecken mit stumpf gestoßenen, trapezförmigen Glasscheiben geschlossen.

Das Faller-Modell trägt den Namen „Tankstelle Shell ODZ 1“. Dieser Typ einer mittleren Station besitzt in etwa den Ausbaustand einer ODK I. Laut dem Plan, der dem Bausatz beigelegt ist, wird die Tankstelle von der Straße durch einen Grünstreifen abgesetzt. Auf dem dadurch entstehenden Vorplatz befindet sich eine beidseitig anfahrbare Tankinsel. Es folgt die Tankstelle mit einem zur Insel orientierten, verglasten Kundenraum, einem daran anschließenden Massivbau mit Toiletten und Dienstraum sowie einer Pflegehalle mit Waschraum. Damit entspricht das Modell im Wesentlichen dem Schaubild der ODK I der Shell-Broschüre von 1953: Magazinanbau und die Pflegehalle erhielten geflieste Außenwände. Beim Verkaufsraum wurde eine senkrecht stehende Glasfassade mit abgerundeten Ecken verwendet. Allerdings hat die Glasfassade an ihrer Frontseite nur drei und nicht, wie von Shell geplant, vier Fensterachsen. Auch der Grundriss des Verkaufsraums entspricht nicht dem Vorschlag von Shell: Während sich der trapezförmige Grundriss bei Shell nach vorne hin verjüngt, weitet er sich im Faller-Modell auf.

Das Ende der Kleintankstelle?

Mit den Ölkrisen zwischen 1969 und 1979 brach der Automobilabsatz ein, und der Treibstoffpreis erreichte ein spürbar höheres Niveau. Um konkurrenzfähig zu bleiben, setzten die Konzerne auf weniger Großtankstellen mit deutlich mehr Zapfanlagen, Selbstbedienung und großen Verkaufsläden. Zudem machten höhere Umweltauflagen die kleineren Stationen immer unrentabler. Viele der nachkriegszeitlichen Typentankstellen sind dadurch von Leerstand, Abbruch und Umnutzung bedroht. In der Bevölkerung nimmt jedoch die Wertschätzung für die Nachkriegsmoderne stetig zu. Besonders die eleganten Kleintankstellen mit ihren expressiven Flugdächern und ihrem modernen Erscheinungsbild werden als ästhetisch empfunden, wie u. a. die Neuauflage des Faller-Modells B-217 zeigt. Die Tankstationen der Nachkriegszeit werden inzwischen auch verkehrs- und sozialgeschichtlich erforscht, die Systemtankstellen immer öfter zum Gegenstand der Denkmalpflege. In Baden-Württemberg erfolgte bisher zwar noch keine flächendeckende Erfassung dieser Baugattung, aber inzwischen stehen neun Typen-Tankstellen unter Denkmalschutz. Die instandgesetzte Esso-System-Tankstelle 50-1 in Tettnang wurde 2016 mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet und kann Vorbild für weitere Sanierungen sein.

Literatur und Quellen

Kleinmanns, Joachim, Super, voll! Kleine Kulturgeschichte der Tankstelle, Marburg 2002.

Kleinmanns, Joachim, Bauen im Umfeld des Autos. Ein Jahrhundert Tankstellen, in: Jahrbuch für Hausforschung 46, 1999, S. 315-340.

Rossner, Christiane, Eine kleine Kulturgeschichte der Tankstelle, in: Monumente 2018.

Shell Stationen. Schaubilder und Grundrisse, hg. von der Shell AG, Hamburg 1953.

Vahlefeld, Rolf/Jacques, Friedrich, Garagen- und Tankstellenbauten, München 1953.

Titelmotiv: Faller-Modell B-217 „Tankstelle“ (Bild: Faller)

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Winter 19: Station machen

Insel mit Zapfsäule

Insel mit Zapfsäule

LEITARTIKEL: Till Schauen über neue Treffpunkte.

Das Caltex-System

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FACHBEITRAG: Ulrich Biene unter frei schwingenden Dächern.

Die Shell-ODK und -ODZ

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FACHBEITRAG: Peter Huber über moderne Tankstellen-Typen.

Die Minol-Story

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FACHBEITRAG: Daniel Bartetzko über eine ostdeutsche Kultmarke.

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"Dem Abriss geweiht"

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