Hannover, Caltex-Tankstelle (Bild: PD)

Das Caltex-System

von Ulrich Biene (19/1)

Der Marshallplan ging auf – die westdeutsche Wirtschaft beginnt in den 1950er Jahren dynamisch zu wachsen. Für drei internationale Konzerne Grund genug, den bundesdeutschen Markt scharf in den Blick zu nehmen. Während der Benzol-Verband B. V. Aral, die Gasolin AG, aber auch Shell und Esso bereits seit der Währungsreform zugelegt haben, engagieren sich nun auch die „Compagnie Financiere Belge des Pétroles“ aus Brüssel über ihre deutsche Tochter Purfina und die französische „Compagnie Française des Pétroles“ über die Deutsche Total-Treibstoff-Gesellschaft mbH. Und dann kommt 1956 noch William F. Bramstedt und bläst zum Angriff. Der deutschstämmige Bramstedt – seit 1950 Präsident der California Texas Oil Company (Caltex) – will das Feld nicht anderen überlassen.

 

Keine Tankstelle ohne Konzept

Das Mineralölgeschäft boomt weltweit: Der deutsche Markt verspricht reichlich Wachstum und kristallklar kalkulierbaren Profit. Rund 22.000 Tankstellen – viele davon neu gebaut und wie aus dem Ei gepellt – stehen zu diesem Zeitpunkt bereits in den Städten, aber auch an Landes- und Bundestraßen. Tatsächlich traut man Caltex den amerikanischen Markt-Macher-Mut zu. 4.000 weitere Stationen hält man für möglich. Die Maßlosigkeit der Automobilität scheint seinerzeit schier grenzenlos.

Doch keine Tankstelle ohne Konzept: Der freie Architekt Willy H. Weisensee ist es, der 1956 das Caltex-Projekt in seine Hände nimmt. Anfangs geht es um bescheidene 100 typengleiche Bauten, die der neuen US-Marke einen eigenständigen Auftritt an deutschen Straßen vermitteln sollen. Anders als bei Esso oder Gasolin plante Weisensee weitgehend ohne feste Rahmenbedingungen. Die Shell-Bautypen hingegen erstrahlten zumeist im gelbroten Corporate-Design. Und bei Esso wurden mit dem Neustart nach der Währungsreform 1948 gleich Vorgaben aus den USA berücksichtigt.

 

Wiedererkennungseffekt

Inzwischen hat Caltex in Hannover 1956 seine Deutschland-Zentrale begründet. Bei der Individualisierung des Gebäudekonzepts kann Weisensee einen unbelasteten Vorschlag unterbreiten: Vor allem das freikragende Dach, das es in dieser Ausprägung nirgendwo anders zu sehen gibt, unterscheidet sich klar von bekannten Marken à la Aral, Esso, Shell, Rheinpreußen oder Gasolin. Weisensee macht sich ein Prinzip zu eigen, das bereits bei Schlichtbauten wie Wellblech-Firmengaragen umgesetzt wird. Im Massivbau findet es hingegen nur selten Anwendung, weil es sich als kostspielig erweist.

Dafür gelingt Caltex mit dem wachsenden Stationsnetz wirkliche Individualisierung: Das Betondach legt sich wie ein schützendes Tuch über Tankwarthäuschen und Tankinsel. Die dominanten Flanken tragen die Konstruktion und werden zum Hingucker. Dieser Wiedererkennungseffekt ist für Caltex unerlässlich, weil man erst noch Vertrauen aufbauen muss. Caltex startet seinerzeit bei null und muss sich gegen die großen Marken Esso, Shell und Aral durchsetzen, die bereits vor dem Krieg den Tankstellenmarkt beherrschten.

 

Die Farbe macht den Unterschied

Der modulare Caltex-Bautyp sieht eine immer gleiche Tankstelle vor, die rechts- oder linksseitig durch eine Wagenpflegehalle ergänzt werden kann. Die optische Kraft entwickelt sich freilich am ehesten, wenn das Ensemble von Dach, Tankwarthäuschen und Tankinsel ganz ohne Anbauten einen Hauch von architektonischer Ungewöhnlichkeit versprüht. Noch während der Bauphase der ersten Standorte erfährt das Konzept eine markengerechte Normierung. Es entstehen Standardpläne, dazu Empfehlungen für die Ausrüstung von Tanksäulen, Ölschrank und Beleuchtung, aber auch für die farbliche Ausgestaltung.

Die deutsche Caltex-Zentrale befindet sich dabei in einer leicht misslichen Situation: Nahezu alle Farben sind bereits verteilt! So zeigen die ersten Tankfahrzeuge ein helles Rot mit weißem Caltex-Schriftzug und geraten schnell in Verwechslungsgefahr: Der Gasolin-Fuhrpark kontrastiert das Rot zumindest noch durch weiße Lackflächen. Esso unterscheidet sich allenfalls durch den dunkleren Rotton. So fällt die Entscheidung bei den Caltex-Tankstellen schließlich zu Gunsten einer weiß-grünen Gestaltung. Der umlaufende Sockel – vielerorts farblich entsprechend gefliest – sowie die Fenster und Tore erscheinen grün lackiert. An der Gebäudeoberseite verlaufen drei schmale, grüne Streifen, die zwischendurch von einem Stern akzentuiert werden. Der Markenaufsteller steht dann auf einer massiven Betonstele unmittelbar am Straßenrand, zumeist in der Grundstücksmitte. Hier gibt Caltex das Marken-Statement ab: Roter Stern im schwarzen Rund, inmitten der dominante Schriftzug.  

 

Der Urtyp steht in Gevelsberg

In Gevelsberg entsteht Ende der 1950er Jahre an der Hasslinghauser Straße ein mustergültiger Tankstellentyp ganz nach dem Geschmack der Hannoveraner Zentrale. Zwei Zapfsäulen nehmen auf der Tankinsel rechts und links das verschlossene Ölkabinett in die Mitte – das Servicetrio kann von beiden Seiten angefahren werden. Passend dazu verlaufen unter dem Dach zwei Neon-Bänder und sorgen für ausreichende Helligkeit. Anfangs zählt auch eine rechtsseitig angebaute Halle für die Wagenpflege dazu. Bis heute entfaltet das einwandfrei restaurierte Objekt noch seine ganze zeitgenössische Aura.

Zwar können Autofahrer bis in die späten 1960er Jahre über 800 Caltex-Standorten nutzen. Doch bereits zu Jahrzehntbeginn entstehen immer mehr konventionelle Stationen, die sich vom definierten Tankstellentyp entfernen und trotzdem Caltex im Schilde führen. Denn der deutsche Mineralölmarkt gerät während der weiterhin boomenden Wirtschaftswunderjahre deutlich unter Druck – ein Überangebot lässt den Benzinpreis bröckeln. Hinzu kommen erste „freie“ Stationen, die von den Überkapazitäten der Raffinerien profitieren können, und damit zusätzlich Dampf im Kostenkessel machen. Eine erste Konsolidierungswelle kostet erst die Nitag, dann auch Rheinpreußen die Markenexistenz.

 

Vom Ende einer Marke

Und schließlich kommt 1969 das Ende der Marke Caltex in Deutschland. Nach und nach verschwindet der Stern und muss dem blau-weiß-roten Sergeanten-Ärmelabzeichen weichen. Fortan prangt die Marke Chevron über 850 deutschen Stationen. Hintergrund war ein Konzerndeal zwischen den beiden nordamerikanischen Caltex-Eigentümern: Texaco ließ sich auszahlen, Standard Oil übernahm das Geschäft in Alleinregie. In Deutschland hatte Texaco längst Platz gegriffen, obwohl die beiden Mineralölgiganten seit den 1930er Jahren auf Auslandsmärkten alles gemeinsam gestalten wollten. Die Deutsche Erdöl AG (DEA) und Rheinpreußen waren bereits unters Texaco-Dach gewandert. Chevron ging eigene Wege. Ein gutes Dutzend ehemaliger Caltex-Stationen blieb bis heute erhalten – die meisten überlebten durch eine werkstatt- oder zumindest automobilnahe Nutzung.

 

Literatur und Quellen

Schütze, Karl-Robert Schütze, Mannheimer Geschichtsblätter 30, 2015, S. 10-20.

Der Spiegel 25, 1956 , S. 22 .

Der Spiegel 17, 1969, S. 54 f.

Titelmotiv: Hannover, ehemalige Caltex-Tankstelle (Bild: PD)