Joachim Gies (Bild: privat)

„Dem Abriss geweiht“

Joachim Gies über sein Fotoprojekt „Abgetankt“ (19/1)

„Tankstellen-Fotograf“, so wird Joachim Gies immer wieder vorgestellt. Er freut sich darüber, denn diese ungewöhnliche Berufsbezeichnung trifft seine Leidenschaft ganz gut: Gies fotografiert seit einigen Jahren ehemalige Tankstellen. Sie unterliegen mehr als andere Bauten einem stetigen Wandel. Irgendwann stehen sie nicht mehr am richtigen Platz. Zu wenig Verkehr, zu wenig Kunden, zu alt in der Ausstattung. Aber auch wenn Preistafeln und Zapfsäulen längst verschwunden sind, bleibt ihre Architektur sichtbar – man muss nur genau hinsehen. Was Gies an diesem Stück Technik- und Kulturgeschichte so begeistert, erzählt er im Gespräch mit moderneREGIONAL.

moderneREGIONAL: Herr Gies, eigentlich war das Projekt „Abgetankt“ – die fotografische Suche nach aufgegeben Tankstellen – das Projekt für Ihre Bachelor-Arbeit. Warum hat Sie das Thema bis heute nicht losgelassen?

Joachim Gies: In meiner Studienzeit hatte ich einen zeitlich vorgegeben Rahmen in der die Arbeit abgegeben werden musste. Schon damals war mir klar, dass das Fotografieren von alten Tankstellen mit dem Ende des Studiums nicht besiegelt sein würde. Es war sozusagen nur der Startschuss. Es gibt noch jede Menge alter Tankstellen, die nur darauf warten von mir abgelichtet zu werden. Ich verstehe es als meine Aufgabe, diese Bauten in Ihrem jetzigen Zustand zu dokumentieren. Aktuell bin ich auf den Spuren alter Minol-Tankstellen im Osten Deutschlands unterwegs. Seit 2015 arbeite ich an diesem neuen Buchprojekt. Das Spannende dabei ist, dass die Gebäude und die „Umnutzungen“ sich sehr von den westlichen Tankstellen unterscheiden.

mR: Wie finden Sie Ihre Fotomotive?

JG: Ich bin immer auf Achse! (lacht). Diese Frage habe ich mir zu Beginn der Fotoserie „Abgetankt“ auch gestellt. Schließlich verlieren alte Tankstellen an Bedeutung. Nach einer Umnutzung als z. B. Restaurant, Laden oder Wohnung werden sie von vielen Menschen nicht mehr als „alte Tankstelle“ wahrgenommen. Ich bin tatsächlich sehr viel im Auto unterwegs und befrage die Menschen vor Ort.

mR: Die Nutzung als Autowerkstatt liegt ja fast auf der Hand.

JG: Diese Nutzung bietet sich bei vielen alten Gebäuden noch an. Meistens befindet sich neben dem Kassenhaus noch die alte Autowerkstatt. Wobei mich als Fotograf eher die ungewöhnliche, nicht alltägliche Nutzung reizt. Autowerkstätten bzw. Händler gehören natürlich unbedingt dazu, aber Wohnhäuser, Reisebüros oder ein Friseursalon zeigen auch, dass eine untypische Nutzung wunderbar funktioniert.

mR: Der Drive-In scheint auch sehr beliebt zu sein?

JG: Ja, die Idee ist toll! Die gute Verkehrsanbindung einer alten Tanke mit den Zu- und Abfahrten ist in den meisten Fällen noch gut erhalten. Eine Currywurst unter dem Tankstellendach beim Vorbeifahren, wie cool ist das denn. Obwohl ich tatsächlich doch aussteigen müsste, um die Architektur zu begutachten.

mR: Manche Tankstelle wird auch zu einem neuen Zuhause. Da gibt es eines Ihrer Fotos mit einem Graupapagei …

JG: Das ist eine meiner Lieblingstankstellen. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. Die Architektur ist ein Traum. Ein filigranes Dach stützt sich auf einer mit Efeu bewachsenen Säule. Das ehemalige Kassenhäuschen ist rundherum verglast. In dem Gebäude wohnt nun die Tankwartin, die viele Jahre die Kunden persönlich am Auto mit Benzin versorgt hat. Und als ob das alles noch nicht genug ist, bewohnt ein Graupapagei, mit dem Namen Werner, das Kassenhäuschen.

mR: Sind Ihnen viele Tankstellen begegnet, die keine Zukunft haben werden?

JG: Leider wird dieses Schicksal tatsächlich viele Tankstellen treffen. Gerade in Großstädten wird der Platz knapp. So habe ich es schon oft beobachten können. Vier Tankstellen aus dem Buch „Abgetankt“ sind bereits verschwunden. Ich denke, dass in der nahen Zukunft der Bautyp „Tankstelle“ keine Da­seins­be­rech­ti­gung mehr haben wird. Für das Tanken wird nur noch eine kleine Elektrosäule notwendig sein.

mR: Und zum guten Schluss: Wo steht Ihre absolute Lieblingstankstelle?

JG: Hier und da und dort! Viele interessante Gebäude und Nutzungen kann man letztlich nicht miteinander vergleichen. Daher habe ich einige Lieblinge – und es kommen immer neue dazu!

Das Gespräch führte Karin Berkemann (19/1).

Das Buch „Abgetankt“ kann online direkt beim Autor, dem Fotografen Joachim Gies erworben werden.

Joachim Gies, Jahrgang 1985, absolvierte sein Foto-Design-Studium er an der FH Dortmund. Zu seinem Bachelor-Abschluss 2014 erschien sein Bildband „Abgetankt“ mit 61 Bildern von Tankstellen im Ruhrgebiet, dem Rheinland, dem Bergischen Land und dem Sauerland. Neben seiner Arbeit als freier Fotograf mit zwei Arbeitsstandorten – Köln und Bremen – setzt Joachim Gies sein künstlerisches Tankstellen-Projekt nun bundesweit fort.